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Beilage zur Nr. 63 des Kreisblatts.

Hersfeld, den 31. Mai 1890.

* Dem Vorstände der hessischen Bienenzüchter ist die Abhaltung einer Werthlotterie bei Ge­legenheit der im Monat Juli l. I. in Fulda stattfindenden II. Wanderversammlung genehmigt worden.

* Zur Beseitigung von Zweifeln darüber, ob die nach § 4, Ziffer 2 der Bekanntmachung vom 5. Juli 1889, betreffend die Prüfung der Zahnärzte, behufs Zulossung zur Prüfung nachzuweisende mindestens einjährige praktische Thätigkeit bei einer zahnärztlichen höheren Lehr­anstalt oder einem approbirten Zahnarzte auch innerhalb des nach Ziffer 3 erforderlichen zahn­ärztlichen Studiums von mindestens vier Halb­jahren auf einer deutschen Universität ausgeübt werden darf, hat der Bundesrath sich dahin ausgesprochen, daß diese praktische Thätigkeit außerhalb der vorgeschriebenen Studienzeit statt- finden muß.

*Brodschneidemaschinen mannigfacher Art sind längst in vielen Haushaltungen zu finden. Jedoch ist das Aufstreichen der Butter auf die Brodscheiben oderSchmieren" bis heute noch Handarbeit und zwar, der Regel nach, Arbeit der Frauenhand geblieben. Nun ist aber, wie das Berliner Patentbureau Gerson u. Sachse schreibt in Amerika auch eine Maschine aufge­taucht, welche in der Stunde etwa 750 Brod­scheiben mit Butter, Fett u. s. w. bestreicht. Das Werkzeug ist eine Walzenbürste, welche eine dünne aber gleichmäßige Schicht Butter selbstthätig auf die eine Seite der Brodscheide austrägt.

Rotenburg a. F., 27. Mai. Am zweiten Pfingsttage ritt ein Arbeiter von hier ein Pferd in die Fulda zur Schwemme. Unterhalb des Wehrs jedoch gerieth er in zu tiefes Wasser und Mann und Roß verschwanden. Glücklicher­weise war noch ein Knecht, Namens Janson, in der Nähe. Dieser ließ sein Pferd zurück und schwamm der gefährlichen Stelle zu. Es gelang ihm denn auch mit eigener Lebensgefahr, den Untergesunkenen wieder zu erfassen und so ging der Unfall noch glücklich vorüber.

Weisungen, 28. Mai. Ein Unglücksfall trug sich heute hier zu, welcher wieder eine ernste Warnung enthält. Ein Herr von Hümme war mit seinen Kindern hier zum Besuche anwesend. Das jüngste Kind, ein Mädchen von 3'/2 Jahren, hat sich beim Spielen entfernt und ging auf dem Wege nach Schwarzenborn vorwärts. Ihm be­gegnenden Leuten antwortete es auf die Frage, wo es hingehe, daß es nach seinem Vater wolle, der voraus sei, worauf die Leute es weiter gehen ließen. Später ist das Mädchen nun durch einen unglücklichen Zufall in die Fulda gerathen und darin ertrunken. Auf dem Felde arbeitende Leute sahen von Weitem, wie das Kind in den Fluß stürzte und eilten hinzu, allein es war bereits zu spät; das arme Kind konnte nur noch als Leiche herausgezogen werden.

Ztmmer-rode, 27. Mai. (Verunglückt.) Der Grundbesitzer N. aus Trockenerfurt mußte am vorigen Sonnabend seinen Leichtsinn, selbst angesichts eines herannahenden Zuges noch den Elsenbahndamm überschreiten zu wollen, mit dem Leben büßen. N. wollte sich von seinem auf der anderen Seite des Schienenstrangs liegenden Felde in das Dorf zurückbegeben, als der Frankfurt-Caffeler Abendzug die Strecke passirte. In unbegreiflicher Verblendung gedachte der schon ältliche N. noch vor demselben Hinüberzugelangen, doch schon über die erste Schiene stolperte er und fiel hin. Obwohl nun der Locomotivführer sofort Contredampf gab, gelang es ihm nicht, den in voller Fahrt befindlichen Zug zum Stehen zu bringen. Der Unglückliche wurde von der Maschine erfaßt und so gewaltig von dem Bahndamm herabgeschleudert, daß der Tod augenblicklich eintrat.

Cassel, 28. Mai. In einem Laden entstand durch Umfallen einer Spirituslampe ein nicht unbedeutender Brand, wodurch Waaren im Werthe von mehreren hundert Mark verbrannten. Der Brand wurde durch das Geschäftspersonal

Sport.

^. Vor Kurzem berichteten wir von dem am «Sonntag, den 15. Juni a. crt8. in Fulda stattfindenden großen Velociped-Fest (Strahen-Wettrennen auf ca. 50 Kilometer des Gau 9 Frankfurt a. M.), arrangirt vom Fuldaer Radfahrer-Verein, welche» in den Räumen der Hrantztrie bezw. des landgräfl. Schl-hgartcn« abgehalten wird.

Auf die Einladung seitens des Festcomitee's sind bereits zahlreiche Anmeldungen von Renn-Fahrern, Velocipe- disten x. k. erfolgt. Das Fest verspricht hiernach ein großartiges zu werden.

Ueber das Rennen wird uns heute Folgendes mitgetheilt:

Der Start liegt bei Salmünster, Kilometer Stein 41,9. Das Rennen beginnt präcis '/»9. Je nach der Anzahl der Renner, (was sich heute natürlich noch nicht genau angeben läßt) werden dieselben in 34 Abtheilungen in Zwischen­pausen von je 5 Minuten abgelassen. Der Starter bezeichnet durch Pistolenschuß deu Anfang des Rennens für jede Ab­theilung. Berührt werden die Ortschaften ab Salmünster: Ahl, Steinau, Niederzell, Schlüchtern, Distelrasen, (quer über die hohe Rhön) Flieden, Neuhof, Tiefengruben, Kerzell, Löschenrod, Bronzell, Kohlhaus, Fulda (Badgarten).

Unangenehm ist es jedoch, daß auf der Gesammtstrecke drei Barrieren zu passiven sind; am Distelrasen, bei Kerzell und bei Bronzell. Damit die dadurch veranlaßten Störungen in der Zeit, welche der einzelne Renner fährt, nichts auSmachen, stehen an jedem Bahnübergang Controleure mit Chronometern. Stellen, welche von Gefahr für den zu passirenden Renner sein können, werden durch rothe Fahnen, die weithin sichtbar sind, gekennzeichnet. Znr Sicherheit für die Renner stehen alle 2 Kilometer Posten, welche die benachbarten Vereine Gelnhausen, Orb etc. stellen; von Neuhof ab stehen Radfahrer von Fulda. Maßgebend für die Sieger ist die k ü r z e st e Z e i t, die der betreffende Renner, aus einer der verschiedenen Ab­theilungen, fährt; nicht etwa der, welcher zuerst von sämmt­lichen Rennern am Ziel (Badgarten) anlangt.

Die Ankunft der ersten Renner erwartet man den Sonntag Vormittag zwischen '/,/4ll. Um diese Zeit findet bei Eintreffen sämmtlicher Züge am Bahnhof, im Bundes-Hotel: Hotel Wolfs durch Dcputirte Empfang der ankommenden Gäste statt. Um %11 beginnt das Frühschoppen-Concert im Badegarten.

Präcis 12 Uhr bewegt sich der Corso vom Badegarten mit Musik durch die Hauptstraßen der Stadt und endigt auf dem Domplatz. Hierauf beginnt in den Sälen der Orangerie um 1 Uhr großes Festdiner. Während diesem ziehen sich die Preisrichter zur Berathung zurück. Danach findet Verkündigung der Sieger und Uebergabe der Preise an dieselben statt. Nach beendigtem Festmahle besieht ein Theil der Gäste die Sehens­würdigkeiten der Stadt Fulda, unter anderem Dom, Domschatz, Bibliothek etc. Sollte ein anderer Theil einen kurzen Spazier- gang vorziehen, wird ein solcher nach dem nahegelegenen Frauen- und Calvarienberg unternommen.

Gegen 4 Uhr beginnt ein großer Concert, dem sich Abends 8 Uhr ein Ball anschließt. Der Schloßgarten wird dem Fest entsprechend ausgeschmückt und den Abend mit Lampions er­leuchtet. Der bedeutende Kunstsahrer Schulz, ist bereit» v om Festcomitee für diesen Tag gewonnen.' Herr Schulz wird sich beut Gesammt-PUblikum auf dem großen Rasenplatze de» Schloßgarten- mit seinen schon vielbewunderten Leistungen produciren.

GirmtschteS.

Rüdesheim, 27. Mai. Eine große Panik entstand gestern auf dem Personendampfer Herzog von Nassau", der mit 50V Pfingst- touristen auf der Fahrt von Bingen nach Mainz unterzugehen drohte. Bet Eltville legte sich der Dampfer in Folge von U e b e r f ü l l u n g auf die rechte Seite, als gleichzeitig der Schnell­dampferKaiser Wilhelm" so dicht an den Herzog von Naffau" vorbeifuhr, daß den Passagieren auf Deck ein Zusammenstoß unver­meidlich schien. Zu derselben Zeit ergoß sich, wie demRhein. C." gemeldet wird, auf der immer tiefer sinkenden rechten Seite das Wasser durch alle Fenster in Salon und Kajüten, wo bald alles überfluthet war. Alles stürzte unter entsetzlichen Hülferufen der Frauen unv Kinder nach oben, wo in Folge der erwähnten Annäherung des Schnelldampfers die gleiche Bestürzung herrschte. Es gab entsetzliche Scenen: verschiedene Frauen fielen in Ohnmacht. Durch eine energische Schwenkung des Schnelldampfers wurde weiteres Unheil verhütet.

- Die Preise, welche auf dem deutschen Bundesschießen zur Vertheilung kommen, lohnen den Wettbewerb. Auf der Festscheibe Deutschland", für die als erster Preis die Ehren­gabe des Kaisers bestimmt ist, hat der zweite Preis einen Werth von 2500 Mark, eS folgen dann zwei Preise von je 1500 Mark und selbst der fünfte PreiS stellt noch den Werth von 1000 Mark dar. Für die FestschetbeHetmath" sind Preise im Werthe von 5000, 2500 und 1500 Mark auSgesetzt. Die Preise der Festscheibe Berlin" kosten 3000 und 1500 Mark. Für die ersten Preise der FestschetbenFrankfurt a. M.", Leipzig" undMünchen" sind je 2000, für die zweiten Preise dieser drei Scheiben sind je 1000 Mark auSgeworfen. Ueber 500 amerika­nische Schützen werden dem Schützenfest beiwohnen.

Von einem gesunden Schlafe eines Schlächtergesellen erzählt dieD. Fl. Z." Folgendes: Der bet einem Charlottenburger Meister arbeitende Geselle hatte nach Feierabend aus dem Fenster der eine Treppe hoch gelegenen

Schlafstube gesehen, war dabei eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen schlief aber trotzdem weiter! Erst als die Schmerzen einer Kopfwunde und einiger verrenkter Rippen doch zu heftig wurden, erwachte der Schläfer, wurde dann durch einen Arzt verbunden und mußte in das städtische Krankenhaus übergeführt werden.

Ick denke, bet wird mir keener verdenken können, wenn ick for bet bisken ansprechen nich sogleich uf drei Wochen nach Perleberg will, bet Jericht is doch voch for die arme Leite ba" meinte der Arbeiter Wilhelm K., als er vom Vorsitzenden eines Berliner Schöffengerichts gefragt wurde, warum er gegen das ihm auferlegte Strafmandat Einspruch erhoben habe. Bors.: Bei Ihren Vorstrafen haben Sie aber wenig Aussicht auf Erfolg. Angekl.: Det sind allen« jugendliche Strafen un merschtendeels verjohren, aber wenn mir bet nischt nutzen dhut, denn bitte ick um bet Aktenzeechen, denn lege ick noch eenen Beruf in bei't Kammerjericht. Jetzt wo ick so scheene Arbeit habe, werde ick mir doch nich in« spunnen lassen. Vors.: Aus den Akten geht hervor, daß Sie ein arbeitsscheuer Mensch sind. Angekl.: Det Papier i« jeduldig. Vors.: Womit beschäftigen Sie sich denn jetzt? Angekl.: Meine Frau handelt mit Kornblumen in die Lokale un ick zeije ihr, wo sie rinjehen soll un warte denn so lange draußen un nehme ihr bet Jeld ab, denn die Weiber muß man nich so ville in die Finger lassen. Bors.: Da« ist aller­dings eine sehr anstrengende Arbeit. Sie benutzen nun wohl die Gelegenheit, die in der Nähe sitzenden Gäste anzubetteln, während Ihre Frau den Handel betreibt, wenigstens haben Sie dies ant 26. April gethan. Angekl.: Wenn mir die Herrschaften wat schenken, warum sollte ick sie denn vor'n Kopp stoßen? Bors.: Antworten Sie kurz, haben Sie ge­bettelt oder nicht? Angekl.: Ick habe et nich dafor anje- sehn. Meine Frau un ick wir fingen bet Abends durch sie Potsdamerstraße, sie mitn Korb voll Kornblumen un ick als Jeschäftsführer. Vorne Restauratschon, wo ville feinet Volk vor die Dhicre saß, blieben wir stehn unb kiekten durch die Markisenleinewaud. Du, sage ick, da festste rin. Sie jeht denn ooch, un ick beobachte ihr. Erst jeht sie an so ne olle Dame ran, die sah aus, als wenn sie eben aus'n Mijränestift entlassen worden wäre un hält ihr den Korb hin. Sie nimmt fon Sträußchen auS'n Korb, un ick freue mir schon, da hält sie bet Ding an die Nase un riecht dran un legt sie wieder rin in'n Korb un winkt meine Frau ab. Nu bitte ick Ihnen blos, Herr JerichtShof, Kornblumen un riechen? Ick mußte mir natierlich ärgern, wie ick sehe, bet meine Olle überall keenen Absatz nich hat un zuletzt inwendig int Lokal jeht. Wie ick so stehe un warte, sehe ick, bet eener von die Jäfte noch en vollkommenen Ziejarrenstummel, wo ick jut un jertie nochne Viertelstunde an roochen kann, wejwirft. Ick merkte mir die .Richtung, wo sie hinjefallen war, un denke so bei mir,ach wat, du jehst rin un holst ihn dir raus." Ick also rin. Ick konnte de« Dings aber nich jleich finden un hatte mir bei't Bücken den Hut abjenommen, den ick so halten dhat. Me ick nu so krumm stehe, fällt mit cenem Male wat in meinen Hut, un wie ick zusehc ist't en Fünffenjer. Meinen Schrecken können Sie sich denken, der Herr hadde wahrscheinlich gedacht, ick wollte betteln. Ick begreife mir aber un suche mitn Hut in der Hand weiter nach dem Ziejarrenstummel, wobei noch mehrere von die Herren in denselbichten Irrthum jeriethen. Vors.: Sind Sie jetzt fertig? Haben Sie dabei nicht die Worte zu jedem einzelnen gesagt:Ein armer alter Familienvater?" Angekl.: Det mag sind; ick wollte aber sagen:Ein armer Familienvater bittet um die Erlaubniß, sich hier eenen Stummel suchen zu derfeu; aber ließen sie mir wohl ausreden? Wenn ick det erste jesagt hadde, denn winkten sie mir schon ab, oder sie warfen wat in meinen Hut. Vors.: Es ist eine ganz unverschämte Ausrede, die Sie sich ausgedacht haben. Der Gerichtshof bestätigt auch das Strafmandat. Angekl.: Ick verlange det Aktenzeechen, ick jehe weiter.

B e r l i n, 29. Mai. Das Grab DiesterwegS auf dem Matthäikirchhof bei Schöneberg war am ersten Pstngstfeiertage von vielen Lehrern besucht, welche zur Theilnahme an dem deutschen Lehrer­tage in der Hauptstadt eingetroffen waren. Auf das Grab wurden zahlreiche Blumen und Kränze niedergelegt.

Jena, 28. Mai. Von einer Kugel befreit, die seit dem letzten Feld­zuge, also fast 20 Jahre hindurch, dem Be­treffenden im Unterletbe gesteckt hatte, wurde vor einigen Tägen durch eine sehr glückliche Operation des ProfefforS Riedel - Jena der Hauptmann Glüer, Lehrer an der Kriegs­schule in Neiffe. Alle früheren, im Laufe der Jahre unternommenen Versuche, die Kugel auf« zufinden und zu entfernen, waren mißglückt, die jetzige Operation gelang vollkommen.

EinentsetzlicherMord wurde, wie auS Retz gemeldet wird, in dem Dorfe Klein- H ö f l e t n während des Hochamtes am Pfingst- sonntage verübt. Ein Bäckerjunge aus Kletn- Riedenthal schnitt der 60iährigen ledigen Hausbesitzerin Hungel den Kopf ab. Der jugendliche Mörder wollte die Frau berauben, nachdem sie Tags zuvor einen Betrag von 70 fl. eingenommen hatte. Auf das Geschrei derselben sammelten sich viele Personen vor dem Hause an. Als der Bursche ergriffen werden sollte, machte er einen Selbstmordversuch.

Maiyz, 27. Mai. Vor dem sog. Gautho^