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Beilage zur Nr. 42 des Kreisblatts.

Hersfeld, den 12. April 1890.

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, 11. April 1890.

* Montag den 14. April tritt in Caffel der Landes-Ausschuß von Hessen zu den Sitzungen zusammen.

* Das von der Frau Gräfin Louise Bose, geb. Gräfin von Reichenbach-Lessonitz, gestiftete S t i p e n d i u m für talentvolle Maler und Bildhauer, welche aus dem Bezirke des ehe­maligen Kurfürstenthums Hessen gebürtig sind, soll für das Rechnungsjahr 1890/91 im Betrage von 2000 Mark vergeben werden. Bewerbungs- gesuchesind bis zum 15. August d. I. andenHerrn OberbürgermeisterinCasseleinzusenden. Die Be­werbungsbedingungen können im Stadtsecretariat, Zimmer Nr. 14 des Rathhauses, während der Dienststunden eingesehen, daselbst auch Abdrücke derselben gegen eine Gebühr von 40 Pfg. empfangen werden.

* Der Amtsrichter Dr. Born in Zierenberg ist an das Amtsgericht in Wetter versetzt worden.

* Zur Warnung für Wirthe mögen nachstehende Entscheidungen des Reichsgerichts dienen: In der Vermischung des in dem Tags zuvor angezapften Fasse zurückgebliebenen und dadurch schal ge­wordenen Bieres mit frischem Bier von gleichem Fabrikat ist eine Verfälschung des Bieres zu finden, wenn dieses dadurch verschlechtert ist und der Thäter zum Zwecke der Täuschung die Ver­mischung vorgenommen hat. Ob die Ver­schlechterung nur so geringfügig war, daß die Gäste sie nicht bemerkt haben, ist nur für die Höhe der Strafe erheblich. Auch in der Ver­mischung von besseren Biersorten mit geringeren ist der Thatbestand des § 10 des Nahrungs-

^es zu finden, sofern der Angeklagte mit der rischung der Biersorten eine Täuschung der Gäste bezweckt hat.

* Ueber den nattonalöconomischen Werth des Wildes und der Jagd bringt derWaidmann" höchst interessante Angaben. Es sind für den Zeitraum vom 1. April 1885 bis zum 1. April 1886 statistische Erhebungen angestellt, um die Menge des während dieser Zeit in Preußen abgeschossenen Wildes zu er­mitteln. Die Resultate sind geradezu erstaunlich und haben selbst die Schätzungen der bewährtesten Fachleute weit überstiegen. Die Gesammtzahl des während des einen Jahres in Preußen er­legten Wildes betrug nachweislich 8 573 643 Stück, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahl noch hinter der Wirklichkeit zurückbleibt, da manche Jagdbesitzer Angaben verweigerten, manche aus Furcht, in der Pacht gesteigert zu werden, offen­bar zu niedrige Zahlen angaben und endlich eine gewisse Menge Wildes den Wilddieben anheim fällt. Legt man die sehr mäßigen Wildtoxen der fiskalischen Reviere zu Grunde, so ergiebt sich der Werth des Haarwildes auf 8 750 783 Mk., derjenige des Federwildes aus 3073313 Mk., zusammen also 11824 096 M. Die Summen beweisen auf das Klarste die volkswirthschaftliche Bedeutung des Wildes und zeigen unwider- leglich, daß die Jagd nicht nur ein Vergnügen der Reichen, sondern ein höchst bedeutsamer Faktor für den Wohlstand des Landes ist. Eine interessante Berechnung ist ferner angestellt über die Menge der verbrauchten Munition, und zwar um möglichst genaue Resultate zu erhalten über das für Hasen und Rebhühner verschossene Pulver und Blei. In runder Zahl wurden 5 000 000 Hasen und Hühner erlegt. Rechnet mau auf jedes Stück 4 Patronen, so ergiebt sich die Menge von 20 000 000 Schüffen, deren jeder 30 Gr. Schrot und etwa 5 Gr. Pulver erfordert. Hiernach wäre in dem einen Jahr nicht weniger als 600000 Kilogr. Blei und 100000 Kilogr. Pulver verbraucht worden und zwar, wie er­wähnt, nur für Hasen und Hühner! Von selteneren und ungewöhnlichen Wildarten werden angeführt 9 Stück Elchwild (Prov. Ostpreußen), 17 Biber (Sachsen), 592 Seehunde (davon 285 in Schlesw.- Holstein), 4 Wölfe Ostpreußen, Brandenburg, Rheinland). Die wildreichste Provinz Preußens ist Schlesien, am wtldärmsten erscheint Hessen Nassau.

. * Die Ziehung der 2. Klasse der 182. Königl. p reußischen Kl assenlotterte findet am 6., 7. und 8. Mai statt.

* Gestern überraschte uns der April mit Schnee pnd starken Hagelschauern.

* Dem Gymnasial-Oberlehrer a. D. Dr. phil. Bölke zu Fulda ist der Rothe Adler-Orden vierter Classe verliehen worden.

(/) Hersfeld, 11. April. Heute Morgen 6 Uhr 18 M. passirte Se. MajestätderKaiser auf der Reise nach Wiesbaden mittels Extra- zugs die hiesige Station.

t Allmershausen, 11. April. Am Mittwoch Abend gegen 7 Uhr brach in dem Stallgebäude des Landwirths Hahl dahier Feuer aus. Durch das schnelle und energische Eingreifen der Feuer­wehr hatte man schnell das Feuer löschen können und hatte sich dieses nur auf das Stallgebäude und das Dach des Wohnhauses beschränkt.

Witzenhausen, 9. April. Dieser Tage versetzte in Orpherode, diesseitigen Kreises, ein Unglücksfall die Familie des Bürgermeisters B. in tiefe Trauer. Die 20jährige Tochter war damit beschäftigt, Wasser aus dem das Dorf durchfließenden Bach zu schöpfen. Längs des! Baches führt eine Gartenmauer. Kaum war das Mädchen an der Schöpfstelle angelangt, als die Mauer hinter ihr zusammenbrach und die Unglückliche unter den Trümmern begraben wurde. Der Vater, welcher den Vorfall mit ansah, eilte schnell herbei, um seine Tochter aus der traurigen Lage zu befreien, aber vergeblich. Mehreren herbeigeeilten Leuten gelang es erst, sie zu retten. Der herbeigerufene Arzt constatirte doppelten Beinbruch und Schädelknocheubruch. An dem Aufkommen des jungen Mädchens wird gezweifelt.

Eiterhagen, 9. April. Ein gräßlicher Un­glücksfall hat sich gestern hier ereignet. Die Frau des Schneidemüller Löber gerieth mit den Kleidern in die Transmission der Kreissäge, sie wurde also erfaßt und ihr beide Beine abge­rissen. Der Tod trat sofort ein.

Frankfurt a. M., 9. April. Heute früh sechs Uhr entgleiste bet der Station Goldstein ein Arbeiterzug. 22 Personen wurden verwundet, 12 davon schwer, Der Schaden au Material ist erheblich. Nach Berichten derFr. Z." bestand der Zug aus, zwölf Wagen und war mit über 400 Arbeitern aus Mörfelden und Walldorf besetzt. Die Schwellen wurden von den Rädern der Maschine wie Spreu auseinandergedrückt, ste lief auf den Sand, bohrte sich mit Macht in die Erde und durch das plötzlich erfolgende Anhalten stießen die hinter ihr befindlichen Waggons mit furchtbarer Vehemenz zusammen. Der direct hinter der Locomotive befindliche Packwagen schnitt die linke Schiene scharf ab und bog sie mit gewaltigem Druck derart nach recht« hinüber, daß sie fast zwei Meter über die rechte Schiene hinaus zu liegen kam. Der Wagen selbst, noch fast neu, ist bis auf das abgerissene BremShäuschen und die zerschmetterten Trittbretter in seinem oberen Theile ganz intakt geblieben. Um so schlimmer aber sah es mit den nun folgenden fünf dicht besetzten Personenwagen aus, die zum Theil ineinander, zum Theil aufeinander gefahren sind und ein unentwirrbares Chaos von Trümmern bilden. Der Augenblick der Entgleisung soll für die Passagiere ein schrecklicher gewesen sein; schon als die Nothsignale der Locomotive schrill ertönten und ihnen sofort die hefügsten Stöße folgten, hörte man laute Schreckensschreie aus den Wagen. Nur ein Moment noch und mit den herzzerreißenden Angstrufen mischte sich das Krachen der zusammenstoßenden Wagen. Die Catastrophe erfolgte so unerwartet und plötzlich, daß Niemand im Stande war, im Augenblicke der Gefahr die Wagen zu verlassen. Die Insassen der genannten fünf Waggons waren buchstäblich theils unter den Trümmern begraben, theils in diese eingekeilt. Die nächsten drei Wagen sind weniger, die letzten vier gar nicht beschädigt worden und wurden nach Mörfelden zurückbefördert. Es war eine harte und mühselige Arbeit, die unter den Trümmern befindlichen Personen hervor zu holen, Axt und Meißel mußten in vielen Fällen zu Hülfe genommen werden. Wer die ineinander gefahrenen Trümmer der Waggons gesehen hat, muß eS als ein wahres Wunder bezeichnen, das auf beut Platze keine Todte geblieben und daß überhaupt verhältnißmäßig fo wenig Verletzungen vorgekommen find. Aerztlichc Hilfe war sehr rasch zur Stelle. Die Verwundeten wurden in die Bocken- Heimer'sche Klinik, in das Heiliggeistspital und das städtische Krankenhaus befördert. Ein Theil der Leichtverwundeten ist nach Anlegung eines Verbandes nach Hause zurückgekehrt. Die vorgekommenen Verletzungen siiid namentlich Bein- und Beckenbrüche und Fußquetschungen, Brustanetschnngen, Arm­brüche und -Quetschungen und wenig Kopscontusionen.

Frankfurt a. M., 9. April. Heute Nacht ist die hiesige Schuhfabrik von Otto Herz u. Co. abgebrannt.

Frankfurt a. M., 7. April. In die Lohn­bewegung sind jetzt auch die Schuster eingetreten. Dieselben haben einen neuen Lohntarif ausge­stellt, auf dessen Annahme seitens der Meister sie bestehen. Mehrere hiesige größere Firmen haben ihren Arbeitern bereits eine Lohnerhöhnung bewilligt.

Wiesbaden, 8. April. Unter dem Verdacht, das Drahtseil der Nerobergbahn in der Nacht

vom Mittwoch zum Donnerstag voriger Woche entzwei gehauen zu haben, ist der Sohn Eduard des Gastwirths Chedell aufBeau Site-, am Fuße des Nerobergs, in Haft genommen worden. Uebrigens ist das zerstörte Seil bereits wieder ersetzt und der Betrieb der Bahn seit Sonntag ausgenommen worden. Heute Nacht brannte das an der Nikolausstraße belegene Lack-Engros- Lager von Julius Brilmayer nieder. Der ent­standene Schaden dürfte sehr bedeutend sein.

Vermischtes.

B i n g e n, 7, April. Gestern war unser Nachbarort B ü d e s h e i m der Schauplatz einer grauenvollen That, welche den ganzen Ort in Aufruhr brächte. Die Frau eines Weichenstellers, in ganz geordneten Verhältnissen und in gutem Einvernehmen mit ihrem Manne lebend, hat gestern Morgen während des Gottes­dienstes ihre beiden Kinder von 3 und */-2 Jahre in einem Wafferbehälter ihres Kellers ertränkt und sich dann auf dem Speicher des Hauses aufgeknüpft. Jedenfalls ist die schreckliche That in einem Anfälle von Irrsinn geschehen.

- Essen, 9. April. Der Ausstand ist vollständig gebrochen. Die Belegschaft ist überall fast vollzählig angefahren. Wegen Contraktbruchs sind verschiedentlich Strafen und Entlaffungen verhängt worden. AufRhein-Elbe sind 75, auf Alma" 35 Arbeiter entlassen worden.

(Thierschutz-Vereine.) Wie auf dem in Dresden abgehaltenen zehnten internationalen Thierschutz - Congreß berechnet wurde, bestehen zur Zeit 581 Thierschutz - Vereine, welche sich folgendermaßen auf die einzelnen Länder Der« theilen: Deutschland 185, Großbritannien 179, Vereinigte Staaten 96, Schweiz 20, Oesterreich- Ungarn 15, Canada 13, Italien, Frankreich, Rußland je 9, Asien und Australien je 7, Schweden 6, Holstein 5, Spanien, Südafrika, Westindien je 4. Portugal, Algerien, Südamerika je 2, Dänemark, Belgien, Türkei und Mexiko je 1.

Posen, 8. April. In Folge Genusses giftiger Pilze erkrankte am Freitag eine im Hause Wallischei Nr. 41 wohnende Arbeiter­familie dermaßen, daß am Sonnabend bereits ein ^/^jähriger Sohn und zwei Töchter imAIter von 7 und 10 Iahren ver­st a r b e n. Schwer erkrankt darnieder liegen noch im Krankenhause die Mutter der Kinder und ein 12jähriger Sohn, an deren Aufkommen noch gezweifelt wird. Der Vater hatte nur wenig von den Pilzen genossen.

München, 6 April. Es ist am hiesigen Hofe altes Herkommen, daß der König am Gründonnerstag in feierlicher Weise an zwölf alten Männern die Fußwaschung vornimmt, in Erinnerung an die demüthige Fußwaschung der Apostel durch Christus. König Ludwig II. hatte diese Ceremonie stets durch einen ihn ver­tretenden Hofgeistlichen vornehmen lassen. Der Prinzregent führt dagegen den alten Brauch wieder persönlich aus. Unter Theilnahme des Hofes, der Prinzen und Prinzessinnen erfolgte diesmal nach dem feierlichen Gottesdienst die Ceremonie im Herkulessaale der Residenz. Der Prtnzregent, ohne Degen und Hut, wusch den zwölf aus der unteren Bevölkerung des Landes ausgewählten Männern, von denen der älteste 92, die jüngsten 90 Jahre alt waren, die Füße und hing Jedem ein Beutelchen mit Geld um. Ein Hofgeistlicher vollzog den Fußkuß. Nach der Ceremonie wurden dem Prinzregenten Hut und Degen wieder gereicht. Die alten Männer wurden sodann bewirthet. Ferner wurden 12 Mädchen im Alter von 912 Jahren mit Kleidern und Geld beschenkt.

Berlin. Ein Wettschießen zwischen amerikanischen und deutschen Schützen soll an den Tagen des 10. deutschen BundesschteßenS nach einer beim Schießausschuß eingegangenen Anregung hierselbst stattfinden. Die Amerikaner sollen aus ihren Reihen 15 der besten Schützen auswählen, ebensoviel soll der Schießausschuß aus der Zahl der deutschen Schützen bestimmen. Mit der Errichtung der Baulichkeiten für das 10. deutsche Bundesschießen soll nunmehr unver­züglich vorgegangen werden.

Altenburg, 9. April. Der Besuch des K a i s e r s, der in diesem Monat stattfinden sollte, ist verschoben worden.

(Zugentgleisung.) Sonntag Vosi