Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag unb Sonnabend, Nbonnementsprei«: vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. excl.

Postaufschlag.

Die Jnsertion-gebühren betragen für den Raum einer Spaltzeile 10 Pfg., im amtlichen Theile 15 Pfg. Reklamen die Zeile 20 Pfg.

Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.

Hersstl-er Kreisbilltt.

Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage »Mustrirt« Nnteryallnngrklatt".

Nr. 80.

Doimcrstag den 10. Juli

1890.

Avonnements-Ginladung.

Bestellungen auf das

Kersfewer Kreisblatt mit der wöchentlicher» GratisBeilage wJlluftrirtes Unterhaltungsblatt" pro III. Quartal werden von allen Kaiser« lichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.

Amtlicher.

Gaffel, den 24. Juni 1890.

Die Königliche Regierungs-Hauptkasse ist ange­wiesen worden, den Standesämtern des diesseitigen Bezirks die seitens des Königlichen statistischen Büreaus festgestellten Kopialienemschädigungen für die im Etatsjahr 1889/90 ausgestellten und eingereichten Zählkarten über Geburten, Ehe­schließungen und Sterbefälle gegen Quittung zu zahlen.

Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenst, die Standesbeamten hiervon mit dem Bemerken in Kenntniß setzen zu wollen, daß, wenn die Ab­hebung bei den betreffenden Steuerkassen nicht binnen 4 Wochen erfolge, die Zustellung der an­gewiesenen Beträge durch die Post portofrei stattfinden werde.

Der Regierungs-Prästdent.

In Vertretung: von Pawel.

An die sämmtlichen Herrn Landräthe des Be­zirks und die Herren Oberbürgermeister hier und zu Hanau. AHl. 6320.

Hersfeld, den 7. Juli 1890.

Wird den Herren Standesbeamten des Kreises zur Kenntnißnahme mitgetheilt.

J. A. 853. Der Königliche Landrath

Freiherr von S ch l e t n i tz.

Am Lutz des Aeonquija.

Ein Roman von G. Reuter.

(Fortsetzung.)

Hinter den zerbrochenen Fensterscheiben standen bestaubte Flaschen, mit grünem, gelbem und rothem Inhalt, daneben Lederriemen, wie sie das Volk braucht, die Sandalen festzuschnüren und um Wagenräder und Zaumzeug auSzubessern. Auch Paraguaythee, lange Messer und Schieß- Pulver, die Haupterfordernisse des täglichen Lebens gab es hier zu kaufen.

Der Wirth, ein struppiger Italiener, der früher Arbeiter in RöverS Fabrik gewesen war, kauerte am Feuer und störte stumpfsinnig mit einer Etsenstange in den Flammen, damit sie das Wasser in einem Kessel zum Sieden bringen sollten.

Ein großer schmutziger Tisch, welcher Reste von Tabak und Flüssigkeiten aufwies, stand in der Mitte der Stube. Daran saß auf einem Solzschemel, vom Schlaf überwältigt, eine Frau.

ie hatte ihre Ellbogen auf den Tisch gestützt, der Kopf war ihr in die Hände gesunken. Vor ihr auf den Tisch in eine Decke gewickelt, eine zweite unter den Kopf gelegt, schlief ruhig und sanft ein Kind, ein kleines Mädchen, auf bessert Gefichtchen der Schein der OeUampe fiel. Welch

Hersfeld, den 4. Juli 1890.

An Stelle des verstorbenen Heinrich Nebe ist der Ackermann Berthold Lieber zu Rotterterode zum Ortsschätzer für diese Gemeinde bestellt worden. 6286. Der Königliche Landrath

_______________Freiherr von Schleinitz.

Hersfeld, den 5. Juli 1890.

Diejenigen Herrn Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche mit der Wiedereinreichung des landwirthschaftlichen Unternehmer - Verzeichnisses cfr. diess. Verfügung vom 18. v. Mts. J. A. Nr. 755, im Kreisblatt Nr. 73 noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 10. d. Mts. erinnert.

J. A. Nr. 755. Der Sectionsvorstand.

Freiherr von Schleinitz, Landrath.__

Hersfeld, den 4. Juli 1890.

Der Ackermann Heinrich K l o m p zu ReiloS ist alS Bürgermeister dieser Gemeinde auf 8 Jahre gewählt und heute eidlich verpflichtet worden.

6294. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz.

* Religion und Socialdemokratie.

Das Gothaer Programm der Socialdemo­kraten von 1875, auf welches hin sich die einst­mals feindlichen Richtungen der internationalen Eisenacher (Partei Bebel-Liebknecht) und der An­hänger Lassalles (unter Hasenclever) vereinigt hatten, erklärt die Religion für Privatsache, d. h. Jeder soll, insbesondere auch von Partetwegen, glauben, was er will. Schon vor 15 Jahren gab eS Socialdemokraten, welche hiermit nicht einverstanden waren und verlangten, daß die Partei offen gegen alle Religion und folglich erst recht gegen jede konfessionelle Richtung feindlich auftreten müsse. Für sie waren mehr noch als die Monarchie die Religion und die Konfessions- genoffenschaften der wahre Feind, in dem Sinne, daß nur in einer gottlosen Gesellschaft der

lag das braune Haar um die weiße Stirn und die runden blühenden Wänglein.

Die Mutter hatte es davor behüten wollen, daß eS bet einer heftigen Bewegung im Traume auf dem unsicheren Lager Schaden leide.

Aber sie mußte sehr ermüdet sein, denn sie wachte nicht auf, als Paul verwundert näher trat.

Der Italiener am Feuer hob den Kopf und wies mit einer mitleidigen Bewegung auf die Schlafende. Ein graues Kleid umschloß nicht ohne Eleganz ihre zarten Formen. DaS braune Haar, im Nacken mit einer schwarzen Schleife zusammengenommen, gab mit seinen weichen Ringen dem Köpfchen eine kindliche Rundung.

Paul sah bestürzt bald auf sie, bald auf das Kind.

Eine Dame!" flüsterte der Italiener mit beinahe komischer, abergläubischer Ehrfurcht.

Sie kam herein, als das Wetter so schlimm wurde."

Vorsichtig beugte Paul sich zu dem Kinde nieder. Da schlug die Kleine ihre Augen groß und vom Traum verklärt zu ihm auf. Die Beiden betrachteten sich einige Secunden schweigend und lächelnd. Dann hob sie das Köpfchen, reckte daS Körverchen aus den Decken, bis sie zu ihm hinaufreichte und flüsterte ihm mit geheimniß­voller Erwartung und zutraulicher Unbewußtheit tnS Ohr:Du bist wohl mein Papa?"

Röver wußte nicht wie ihm geschah. Er hätte

socialistische Zukunftsstaat möglich sei. Allein man fürchtete die abschreckende Wirkung eines so craffen Standpunktes und es sollte, nament­lich um die socialistische Agitation unter der Landbevölkerung nicht zu beeinträchtigen, die Religions- und Glaubenslosigkeit nicht als Par­teigrundsatz aufgestellt werden.

In der Parteipresse und in der Broschüren- literatur ist jedoch der Haß gegen den Glauben und besonders gegen das Christenthum häufig unverhüllt hervorgetreten. Viele Ausdrücke, welche z. B. der ehemals ZüricherSocialdemo­krat" gegen das Christenthum brauchte, erwecken Abscheu vor der trostlosen Unwissenheit und Selbstüberhebung, die sich in ihnen widerspiegelt. Der Socialdemokratie, welche das Heil der Mensch­heit fast nur in einer anderen Vertheilung der materiellen Güter erblickt und ein Glück ohne materiellen Lebensgenuß kaum anerkrunt, wurde häufig eine größere Culturmisston zugeschrieben, als sie das Christenthum jemals gehabt habe.

Die Mehrzahl der Abgeordneten der Partei bezeichnet sich alscoufesstonslos" oderreligions­los" oderDissident" oderfreireligiös". Un­abhängig von der Fraction war schon früher und ist jetzt wieder in Berlin eine Bewegung im Gange, welche den Massenbeitritt von Arbeitern zu den sog. freireligiösen Gemeinden bezweckt, damit einmal gegen das Christenthum demonstrirt und die wahre Ueberzeugung auchbethätigt" werde. Ein socialdemokratisches Blatt, die Sächsische Arbeiterzeitung", ist nun gegen eine solche Demonstration aufgetreten, nicht etwa weil man sich damit ein trauriges Armuthszeugniß ausstellt, sondern weilein zielbewußter Arbeiter über alles Religiöse (also auch über das Wenige an Religion in den freien Gemeinden) hinaus sei." Schon wer eine allgemein gültige Moral predige, sei ein gefährlicher Idealist, eS gebe nur eineClassenmoral" und dieWohlgesinnten", die allgemeine moralische Forderungen aufstellen, führen in den Sumpf der wohlmeinenden Spieß-

nicht lachen können zu der wunderlichen Zu- muthung.

Die Kleine war auch zu niedlich. Sie setzte sich aufrecht und betrachtete Paul mit ihren dunklen Augen sehr eingehend.

Mama schläft," sagte sie verständig mit dem Kopfe nickend.Sie ist so müde."

Du Du bist komisch!" kicherte sie mit einemmal in sich hinein und erschrak dann vor dem eigenen Vertrauen zu dem unbekannten Manne. Als Paul, der durch daS heimathliche Geplauder deS süßen KindeS in dieser wüsten wilden Umgebung ganz verstört und fassungslos war, ihr aufmunternd aber ungeschickt über daS Haar streichen wollte, warf sie das Köpfchen jäh zurück und griff nach ihrer Mutter Armen. Dazu rief sie laut und angstvoll:Mama, Mama!"

Die Frau zuckte erschrocken auf.

Dieselben braunen durchsichtigen Kinderaugen starrten Paul an, dasselbe süße kleine Hündchen unter einem feinen, abgestumpften Rüschen fragst erschrocken:WaS ist, Munterchen? Ach?" Beim Anblick deS fremden Herrn richtete sie sich verwirrt zurecht, strich das Haar aus der Stirn und suchte den Bann des Schlafes von sich ab« zuschütteln. , _

ES ist ganz unverzeihlich, daß ich Sie stören mußte," murmelte Paul erröthend.

Das Kind hatte die Arme um seine jungt