Beilage zur Nr. 150 des Kreisblatts.
Hersfeld, den 17, Dezember 1889.
(Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) namentlich müßten Familiensendungen thunlichst an den Vormittagen aufgegeben werden. Selbstfrancirung der einzuliefern- den Weihnachtsp ackete durch Post- Werthzeichen sollte die Regel bilden. Mit feinem Bedarf an Postwerthzeichen müßte sich ein Jeder schon vor dem 19. Dezember versehen. Ebenso dürften Zeitungsbestellungen nicht in den Tagen vom 19. bis 24. Dezember bei den Postanstalten angebracht werden. Für die am Post- fchalter zu leistenden Zahlungen sollte der Aus- tieferer das Geld abgezählt bereit halten. Die Befolgung dieser Rathschläge würde der Post und dem Publikum gleichmäßig zum Nutzen gereichen.
* Die am Mittwoch in Cassel stattgehabte Generalversammlung des conserv attven Vereins für Hessen und Waldeck eröffnete der Vorsitzende, Herr von Löbbecke mit dem Hinweis darauf, daß der conservative Verein ji^t 10 Jahre bestehe. Herr von Löbbecke theilte Näheres über die Entstehung des Vereins, seine Ziele und seine Erfolge mit, forderte zu energischem, einmüthigem Zusammengehen und zur Anspannung aller Kräfte für die bevorstehenden Wahlen auf und schloß mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. — Herr Landescreditcassen-Director Dr. Lotz leitete dann die Besprechung über die Ziele und Aufgaben der conservativen Partei für die Zukunft ein und empfahl im Besonderen den Ausbau der Arbetterschutzgesetzgebung und mit Rücksicht hierauf speciell die Einschränkung der Frauenarbeit, das Verbot der Kinderarbeit in zu jugendlichem Alter, eine strengere Sonntagsruhe u. s. w., ferner eine Einschränkung des Hausirhandels. Herr Kerbel betonte die Nothwendigkeit der Steuer-Reform und sprach den Wunsch nach einer He im st ätt enge setz geb ung aus, während der Vorsitzende für ein ländliches Anerbenrecht, wie es früher in Hannover bestanden, und für Beschaffung von Arbeiterwohnungen etntrat. Herr Gutsbesitzer Becker betonte die Nothwendigkeit von Fortbildungsschulen. (C. I)
* Nach einer Entscheidung der Strafkammer zu Meiningen ist der Kreuzschnabel zu den Singvögeln zu rechnen und deshalb das Wegfangen desselben strafbar.
Landwehrhagett, 10. Dezember. Ein Pferd eines hiesigen Oeconomen, ein junges werthvolles Thier, wollte sich in vergangener Nacht von einem Nebenstand im Stalle Futter entnehmen und steckte zu diesem Zweck den Kopf durch zwei angebrachte Latten, konnte aber nun mit dem Kopf nicht wieder zurück und würgte sich selbst so zu Tode.
Von der Röhn, 10. Dezember. In Hetten- Hausen spielten drei junge Leute Bier aus. Am Schlüsse gab einer derselben seinen Mitspielen- den zwei Flaschen Schnaps unter der Bedingung, daß er sie bezahle, wenn sie dieselben in 20 Minuten trinken würden. Einer der Mitwirkenden liegt nun hoffnungslos darnieder.
Btedrnlopf, H. Dezember. (Die Dummen werden nicht alle.) Eine neue Heilmethode kam dieser Tage in dem benachbarten Dorfe Dautphe zur Anwendung. Dort war einem gewissen Schz. durch Unvorsichtigkeit die Hand in die Räder der Dreschmaschine gerathen, so daß ein Finger nahezu ganz von der Hand losgerissen war. Die Frau des Verunglückten eilte zum Arzte, welcher ihr ein Rezept einhändigte. Anstatt jedoch dieses Rezept in der Apotheke an. fertigen zu lassen, eilte die Frau spornstreichs Nach Hause und umwickelte den verletzten Finger mit dem Rezepte. Als nach einigen Tagen keine Besserung etntrat, die Schmerzen des Mannes vielmehr sich vermehrten, wurde der Arzt wiederum zu Rathe gezogen. Wie groß war sein Erstaunen, als er das Recept an dem Finger des Verunglückten gewahrte! Da die Hand des armen Mannes bedeutend angeschwollen und Blutvergiftung zn befürchten war, wurde der Patient sofort in die nächste Klinik übergeführt.
B e r m i s ch t e s.
— S ch l e i z. In Görlitz erkrankte vor einiger Zeit in Folge von Genuß von Thee die Familie des Gerbers Jahrets. Letzterer
konnte seine Arbeit wieder aufnehmen, bekam aber einen Rückfall, der den Tod zur Folge hatte. Der Leichnam wurde im Beisein der fürstlichen Anwaltschaft durch den Kretsphystkus Dr. Franz- Schleiz und die Aerzte Dr. Schmalz und Emoan- Hirschberg fecirt. Verschiedene Körpertheile und der Thee sind zur näheren Untersuchung nach Jena eingesandt.
— Magdeburg, 11. Dezember. Ein 12jäh- riger Knabe aus Kloster Neuendorf war vor einigen Tagen beim Schlittschuhlaufen eingebrochen und kam ganz naß nach Hause. Die Mutter wollte schnell den Knaben ausziehen, und nahm, um das Hemd am Halse zu lösen, eine Scheere zur Hand. Dieselbe fuhr aber leider bei einer unglücklichen Bewegung dem Knaben ins Auge und zwar so heftig, daß dasselbe in einer hiesigen Augenklinik herausgenommen werden mußte.
— Erfurt, 11. Dezember. In Jlvers- g e h o f e n ist gestern ein bedauerlicher Unglücksfall vorgekommen. Als die Frau des Tischlers Schröter Mittags nach Hause kam, fand sie daS Zimmer mit dichtem, beißendem Rauch angefüllt und ihren allein zurückgelassenen 2jährigen Knaben erstickt vor.
— Danzig. An einem der letzten Tage wurde auf der Bahnstrecke zwischen Klincke und Barkoschin ein Mann „überfahren", der sich in angeheitertem Zustande lang zwischen die Schienen gelegt hatte. Der Zug konnte, obwohl der Führer der Maschine den Mann bemerkte, trotz aller Mühe nicht mehr zeitig genug zum Stehen gebracht werden, so daß der Zug über den Menschen hinwegging. Man war aber nicht wenig erstaunt, als der Mann, nachdem er aufgerüttelt worden, sich unbeschädigt weiterbewegen konnte, nicht ohne seinem Unmuth über die „Störung seiner Ruhe" Ausdruck zu geben.
— R a t i b o r. In einer hiesigen Eisengießerei wurden beim Bersten einer Gußstahlform, deren glühender Inhalt sich über die Arbeiter ergoß, vierzehn Personen, darunter sieben schwer, verwundet.
— Köln-Braunfels, 11. Dezember. Gestern Abend ist hier ein neunjähriges,Mädchen, das man in der elterlichen Wohnung eine Weile allein gelassen hatte, elend verbrannt.
— Son dersh ausen, 11. Dezember. Ein furchtbarer S ch n e e st u r m hat in der vorletzten Nacht im W i p P e r t h a l e gewüthet. Meterhohe Schneebänke sperren in den Senkungen die Landstraßen.
— New Aork. Wieder ist ein Beamter der Eleclrt ctt äts-G e s ellsch aften während der Untersuchung überirdischer Drähte g e t ö d t e t worden. Ein unbeschützter Draht kam in Berührung mit dem Körper des Mannes, der durch die Strömung auf der Stelle getödtet wurde. Die Leiche schwebte einige Zeit an dem Drahte angesichts einer großen Menschenmenge. Der Vorderarm und der Hals des Opfers waren buchstäblich geröstet und die Kleidungsstücke waren teilweise verbrannt. v
— New-Aork. Der norddeutsche Lloyd - d a m p f e r „E m s", der hier angekommen ist, hatte auf seiner Ueberfahrt von Europa fürchte rliches Wetter durchzumachen. Eine riesige Woge ergoß sich über das Verdeck und warf zwei Salonpassagiere mit solcher Gewalt nieder, daß sie Gliederbrüche davontrugen.
— S t. P a u l (Nordamerika). Eines Doppel- Mordes hat sich ein Deutscher Namens Michael Schiefer, ein Farmarbeiter unweit St. Paul, «bekannt. InHamberg(Bayern)ertränkte rderst seinen Stiefsohn, um sich des Vermögens desselben zu bemächtigen, und später tödtete er den Großvater des Knaben, der ihn, wie er erfuhr, des ersten Mordes für verdächtig hielt. Er flüchtete alsdann nach Amerika, aber sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe, bis er sich entschloß, sein Verbrechen einzugestehen. Er stellte sich der Polizei, die sich mit den bayerischen Gerichtsbehörden in Verbindung gesetzt hat.
— Nach einer Lissaboner Drahtmeldung empfing die Kaiserin von Brasilien eine Depesche aus Rto de Janerro, der zufolge dort alle ihre Juwelen gestohlen worden sind. Der Schmuck umfaßte ivielletcht die schönsten brasilianischen Diamanten der Welt.
— Cansas, so schreibt die „NewOrleans Deutsche Zeitung", ist das moderne Paradies der amerikanischen Frauen und die Hölle der
Männer. Vorläufig besitzen die Frauen dort das active und passive Sttmmrecht allerdings nur bei Lokalwahlen, und doch dominiren sie bereits im ganzen Staate. Man hat dort Gemeinde- und Stadträthe, die ausschließlich aus Frauen bestehen, welche die Bevölkerung, besonders die männliche, unter eiserner Fuchtel zu halten wissen; es giebt in Cansas mehr weibliche Prediger, Aerzte und Advokaten und mehr männliche Personen, die weibliche Arbeiten verrichten, als in irgend einem anderen Staate. Der Hilfs-Generalanwalt ist ein Frauenzimmer, und es existiren zahlreiche weibliche Farmer, Bankiers, Kaufleute, Schulsuperintendenten, Re» dacteure und Buchdrucker. Jedes County besitzt weibliche Schulräthe und die Ortschaft Cotton« Wood Falls hat sich sogar einen weiblichen Polizeirichter zugelegt, der mit unnachsichtlicher Strenge alle Vergehen ahndet, welche sich die Pantoffelhelden des kleinen Nestes zu Schulden kommen lassen. Am härtesten werden die söge« nannten Männer bestraft, die trotz des von ihnen geschaffenen Prohibitions-Amendements zur Staatsverfassung manchmal heimlich berauschende Getränke zu erlangen wissen und die Spuren des „geistigen Genusses" dann öffentlich zur Schau tragen.
— New-Aork. Die Bürger von Big ha m« Bas in, Wjonfing, überfielen ein Lager von Vagabunden, lynchten 11 davon und vertrieben den Rest aus der Gegend.
— W e m d i n g (Bayern), 12. Dezember. Hier stürben in kurzer Zeit siebzig Kinder an der Diphtheritis, zumeist im Alter von 6 bis 15 Jahren.
;— Ein W ahlkniff eigener Art wird aus dem Städtchen Oropesa in Spanien gemeldet. Da in genanntem Orte Liberale und Carliste» in ungefähr gleicher Anzahl vorhanden sind, so war der Ausgang der jüngsten Gemeindewahlen ziemlich ungewiß. Um sich nun die Stimmen« Mehrheit zu verschaffen, holten die Carlisten von einem benachbartem Heerdenbesitzer einen alten Kampfstier herbei und führten diesen gefesselt vor das Wahllokal; wenn dann ein Carlist kam, zogen sie die Fesseln stramm; kam aber ein Liberaler, so ließen sie die Stricke so weit nach, daß der durch die fortgesetzten Neckereien rasend gemachte Stier den Raum vor der Thür beherrschte, und es Tollkühnheit gewesen wäre, an demselben vorbeigehen zu wollen. Das Mittel wirkte ausgezeichnet; unter den neuen Stadträthen von Oropesa befindet sich kein einziger Liberaler.
— Bettler: „Ach, lieber Herr, ich bitte um ’ne kleene Gabe, ich hab' schon zwei Tage nichts gegessen. — Geizhals: „Zwei Tage ohne Essen? Wie haben Sie denn das gemacht?"
— (DieElemente desUnterrichts.) Vater: „Na, Jockele, was hast' denn heut' in der Schul' gelernt?" — Junge: „Wie ma' d' Händ' hingeben muß, wenn ma' 'was d'rauf kriegt."
— (Macht der Gewohnheit.) Mutter: „Warum schickst du deinem Bräutigam den Brief so heimlich durch die Pförtnersfrau?" — Tochter: „Ach, das bin ich von der Pension her so gewöhnt."
— (Ursache und Wirkung.) Stammgast: „Herr Wirth, ich habe gestern nicht mehr gut im Kopf behalten, wie viel ich getrunken. Haben Sie'S notiert?" — Wirth: „Gewiß ... 18 Krügel . ." Stammgast: „Hm, . . . Herr Wirth, mir scheint, wenn ich etwas zu viel trink', sehen Sie hoppeltI*
Vergib!
Eine Weihnachts-Erzählung von Robert Barinck. (Fortsetzung.)
Oskar sah durch dieses Verhalten seine ganze Zukunft bedroht. Seine Ehre verbot ihm, die häufig ganz unberechtigten Sticheleien Max' ganz ohne Erwiderung zu lassen. Er bat den Freund und Pflegebruder dringend, ihm den Grund seiner so total veränderten Gesinnung bekannt zu geben, wurde aber höhnend zurückgewiesen. Es widerstrebte Oskar auch, sich beschwerend an den Pflegevater zu wenden und diesen um seine Vermittelung zu bitten. Vor niemand konnte er sein gepreßtes Herz ausschütten. Da war ihm plötzlich ein Gedanke gekommen. Er wollte Muth fassen und an Luise schreiben; vielleicht bekam er von ihr ein paar tröstende Zeilen als Antwort, die ihn stärken sollten, um das fatale Verhängnis noch länger zu ertragen. Gesagt, gethan. Alß