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Hersstl-tl Kreisblatt.
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Nr. 69. Donnerstag den 11. Juni 1891.
Aus dem Abgeordnetenhause.
Berlin, 8. Juni. In der heutigen (98.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses wurden in dritter Berathung endgültig die Vorlagen betr. die Beförderung der Errichtung von Rentengütern und betr. Eintragungen in die Höfe- bezw. Landgüterrolle auf Ersuchen der Generalcommission, sowie den von Preußen, Oldenburg und Bremen geschlossenen Vertrag, welcher die Herstellung einer neuen Fahrbahn in der Außenweser bezweckt, erledigt. Bei der Berathung des Rcntcn- gütergesetzeS wurde vom Abg. Rickert nochmals da« nach seiner Meinung verderbliche Princip der theilweisen Unlörbarkeit der Rente bekämpft, von dein Finanzminister Miguel dagegen als ein bedeutsamer Fortschritt und die Annahme der Vorlage als eine Wohlthat für das Land bezeichnet. Mit Ausnahme zweier Vertreter der polnischen Fraction sprachen sich sämmtliche Redner, u. a. Frhr. von Lo« und Frhr. von Huene, Sombart, Sattler und von Tzschoppe sehr zustimmend aus.
Berlin, 9. Juni. In der heutigen (99.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses wurden zunächst in dritter Berathung die Gesetzentwürfe, betreffend die Heranziehung der Fabriken u. s. w. mit Vorausleistungen für den Wegebau in den Provinzen Brandenburg, Schleswig-Holstein (mit Ausnahme des Kreise« Herzogthum Lauenburg), sowie in der Rheinprovinz definitiv ohne Debatte angenommen. — ES folgte die Berathung des AntrageS der Abag. Walther u. Gen. aus Annahme eines Gesetzentwurfs, betreffend die Beseitigung der durch die Hochwasser im Sommer und Herbst deS Jahres 1890 herbcigeführtcn Verheerungen. Der Gesetzentwurf bezweckt, das Gesetz vom 13. Mai 1888, betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zur Beseitigung der durch die Hochwasser im Frühjahr 1888 herbcigeführtcn Verheerungen, unbeschadet des Gesetzes vom 8. Mai 1889, auf die Beseitigung derjenigen Verheerungen auSzudehnen, welche durch jene Hochwasser im Sommer und Herbst des Jahres 1890 herbeigeführt worden sind. Abg. Barth begründet den Entwurf. Derselbe hat die Verheerungen im Auge, welche die Elbe und Saale-in der bezeichneten Zeit angerichtet haben. Es liegen verschiedene, weitergchende AbänderungSanträge vor. Minister des Innern Herrfurth legte die formellen und sachlichen Gründe dar, au« welchen die StaatSregierung dein Anträge in der gestellten Form nicht zustimmen könne. An der Debatte betheiligten sich die Abgg. Burghardt (Lauban), v. Koseritz, Bödicker, Frhr. v. Huene, GrasKanitz,Frbr. v. Plettenberg, Schmidt (Marburg), Frbr. v. Bodcnhausen, Eberty, Werdeck, Dr. Gerlich, Knoch, v. Czarlinski — welche meistens für die Unterstützung einzelner anderer Flußgebiete eintreten, um diese der Agrarcomnnssion, an welche der Antrag voraussichtlich überwiesen wird, zur Berücksichtigung zu empfehlen.
Auf hohem Pferde.
Roman von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
»Und Sie kannten Fräulein Claudine — vorher nicht?"
»Eh! Gesehen habe ich sie wohl — zuerst bei dem Fräulein Sewisch. War ganz erstaunt, als ich ihr gestern im Garten begegnet war und sie mich frug, ob sie wohl einige Worte mit mir sprechen könnte. Und nun drängte sie mich in das kleine Gartenhaus — und begann da ihr Examen — über den Fürsten, den sie sehr gut gekannt zu haben schien."
»War der Fürst verhetrathet?"
»Nein — aber wenn auch, so hat das bet so großen Herren doch nichts zu sagen — eh — eh — e61*
»Jung?w
»Nun, so wie man s nehmen will, auf der Schattenseite der Dreißig."
»Schön?"
»Ah, das will ich meinen! Wenn der Herr auf der Straße ging, flogen alle Fenster auf und aus jedem guckten sechs Wetberköpfe. Sie haben ihm auch den Nest gegeben — dem braven, lieben Herrn. Er war allen den Frauensleuten zu gut. — Ist Ihnen nicht wohl, Herr Graf?" »Wieso?*
»Sie werden so blaß."
Getreidezölle und Brotpreise.
Manche Blätter gefallen sich darin, einerseits die Knappheit im Getreide möglichst grau in grau zu malen, andererseits die gegenwärtigen hohen Brotfruchtpreise als unerhört hoch hivzu- stellen. Wie wenig die Möglichkeit ausreichender Zufuhren abgeschnitten ist, geht aus folgender Erklärung eines Abgeordneten im österreichischen BudgetauSschuß hervor: „Eine Menge Getreide liegt bei uns, und Niemand will es unS abkaufen, weil einerseits eine Herabsetzung des Zolls in Deutschland erwartet wird und weil man sich andererseits kein Bild von der Wirkung der in Aussicht genommenen Valuta-Regulirung machen kann." Der eine Grund von der Hoffnung auf eine Herabsetzung des Zolls in Deutschland ist nunmehr hinfällig geworden, sodaß die Menge Getreide, die in Oesterreich liegt, wohl alsbald Käufer in Deutschland finden wird.
Was die Brotpreise betrifft, so erscheinen in den oppositionellen Blättern mancherlei statistische Vergleiche, die den Fehler gemeinsam haben, daß sie nicht alle Jahre des letzten Jahrzehnts heran- ziehen, sondern nur die billigeren, und so ein durchaus lückenhaftes Bild der Preisbewegung geben. Würde der Vergleich auf alle Jahre eines längeren Zeitraums erstreckt, so würde sich allenthalben ein Bild wie das folgende über die Stuttgarter Mehl- und Brotpreise ergeben, das wir im „Schwäb. Merk." finden. Danach war das Mehl Nr. 4 (aus welchem Schwarzbrot hergestellt wird) im Jahre 1881, wo es 14,25 Mark per Centner kostete, theurer, als in den Monaten März, April und Anfang Juni dieses Jahres, wo sich die Preise auf 13 und 14 Mark stellten. Die Preise von Weiß- und Halbweißbrod stellten sich dort wie hier für das Pfund auf 15 und 14 Pf., während allerdings das Schwarzbrod damals nur 11, im April und Anfang Juni dieses Jahres — obwohl das Mehl nicht theurer ist wie damals — 12 Pf. kostete. In den
»Das kömmt Ihnen wohl nur so vor. Sie kehren nach der Pension zurück. Ich will noch einen Spaziergang in den Wald machen. Wir sehen uns ja wohl wieder."
Gebhard war schon nach der andern Seite der Brücke gegangen, als er nochmals umkehrte und den Jockey frug:
»Wie lange ist der Fürst todt?"
»Nun, etwa so Jahre vier."
Wenn die Bäume im Walde alle Menschen gewesen wären, so hätte Gebhard Ihnen am Liebsten den Garaus gemacht. Wie war da noch ein Glaube an ein menschliches Wesen, wenn selbst dieses Mädchen nur Schein — Lüge — Täuschung sein sollte! Und wie konnte es denn anders sich verhalten, welche andere Beziehungen konnte Claudine zu dem Fürsten gehabt haben, als solche, die er verdammen mußte, die ihn für immer von ihr trennten.
Der Contrast zwischen dem so vornehmen Wesen Claudine's und ihrer dienenden Stellung hätte sich nach den bisherigen Ergebnissen so erklären lassen, daß sie früher die Geliebte des Fürsten Leo Ostein gewesen, dieser vielleicht ohne Testament gestorben war, ohne ihr etwas zu hinterlassen — und sie in Folge dessen gezwungen, eine Stelle als Zofe anzunehmen. Aber so etwas von dem Mädchen auch nur anzunehmen. Fort mit diesem niederen Verdachte — weg — weg!
Als er wieder üüch Hause kam, brächte ihm
Zwischenjahren, wo die Getreidepreise so niedrig standen, waren allerdings die Mehl- und Brotpreise gleichfalls niedriger. Mehl Nr. 2 (zu Weißbrod) kostete im Juni 1884: 14,25 Mark für den Centner, Nr. 4: 10,50 Mark, Weißbrod für das Pfuud 13, Schwarzbrod 10 Pf. Seit Juni 1889 bis zu dem laufenden Jahr stiegen zwar die Mehlpreise für Nr. 4 von 12,13 Mark auf 14 Mark, aber der Preis für Schwarzbrod, der schon damals 12 Pf. betrug, ist derselbe geblieben. Von einer außerordentlichen Nothlage der Konsumenten aus Anlaß der Getreidepreise kann mithin gegenwärtig nicht die Rede sein.
Wolitische Nachrichten.
Se. Majestät der Kaiser wohnte am Montag dem Armeejagd-Rennen im Hoppegarten bei.
Ihre Majestäten der K a i s e r und die K a i s e r i n waren am Dienstag Vormittag um 7*/a Uhr mit dem Kronprinzen und den Personen der nächsten Umgebung am Neuen Palais zu Pferde gestiegen und hatten sich zur Besichtigung des Regiments der Garde du Corps und deS Leib-Garde- Husarenregiments nach dem Bornstedter Felde bei Potsdam begeben. Schon beim Abretten der Majestäten hatte sich ein ziemlich heftiger Gewitterregen eingestellt, trotzdem setzten Allerhöchst- dieselben mit dem Kronprinzen und ihrem Gefolge ihren Weg nach dem Bornstedter Felde fort. — Am Nachmittage, nach der Rückkehr zum Neuen Palais, gedachte Se. Majestät mehrere Vorträge entgegenzuvehmeu.
Nach dem officiellen Programm für den B e - such des Kaisers Wilhelm tu England erfolgt die Ankunft am 4. Juli in Port Victoria. In Windsor wohnt Se. Majestät der Hochzeit der Prinzessin Louise, der Tochter des Prinzen Christian, am 6. Juli der silbernen Hochzeit des letzteren und einem Gartenfest in
I beim Umkleiden Nebicke als Neuestes, daß die Frankfurter morgen abreisen würden. Große Koffer, denen er auf dem Corridor begegnete, schienen die Nachricht zu bestätigen. Abreisen! Sie vielleicht nicht mehr sehen — nie wieder! Da droben in ihrem Zimmerchen war noch Licht. Ob sie allein sein wird? Er stand unten und nun auf einmal wurde ihm das Herz wieder — recht schwer. Nur den Schein deS Lichtes sah man in dem offenen Fenster — sie nicht — nicht- einmal einen Schatten. Aber da kamen leichte Schritte über den Kiesweg. Eine weibliche Gestalt — schlank — mit schwebendem Schritt — sie trug einen Krug in der Hand — sie ging über den Rasen hinab nach der Chaussee zu. Dort an der Straße, erinnerte er sich, war ein Brunnen — zum Trunke für die Menschen, wie für das Lastvieh, das da auf der Straße verkehrte. Richtig — dorthin richtete Claudine ihr Schritte. Bald war Gebhard auf ihrer Fährte und redete sie an, mit dem Erbieten, ihr das Gefäß tragen zu wollen — der schwere, westfälische Steinkrug sei ihr doch zu schwer.
Sie wies es ab, mit dem Bemerken, daß sie stark genug sei. Ihrer Herrin sei dieses Waffer gerade als das eines Bergguells gerühmt worden, daß es für die Erhaltung der Schönheit der Haut besonders erfrischend sei."
»Aber viel wird es Fräulein Sewisch auch nicht mehr nützen. Sie reisen ja morgen ab."