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den Herren seines Gefolges mittelst Sonderzuges wohlbehalten auf der Wildparkstation ein und wurde bei seiner Ankunft daselbst von Ihrer Majestät der Kaiserin und den drei ältesten Kaiserlichen Prinzen empfangen. Die Kaiser­liche Familie begab sich alsdann von der Bahn­station aus zu Wagen gemeinsam nach dem Neuen Palais. Dort empfing Se. Majestät der Kaiser im Laufe des heutigen Vormittags 'zunächst um 9 Uhr den Reichskanzler General v. Caprivi zu einer etwa einstündigen Konferenz und demnächst den Staatssecretair des Reichs- Marineamts Viceadmiral Hollmann und den Vertreter des Chefs des Marinecabinets, Kapitain- lieutenant Müller. Später arbeitete Se. Maje­stät noch längere Zeit mit dem Chef des Militair- cabiuets und hatten demnächst später auch noch einiae hochgestellte Officiere zur Abstattung persönlicher Meldungen die Ehre des Empfanges.

Die Einkommensteuer-Commission des Herren­hauses hat mit 9 gegen 2 Stimmen die vom Abgeordnetenhause beschloffene Fassung betreffs der vierprocentigen Besteuerung der höheren Ein­kommen angenommen.

Ein Bericht der Justizcommission des Abgeordnetenhauses über petitionen handelt von der wichtigen Frage des zu­nehmenden Contraetbruchs des Gesindes und der freien land- wirthschaftlichen Arbeiter. Eine Reihe von Petitionen forderte, daß auf gesetzlichem Wege die geeigneten Schritte gethan würden, damit die trostlose Lage der Landwirtschaft beseitigt, der landwirtschaftliche Arbeitgeber gegenüber dem Arbeiter gegen den häufigen Contractbruch geschützt und dadurch vor großem materiellen Schaden bewahrt werde. Die Ursachen des ContraetbrucheS finden die Petenten vorzugsweise darin: 1) daß die Strafbestimmungen gegen den Contractbruch zu müde seien und deshalb nicht ausreichend wirkten; 2) daß Agenten die jungen Männer und Mädchen für auswärtige Arbeit unter Vorspiegelung falscher Thatsachen zum Contract­bruch verleiteten und schließlich und hauptsächlich 3) darin, daß jeder Arbeitgeber contractbrüchiges Gesinde, wenn auch nicht als Gesinde, so doch als freien Arbeiter aufnehmen könne. Zur Abhilfe werden folgende Vorschläge gemacht: 1) daß Arbeitsbescheinigungen für das Gesinde cinzuiühren, in denen, nach Ablauf der Dienstzeit, sowohl von dem Arbeit­geber, als auch von der Ortspolizeibehörde zu bescheinigen sei, daß eine Weitervermiethung erfolgen könne, und daß Arbeit­geber ohne eine derartige Bescheinigung eine Arbeit suchende Person weder als Gesinde, noch als freien^Arbeiter beschäf­tigen dürfen; 2) daß, da die verschärften Strafen gegen den Contractbruch auf das Gesinde wenig Eindruck machten, hiervon abzusehen sei; dagegen jeder Arbeitgeber empfindlich bestraft werde, welcher Gesinde ohne obige Arbeitsbescheinigung miethe oder überhaupt in Arbeit nehme. Seitens der Re­gierung wurde erklärt, daß die Frage des ContraetbrucheS der Arbeiter Gegenstand eingehender Prüfung und Erörterung der StaatSregierung sei. Diese au*« alle einschlägigen Fragen ausgedehnten Erwägungen sind bis jetzt noch nicht zum end­gültigen Abschlüsse gelangt. Die Justizcommission empfahl Ueberweisung der Petitionen an die Staatsregierung zur Erwägung.

Die Durchschnittspreise der wich - tigsteu Lebensmittel betrugen im April d. I. im Vergleich zu den in Klammern beige- fügten im März d. I. für 1000 Kilogramm: Weizen 217 (191) Mark, Roggen 185 (174) Mark, Gerste 162 (158) Mark, Hafer 163 (151) Mark, Kocherbsen 236 (235) Mark, Speisebohnen 290 (289) Mark, Linsen 419 (414) Mark, Eßkartoffeln 72,6 (66,4) Mark, Richtstroh 44,6 (41,4) Mark, Heu 52,6 (50,6) Mark; für ein Kilogramm Rind- steisch 1,28 (1,28) Mark, Schweinefleisch 1,32 (1,32) Mark, Kalbfleisch 1,25 (1,28) Mark, Hammelfleisch 1,27 (1,27) Mark, geräucherter

in Frankfurt, wir sind in der Sommerfrische. Setzen Sie sich doch! Plaudern wir. Dort ist ein Stuhl, rücken Sie sich den an die Chaiselongue."

Gebhard machte eine Miene der Verschämtheit und sagte:

Ach, wie dürft' ich so was wagen! Wenn das meine Tante sähe, daß ich so kühn bin und so mit den schönsten Damen verkehre so so ungenirlich."

»Trägt die Comtesse auch seidene Strümpfe?" frug Vera. Dabei kam aus den Spitzen ihr Fuß hervor und dieser stak in einem Pantoffel von rosa Atlas, der eine Garnirung von weißem Schwanenpelz hatte.

»Ach," sagte Gebhard, »danach habe ich bei meiner Tante nie gesehen. Aber hier hier! Gnädiges Fräulein haben heute rosa seidene Strümpfe an."

In der offenen Thüre erschien Claudiue.

»Was wollen Sie?" herrschte Vera sie an.

»Gnädiges Fräulein wollten Toilette machen."

»Noch nicht."

»Es ist aber vier Uhr wie Sie befohlen haben."

»Ich will aber nicht. Gehen Sie." Und Claudiue ging.

»Kommen Sie! Claudiue!"

Und Claudine, die schon auf den Corridor Hinausgetreteu war, kam wieder ruhig, ohne das leiseste Anzeichen des Unmuthes über die Launenhaftigkeit Vera's. Gebhard bewunderte

inländischer Speck 1,72 (1,78) Mark, Eßbutter 2,26 (2,29) Mark, Weizenmehl Nr. 1 0,37 (0,35) Mark, Roggenmehl Nr. 1 0,32 (0,30) Mark, mittlerer Javareis 0,55 (0,55) Mark, mittlerer Rohjavokaffee 2,86 (2,86) Mark, gelber gebrannter Javakaffee 3,77 (3,76) Mark, inländisches Schweineschmalz 1,68 (1,70) Mark, für ein Schock Eier 3,04 (3,36) Mark.

Mit der Schweiz beginnen die Verhand­lungen über einen neuen Handelsvertrag Seitens Oesterreichs und Deutschlands am 23. d. in Wien.

Aus der japanischen Hauptstadt Tokio meldetW. T B." vom 11. Mai:In der Nähe Kyoto wurde der Großfürst-Thron­folger von Rußland von einem Japaner durch einen Schwertstreich verwundet. Die Ver­letzung ist nicht lebensgefährlich." In der ge- sammten civilisirten Welt wird die lebhafteste Theilnahme dem jugendlichen Kaisersohne sich zuwenden, dessen Studienreise durch eine Frevel- that so unliebsam unterbrochen wurde. Hoffent­lich geben weitere Depeschen demnächst die Ge­wißheit, daß das Attentat auf den russischen Thronfolger keine weiteren nachtheiligen Folgen befürchten lassen.

Auf der Insel Corfu herrscht seit einiger Zeit große Erregung gegen die Juden. Das Judenviertel ist durch die Bevölkerung förmlich abgesperrt worden, so daß die Juden selbst ihre Leichname nicht herausschaffen konnten. Wie aus Athen 12, Mai gemeldet wird, haben wegen der Vorgänge in Corfu zwei von den Vertretern der Großmächte, darunter der englische, bei der Regierung freundschaftliche Vorstellungen erhoben und um wirksame Maßregeln zum Schutze ihrer Staatsangehörigen gebeten. Wie mehreren Wiener Morgenblättern aus Triest gemeldet wird, wären zwei griechische Panzerfregatten nach Corfu abgegangen. Die italienische Regierung würde zum Schutz der italienischen Unterthanen auf Corfu ebenfalls ein Kriegsschiff absenden. Der italienische Generalconsul in Corfu, Berio, der gegenwärtig in Rom weilt, ist angewiesen worden, sofort nach Corfu zurückzukehren.

Der 82jährige Lord Gladstone, der frühere Premierminister und Führer der liberalen Partei, ist an der Influenza erkrankt. Auch andere Staatsmänner Englands, wie Lord Hicks Beach, John Morley sind von der Krankheit heimgesucht.

Der belgische Strike hat weitere Fort­schritte gemacht, namentlich durch den Anschluß der Hüttenarbeiter au die Bergleute. Der letzte Sonntag verlief im ganzen ruhig. Die Socialisten­führer, die erst gegen den Strike waren, suchen ihn jetzt nach Möglichkeit zu verallgemeinern. In Brüssel schloffen sich die Tischler dem Strike an. Die Dockarbeiter in Gent beschlossen, das Ausladen deutscher und englischer Kohle zu ver­weigern- Am Montag fanden an den Docks in Gent zwischen Strikenden und Nichstrikendeu wiederholte Zusammenstöße statt. Erstere ver­suchten das Ausladen der Schiffe zu hindern. Zwei Arbeiter wurden ins Wasser geworfen. Abends wurden behufs Agitation für den all­gemeinen Strike mehrere Meetings abgehalten.

das Mädchen. Er erhob sich, um zu gehen.

»Wollen Sie schon fort, Herr Graf?"

Sie wollen ja Toilette machen, gnädiges Fräulein."

Das ist doch kein Hinderniß. Das geht dort hinter der spanischen Wand vor sich. Flink flink Claudiue," drängte Vera, als diese zu zögern schien.

Wir können das wohl besser drinnen in Ihrem Schlafzimmer machen," bemerkte die Zofe.

»Wie ich will, Claudine nicht wie Sie."

Ich schaue derweile zum Fenster hinaus" sagte Gebhard, und ging wirklich an das Fenster.

Das Mädchen stand unbeweglich.

»So machen Sie doch!" befahl Vera.

»Im Schlafzimmer," wiederholte Claudine und ihr Ton war wie ein Befehl.

»Wenn ich Ihnen aber befehle"

»Ich thue keinen solchen Dienst in Gegen­wart des Herrn Grafen. Sie haben über meine Person zum Dienst zu verfügen, nicht aber über mein Empfinden und was Sie hier von mir ver­langen, ist gegen dieses."

Da empfand Gebhard einen inneren Ruck, daß er sich nach dem Mädchen umsehen mußte. Das sonst so ruhige, blasse Gesicht war leicht geröthet, in allen Muskeln arbeitete es und nun sah er erst, wie schön die Zofe eigentlich war. Vera aber war von der Chaiselongue aufgesprungen und ihre drohende gleichfalls erregte Miene be­gegnete sich mit Claudinen. Beide Frauenge-

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, den 13. Mai 1891.

* Se. Majestät der König bat den nachbe- nannten Personen die Erlaubniß zur Anlegung der ihnen verliehenen nichtpreußischen Jnsignien ertheilt und zwar: des Ritterkreuzes erster Klasse des Herzoglich sachsen-eruestinischen Haus-Ordens: dem Hauptmann Freiherr» von der Horst im 2. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 32; das Ritterkreuz zweiter Klasse desselben Ordens: dem Premier-Lieutenant Schleker in dem­selben Regiment; die demselben Orden affiltirte Verdienst-Medaille in Silber: dem Vice-Feld- webel K l e p e l und dem Sergeanten S ch u l k e, beide in demselben Regiment.

* Anläßlich des bevorstehenden Pfingstfestes machen wir darauf aufmerksam, daß ck s a h r- karten, welche Sonnabend vor dem Feste gelöst sind, noch für Dienstag (den 3. Feiertag) zur Rückfahrt berechtigen und auf'einzelnen Strecken bis zum Mittwoch Gültigkeit behalten.

* Trotz dem außerordentlich strengen Winter ist nach den jetzt gemachten Beobachtungen eine ziemlich gute Obsternte zu erwarten. In erster Linie sind es fast alle Birnarten sowie Kirschen, welche eine reiche Ernte versprechen, auch Aepfel und Zwetschen haben zahlreiche Fruchtaugen angesetzt. Ein reicher Obstertrag wäre bei so manchen sonst nicht eben günstigen Ernteaussichten recht sehr zu wünschen.

* Die gefürcht eten Eisheiligen, Mamertus, Pankratius und Servatius, lassen sich in diesem Jahre gut an. Statt der üblichen Kälte haben uns dieselben das üppigste Früblings- wetter gebracht. Die so lange zurückgebliebene Vegetation schreitet nun so rasch vorwärts, wie es seit langen Jahren nicht der Fall war.

& Hersfeld, 13. Mai. Herr Johann Wil­helm Müuscher in Berlin (ein geborener Hersfelder) hat ein Patent auf Pferdeaebisse mit durch Schraubenfedern verbundenen Zügelringen zur Erzielung eines elastischen Zuges angemeldet.

Caffel, 10. Mai. Gestern Nachmittag wurde 'von hier telegraphisch Hilfe gegen ein in dem Dorfe Heckershauseu ausgebrochenes großes Feuer erbeten. Es wurde auch alsbald eine Spritze mit Bedienung dorthin abgesandt. Trotz dieser und auch von zahlreichen benachbarten Ortschaften eingetroffener Löschhilfe konnte das Feuer, welches schon eine große Ausdehnung ge­wonnen, nicht so schnell bewältigt werden. Bis zum Abend waren 20 Gebäude (12 Wohn­häuser, 8 Scheunen und Ställe) ein R a u b der Flammen geworden. Ueber die Entstehungs­ursache des Brandes, der in der Nähe der Kirche im Hause eines Schmiedes ausbrach, ist noch nichts bekannt geworden.

Caffrl, 11. Mai. Gestern Nachmittag machte ein in einer hiesigen Brauerei beschäftigter Lehr­ling auf dem Malzboden seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Was den 17jährtgeu Burschen zu dem verzweifelten Schritt gebracht, darüber haben wir nichts erfahren können.

Cafsel, 12. Mai. Im Laufe des gestrigen Tages trafen sämmtliche von der 11. Brigade in das westfälische Kohlenrevier commandirten Gendarmen hier wieder ein.

stalten wollten Gebhard wie zwei Kämpferinnen erscheinen, die ihre Stärke an einander messen wollten. Er mußte sich sagen, daß Vera die Unterliegende war. In ihrem Zorn warf sie der Zofe in's Gesicht:

Sie Zimperlott' Sie. Sie werden von Tag zu Tag unausstehlicher."

Statt aller Antwort wies die Zofe auf die Thür, die zum Schlafzimmer führte. Es war wie eine energische Weisung, so wollte es Gebhard vorkommen. Und Vera fügte sich der und ging hinein aber nicht ohne einen schwächlichen Protest, der in den Worten lag:

Sie thun ja grad, als ob ich bei Ihnen im Dienst wäre. Sie hätten sich von Ihren Eltern besser erziehen lassen sollen."

Da bäumte sich das Mädchen auf ein Blut­strahl schoß ihr ins Gesicht und mit erhobener Stimme sagte sie:

»M i ch können Sie tadeln und schelten aber meine Eltern zu schmähen, das verbitte ich mir."

Fast war es, als wollten sich die letzten Worte in ein Schluchzen auflösen, aber nur eines Augen­blicks Länge war das. Im Nu war es vorüber und bann sagte sie im trockensten Geschäftstone:

Die Frank hat das neue Kostüm geschickt. Ich habe es mitgebracht. Die Aermel sind zu kurz.

(Fortsetzung folgt.)