V Meteorologische Station Gershausen, 15. Juni. Vom Monat Februar ab waren die Witterungsverhältnisse wie folgt: In der ersten Woche des genannten Monats war das Wetter veränderlich, von da ab am Tage heiter und des Nachts starke Fröste. Im März war in der ersten Wocke vorherrschend trübes, wolkiges Wetter, während dasselbe in den beiden folgenden Wochen für diese Jahreszeit sehr warm und angenehm war. In der letzten Woche war die Temperatur wieder kalt und unfreundlich und zwar so, daß dem schönen Osterfest, welches in die letzten Tage des Monats fiel, ganz das an ihm so gern gesehene lenzliche Gepräge, namentlich das Erwachen in der Pflanzenwelt, fehlte, und man von dem wohlthuenden Uebergaug aus der kalten in die warme Jahreszeit nichts gewahrte. Still und öde war noch alles in der Natur, ja, dieselbe war ebenso noch te ein Schneegewand gehüllt, als um die Zeit von Weihnacht. Im April war die Witterung fast durchweg kalt und unfreundlich, welcher Umstand die späte Ausstellung der Sommerfelder zur Folge hatte. Der Mai war unter den Frühlingsmonaten der beste, denn während desselben war größtentheils die Witterung doch eine so günstige, daß das Wachsthum der dürftig überwinterten Winterfrucht soviel als möglich gefördert wurde. Während auch die beiden »Frostmänner" Paucratius und Servatius nicht mehr stören wollten und mild vorübergingen, so waren doch der 17. und 18. diesmal tückischer als der März um Ostern, denn sie nahmen uns durch ihre Schneeschauern die Freuden in der Natur auch am Pfingstfest. Der Juni war bis daher naß und unfreundlich und war an vielen Tagen die Temperatur eine so niedrige, wie sie seit einer Reihe von Jahren nicht gewesen ist. Nur noch eine Woche dauert es und die Tage nehmen schon wieder ab, und von diesem Zeitpunkt ab auch schon wieder allmählig das noch bis daher so wenig zur Geltung gekommene frohe Leben in der Natur. Der Gesang der Vögel und das Leben und Treiben derselben in Feld und Wald war in diesem Frühling bei weitem nicht so munter als sonst. Ebenso war auch der bis daher zur Entfaltung gekommene Blumenflor kein voller, sondern ein spärlicher. Auch die Gemüsearten kommen später als in früheren Jahren. Der Ertrag der Winterfrucht wird an Stroh ein geringer werden und wenn die Temperatur fort noch eine so niedrige bleibt, auch die Blüthezeit eine ungünstige. Gewitter waren bis daher 10 und hatten die Blitze bei den meisten derselben eine abwärts gehende Richtung. Auch sind Blitz und Donner in diesem Jahre stärker als in den letzten Jahren. Jedenfalls hält diese unfreundliche Witterung noch bis in den Juli an, wird aber von da ab durch eine heitere und warme ersetzt werden.
Melsungen, 15. Juni. Die 18. JahreS-Versammlung des Hessischen Forst verein« wurde in dem schön geschmückten Heerdt'schen Saale dahier durch Herrn Oberforstmeister Schwarze-Cassel begrüßt. Namens der Stobt Melsungen bewillkommnete Herr Bürgermeister Lotz die Versammlung. Mit Eintritt in die Tagesordnung wurde die ErgänzungSwahl des Vorstandes vorgenommen. Es wurden gewählt: zum Viecpräfidcnten Freiherr von Stein-Wehrda, zum Schatzmeister Herr Forstmeister Boy-Cassel, zu Schriftführern die Herren Oberförster v. Harling-NenterShausen und Dr. Martin-Jesberg. AuS dem vom Schatzmeister Herrn Boy-Eassel erstatteten JahreS- und Kassenbericht geht hervor, daß der Verein jetzt 187 Mitglieder zählt. Bei den günstigen Cassenverhältnissen konnte der Jahresbeitrag der Mitglieder von 5 auf 3 Mark herabgesetzt werden. Herr Oberforstmeister Hinze- Cassel wurde sodann in den Bezirkseisenbahnrath gewählt. Es wurde nun eine Reihe fachwissenschaftlicher Vorträge gehalten. So sprach Herr Oberförster Martin-Großenlüder über: „Die Kieferwirth- fchaft im hessischen Berg- und Hügelland"; Herr Oberförster Wolf-Wetter hatte daS Correferat dazu. Beide waren für Rückkehr zur natürlichen Verjüngung und empfahlen einen Mischbestand von Kiefer, Fichte nnd Lärche. Die Herren Oberförster Wickel-FlörSbach und Mohr-Frankenberg gaben die Erfahrungen und Lehren, die aus der Vollmast 1888 für die hessischen Buchenwaldungen gewonnen sind, zum Besten. Der dritte Vortrag betraf daS Thema: „Welchen wirtschaftlichen Werth haben die Wald- oder Windmäntel und sonstigen BestandS-Einbänderungen, wann, wie und mit welchen Holzarten sind solche anzulegen und wie sind dieselben zu behandeln?" worüber die Herren Oberförster Krausc- Altenlotheim als Referent und A u in a n n - Hersfeld als Correferent sprachen.
JhringShausen, 15. Juni. Es ist sehr zu bedauern, daß immer wieder auf dem Lande Unglücksfälle bei Maschinen an unerfahrenen Kindern vorkommen, die man Don Rechts wegen gar nicht an Maschinen herankommen lassen sollte, weil sie dieselben in ihrer Unerfahrenheit und Unbeholfenheit ja doch nur sehr unvollkommen handhaben können, und weil sie in ihrem Leichtsinn oder ihrer Vorwitztgkeit schon allzu oft sich schwere Verletzungen zugezogen haben. Ein solcher bedauerlicher Fall ist am vorigen Sonnabend in hiesigem Orte vorgefallen, indem sich ein noch ziemlich kleiner Knabe an einer Futtermaschine mit einem Messer des Schwungrades,
welches ein anderer Knabe drehte, den einen Knochen über dem Handgelenk vollständig durchschnitten hat, so daß derselbe in das Krankenhaus überführt werden mußte.
Gießen, 15. Juni. Gestern Nachmittag gegen 6 Uhr wurden rasch wiederholte Trommel- und Hornsignale hörbar. Es brannte die kaum unter Dach gebrachte Turnhalle der neuerbauten Schule in der »Anlage" völlig aus. In derselben waren große, für das Hauptschulgebäude bestimmte Dielenvorräthe, Tapeten rc. aufgespeichert. Viel Mühe und Anstrengung kostete die Erhaltung des angrenzenden Schulgebäudes und einer zur Schule gehörigen Halle. Wie man vernimmt, soll das Feuer durch Kinder beim Spielen mit Streichhölzchen entstanden sein.
Vermischtes.
— B a sel, 15. Juni. Das gestrige Eisenbahn- unglück, welches den 2 Uhr 15 Min. von Basel nach Delsberg abgegangenen Personenzug bei Möncheustein (erste Station von Basel) betroffen hat, ist das größte, welches sich tn der Schweiz ereignet hat. — Ueber die Catastrophe werden folgende Details mitgetheilt: Der Sonntag Nachmittag 2 Uhr 15 Min. von Basel abgehende Personenzug der Jurabahn, mit zwei Locomotiven bespannt, hatte kaum die unmittelbar unterhalb Möncheustein über die Birs führende kleine Etseubahnbrücke erreicht, als die aus Eisen construirte Brücke einbrach. Die erste Locomotive stürzte mit dem Schornstein nach unten, die zweite auf ihre Räder in die Tiefe, ein Wagen erster und ein Wagen zweiter Classe, sowie ein Post- und Gepäckwagen fielen ebenfalls in den Fluß. Ein Wagen dritter Classe schwebt zwischen Brücke und Trümmerhaufen. Die erste Hülfe wurde von der Feuerwehr von Möncheustein geleistet. Von Basel eilten Aerzte, Savitäts- truppen und die Feuerwehr, von Liestal eine Soppeur- und Pionierabtheilung an die UnglückS- stätte. Die Verwundeten wurden nach Basel befördert, wo einige alsbald verstürben. Die meisten Verunglückten, etwa 150 Verwundete und 120 Todte, sind Baseler. Die Todten sind am Birsufer hingelegt. Die Verwundungen sind zum Theil sehr schwer. Eine enorme Mäste von Menschen umsteht die Unglücksstätte. Die Aufregung ist unbeschreiblich. — Basel, 15. Juni. Heute begaben sich weitere 30 Mann aus der Sanitätsschule nach dem Platz, wo das gestrige Eisenbahnunglück stattgehabt hat, um bei der Bergung der im Wasser befindlichen Todten behilflich zu sein. Die Genietruppen werden eine Notheisenbahnbrücke herstellen, damit der durchgehende Verkehr wieder ausgenommen werden kann. Von den im Hospital befindlichen Verwundeten sollen keine mehr in Lebensgefahr sein. Heute Vormittag wurden noch drei Todte aus den Wagentrümmern herausgeholt und jetzt (Mittags 12 Uhr) sind noch 8 Leichen sichtbar. Wie viel noch unten liegen, entzieht sich der Schätzung, nach einigen Angaben befänden sich noch 30, nach anderen noch 70 Leichen im Wasser. Eine Abtheilung Sappeure und Pioniere ist mit den Abräumungsarbetten beschäftigt. Es können noch Tage vergehen, bis die letzten Todten herausgeschafft sind.
— „W. T. B." meldet vom Dieustag: Die Aufräumungsarbeiten an der Unglücksstätte bei Mönchenstein dauerten die ganze Nacht fort. Bis heute 10 Uhr Vormittags waren 60 Leichen geborgen. Die beiden vordersten Wagen des Zuges, die noch in der Birs ljegen, sind nur mit großen Schwierigkeiten frei zu machen, da große Vorsicht nöthig ist, um die Leichen nicht unkenntlich werden zu lasten. Die Regierung von Basel beschäftigt sich mit der Frage einer gemeinschaftlichen feierlichen Beisetzung der Verunglückten. Ob dieselbe möglich sein wird, hängt davon ab, ob die Bergung der Leichen bis morgen früh beendigt sein wird. In die H a f t p f l i ch t sollen sich außer der Jurabahn, auf welche ein drittel entfallen dürfte, die St. Gotthardbahu, die Centralbahn, die Nordostbahn und die Vereinigten Schweizerbahuen auf Grund des Vertrages von 1885 theilen. Zu Gunsten der Ver- Wundsten und der Hinterbliebenen der Verunglückten haben Sammlungen von Geldspenden begonnen. - Die eingestürzte Brücke war eine ca. 15 Meter lange eiserne Gitterbrücke, deren Tragcoustruction sich oberhalb der Fahrbahn besand. Sie hat schon vor mehreren Jahren Anlaß zur Besorgniß gegeben, als die Hochan- geschwollene Birs die Widerlager unterwaschen hatte. Damals wurden die Fundamente verstärkt. Die Eisenconstruction war, wie nun die schreckliche Catastrophe gezeigt, eine zu schwache; die Ver- strebungen waren zu wenig zahlreich und auch nicht kreuzweise miteinander vernietet.
— Lasdehnen, 14. Juni. Im Gute
K a s s i g k e h m e n an der Memel ist, der „Ostd. Grb." zufolge, Nachts eine Scheune abgebrannt, wobei drei Personen ihren Tod fanden. Wegen Reparatur des Jnsthauses wohnte eine Familie in der Scheune; die Mutter war bliud und fand nicht den Ausgang, das 6jährige Töchterletu hatte sich eine Strecke noch fortgeschleppt und — der Säugling verbrannte in der Wiege.
— Frankenthal, 12. Juni. In einem hiesigen Gasthaus wurde eine Anzahl junger Kaufleute, die daselbst im Abonnement ihre Mahlzeit einnehmeu, beim ersten Gang von dem Gerichtsvollzieher mit einer Zustellung überrascht, daß das Abonnement für das Essen vom ersten ab nicht an den Wirth, sondern an ihu (den. Gerichtsvollzieher) zu entrichten sei, indem alle Ausstände des Wirths mit Arrest belegt seien. Am meisten dupirt waren nun bei der Sache die jungen Kaufleute, indem der Wirth, nachdem er sah, daß ihm nichts mehr bezahlt wird, auch außer dem ersten Gang (Suppe) nichts mehr folgen ließ. Mit knurrendem Magen mußten die jungen Herren von bannen ziehen.
— (EinunglücklicherSchuß.) Leito- mischl (Böhmen), 11. Juni. Hier erschoß der absolvirte Rechtshörer Johann Bracht!, der im Garten seiner Eltern nach Spatzen schoß, auS Unvorsichtigkeit seine 18jährige Schwester Marie, die für den reconvalescenten Vater im Garten ein Ruhelager bereitete. AuS Verzweiflung über das Unheil richtete Bracht! den zweiten Lauf des Gewehres gegen seine eignen Schläfe, drückte ab und blieb sofort todt.
— Petersburg. Im JekaterinoSlaw'schen Gouvernement, im Kreise Alexandrowsk, hat beim Dorfe Bogodar Prof. Ewarnizkt einen Kurgan (Hügel) entdeckt und ließ denselben aufgraben. Man fand das Grab einer Frau aus der Bronzezeit. In dem Grabe lag ein vorzüglich erhaltenes weibliches Scelett, umgeben von zahlreichen hochinteressanten archäologischen Gegenständen. Unter diesen befand sich verschiedenes Geräth mit Speiseresten, ein Krug mit cristallestrtem Rest irgend eines Getränkes, eine Masse von Bernstein- und anderem steinernem Schmuck; ferner ein Ohrring aus Bronze mit einem Stein, zwei Spangen aus Bronze, ein Flacon aus Gold von sehr schöner Ajourarbeit, lederne ausgeuähte Fußbekleidung und zahlreiche andere characteristtsche Sachen.
— Queenstown.»Auf dem zur »Jumau Line" gehörenden Dampfer »City o f Rich - mond," welcher am Sonntag von New-2)ork eintraf, war der ausBaumwollenbalten bestehende Theil der Ladung in Brand gerathen. Das Feuer war am 8. d. um Mitternacht entdeckt worden und hatte große Bestürzung unter den Passagieren hervorgerufen, die sich auf die Brücke flüchteten. Mau versuchte mit allen Kräften das Feuer zu löschen während der ganzen Nacht, jedoch ohne Erfolg. Inzwischen hatte man die Boote mit Lebensmitteln rc. gefüllt. Um 8 Uhr früh stieß der Dampfer »Conusellor" auf die von dem Dampfer »Richmond" gegebenen Nothsignale zu letzterem und blieb bet diesem, bis der Dampfer »Servia" erschien, welcher die »City of Richmond" nach Queenstown brächte.
— New-Aork. Während eines Sturmes erlitt der Dampfer des Norddeutschen Lloyd »Graf B i s m a r ck" an dem Steuerruder und dem Propeller Havarie. Die Schäden sollen hier ausgebessert werden.
— Ein Dämpfer. In einer Gesellschaft weiß ein junger Mann nicht genug von seiner Menschenkenntnis zu berichten. „Ich sehe beispielsweise auf den ersten Blick, was andere von mir denken." — Allgemeines Staunen — bis eine Dame das Schweigen bricht mit den Worten: „Das muß für Sie aber sehr unangenehm sein!"
— Brief einer Köchin. »LieberFranz! Ich habe Dir heute nichts zu schreiben und verbleibe mit Gruß, Kuß und zwei Knackwürsten Deine Marie."
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