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Heissel-er Krtisdiatt
Mit wöchentlicher Kratis-peilage „Illustrirtes Aukerhaltungsblatt".
Nr. 35. Smuabcud dca 21. März 1891.
Erstes Blatt.
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Die Expedition.
Amtliches.
Hersfeld, den 18. März 1891.
Der am 17. Juli 1849 zu Reckerobe geborene Johannes Kurz aus GUterSdorf hat für sich und seine Familie um Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht.
2704. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Die Grund- und Gebäudesteuer-Rollen für daS Etatsjahr 1891/92 vom Steuerkaffenbezirk HerS- felb liegen zur gefälligen Einsicht vom 20. biS einschl. 24. d. Mls. im Kassenlokale von 8 bis 1 Uhr Vormittags offen.
Hersfeld, am 19. März 1891.
Hecker, Rentmeister.
GrafMoltke über die Eiahtitszeit.
Am Montag ergriff, wie bereits gemeldet, der Abgeordnete Graf Moltke im Reichstag bei 0er zweiten Lesung Oc< Etats deS ReichSrisenbahnamtS oas Wort über die Frage der Einheitszeit, d. h. der Gleichstellung aller Uhren in Deutschland. Gegenwärtig wird noch allerwärtS in Deutschland im bürgerlichen Leben nach Ortszeit gerechnet, die durch den Stand der Sonne bestimmt und daher von Längengrad zu Längengrad verschieden ist. Für den inneren Eijenbahndienst giebt es in Deutschland 5 Einheitszeiten; man rechnet in Norddeutschland einschließlich Sachsen mit Berliner Zeit, in Bayern mit Münchener, in Württemberg mit Stuttgarter, in Basen mit Karlsruher und in der Rheinpfalz mit Lud- wigshafener Zeit. Von großer Wichtigkeit ist es, daß wir statt dieser fünf Zonen eine erhalten, und daß nicht nur der innere, sondern auch der äußere Bahndienst (die Bahnuhren und Fahrpläne für da« Publikum) vereinheitlicht werde. Jetzt sind die fünf verschiedenen Bahnzeiten, wozu noch die vielen Ortszeiten kommen, eine große Erschwerung des Bahn, betriebe«, ganz besonder« in den Leistungen, welche für mili» tärische Zwecke von den Eisenbahnen gefordert werden müssen. Im Falle der Mobilmachung müssen alle Fahrtlisten, die an die Truppen gehen, in Ortszeiten und in den in Süddeutschland geltenden Einheitszeiten berechnet werden. Da« ist na« türlich, die Truppe« können sich nur nach der Uhr in ihren
Standquartieren oder ihrer Heimath richten. Ebenso verhält es sich mit den an die Eisenbahnverwaltungen abzusendenden Fahrplänen; auch diese müssen ähnlich berechnet sein. Diese wiederholte Umarbeitung kann leicht eine Fehlerquelle werden, die Fehler herbeiführt, die von sehr großer Bedeutung sein können. ES erschwert das ungemein, plötzlich die Dispositionen zu veranstalten, wie sie bei Stockung oder Unfällen auf der Eisenbahn augenblicklich gefaßt werden müssen.
Als Grundlage für die Einheitszeit eignet sich am besten der 15, Meridian (östlich von Greenwich). Er schneidet durch Norwegen, Schweden, Deutschland, Oesterreich und Italien und würde geeignet sein, um später vielleicht eine mitteleuropäische Zeit herbeizuführen. Bei dieser Zugrundelegung des 15. Meridians, des sogenannten Stargarder Meridians, entstehen an unseren äußersten Grenzen Zeitverschiedenheiten, im Osten von 31 Minuten, im Westen von 36 Minuten. In viel größeren Differenzen hat man in Amerika kein Hinderniß gesehen, und ebenso wenig in kleinen Differenzen in Süddeutschland.
Graf Moltke trat nun aber auch für die Vereinheitlichung der Zeitrechnung im bürgerlichen Leben ein und widerlegte die im Publikum dagegen bestehenden Bedenken, in dem er namentlich Folgendes ausführte: „Allerdings jat sich die schwerwiegende Autorität der Gelehrten unserer Sternwarten in diesem Kampf in entgegengesetztem Sinne ausgesprochen. Die Wissenschaft verlangt viel ^ehr als was wir wollen. Die ist nicht zufrieden mit einer deutschen Einheitszeit, auch nicht mit einer mitteleuropäischen, sondern sie will eine Weltzeit und daS gewiß mit vollem Recht von ihrem Standpunkte und für ihre Zwecke! Aber diese Weltzeit, welche auf dem Meridian von Greenwich bastrt, kann unmöglich inS praktische Leben eingeführt werden. Man müßte dann alle Ortszeiten beibehalten; auch was die Eisenbahnen betrifft, so haben sich alle Fachmänner dagegen ausgesprochen. Die Gelehrten der Sternwarte erkennen an, daß eine Einheitszeit möglich und gut ist, wollen sie aber nicht inS öffentliche Leben überführen, denn nur ein kleiner Theil des Publikums verkehre überhaupt auf der Eisenbahn. Ich kann nur erwidern, daß ein noch viel kleinerer Theil des Publikums Astronom, Geodät oder Meteorologe i st. Da die Wissenschaft die Beobachtungen anzustellen hat, so kann man ihr überlassen, die genaue Ortszeit zu bestimmen. DaS ist eine Arbeit, die einmal in aller Ruhe im Studir« zimmer gemacht wird. Die Eisenbahnbeamten sollen daS wiederholentlich im Dränge der Geschäfte fertig stellen. Uebri- gen« ist die Zahl der auf den Eisenbahnen Verkehrenden keine geringe. Man hat ausgerechnet, daß auf den Kopf der Bevölkerung jährlich sieben Meilen gereist werden. Die vornehmsten Reisenden sind die Trupp.n, die zur Vertheidigung des Vaterlandes an die Grenze geschafft werden, und diese verdienen die weitgehendste Berücksichtigung. Nun hat man die Bedenken vorgetragen, daß die Einführung einer gemeinsamen Zeit in das bürgerliche Leben Störungen verursachen wird. ES sind besonders die Unzukömmlichkeiten hervorgehoben worden, welche es für die Industrie und die Fabriken haben wird. Wenn die Zeitdifferenz vom 15. Meridian bis zu irgend einem anderen Ort, z. B. Neunkirchen, wo sie ungefähr 29 Minuten beträgt, bekannt ist, so ist es immer möglich, den Tarif, der in der Fabrik ausgehängt ist, danach zu modificiren. Wenn der Fabrikyerr im März seine Arbeiter bei Sonnenaufgang um 6 Uhr versammeln will, so wird der Tarif sie um 6,29 Uhr bestellen; will er sie int Februar um 6,10 Uhr versammeln, so giebt der Tarif 6,39 an u. s. w. WaS dann die ländliche Bevölkerung betrifft, ja, der ländliche Arbeiter steht nicht viel nach der Uhr, er richtet sich nach der Hofuhr und wird von der Glocke zur Arbeit gerufen. Wenn die Hofuhr verkehrt geht, was in der Regel der Fall ist, so kommt er vielleicht eine Viertelstunde zu früh, aber er wird nach derselben wieder entlassen. Im praktischen Leben wird sehr selten beim täglichen Verkehr eine auf Minuten gehende Berechnung gefordert. ES ist in vielen Orten üblich, daß die Schuluhr zurückgeftellt wird, damit die Kinder da sind, wenn der Lehrer kommt. Die Gerichtsuhr wird vielfach zurückge« stellt, damit die Parteien da sind, wenn daS Verfahren beginnt. Umgekehrt, in den Döcseru, welche nahe an der Eisenbahn liegen, stellt man in der Regel die Uhr einige Minuten vor, damit der Zug nicht versäumt wird. Und selbst dieses Hohe Haus leistet sich eine akademische Viertelstunde, welche oft noch überschütten wird."
Diese lichtvolle, von allen Sitten deS Reichstags mit Beifall aufgenommene Darlegung unseres Moltke wird dazu beitragen, daß die „Ruine" der parnkularistcjchen Zeitberechnung, die noch stehen geblieben ist aus der Zeit der deutschen Zersplitterung, bald beseitigt werden wird.
Politische Wachrichte«.
Se. Majestät der Kaiser, Allerhöchst- weicher am Mittwoch Mittag iu Spandau den dort stattfindenden Schießübungen beiwohnte, entsprach nach deren Beendigung einer Einladung des Officiercorps nach dessen Casino zur Früh- stückslafel und nahm alsdann auch noch au einem Preisschießen der Officiere Theil. Alsdann kehrte Se. Majestät mit den Herren seiner Be- glettvvg von Spandau aus zu Wagen wieder über Charlotteuburg und durch den Thiergarten nach Berlin zurück. — Am Donnerstag arbeitete Se. Majestät der Kaiser zunächst in den ftühe« Morgenstunden in seinem Arbeitszimmer längere Zeit allein und begab sich darauf, in Begleitung der Flügeladjutauten vom Dienst, zu Wagen vom Schlosse aus, die Linden entlang ic.» nach dem Milttärbahnhofe, um nach KummerSdorf zu fahren, und im Laufe deS Vormittags aus dem dortigen Schießplatz den daselbst stattfindenden großen Schießübungen beizuLphnew. , , .
Verschiedentlich ist die Meinung geäußert worden, daß der Reichstag und das Abgeordnetenhaus kaum noch in dieser Session zur Er- ledtguug der vorliegenden Gesetzentwürfe kommen werden. Im Reichstag steht vor Allem noch der Abschluß der Berathungen über das Arbeiter- schutzgesctz aus, während im Abgeordnetenhaus« von den großen Reformvorlagen noch die Land- gemeindeordnung und das Volksschulgesetz zu erledigen sind. Es kann mit Rücksicht auf den Wechsel in der Leitung des CultusmmisteriumS fraglich sein, ob ein Aufschub tu Bezug auf daS Volksschulgesetz etwa zulässig oder augebracht erscheint. Dagegen hält zweifellos die Regierung daran fest, daß die Laudgemeiudeordnuug ud& in dieser Session vom Landtage durchberathen werden soll. Das Gleiche gilt von der Novelle zur Gewerbeordnung (Arbeiterschutz) im Reichstage, müßte selbst Die parlamentarische Session über die ursprüngliche Absicht hinaus verlängert werden.
Die Leiche deS Adg. Dr. W i u d t h o r st traf in der Nacht zum Mittwoch in Hannover ein und wurde im Nebenraum des FürftenztmmerS deS Bahnhofs aufgebahrt. Eine überaus reiche Fülle von Kränzeu verdeckte den Metallsarg. Von /.2J Hot ab wurden die Deputationen und andere Leidtragende in kleineren Abtheilungen zu dem von 8 brennenden Candelaberu umgebenen und zwischen Lorbeerbäumen ausgestellten Sarge zu- gelassen. Eine außerordentlich große Anzahl von Vereinen mit ihren Fahnen versammelte sich aus dem Ernst-August-Platz. Viele auswärtige Ver- eine waren durch Deputationen vertreten. Die Einsegnung der Leiche wurde durch den General- mcar Hugo (Hildesheim) vollzogen. AlS Zertretet des Kaisers war der Flügeladjutaut und Com- maudeur deS Königs-Ulaneu-Regimeuts, v. Bütow erschienen, welcher der Familie deS Hingeschiedenen das Beileid Sr. Majestät auSsprach. Zahlreiche Mitglieder aller Fractionen des RerchS- und Landtages wohnten der Feierlichkeit bei. Die Avg. v. Heeremann und Graf Ballestrem machten die Honneurs und folgten dem Zuge unmittelbar nach dem Commandeur v. Bülow. Unter den Klängen eines Trauermarsches wurde der Sarg auf den Wagen gehoben. Der Zug setzte sich um 9‘/a Uhr unter großer Betheiligung in Bcwk« gung.