Beilage zur Nr. 107 des Kreisblatts.
Hersfeld, den 11. September 1890.
Cassel, 8. September. Se. Excellenz der commandirende General von Grolmann, sowie Se. Durchlaucht Prinz Friedrich vonHohenzollern fuhren am Sonnabend früh mit dem Zuge 750 von Bettenhausen nach Walburg ab zu den dort stattfindenden Manövern der 44. Jnf.-Brigade. Heute, Montag, beginnen die Divisionsmanöver bei Melsungen. Später ist das Hauptquartier 3 Tage lang in Homberg und zieht sich das Manöver bis Ziegenhain. Am 16. Abends enden in der dortigen Gegend die Manöver.
Cassel, 9. September. Die Manöverübungen der Cavallerie - Division, welche in der Gegend von Dresden stattfinden und zu welchen das hiesige Husarenregiment Prinz Friedrich von Hessen-Homburg hinzugezogen war, haben am Sonnabend ihr Ende erreicht. Seit gestern befindet sich das Husarenregiment auf dem Rückmarsch, welcher 20 Tage in Anspruch nimmt. Somit trifft dasselbe am 27. September hier wieder in seine Garnison ein.
Marburg, 4. September. Ein Unglücksfall ereignete sich am verflossenen Sonnabend in Rodenhausen durch unvorsichtiges Spielen mit einer Dynamitpatrone. Der 18jährige Sosn eines Zimmerers hatte sich eine im Besitze seines Vaters befindliche Patrone verschafft und versuchte dieselbe mit einem anderen jungen Burschen gemeinschaftlich zur Explosion zu bringen. Als letzteres jedoch nicht gelingen wollte, nahm er ein brennendes Zündholz und hielt dasselbe an die Patrone, worauf dieselbe auch 'richtig explo- dirte, dabei aber den Spielgenossen dergestalt im Gesicht und an den Händen schwer verwundete, daß demselben in der hiesigen chirurgischen Klinik, wohin er gebracht werden mußte, bereits ein Auge auf operativem Wege beseitigt wurde.
! Marburg, 8. September. Am Sonnabend stürzte der Dachdeckermeister Jean Schmidt von dem Dache des Barri'schen Neubaues in der Haspelstraße. Derselbe wurde zunächst in seine Wohnung und später in die chirurgische Klinik transportirt, woselbst er seinen Verletzungen in der folgenden Nacht erlegen ist. Schmidt hinterläßt Frau und ein Kind. Er war hier allgemein beliebt wegen seines bescheidenen und ruhigen Wesens und war ein sehr tüchtiger und gesuchter Arbeiter.
Frielendorf, 7. September. Der Aberglaube im Volke, daß man mit Tinte Brandwunden heilen könne, hat wiederum ein Menschenleben gekostet. In dem nahen Dorfe Lenderfchetd hatte ein zwei Jahr altes Kind, das nur kurze Zeit unbeaufsichtigt gewesen war, von einer Bank einen Eimer voll heißes Wasser heruntergeworfen und sich dadurch nicht unbedeutende Brandwunden in der rechten Seite zugezogen. Eine auf das Schreien hinzuetlende Verwandte des Kindes, begoß nun die Wunden mit Tinte. Der später herbetgeholte Arzt konstattrte, daß durch das Aufgießen von Tinte auf die an sich nicht gefahrvolle Brandwunde eine Blutvergiftung entstanden sei. Das arme Kind war trotz aller angewandter Gegenmittel nicht mehr zu retten. Es starb am anderen Tage.
Fritzlar, 8. Sept. Gestern Abend brannte ein unterm „Hellen* belegener und dem Gutsbesitzer B e r m o s e r gehöriger Weizenschober vollständig ab. Der Beschädigte ist glücklicherweise versichert. Ueber die Entstehung des Brandes konnte bis jetzt nichts festgestellt werden. Jedenfalls liegt für die Laüdwtrthe darin eine Mahnung, ihre Schober zu versichern.
Knickhagen, 6. Sept. Gestern traf die Familie Walter dahier ein schweres Unglück. Der einzige, 16jährige Sohn war in der Barthel- schen Obermühte bet der Dreschmaschine mit beschäftigt, gerteth dabei mit einem Fuß in das Getriebe und verlor denselben. Der Beklagens- werthe wurde sofort nothwendig verbunden und dann per Wagen nach Münden in das Krankenhaus gebracht.
Homburg, 6. Sept. Der Fürst und die Fürstin BiSmarck sind heute Nachmittag b Uhr unter lebhaften Hochrufen des zahlreichen Publikums abgercist.
Frankfurt a. M., 6. September. Aus den Morgen- blattern erfuhren heute diejenigen Bewohner Frankfurt«, welche sich eines gesegneten Schlafe« erfreuen, daß es in der Stacht wieder einmal auf dem Sachsenhciu er Berg, wo die
großen Frankfurter Bierbrauereien liegen, gebrannt habe. ES ist von uns schon kurz darüber berichtet. Aber die näheren Umstände dieses Brandes sind derart, daß sie wie ein Capitel aus einem Verbrecherroman erscheinen. Die „Vereinigten Brauereien" (Bauer, Gräfs und Seeger) hatten jahrelang einen aus Würtemberg gebürtigen Küfer Namens Gottfried Heinrich Hahn als Kellermeister beschäftigt, mußten ihn aber schließlich wegen fortgesetzter Unredlichkeiten entlassen. Seitdem sann der Mann, welcher 50 Jahre alt und Vater einer zahlreichen Familie ist, auf Rache. In verflossener Nacht schlugen plötzlich aus dem zweistöckigen Gebäude, in welchem sich unten die Küferei der Brauerei befindet, an vier Stellen die hellen Flammen aus, so daß die in dem Hause wohnenden Familien des Braumeisters und eines Schutzmanns sich nur mit Mühe rettenckonnten. Der sofort aufgestiegene Verdacht einer Brandstiftung wurde zur Gewißheit als man entdeckte, daß im Keller die Schläuche zerschnitten und etwa 2800 hl ausgelaufen waren. Und auch nach dem Brandstifter brauchte man nicht lange zu suchen. Als die Löscharbeiten beinahe beendigt waren, entdeckte man im Hofe an einem Bierwagen die Leiche des ehemaligen Kellermeisters Hahn. Er hatte sich nach Vollendung seines Rachewerks auf dem Schauplatze seiner verbrecherischen That aufgehängt und so der irdischen Gerechtigkeit entzogen. Den Anstrengungen der Feuerwehr gelang es, das Feuer auf seinen Heerd zu beschränken; das Gebäude selbst ist ausgebrannt, und der angerichtete Schaden wird auf 30- bis 35 000 Mk. geschätzt. Der Betrieb der Brauerei und der Bierversandt erleidet jedoch keine Störung.
Das Sedanfest und die Socialdemokratie.
Man wird uns Deutschen gewiß nicht nachsagen können, daß wir in der Feier des höchsten patriotischen Feste«, des Sedantages, des Guten zu viel thun. Was würden die Franzosen alljährlich ausstellen, welcher chauvinistische.Lärm würde losgelassen werden, wenn sie an jenem denkwürdigen Tage gesiegt hätten I Einige ausgestreckte Fahnen, ein einfacher Dankes-Gottesdienst und eine ernste Schulfeier am Vormittag, harmlose, heitere'Zusammenkünfte patriotisch gesinnter Männer mit ihren Familien — da« ist alles, was geschieht und nicht einmal überall geschieht. Aber wie wenig das auch ist, unsern Vaterlandslosen Socialdemokraten ist das noch viel zu viel. Nicht nur, daß sie sich an der Feier nicht betheiligen, sie verhöhnen und verspotten noch den Patriotismus der Andersdenkenden in pöbelhafter Weise. Die gesammte socialdemokratische Presse hat das auch diesmal wieder bewiesen. Beispielsweise seien nur nachstehende Sätze des Lieb- knecht'schen Organs, des Leipziger „Wählers" mitgetheilt:
„Nicht alle Götzen sind schon zerschmettert. Es sind noch übrig z. B. der Heilige Sedan, dem gestern geopfert wurde. Mit welcher Unduldsamkeit, welchem schreienden Eifer die Anbeter dieses Blutgötzen ihren Kultus betreiben! An dem Lärm erkennt man schon die Unehrlichkeit. DaS ist kein deutsches Fest, die Feier dieses sonderbaren Heiligen. ES ist ein Parteifest in des Wortes schlimmsten Sinne; die „Patrioten" — d. h. die Molochs- und Mammons-Anbeter — feiern ihre Götzen: den Moloch und den Mammon. Sie wissen, daß das Volk nichts mit dem Feste zu thun hat, und deshalb schleppen sie die Kinder aus den Schulen und werfen die Arbeiter auf die Straße, damit es dem patriotischen Mammons- und Molochsdienst nicht an einem Chorus und einem Publikum fehlt, welches das „Volk" darstellt. An den meisten Orten Deutschlands haben die Massen in richtigem Instinkt das Sedansfest abzeschafst. Mit um so größerem Fanalismus wird es da begangen, wo die Reaktion sich noch Meisterin fühlt. Doch das sind nur noch vereinzelte Punkte im großen Deutschland. Und — sonderbar, wenn auch sehr natürlich — die Anbeter des Heiligen Sedan sind einerlei mit den Anbetern des BiSmarck und des Boulanger. Der BiSmarck und der Boulanger sind zu Boden geworfen — und der „Heilige Sedan" wird ihnen nachfliegen. Je eher desto besser."
Vermischst-.
— Berlin, 8. Sept. Eine erschütternde Nachricht ist vom W a n n s e e hier eingetroffen. Der bekannte Bildhauer Joseph Kaffsack und der Maler P a u l W e t m a r sind gestern Nachmittag in der fünften Stunde ein O p f e r der sturmgepeitschten Fluthen des großen Havel se.es geworden. Kaffsack besaß ein eisernes Segelboot, mit dem er gestern eine Lustfahrt auf der Havel unternahm. In seiner Begleitung befanden sich Paul Weimar und der Maler K a r l I u n g. Man befand sich bereits auf der Rückfahrt nach Wannsee und hatte etwa die Höhe des „Breiten Horns" erreicht, als das Boot, das keineswegs übertakelt war, plötzlich ein L c ck erhielt und mit dem Heck ins Wasser tauchte. Ehe man die Pumpen in Bewegung setzen konnte, hatten die hochgehenden Wellen das Boot vollgeschlagen, und in wenigen Minuten war es in den Fluthen versunken. In der Noth suchten die drei Künstler das Gladower Ufer durch Schwimmen zu erreichen. Jung nahm die Führung, die beiden Anderen folgten. Als sich aber Jung nach einiger Zeit umwendete, um nach seinen beiden Gefährten zu sehen, waren dieselben verschwunden. Nur mit Mühe gelang es dem ermatteten Jung, sich so lange über Wasser zu halten, bis ein herheigeeilteS Boot ihn aufnehmen
| konnte. Das Boot fuhr sofort zur Unglücksstelle zurück, fand jedoch nur noch einige Kleidungsstücke und losgelöste Bootstheile auf dem Wasser.
— E i s e n a ch, 8. September. In Kalten- nordheim verwundete Julius Büchner den Gendarm B e t t t n durch d r e i S ch ü s s e im Kopf und Rücken und erschoß sich dann selbst.
— Mainz, 8. September. Die hiesigen Schutzleute haben einen sonderbaren Auftrag erhalten: sie muffen, wie der „Voss. Z." geschrieben wird, auf barfuß umherlaufende Kinder fahnden und dann deren Eltern ermitteln. Sind es unbemittelte Leute, so wird ihnen aus dem städtischen Armenfonds das erforderliche Schuhwerk verabfolgt.
— Köln, 8. September. Die große Maschinenhalle der hiesigen Kriegskunstaus- stellung ist in der vergangenen Nacht abgebrannt. Von den sonstigen Gebäuden der Ausstellung ist nichts beschädigt.
— Stuttgart, 7. September. Ein in Friedrtchshafkn abhanden gekommener Postbeutel wurde, seines Geldinhaltes beraubt, im Bodensee gefunden.
— Dortmund, 6. September. Eine gelungene Episode spielte sich gestern Morgen auf dem Standesamte ab. Zum Zwecke der Ver- ehelichung war ein Brautpaar erschienen und zwar der Arbeiter R. und die unverehelichte G. Er zählt 60, sie 20 Sommer. Nachdem die erforderlichen Formalitäten erledigt und der Standesbeamte die üblichen Fragen an das Brautpaar gerichtet hatte, antwortete der Bräutigam mit „ja", während die Braut ein schluchzendes „nein" von den Lippen preßte — Tableau! Da nunmehr der Standesbeamte von einem Schließen der Ehe Abstand nehmen mußte, zogen die Zeugen ab und überließen dem gemeinschaftlich abziehenden Brautpaar das Wettere. Alle Versuche, die Braut zu einer Sinnesänderung zu bewegen, erwiesen sich als furchtlos. Die Braut liebt, wie sie sagte, einen Andern.
— Die Nachrichten aus den U e b e r s ch w e m - mungsgebieten lauten etwas günstiger. Rhein, Elbe und Donau fallen wieder. Aus Prag wird gemeldet, daß die Gefahr beseitigt sei. Die Zahl der in der Hochflnth an der sächsisch- böhmischen Grenze umgekommenen, wird mit 21 beziffert. Schwerbetroffen ist gegenwärtig die Gegend bei Torgau, wo das rechte Elbufer bS zum Elstergebiet meilenweit unter Waffer steht. Auf dem linken Elbufer bei Belgien hat ein Deichbruch stattgefunden, in Folge dessen die niedrig gelegenen Häuser Torgaus bedroht sind.
— Folgenden zärtlichen. Brief schrieb dieser Tage ein Berliner Dienstmädchen an seinen Wilhelm, welcher Hausknecht in demselben Etablissement ist, wo es selbst die Funktionen eines Hausmädchens zu verrichten hat: „Hochsgeltechter Wielehm den haben Sie sich Schon überlecht Wie das aus uns Beide Werden Wrut. Hochgeltechter Wtelehm Denn ich hab mir schon alles über Lecht, wie Wirs Beede Mähern Weben Hochsgeltechter Wtelehm So ein wie sie sind weroe ich wol nicht wieder zu Sehen Bekom und Bitte Nem Sie das zu Herzen — ihre mit Rockens ihre Drohe Liebe Auguste Braun. Verlies nicht Mein."
— (O diese Fremdwörter!) Im Kundenverzeichniß eines bekannten Industriellen aus Frankfurts Nachbarschaft, welcher nach den Reichslanden bedeutende Geschäfte macht, sind hinter jedem Namen die durch die Reisenden gesammelten besonderen Ansichten über den persön. lichen Charakter des Inhabers vermerkt. Hinter einer Firma, die durch ihre Chicanen berüchtigt ist, steht das Wort: Chtcaneur*. Bet Adressirung der Reise Avise schrieb nun kürzlich ein ahnungsloses Lehrbübchen, dem der Sinn des mysteriösen Fremdwortes ein Räthsel war, aus das Couvert: „Herrn P. R. . . ., Chtcaneur in R." — Der Reisende wurde von dem Adressaten natürlich sehr warm empfangen und portofrei auf die Straße expedtrt. In dem Hause des Lieferanten jedoch soll eine Lehrlingsstelle offen geworden sein.
— (Aus d e m O l d e n b u r g t s ch e u.) Der unserm Großherzog gehörige, auf der Reise deS letztern nach Süddeutschland abhanden ge» kommene Koffer, enthaltend werthvolle Orden, hat sich plötzlich tu einem Gepäckraum der Güterspedition Euttn, so wie er aufgeliefert war, wiedergesnnben.