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Hersseldtl Kreisillüt.
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Nr. 73. Sonnabend den 20. Juni 1891.
Erstes Blatt.
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Die Expedition.
# Socialdemokratie und Militär.
Die Socialdemocraten sind grundsätzlich Gegner der stehenden Heere und die Abschaffung des Militärs in seiner gegenwärtigen Verfassung gehört zu ihren programmatischen Forderungen. Zwar gehen sie nicht so weit, die völlige Wehr- losigkeit einer Nation zu verlangen und die Nothwendigkeit der Abwehr feindlicher Ueberfälle im gegebenenFalle zu läugnen, aber sie meinen, daß dieser Zweck vollkommen durch eine Art Milizsystem erreicht werden könne, in dem der Berufs-
officier, überhaupt die Kriegswiffenschaft keinen Platz fände und die Wehrordnung mit kurzen Uebungen der waffenfähigen Leute im Wesentlichen erschöpft wäre. Wir verlieren natürlich kein Wort darüber, daß ein solches System praetisch ungefähr mit nationalem Selbstmord gleichbedeutend wäre; jeder Besonnene wird den Glauben an den Völkerfrieden, den die Abschaffung der stehenden Heere der Welt bringen werde, als eine haltlose Illusion erkennen. Nach socialdemocra- tischer Ansicht entstehen Kriege freilich lediglich aus dem Ehrgeiz und der Eroberungssucht einzelner Gewalthaber, weshalb man diesen Gewalthabern die Mittel zur Kriegführung durch Errichtung von Milizen an Stelle der stehenden Heere entziehen müsse. Ein weiterer Grund aber — der eigentlich bestimmende — für diese Feindschaft gegen die Armee liegt darin, daß ein starkes, fest gefügtes Heer die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung im Staate verbürgt. Nicht als ob die Socialdemocraten absichtlich die Unordnung erstrebten, aber Sie bestehende Ordnung ist ihnen zuwider, der heutige .Staat erscheint ihnen als Klassenstaat, der umgestürzt werden muß, was nicht anders als durch Untergrabung seiner Hauptstützen geschehen könnte.
Daher vor Allem das Bestreben, die active Dienstzeit im Heere als eine Zeit der größten Plage darzustellen und dem gemeinen Manne die Freude am Kriegsdienst nach Möglichkeit zu verleiden. Deshalb werden in der socialistischen Presse etwa vorkommende Fälle von schlechter Behandlung der Soldaten recht aufgebauscht und dem Leben in der Caserne alle guten Seiten ab- gesprochen. Bei unserem Landvolk ist damit kein Glück zu machen. Unsere Bauernsöhne dienen gern ihrem König bet der Fahne, die Alten gedenken voll Stolz der in Königs Rock verbrachten Zeit und freuen sich, wenn die strammen Jungen körperlich gewandter, geistig frischer, noch besser zur Zucht und Ordnung erzogen zur Pflugschaar
oder zum sonstigen Werkzeug ihres Berufs zurückkehren. In Bezug auf die Industriearbeiter könnte man schon eher Besorgnisse hegen wegen der fortgesetzten Einwirkung der socialdemocra- tischen Agitation. Aber auch hier schützen den Einzelnen aus der Masse die persönlichen Erfahrungen, die er beim Militär gemacht, das eben in Wirklichkeit trotz seiner durch die Disciplin gebotenen Härten ganz anders ist, als es die Agitatoren darstellen, und zwar in jeder Beziehung, so in Bezug auf Verpflegung, auf Characterbilduug, auf Freuden, die es dem pflichttreuen Soldaten in und außer dem Dienste gewährt.
Eine Bestätigung dafür, wie wenig das Gefühl der Masse der Arbeiter, auch der socialde- mocratisch wählenden, mit der grundsätzlichen Abneigung der Führer gegen stehende Heere und ihren tendenziösen Versuchen, das Militärleben herabzusetzeu, übereinstimmt, finden wir auch in den Beobachtungen, die der Caudidat Göhre während seines dreimonatlichen Aufenthalts in einer Chemnitzer Masch nc.ffabrik als Handarbeiter gemacht hat. Nach seinem Buche »Drei Monate Fabrikarbeiter" beobachtete erbet seinen durchweg zur Soctaldemocratie haltenden Kameraden eine überraschend freundlicheGesinnung für das deutsche Vaterland, den Kaiser und daS Heer. Jeder dachte gern an seine Dienstzeit zurück. Wenn das Gespräch darauf kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte mau mit Genugthuung von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf dem Exercierplatze und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher war auf sein Regiment besonders stolz und zeigte gern die Photographien, die er aus seiner Dienstzeit mitgebracht hatte. Der Verfasser erzählt eine gauze Reihe Beispiele dieser Art. Zwei Packer, alte derbe Gesellen, erklärten gelegentlich bet der Arbeit: Wir sind mit Leib und Seele Soldat und werden es bis an unseren Tod bleiben. Bet einem Streite über die Förde-
Aus hohem Pferde.
Roman von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
„Nein — nein gewiß nicht, Fritz" — fiel Armgard ein, als wäre sie in ihrem Innern erleichtert. »Sonst wäre gegen die Person gar nichts einzuweudeu — gegen ihre Respectabilität — wie gegen die der ganzen Familie. — Du weißt, Fritz, warum unser seliger Vater deu Vater Gebhard's enterbt hat. — WaS hat es geholfen, wenn der Sohn den Eltern nachschlägt! Gebhard ist nicht wie wir die letzten echten Windscheids. Er hat etwas von der Mesalliance der Eltern abgekriegt!"
Bet dem Worte »Mesalliance" tönte ein gellendes Lachen durch das Zimmer, Onkel Fritz wiederholte das Wort mit einer höhnischen Bewegung seiner rothblauen Lippen.
»Das sagt sie," sprach er spöttelnd — »und die Frau — unsere Frau Schwägerin war doch von so gutem Stiftsadel wie wir Beide."
»Ja wohl — das war sie — aber —"
»Weiß Wachtel, was Du sagen willst. In solchen Sachen bist Du mal gescheidt — sonst nicht. — Es giebt auch eine Mesalliance der Gedanken — der Neigungen willst Du sagen. Und das war diese Ehe unseres Bruders. Die Beiden paßten ganz gut zu einander. Warum nicht? Aber heirathet man denn einen Mann
j oder eine Frau? Unsinn!"
»Man heirathet eine Familie," setzte Armgard ein.
»Hast recht, Wachtel — Dein Verstand geht mit dem Monde — ab- und zunehmend. Wir gehören nicht zu den Neumodischen unter uns. Alle Menschen Brüder. So 'ae Sorte: das Hemd vom Leibe geben — Kranke pflegen — Du in den Krankenhäusern dreckige Handwerks- burschen waschen — ha — ha — ha! Aber sie hats gethan. Und sie hat den Bruder augesteckt. — So hat sie ihn am Bändel! MeuschheitS- beglücker. Die Frau hatte ihn auf diese Schliche gebracht — sie würde das ganze Hab und Gut der Windscheids verprezelt haben in Armenschulen — Krankenhäuser — Ausstattungen für Missionshäuser — und andern Unsinn — darum die Testamentsbestimmungen des Vaters. Uns kannte er besser, daß wir die H and an die Tasche halten würden — aber feste — mit unserem hanebüchenen Gemüth."
»Ja, uns kannte er besser, Fritz — Wir sind keine Schwärmer — Darum die Vorsicht, daß Gebhard erst in sein großväterliches Erbrecht eingesetzt werden kann, wenn wir Beide unsere Unterschrift unter den Ehecontract gesetzt, seine Wahl erst nach Herz und Nieren geprüft haben — Daß ichs nickt vergesse! Ich war in Berlin bei unserem Bankier — Unser beiderseitiges an Gebhard zu vererbendes Vermögen beträgt —
Dank Deiner Bedürfnißlosigkeit — eine Million viermalhuudert vier und siebzigtausend Mark — hier der Ausweis." —
Sie zog aus ihrer kleinen Ledertasche ein Papier und gab es ihrem Bruder.
Dieser las — »Vier Pfund Trüffel — zwölf Mark" -
»Ah verzeihe — eine Verwechselung — hier ist die Abrechnung — die Trüffel habe ich Dir allerdings auch mitgebracht — Ich weiß ja" —
»Damit willst Du Onkel Fritz wohl einen Köder hinwerfen? Was — wie?"
»Aber Fritz — wie uudelikat!"
,Nuu, was soll ich denn dabei thun, daß Du Dir darum den weiten Weg gemacht hast?"
»Ach Fritz, als ich damals mit Gebhard zurück- reiste, da hätte ich nimmer gedacht, daß ich nach vier Monaten so zu Dir sprechen würde, wie jetzt. Eher hätte ich gemeint, Einen von meiner Familie bitten zu müssen, mir morgen die Augen zuzudrücken."
»Na — auch kein besonderes Vergnügen," — murmelte der Bruder in sich hinein.
»Ich hätte wirklich zu sterben geglaubt — aber nun — man macht das Merkwürdigste doch nur in sich selbst durch. Kein Windscheid mehr! Der Name vergangen — verflogen sein Klang in der Zeiten Flug — Wie mich dieser Gedanke Tag und Nacht quälte! Gebhard wird gewiß