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Hersstl-rr Kreisblitt.
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Nr. 4. Sonnabend den 11. Jannar 1890
Ich bestimme hierdurch, daß die Landestrauer um Ihre Hochsettge Majestät die Kaiserin und KSnigiir Augusta auf sechs Wochen eintritt. Oeffentliche Musiken, Lustbarkeiten und Schauspielvorstellungen sind bis zum Tage der Beisetzungsfeier einschließlich verboten. Die Landestrauer beginnt mit dem heutigen Tage. Das Staats-Ministerium hat hiernach das Weitere zu veranlassen.
Berlin, den 8. Januar 1890,
Wilhelm K. ,
Für den Präsidenten der Staats-Ministeriums:
An das StaatS-Ministerium. vonMaybach.
In Verfolg Meiner Ordre vom heutigen Tage über die Landestrauer um Ihre Hochselige Majestät die Kaiserin «Ud Königin Augusta bestimme Ich hierdurch Folgendes:
Ä . Während der ersten vier Wochen tragen die höheren Civilbeamten zur Uniform beflorte Achselstücke beziehungsweise Epauletten, Agraffe und Kordons, betörtes Portepee, Flor um den linken Oberarm, die zur Uniform gehörigen dunkelen Beinkleider und schwarze Handschuhe, dagegen in den letzten zwei Wochen Flor um den linken Oberarm, dunkle Beinkleider und weiße Handschuhe. Bei offiziellen Veranlassungen, bei welchen die vorgenannten Beamten in Civilkleidung erscheinen, tragen dieselben während der ersten vier Wochen schwarze Beinkleider, schwarze wollene Westen, schwarze Handschuhe und Flor um den linken Oberarm, in den letzten zwei Wochen hingegen schwarze Beinkleider, fchwarzseidene Westen und graue Handschuhe. Alle übrigen Civilbeamten trauern mit einem Flor um den linken Oberarm.
Berlin, den 8. Januar 1890.
An das Staats-Ministerium.
Kaiserin Augusta
Ein sanfter Tod hat am Dienstag Nachmittag dem Leben und Wirken der hohen Frau, welche 59 Jahre hindurch die treue Gefährtin unseres alten herrlichen Kaisers Wilhelm I. war, einI Siel gesetzt. Kaiser Wilhelm 1I„ sein Haus, j reußen und die ganze deutsche Nation klagen nicht nur um den Tod der ersten deutschen Kaiserin und der sorgenden Landesmutter, die eine Zierde des Thrones war, sondern auch um das Hinscheiden einer der edelsten, mit den schönsten Gaben des Herzens und Geistes geschmückten Frau, welche die Liebe und Verehrung der Zeitgenossen verdient hätte, auch wenn ihr nicht beschieden gewesen wäre, an der höchsten Stelle ihre Tugenden zu üben.
Bei dem Gedenken an die Jugendzeit der Heimgegangenen steigen die klassischen Tage Alt- ■ Weimars vor dem geistigen Auge auf. Geboren am 30. September 1811 als zweite Tochter des Erbprinzen Karl Friedrich, Sohnes des HerzogS Karl August von Weimar, und der Erbprinzesfin i Maria Poulowna, Tochter des Zaren Paul I., wuchs Prinzessin Augusta an einem Hofe auf, der fern von üppigen äußerem Glanz das edelste Geistesleben pflegte. Das größte, umfassendste: Genie, welches die deutsche Literaturgeschichte' kennt, Goethe, war ihr häufig in den Schlössern und Lustgärten von Weimar und Jena nahe und feierte schon das fünfjährige liebliche Kind mit folgenden Versen, die unter eine Handzeichnung des Schlosses Belvedere bei Weimar gesetzt waren:
Erleuchtet draußen hehr von Sonnengold Bewahrt im Innern, traulich, froh und hold, Erzeige sich dein ganzes Leben so: Nach außen herrlich, innen hold und froh!
Bis in ihr höchstes Alter hatte Kaiserin Augusta an den Altmeister Goethe und die übrigen hervorragenden Gestalten des wetmarischen Musen- Hofes das treueste Gedächtniß bewahrt.
In einem seiner Briefe spricht sich Goethe — und er war kein Schmeichler — rühmend über die harmonische Bildung der geistvollen Prinzessin aus: er feiert sie als so schön wie gut; er beglückwünscht das Brautpaar, welches am 11. Juni
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Für den Präsidenten des Staats-Ministeriums: von Maybach.
1829 vor Den Traualtar tritt, als das schönste, Wilhelms 1. a»s,vem großen Kriege die deutsche welches seine Augen geschaut haben. Drei Jahre Nation schon aus dem Gebiete! der Hmmrnttat vorher waren die beiden preußischen Prinzen geeinigt war, alS die politische Einheit sich noch Wilhelm und Karl auf längere Zeit zum Besuche im Kreise der Wünsche bewegte. Sie hat das
nach Weimar gekommen und letzterer führte ein Jahr nachher die ältere der beiden weimarischen Prinzessinnen, Marie, nach Berlin heim. Schon nach dem ersten Besuche der Prinzen schrieb Freiherr von Gagern: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die man sehen kann; dabei schlicht und ritterlich, munter und wohlgelaunt, doch
immer mit Würde. Unsere Prinzessin Augusta; schien ihn sehr anzuziehen, und die Berliner träumen schon von einer Verbindung." Am 11. Februar 1829 war die Verlobung in Weimar, am 11. Juni desselben Jahres die Vermählung in Berlin. —
Welch große Spanne Zeit und wie reich an glänzenden Thaten, wie reich an Familienglück, dem freilich a ach das Leid nicht fehlte, von jenen Junitagen bis zu dem Morgen des 9. März 1888, als die Kaiserin die lebensmüde Hand ihres Gemahls fest umschlossen hielt und der letzte volle klare Blick des sterbenden Heldenkaisers : dankbar im Vorgefühle der nahenden Seligkeit auf der treuen Lebensgefährtin ruhte! In heroischer Würde, in Seelengröße, die sich gleich blieb in guten und in bösen Stunden, stand Kaiserin Augusta ihrem Gemahle nicht nach. Die Zeit des tiefsten Kummers, als nicht nur der erhabene Gatte, sondern auch der ruhmreiche Sohn in der Blüthe seiner Manneskraft und bald darauf ein Enkel im Jünglingsalter, der zweite Sohn der Großherzogin von Baden, von ihr genommen worden, ertrug sie mit bewunderns- werther Hoheit vor den Menschen und Demuth vor Gott und blieb der Versicherung treu, die sie nach dem Tode Kaiser Wilhelms gab, daß „wie ihr Leben fortan einer Erinnerung. geweiht sei, so fühle Sie Sich auch von einem Andenken trostreich umgeben und getragen in- Ausübung des Berufes, der Ihr verbleibe."
Zahlreich sind die Werke christlicher Liebe, die Kaiserin Augusta schuf. Sie war die Stifterin deS Centralcomi16s der Vereine für Pflege verwundeter und kranker Krieger im Felde, durch welches nach dem Zeugniß Kaiser
Samariterwesen organisirt und vervollkommnet, sie hat in dem von ihr gegründeten Vaterländischen Frauenvereine viel Noth im Frieden gelindert und für Ausbreitung des christlichen Geistes gewirkt, sie hat Hospitäler und ErziehungShäufer gegründet und versucht, den Würgengel der Kinder, die Diphtheritts, zu bekämpfen, indem sie einen hohen Preis für die beste Schrift auSsetzte. So hat sie, von Kiud auf mit der Pflege alles Schönen und Großen erfüllt, von der höchsten Auffassung des Fürsten- und des Frauenberufs getragen und von wahrer Demuth und Gottesfurcht geleitet, einen Schatz von Dankbarkeit und Verehrung im preußischen und deutschen Volke sich erworben, den dieses sich treu bewahren wird, so lauge es sich selber getreu ist!
Ueber die letzten Augenblicke der Kaiserin Augusta wird dem „Reichsanzeiger" Folgendes berichtet:
Der Verlauf der ersten Hälfte der Nacht auf Dienstag war ein verhältnihmäßig ruhiger, gegen 4 Uhr Morgen« jedoch waren Symptome vermehrter Schwäche bemerkbar und wurden Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin hiervon benachrichtigt. Ihre Majestät die Kaiserin Augusta erkannte mit den Worten: „DaS gute Kind" AUerhöchstihrc Tochter, welche vom vorhergehenden Abend an die Krankengenlacher nicht mehr verlassen hatte, an Ihrem Bett, fragte nach der Stunde, wunderte sich, Ihre Königliche Hoheit zu dieser Zeit bei Sich zu sehen und sprach den Wunsch au#, daß der Großherzog, welcher sich indessen bereit» im 'Nebenzimmer beiaiid, Sich schonen und nicht auch ausstehen möge. Aus allen Aeußerungen der Kaiserin schien hervorzugehen, daß Allerhöchstdieselbe Sich zwar sehr krank fühlte, aber von dem bedenklichen Charakter des Zustande« noch keine klare Vorstellung hatte. Als Ihre Majestät jedoch die Anwesenheit des Dber-Hofpredigers Kögel erfuhr, ließ Ällerhöchstdieselbe denselben hereinkommen und folgte den von dem Geistlichen gesprochenen, an Bibelsprüche anknnt'fenden Gebeten mit Bewußtsein. Mittlerweile waren Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin eingetroffen «nd wurden an daS Krankenlager beschieden und herzlicd begrüßt. Später, als Ihre Majestät Se. Majestät den Kaiser „och einmalallein hatte rufen lassen, sagte Sie zu Allerhöchst demselben::
„Ich darf Dich heute nicht küssen, der Ansteckung wegen."
Mit Ihren Majestäten waren Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog nick die Großherzogin von Baden, sowie der