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Hersstl-kr Kreisblitt.
___________Mit wöchentlicher Kratis-Aeikage „Illustrirtes Anterhaktungsölatt.___________
Nr. 6. Donnerstag den 16. Januar 1890.
Amtliches.
Berlin, den 3. Dezember 1889.
Ueber die Auslegung und Tragweite der Bestimmungen unter Nr. 2 des Runderlosses meines Herrn Amtsvorgängers vom 11. Juli 1881, ? betreffend die Vorführung vorläufig festgenom- ; mener Personen vor den Amtsrichter, — M. Bl. d. i. V. S. 183, Just. M. Bl. S. 245 - waren Zweifel und Meinungsverschiedenheiten entstanden, welche Veranlassung gegeben haben, diese Bestimmungen wiederholten eingehenden Erörte- rungen zu unterziehen. In Folge des Ergebnisses dieser Erörterungen habe ich es für zweckmäßig erachtet, die Nummer 2 des Runderlasses aufzuhe- . ben und an Stelle derselben im Einvernehmen mit dem Herrn Justizminister nachstehende Bestimmungen treten zu lassen:
„2. Die Vorführung der vorläufig festgenommenen Personen ist dem Wortlaute des 8- 128 der Reichsstrafprozeßordnung gemäß beim Amtsrichter, nicht also, wie dies der früheren Vorschrift des §. 4 des Gesetzes vom 12. Februar 1850 (G. S. S. 45) entsprach, bei den Organen der Staatsanwaltschaft zu bewirken. Sie kann auch — gewissermaßen symbolisch — in der Weise erfolgen, daß der Festgenommene durch Mittheilung der Akten der Gerichtsbehörde zur Verfügung gestellt wird.
Für diejenigen Fälle, in welchen Amtsgericht und Staatsanwaltschaft ihren Sitz an dem gleichen Orte haben, darf jedoch von den betheiligten Behörven, d. h. dem Präsidenten des Landgerichtes, der Staatsanwaltschaft und der Ortspoltzeibehörde, aus Zweckmäßtgkettsrücksichten eine abweichende Art der Vorführung dahin vereinbart werden, daß die Vorführung vor den Amts
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Mich! und Ließe.
Roman von E. Wild.
(Fortsetzung.)
ES war eine wohlgeordnete, gemüthliche Häuslichkeit, in die Viola gebracht worden war und sie hätte sich darin bald heimisch fühlen können, wenn die drückenden Erinnerungen nicht gewesen wären.
Sie zitterte vor einem Zusammentreffen mit L Tonnberg, und um einem solchen zu entgehen, gab sie vor, unpäßlich zu sein und das ihr angewiesene Zimmer nicht verlassen zu können.
„Dann muß ich Tonnbergs Einführung hier im Hause noch um einige Tage verschieben," hatte Gerhard ruhig erwidert.
' „Ja, ich bitte darum," versetzte sie, und, durch Gerhards Ruhe gereizt, fügte sie hastig hinzu: „Er kann mir ja schreiben, so oft er will."
„Das wird ihn wenig entschädigen," gab Gerhard kühl zur Antwort, „er brennt vor Un- - geduld, Sie als seine Braut begrüßen zu können." Viola biß sich in die Lippen, daß sie bluteten, ' allein sie sagte kein Wort.
| Zwei Tage später zeigte Viola Gerhard an, daß sie bereit sei, Tonnberg zu empfangen, und als der junge Mann kam, trat sie ihm mit s freundlicher Liebenswürdigkeit entgegen.
x Tonnberg ergriff in überströmender Leidenschaft- 1 lichkeit ihre beiden Hände, die er stürmisch immer
richter durch Vermittelung der Staatsanwaltschaft geschieht. Ist eine derartige Vereinbarung getroffen worden, so steht der Polizeibehörde nicht die Befugnitz zu, von derselben abzuweichen und den Festgenom- menen dem Amtsrichter unmittelbar vorführen zu lassen, es sei denn, daß der Festgenommene selbst dies ausdrücklich verlangt." Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenst, die Polizeibehörden des dortigen Regierungsbezirkes hiervon zur Nachachtung in Kenntniß zu setzen.
Die in Betracht kommenden Gerichtsbehörden werden von dem Herrn Justtzmintster entsprechend verständigt werden.
Der Minister des Innern.
gez. H e r r f u r t h.
An den Königlichen Regierungs-PrästdentenHerrn Rothe Hochwohlgeboren zu Caffel. II 14416.
$ *
Caffel, den 18. Dezember 1889.
Abschrift lasse ich Ew. Hochwohlgeboren rc. unter Bezugnahme auf die Bekanntmachung der Königlichen Regierung vom 29. Juli 1881 A I 9559 (Amtsblatt 1881 S. 163) zur gefälligen Beachtung und weiteren Veranlassung ergebenst zugehen.
Der Regierungs-Präsident. Rothe.
An sämmtliche Königliche Landräthe des Regierungsbezirks und den Königlichen Polizei- director hier. A II 9879.
* * *
Hersfeld, Den 13. Januar 1890.
Wird den Ortspolizeibehörden des Kreises hierdurch zur Kenntnißnahme und Beachtung mitgetheilt.
12038/89. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
und immer wieder küßte, bis sie ihm dieselben i nach einem verstohlenen Blick auf Gerhard entzog. I Von nun an kam Tonnberg täglich, seine geschmeidige, einschmeichelnde Art hatte ihm bald das Wohlwollen der Präsidentin gewonnen, die ihn von früher her nur flüchtig gekannt, und Viola fand sich bald in die Rolle der vergötterten, angebeteten Braut.
Ihre Schönheit erregte Aufsehen überall, wo sie hinkam, und wenn sie ihr Glück in der Bewunderung der Welt suchen wollte, so konnte sie vollkommen befriedigt sein.
Gerhard blieb drei Wochen in der Residenz; er hatte an Magda geschrieben, daß Viola für einige Zeit noch bei der Präsidentin bleiben werde und er daher allein heimkehre.
Magda hatte den Kopf dazu geschüttelt; Gerhards ganzes Betragen kam ihr so sonderbar vor, und sie nahm sich vor, ihn bei seiner Rückkunft offen um alles zu fragen, denn sie wollte nicht länger so im Dunkeln umhertappen.
Für Viola war die so sehr gefürchtete Abschiedsstunde leichter geworden, als sie eS sich gedacht.
Gerhard hatte in Anwesenheit der Präsidentin von ihr Abschied genommen, und dies in einer so raschen, hastigen Weise, daß sie erst zur Besinnung kam, als er schon fort war.
Wenige Stunden darauf war sie dann mit der Präsidentin zu einem Gesellschaftsabende gefahren, sie war gefeiert, bewundert worden wie stets, sie hatte die neidischen Blicke der Frauen bemerkt,
+ Auf ju den Wahlen!
Durch Kaiserliche Verordnung sind die Wahlen für den Reichstag zum 20. Februar ausge» fchrieben worden. Mit der Ansetzung eines so frühen Termins ist in erwünschter Weise Klarheit in die Situation gebracht und damit der Ungewißheit, welche nur zu leicht zu Verabsäumungen in der Lösung dringlicher politischer Aufgaben führen konnte, ein Ziel gesetzt worden. Auf der einen Seite wird sich der gegenwärtige Reichstag zu möglichst schneller Abwickelung seiner Geschäfte angespornt fühlen, und auf der anderen Seite werden die Vorbereitungen für die Wahlen im ganzen Lande mit allem Ernst und Eifer in die Hand genommen werden.
Dem gegenwärtigen Reichstag war es beschieden, die drei großen Traueruachrichten, welche die Herzen aller Deutschen ergriffen, entgegennehmen zu müssen: am 16. März 1888 wurde ihm von dem Fürsten Bismarck das schmerzliche Ereigniß von dem Hinscheiden des großen Kaisers verkündet, drei Monate später sank Kaiser Friedrich dahin, so daß der Reichstag am 25. Juni abermals zusammentreten mußte, um sich gemeinsam mit den Fürsten des Reichs um den Thron Kaiser Wilhelm's II. zu schaaren und soeben hat er durch den Mund seines Präsidenten die Trauerbotschaft von dem Hinscheiden der Kaiserin Augusta empfangen. Der Nation muß eS Genugthuung gewährt haben, gerade bet diesen großen Ereigniffen in dem Leben des jungen Reicks von einem Reichstage vertreten zu se n, welcher starke Beweise seines nationalen Bewußtseins gegeben hat und in diesem Sinne auch Zeuge jener Ereignisse gewesen ist. WaS er geschaffen, darf zu den größten Thaten auf gesetzgeberischem Gebiete gerechnet werden: er hat die Wehrkraft den Anforderungen der
die an ihr hingen, wenn sie an Tonnbergs Arm durch den Saal schritt.
Er liebte seine Braut so leidenschaftlich, daß er für keine andere ein Auge hatte, er, der sonst einem Schmetterlinge gleich, alle schönen Frauen umflatterte I
Sie wußte das, aber eS ließ sie kalt; war sie doch die Schönste unter den Schönen, die Gefeiertste unter den Gefeierten!
Sie hatte gescherzt und gelacht wie sonst, sie war heiter und übermüthig gewesen, vielleicht noch mehr als gewöhnlich, denn warum sollte die Abreise ihres Vormundes betrübend auf sie einwirken? Aber als sie nach dem glänzenden Feste nach Hause kam und das elegante, blumen- geschmückte Kleid von sich streifte, da kam sie sich arm, bettelarm vor!
„Was soll mir der Tand!" rief sie bitter, indem sie den kostbaren Schmuck, ein Geschenk ihres Verlobten, achtlos beiseite warf, „was soll mir der Tand — ich bin dennoch nicht glücklich!"
Gerhard war nach Lindenhain zuruckgekehrt; es hatte ihn viel gekostet, seine Schwester zu überzeugen, daß es am besten sei, wenn Viola bis auf weiteres bei der Präsidentin bliebe.
Die Präsidentin hatte sich erboten» das Nöthige für Violas Aussteuer zu besorgen, und bei solchen wichtigen Einkäufen müsse doch auch die Braut zugegen sein.
Das half, denn die practische Magda sah ein, daß bei derlei Dingen doch Viola die erst;