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__________Mit wöchentlicher chratis-Meilage ^Illustrirtes Nuttrhaliuugsölatt".________

Nr. 71. Donnerstag den 19. Juni 1890.

Amtliches.

Hersfeld, den 17. Juni 1890.

Diejenigen Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche noch mit der Erledigung meiner Verfügung vom 11. März d. J. Nr. 2601 Kreis­blatt Nr. 31 bezw. vom 29. Mai d. I. Nr. 5089 im Kreisblatt Nr. 64 die Vertilgung der Raupennester sowie das Einfängen von Kohl­weißlingen betreffend, im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 23. d. Mts. erinnert. 5734, Der Königliche Landrath.

In Vertretung: Braun, Kreisdeputirter.

Hersfeld, den 17. Juni 1890.

Die Herren OrtSvorstände deS hiesigen Kreises werden an die Einzahlung der Beiträge für die Hessen-Nassauische landwirthschaftliche Berufs- genossenschaft, mit Frist bis zum 28. d. Mts. erinnert.

! A. Nr. 608. Der Königliche Landrath.

Ja Vertretung: Braun, Kreisdeputirter^

Gefunden: eine Brille. Meldung des Eigen- thümers bei dem Ortsvorstand zu Sorg«.

Aus dem Reichstage.

Berlin, 16. Juni. In der heutigen (18.) Sitzung wurde der schweizerische Niederlassung so ertrag ^ in dritter Berathung definitiv genehmigt und darauf die zweite ( Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend die G-e w e r b e - i gcrichte, fortgesetzt. Bei der heutigen Abstimmung über | S 1 wurde unter Einfügung des Zusatzes, welchem zufolge | die Genehmigung des Ortsstatuts nur versagt werden darf, | wenn dessen Bestimmungen im Widerspruch mit den Gesetzen l stehen, $ 1 im Uebrigen in der Fassung der Commission an- g genommen. _ § 3 erhielt folgenden Zusatz:Streitigkeiten j über eine Konventionalstrafe, welche für den Fall bedungen g ist, daß der Arbeiter nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses

ein solche« bei anderen Arbeitgebern eingeht oder ein eigenes l Geschäft errichtet, gehören nicht zur Zuständigkeit der Gewerbe-1 gerichte." Eine längere Discussion knüpfte sich an den von der Commission beantragten neuen $ 3 a, der unter gewissen Voraussetzungen die Gewerbegerichte auch auf das Haus­gewerbe ausgedehnt wissen will und der unter Ablehnung der gestellten AbänderungSanträge die Genehmigung des Hauses findet. Nach § 8 der Commissionsbeschlüsse wird die Be­rufung als Beisitzer zum Gewerbegerichte von dem zurück­gelegten 30. Lebensjahre und von einem zweijährigen Aufent­halte am Wohnorte sowie davon abhängig gemacht, daß der Betreffende im letzten Jahre keine Armcnunterstützung empfangen hat. Ein deutschfreisinniger Antrag will die Altersgrenze auf das 25. Lebensjahr herabsetzen; ein socialdemokratischer außer­dem die bezügliche Aufenthaltsdauer von zwei auf ein Jahr herabsetzen, sowie die Bestimmung betreffend die Armenunter- stützung streichen. Die Debatte, an welcher sich die Abgg. Eberty (deutschsreis.), DreeSbach (Soc.-Dem.), Dr. Porsch (Centr.), Ackermann (deutsche.), Grillenberger (Soc.-Dem.), Dr. Miguel (nab.-lib.), Heine (Soc.-Dcm.) und Rösicke (bei keiner Fraction) betheiligten, und in welcher StaatSsecretär im Reichsamt deS Innern Staat», minister Dr. v. B 0 e t t i ch e r die Ablehnung sämmtlicher Ab- änderungsanträge befürwortete, wurde nicht zum Abschlüsse gebracht, sondern gegen 4/4 Uhr auf Dienstag 17. Juni, Nachmittag« 1 Uhr, vertagt.

Berlin, 17. Juni. In der heutigen (19.) Sitzung de« Hauses wurde bei Fortsetzung der zweiten Berathung de« Gesetzentwürfe«, betreffend die G c w e r b e g e r i ch t e, die Debatte über 8 8 (Anforderungen an die Mitglieder der Ge- werbegerichte) noch einige Zeit fortgeführt und darauf in namentlicher Abstimmung der Antrag der Abgg. Eberty (deutschsreis.) und Genossen, die Altersgrenze von 30 auf 25 Jahre herabzusetzen, mit 132 gegen 86 Stimmen abgelehnt. Das Haus verwarf auch die übrigen Amendements und genehmigte den § 8 unverändert in der Fassung der CommissionSbeschlüsse. Bei § 11 hat die Commission den Zusatz beschlossen, daß die Wahl der Beisitzer eine unmittelbare und geheime sein solle; die Abgg. Ackermann (cons.) und Genossen beantragen, diesen Zusatz zu streichen, während die Abgg. Auer (Soc.-Dem ) und Genossen einen Zusatz be­antragen, wodurch die Wahlen des Sonntags stattfinden sollen und außerdem die Bestimmung der CommissionSbeschlüsse, daß die Wahl auf mindestens ein Jahr und auf höchstens sechs Jahre zu erfolgen habe, dahin abändern wollen, daß die Wahl auf zwei Jahre erfolgen solle. Bei der nach längerer Debatte erfolgenden Abstimmung wird auch dieser Paragraph

unter Ablehnung sämmtlicher Amendements unverändert in der Fassung der CommissionSbeschlüsse angenommen. Bei 8 12 (Berechtigung zur Wahl) liegen Anträge der deutsch- freisinnigen und der socialdemokratischen Fraction vor, welche auch den Frauen daS acüve Wahlrecht einräumen wollen; letztere will außerdem die Altersgrenze von 25 auf 21 Jahre herabsetzen. Nachdem in der Discussion diese Zulassung der Frauen auch von dem StaatSsecretär im ReichSamt des Innern, Staatsminister Dr. v. B 0 e t t i ch e r, bekämpft worden waren, wurde nach 5 Uhr die Debatte über den § 12 geschlossen, vor der Abstimmung aber die Vertagung beschlossen. Morgen: erste Berathung des zweiten Nachtragsetats und Fortsetzung der heutigen Berathung.

Politisch« Nachrichten.

Am Dienstag früh 6 Uhr unternahm S e. Majestät der Kaiser in Begleitung der Flügeladjutanten vom Dienst zunächst einen Spazierritt in die Umgegend des Neuen Palais und von Potsdam. Von diesem zurückgekehrt gewährte derselbe dem Maler ProsessorLenbachauS München, zur Ausnahme einer Portrait-Sitzung, im Neuen Palais eine längere Sitzung, arbeitete - darauf von Vormittags 9Vi Uhr ab mit dem Chef des Civil-Cabinets Wirkl. Geh. Rath Dr. von Lucanus und nahm später die Marine» Vorträge entgegen. Mittags arbeitete der Kaiser hierauf auch noch einige Zeit mit dem Vertreter des Chefs deS Militär - Cabinets Oberst von Oidtmann und hatten sodann um 1 Uhr noch mehrere höhere Offictere zur Abstattung persön» licher Meldungen Die Ehre des Empfanges. Am Nachmittage um l*/4 Uhr fand im Marmorsaal des Königlichen Stabtschloffes zu Potsdam eine größere Tafel statt, zu welcher über 100 Ein» ladungen ergangen waren. An derselben nahmen dre Allerhöchsten und die Höchsten Herrschaften nebst Gefolge, die zur Zeit in Berlin anwesenden Fürstlichkeiten und viele andere distinguirte und hohe Personen theil.

Ein Extra-Ausgabe des Reichsanzeigers ver»

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Am fuß des Aronquija.

Ein Roman von G. Reuter.

Nachdem eine lange Viertelstunde vergangen war, kam ein Mann in einem geflickten rothen Wolleuhemd mit großen Schritten auf daS Haus zu. Den von Regen und Sonne arg mit- genommenen Filzhut lüftend, sah er unter buschigen Brauen hervor, verwundert auf das junge Mädchen, welches ihr zerrissenes Kleid zusammenfassend, würdevoll vor ihm stand.

»Da kann ich ja wohl gar Deutsche begrüßen,» agte er schwerfällig, wie Jemand, der so wenig pricht, daß er seinen Wort''' "

uchen muß. Mit gutmüth >abei auf Elses verwirrte bl

Schatz erst zusammen- ägem Lächeln sah er ' rchten, welche

. i.s^----rte blonde Flechten, welche ihr aufgelöst über die Schultern fielen.

Sie faltete unwillkürlich die Hände.

»Sie werden uns helfen; wir sind verirrt, müde und hungrig.»

Nn?^.^^"??^ ^ Antwort Brot und rothen wÄbÄ Ed°* »W^ W' i an^^i-^bnisse werde ich später erfahren i Auen weiter helfen kann. Jetzt

i Freilich in der Wildniß

Er öffnete mit diesen Worten den Zugang

zu einem zweiten Raume und wies auf ein eisernes Feldbett hin. Schon halb im Traume sank das junge Mädchen darauf nieder, während sie wie aus weiter Ferne, hinter einem Nebelmeer eine Thür wieder schließen hörte.

Als Elfe erwachte, war er hell um sie her, ein bläulichklarer Glanz erfüllte das Gemach. Sie erhob sich und öffnete das kleine Fenster. Da strömte ihr eine kühle Luft entgegen. Durch die Säulen der Veranda blickte sie in eine stille, vom Licht deS Vollmonds zauberisch verklärte Welt. Er schien so hell, daß sie die feinsten Ranken der Lianen zu unterscheiden vermeinte und doch ragten die Berge gegenüber finster in einen Himmel, der von dunkelblauem Glase zu sein schien.

Trotz der Nacht flimmerte kein Stern, denn daS Mondlicht überstrahlte sie alle. ES wob einen silbernen Rand um jedes Blatt, um jedes Zwetglein, um jedes GraS der schlummernden Wiesen. Und in daS feierliche Schweigen tönte, wie eine Riesenorael, die majestätische Stimme der stürzenden Wasser.

DaS Mädchen lauschte hinauSgebogen mit er­hobenem Kopfe, mit geöffneten Lippen dem er­habenen Geheimniß der Nacht. Sie liebte daS Sonnenlicht mehr als den Mond, den frischen Morgen mehr als den Abend. Alles Klare, Durchsichtige sagte ihrem klaren, in gewissem

Sinne nüchternen Wesen mehr zu, alS Dämme­rung und nebelhafte Schwärmerei.

Heute war ihr zum ersten Male das Vertrauen in die eigene Kraft gründlich erschüttert. Sie fand sich nicht mehr zurecht in sich und der Welt. Sie stand wie in einer fremden Einöde, die ihr Schrecken und Angst einflößte sie begann sich zu fürchten vor den unbekannten dämonischen Gewalten der Natur und deS Lebens.---

Am folgenden Morgen erfuhr Elfe, ihr Be» gleiter habe sich in der Posada*) ein Pferd geborgt und sei noch am vergangenen Abend davon geritten. Der Besitzer des Blockhauses hatte ihn nicht einmal zu sehen bekommen. ElfeS Bestürzung, in dieser rücksichtslosen Weise von Heinrichsen verlassen zu werden, milderte sich etwas, als ihr Wirth seinen Namen: von Otten- hausen nannte, und es sich ergab, daß er ein Freund ihres Bruders sei. Vielleicht hatte Heinrichsen von diesem Umstand gewußt, und war, Elfe unter gutem Schutz glaubend, zu seinen Pflichten in der Fabrik zurückgekehrt.

Ottenhausen erbot sich freundlich, Elfe selbst an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten. Er hatte bereits zu früher Stunde einige Arbeiter nach den vermißten Pferden ausgeschickt. Die Thiere waren denn auch in einer der Seiten- schlachten des Goldlochthales aufgefunden worden«

*) Posada ss WirchSZau»,