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Herssel-tr Kreisblatt.

Mit wöchentlicher Hratis-WeilageIllustrirkes Nuterhaltungsölatt".

Nr. 60. Donnerstag den 21. Mai 189s.

Amtliches.

Hersfeld, den 15. Mai 1891.

Nachstehend veröffentlichter Vortrag über die Stellung der Bauverwaltungen zur Bekämpfung der Trunksucht wird den Ortspolizeiverwaltungen des Kreises mit der Veranlassung mitgetheilt, den Verkauf von Branntwein auf den Baustellen thunlichst zu beschränken, und an dessen Stelle den Verkauf von Kaffee und Tbee zu begünstigen. 4964. Der Königliche Landrath

Freiherr von S ch l e i n i tz.

Vortrag des Herrn Oberbaudirector Franzius überdie Stellung der Bauverwaltungen zur Bekämpfung der Trunksucht" am 14. Februar 1891.

M. H. So lange die Welt steht, werden Unvollkommen- heiten vorhanden sein, es wird deshalb auch stets denjenigen, welche berufen sind, vermöge ihrer höheren Stellung Einfluß auf die ihrer Leitung anvertrauten Verhältnisse auszuüben, die Frage vorgelegt werden: wie können wir diesem oder jenem Uebel abhelfen? Eine Frage dieser Art ist die seit einiger Zeit von den achtbarsten Männern aufgeworfene: wie begegnen wir der Trunksucht? Da nun bekanntlich diese ihre schlimmsten Opier in den unteren Schichten des Volkes sucht, und zwar namentlich auch in den Kreisen der Bau­arbeiter, so richtet sich jene Frage ganz vornehmlich an die Bauverwaltungen im weiteren Sinne, mögen es nun staat­liche oder private sein. Bei den Verwaltungen sind eS in erster Linie die oberen technischen Leiter, welche die Frage zu beantworten haben.

Ehe nun aber die Hauptfrage über die zweckmäßigsten Mittel, mit welchen die Trunksucht bekämpft werden kann, besprochen wird, scheint es nothwendig, kurz zwei Fragen zu erledigen, nämlich

1) Ist überhaupt der übermäßige Branntweingenuß den Bauarbeitern schädlich und inwiefern?

2) Ist es Sache der Bauverwaltungen, den als schädlich erkannten Genuß zu bekämpfen?

Hinsichtlich der ersteren Vorfrage glaube ich mich auf das übereinstimmende Zeugniß aller als tüchtig anerkannten Aerzte

und Physiologen berufen zu können, daß der übermäßige Branntweingenuß allen Menschenclassen und speciell auch der mit der Hand arbeitenden Classe nachteilig ist. Ich darf hier besonders auf den bekannten Vortrag unseres Dr. Scholz aufmerksam machen. Es ist nach diesen und ganz ähnlichen, auf wissenschaftliche langjährige Beobachtung gestützten Aeuße­rungen außer Zweifel, daß der übermäßige Branntweingenuß den Arbeiter sowohl für den Augenblick als auch dauernd schwächt, ihn früh altern läßt und hinfällig macht und sogar auf die Nachkommenschaft in ähnlicher Weise einwirkt. Nach denselben autoritativen Zeugnissen steht ferner fest, daß der Genuß des Branntweins bei schwerer Arbeit nicht etwa ein nothwendiges, durch die Arbeit selbst bedingtes Uebel ist, sondern daß die möglichst vollständige Enthaltsamkeit die größte Wohlthat für den Arbeiter ist.

Dieses allgemeine Urtheil der specifisch Sachverständigen ist neuerdings von Nordpolreisenden und speciell von demjenigen unter ihnen, welcher durch die überwundenen Strapazen mit den ersten Rang einnimmt, durch Dr. Fritjof Nansen, in vollgültigster Weife bestätigt worden. Nansen schreibt hierüber u. A. bezüglich der zweckmäßigsten Ausrüstung für Nordpolexpeditionen wörtlich:Ich würde dieser Auffassung (nämlich Branntwein als Medicin zu verwenden) beistimmen, wenn man mir einen einzigen Fall nachweisen könnte, wo der Genuß von Branntwein zweckmäßig ist; so lange dies aber nicht geschieht, beharre ich bei meiner Ansicht, daß selbst der Vorwand, Branntwein mitzunehmen, an und für sich schon verwerflich ist. Es ist entschieden das Richtigste, den Alkohol als Getränk von den arktischen Expeditionen völlig auszuschließen." Dementsprechend hat Nansen den zum Kochen nöthigen Spiritus vor Beginn seiner berühmten Grönlandreise absolut untrinkbar machen lassen.

Aber auch der erfahrene Baubeamte hat in seiner Praxis zahlreiche Gelegenheit gehabt, mit eigenen Augen die Folgen des starken Branntweingenusses an Arbeitern zu beobachten, zu sehen, wie rasch ein gewohnheitsmäßiger Trinker an Kraft und Tüchtigkeit abnimmt und hinter nüchternen Kameraden zurücksteht. Er wird ferner bezeugen, daß viele Arbeiten erst dann gefährlich werden, wenn der Arbeiter nicht mit vollen nüchternen Sinnen und zuverlässigen Nerven jeden Augenblick auf jede Gefahr gefaßt und Herr seiner Bewegungen ist. Auf hohen Gerüsten, am Rande des tiefen und strömenden Wassers droht dem auch nur etwas trunkenen Arbeiter un­aufhörlich die Gefahr eines jähen Todes oder eines elenderen Krüppellebens.

Auch wird jeder Bauverständige sehen können, daß jede eine gewisse Sorgfalt erfordernde, aber unter Anwendung

reichlichen Schnapses beschaffte Arbeit schlechter ist, als die von nüchternen Arbeitern ausgeführte.

Vor Jedermanns Augen liegt ferner, daß namentlich bei großen Bauten nur dann Ordnung und Disciplin auf dem Platze herrschen können, wenn der Gebrauch der Schnaps­flasche auf das Minimum unterdrückt ist, während Unordnung aller Art, Aufsässigkeit und Schlägereien, vielleicht große blutige Zusammenstöße entstehen, wo dem Branntwein wäh­rend der Arbeit gehuldigt wirb.

Endlich verfolge der Baubeamte noch die von der Arbeit halb trunken fortgehenden Arbeiter nur im Geiste bis in deren Wohnungen und vergegenwärtige sich die dortigen Scenen, um zu beurtheilen, ob ein solcher Arbeiterstand auf die Dauer befähigt ist, täglich, und zwar bei Hitze oder Kalte mit dem nöthigen frohen Muth an die Arbeit zu gehen, die Schwierigkeiten derselben zu überwinden und den geeigneten Nachwuchs heranzubilden.

In Summa glaube ich also die erste Vorfrage nach der Schädlichkeit voll und unbedingt bejahend beantworten zu müssen und es handelt sich nun um die zweite, ob die Bau­verwaltung das Recht und die Pflicht hat, auf das nüchterne Verhalten der Arbeiter einzuwirken. Von mancher Seite wird dies geradezu verneint und zwar bald wegen der be­haupteten Aussichtslosigkeit und Undankbarkeit der Aufgabe, bald aber damit, daß es unzweckmäßig sei, die Freiheit und Selbstbestimmung seiner Mitmenschen zu verkümmern, indem gerade auf diesen hohen Rechten das Heil der Welt be. gründet sei.

Ich bekenne mich hier offen als Gegner dieser Anschauungen. Ich glaube, daß je höher ein Mensch in intellectueller oder gesellschaftlicher Hinsicht über seinen Mitmenschen steht, er umsomehr verpflichtet ist, für das Wohl derselben zu sorgen, und zwar durch Beispiel, durch Belehrung und nötigenfalls durch Zwang, soweit dieser in friedlicher und wirksamer Weise auszuüben ist. Ebensowenig wie in einer Familie die Eltern oder älteren Geschwister die Unarten der Jüngeren dulden dürfen, ebensowenig darf der gebildete Mensch den unge­bildeten seinen Untugenden überlassen. Er ist in demselben Maße für diese verantwortlich als er Mittel besitzt, sie zu bekämpfen. Die Menschen sollen sich als eine große Familie ansehen und der geistig noch so hoch stehende Mann, auf Grund dessen geistiger Arbeit Tausende von Wcrkleuten mit ihren Muskeln ihre tägliche Lohnarbeit verrichten, betrachte jene wie seine jüngeren Brüder. Dann verschwindet auch um so eher die thörichte und schädliche Vorstellung, wonach sich nur die Vertreter der untersten Stufen der Arbeit als die eigentlichen und einzigen Arbeiter ausgeben, während doch

Auf hohem Pferde.

Roman von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Was von Frauen an Passion für Thiere verschwendet wird, entgeht ja uns den Männern, das können wir uns nicht gefallen lassen, und dann noch einen Hausfreund, einen Nebenbuhler den Fuchs oder Rothschimmel meiner Frau. Mann und Frau können im Hause nicht denselben Beruf ausüben. Warum geht die Liebe einer schönen Frau nur selten nach einem schönen Manne? Weil sie Reiz und Schönheit als ihre Domains betrachtet, in die sie nicht gern einen Uebergriff duldet. So duldet auch die des Mannes die Kraft keine andere Macht neben sich. Das ist, was wann jalousie äs melier nennt."

Claudtne hatte die Augen von ihrer Arbeit er» hoben und ihm zugehört mit Verständniß» innigem Blick.

»Wenn ich so," sagte sie, »die Zärtlichkeiten sehe, die Sorgfalt, die man den Thieren zu Theil werden läßt, dann frage ich mich: Wenn manch' armen Kinde, wenn manch' armer Mutter das Alles zu Theil würde so Vielen, die da Noth haben, um ihre Blöße zu bedecken, denen es an Allem fehlt, um stärkende Nahrung sich zu gönnen! Wie viel Elend wäre da zu stillen, wie viel Verbitterung aus dem Herzen zu scheuchen! Aber so sind die Menschen. Für den Nächsten zu sorgen ist eine Pflicht, die, wie jedes Gebot,

unbequem wird, für die Thiere jedoch wird es eiu Vergnügen und dabei wie eine Groß« muth, welche die Eitelkeit kitzelt. Und glauben Sie nur, die Eitelkeit gebiert den Hochmuth. Wir haben ja hier die Beispiele, Herr Graf. Man vergöttert die Thiere und schließt sich gegen die Menschen ab. Da drüben seb'n Sie ja die drei Lauben Sinnbilder der Nächstenliebe Sinnbilder der deutschen Einheit und der Liebe, welche die deutschen Stämme vereinigt. Hier die Münchener, dort die Frankfurter, dort die Berliner und alle Drei können sich nicht ausstehen."

Die Wärme, mit der zuerst Claudtne gesprochen hatte, endete in ein fröhliches Lachen. Aber nicht genug damit, die Zofe sprach weiter über die Lüge der Naturschwärmerei.

»Ja wohl, alle lügen sich etwas vor, die mit ihren abgehetzten Sinnen und abgestumpften Nerven in Berg- und Waldeinsamkeit fliehen. Ach, diese göttliche Natur - o, diese himmlische Ruhe dieser balsamische Odem der Natur! Ja wohl, für vierundzwanzig Stunden. Dann werden mit den Kleidern alle die Lächerlichkeiten Verkehrtheiten Kleinigkeiten des gesell­schaftlichen Lebens der Städte ausgepackt und der gewohnte Turnus beginnt hier von Neuem. Die Menschen sind von Früh bis Abend in der Luft» schwärmen nach allen Seiten aus aber den lebendigen Athem der Natur verspüren sie doch nicht ihre eigene Nichtigkeit gegenüber dem Großen Gewaltigen der Schöpfung

und daß die Natur vornehmlich Eines in unS wirken muß die Bescheidenheit die Demuth."

Gebhard ging das Herz nach dem Mädchen auf, Claudine hatte warm gesprochen. Nun sagte er ihr auch, warum er gewünscht hatte, mal' mit ihr allein zu sprechen.

»Es war, als ob das, was Ihnen von Ihrer Herrin passirt war, mir selber begegnet wäre und als ob ich doch gleichsam auch als Mit­schuldiger dabei wäre. Das wollt' ich Ihnen sagen."

Da wurde es in Claudinens Zügen hell von Blut, warm vom Herzen. Erst schien es, als könne sie es nicht glauben, was er ihr sagte und dann brachen mit dem Ausdruck voller Rührung und Dankbarkeit ihre Augen über ihm auf. Sie sprach nicht, auch er nicht. Von der Straße her wurde das Geräusch der knarrenden Räder ver­nehmbarer und von unten das Schäumen des Wassers und dann das Rauschen in dem Baume über ihnen brächte sie aus dieser hinträumenden Stimmung wieder zurück; dann sagte Claudine noch:

»Ich würde das, was Sie in dem Zimmer zwischen mir und Fräulein Vera gehört haben, nicht geduldet haben, Herr Graf, wenn es nicht mein Wille wäre. Sie haben vorhin von Ihrem W'llen und Schicksal gesprochen. Das versteh' ich sehr. Das ist auch mein Weg."

Claudine ging mit ihrer Arbeit langsam dem Hause zu und Gebhard sab ihr nach wie Einer, der sich abmüht, ein Räthsel zu lösen. In ihm