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fjrrsfrliirr Kreisblitt.

Mit wöchmtlicher Kraüs-Aeilagt „Illustrirter Hluterhalluugsötatt".

Nr. 148.

Donnerstag den 12. Dezember

1889.

Aus dem Reichstage.

Berlin, 9. Dezember. In der heutigen (33.) Plenar­sitzung des Reichstages wurde zunächst die Berathung des am Sonnabend nicht zu Ende geführten Titels 2 des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern (Tabaksteuer) fortgesetzt. An der Debatte betheiligten sich die Abgeordneten Kroeber (Volkspartei), Mueller (Marienwerder, Reichsp.), Scipio (nat.-lib.), Grad (Els.-Lothr.), Schultz (Reichsp.), Dr. Clemm (nat.-lib.) und Frhr. Schenk v. Stauffenberg (deutschfreis.); es wurde im Allgemeinen eine Aenderung in der Veranlagung und Erhebung der Tabaksteuer, wenn auch vorläufig nur im Rahmen der Reglements, gewünscht. StaatS- secrctär im Reichsschatzamt Frhr. v. Maltzahn wiederholte, daß die Enquete noch nicht abgeschlossen sei, daß die im Reiche ausgesprochenen Wünsche natürlich beachtet werden würden, daß es aber für ihn unmöglich sei, die fiskalischen Gesichts­punkte außer Acht zu lassen, denn die Tabaksteuer bilde einen Theil der gesetzlichen Grundlage unserer ReichSeinnahmen. Nachdem der Titel unverändert bewilligt war, verlangte bei Titel 3 (Zuckersteuer) a. Materialsteuer 9 000 000, b. Ver­brauchsabgabe 42 390 000 Mk.) Abg. Dr. Witte (deutsch­freis.) Einführung der Fabrikatsteuer und Abschaffung der Materialsteuer, unabhängig davon, ob die internationale Zuckerconferenz zu Stande komme oder nickt. Staatssekretär im ReichsschatzamtHrhr. v. Maltzatzn erklärt, daß die Eut-, scheidung über das Zustandekommen ber'Zuckercouvention im nächsten Sommer zu erwarten sei. — Abg. Fürst v. Hatzfeldt (Reichsp.) hält mit Rücksicht auf diese Erklärung jetzt eine Aenderung in der Gesetzgebung nickt für augezcigt, aber eine Reform für dringend nothwendig, fall« die Convention nicht zu Stande kommen sollte. Der Titel wird bewilligt. Ohne Debatte dann der folgende (Salzsteuer 40 312 000 Mk.) An der Debatte über Titel 5 (Branntweinsteuer; a. Maischbottich­steuer und Branntweinmaterialsteuer 24700 000 Mk. b Ver­brauch-abgabe und Zuschlag zu derselben 110 632 000 Mk.) betheiligten sich die Abgg. Schultz (Reichsp.), B l a n k e n h o r n (nat.-lib.), Kalle (nat.-lib.), Gamp (Reichsp.), Szmula (Centr.) und Scipio (nat.-lib.), welche verschiedene Klagen resp. Wünsche, namentlich im Interesse der kleinen Brenne­reien vertragen, während Abg. Richter (deutschfreis.) das ganze Branntweinsteuersystem verurtheilte. Seinen Aus­führungen traten dann namentlich die Abgg. v. Kardorff (Reichsp.), Kalle und Szmula entgegen, «staatssecretär des Reichrschatzamt« Frhr. v. Maltz ahn will auf die Beschwerden nicht eingehen, welche nur durch eine Aenderung des Gesetze« erledigt werden könnten, betont aber, daß zu Gunsten der

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Micht und Liebe.

Roman von T. W i l d.

(Fortsetzung.)

Gerhard schien ein solches Vertrauen Violas auch gar nicht erwartet zu haben, denn mit dem ihm eigenen Zartgefühl ging er auf andere Gegenstände über, als er bemerkte, wie fassungslos und verwirrt sie vor ihm stand.

Sie waren kaum vor der Speisestunde von ihrem Spaziergange zurückgekommen, und kaum hatten sie ihr Mahl beendet, so kamen Gäste, die bis spät am Abend blieben. ,

Viola machte auch gar keinen Versuch, sich für einige Zeit zurückzuziehen, um ihren Bries lesen zu können.

Und selbst als sie sich allein und von jeder Störung sicher in ihrem reizenden, kleinen Salon befand, hatte sie nicht das Herz, daS Schreiben sogleich zu erbrechen.

Endlich that sie es doch, und während sie die letzten Worte ihrer Mutter las, flammte eine glühende Nöthe über ihre Wangen, um gleich einer jähen Blässe Platz zu machen. Und was sie da las, das war wohl geeignet, ein junges, ungestümes Herz in Aufruhr zu bringen.

Als die Verstorbene Baronin Buchfeld diese Zeilen schrieb, war sie einer plötzlichen Eingebung ihres verbitterten Gemüthes gefolgt, und als sie jur Einsicht gekommen, daß eS eine böse Saat

kleinen landwirthschaftlichen Brennereien bereit« mehrerer ge­schehen und daß namentlich der preußische Finanzminister eine Verfügung erlassen habe, wonach den Directivbehörden die Ermächtigung ertheilt werde, den Betrieb vor dem I. October zu gestatten. Die Titel „Brausteuer" und „Aversa für Zölle unb Verbrauchssteuern" werden ohne Debatte bewilligt. — Schließlich wurde noch der Etat der Stempelabgaben erledigt, die Titel Spielkartenstempel- und Wechselstempelsteuer wurden ohne Debatte genehmigt. Bei dem Titel „Stempelabgaben für Werthpapiere, Kaufgeschäfte und Lotterieloose" sprach Abgeordneter Richter mit Rücksicht darauf, daß dem Ver­nehmen nach die Freilegung der Schloßfreiheit durch Veranstaltung einer Lotterie zum Betrage von 40 000 000 Mark beabsichtigt werde, die Erwartung aus, daß keine Staat«- behörde sich finden werde, welche diesem Plane ihre Zustimmung geben werde. Darauf wurde der Titel bewilligt. Schluß der Sitzung nach 5 Uhr. Nächste Sitzung morgen Mittag« 12 Uhr (Etat der Reichspost- und Telegraphen-Verwaltung.)

Berlin, 10. Dezember. In der heutigen (34.) Plenar­sitzung des Reichstage« stand der Etat der Reichs - Post- und Telegraphenverwaltung zur Berathung. An Titel 1 (Gehalt des Staatssecretärs) knüpfte sich eine sehr lange Debatte, welche sich namentlich um den vom Abg. Baumbach (deutschfreis.) gestellten Antrag bewegte: „der Reichstag wolle beschließen: Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, eine Mäuderrmg des PoWorwtarijs Ok geuijäjiaub mch.Oesler- reich-Ungarn nach der Richtung hin herbeizuführen, daß 1. an Stelle des gegenwärtigen Merstgewichts von 15 g für den einfachen gewöhnlichen Brief ein höheres Meistgewicht unter Beibehaltung der Portosatzes von 10 Ps. zugelasscn; 2. für Drucksachen im Gewicht von 50 bis 100 g eine Gebühr von 5 Ps. festgesetzt werde." Es wurde außerdem namentlich die Frage der EinheitSmarke gegenüber dem Reservatrechte Bauern« und Württembergs erörtert. In dieser Frage über« wog die Ansicht, daß eine Aenderung des den beiden Staaten verfassungsmäßig garantirten Reservatrechts von der Initiative desselben abhängig sein müsse. Der Antrag Baumbach wurde schließlich in seinen beiden Theilen mit großer Majorität abgelehnr. Die folgenden Titel wurden ohne erhebliche Debatte genehmigt. Schließlich befürwortete Abg. Singer (Soc.-Dem-) seinen Antrag, das Minimalgehalt der Unter- beamten von 800 auf 850 Mark, das Durchschnittsgehalt der Packetträger W., sowie Landbriefträger von 800 auf 850 Mark, resp, von 690 auf 700 Mark zu erhöhen. — Abg. Richter (deutsch-freis.) befürwortete schließlich seine Reso­lution: „Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichs­kanzler zu ersuchen, in Erwägung zu nehmen, ob nicht der

gewesen, die sie da mit ihren letzten Worten an die Tochter ausgestreut, war es zu spät; der Tod hatte ihre Lippen geschlossen, ehe sie Gerhard noch hatte sagen können, er möge diesen Brief nicht übergeben, sondern der Vernichtung überliefern.

Das Unheil war geschehen!

Die junge, verdüsterte Mädchenseele sog daS Gift dieser so unüberlegt geschriebenen Worte ein, und das, was bisher in Violas Innern nur geschlummert, wurde plötzlich in dieser Minute groß gezogen.

Mit glühenden, trockenen Augen starrte sie auf das Papier: nicht eine Thräne netzte ihr Auge, und dennoch zerriß ein heftiger Schmerz ihre Brust.

Sollte es mit ihr auch so werden, sollte sie gleich ihrer Mutter das Opfer engherziger Vor- urtheile sein? Nein, 0 nein! Ihre Mutter hatte ihr eine gute Lehre gegeben, und sie wollte nicht ihrem Beispiele folgen, um dann, unverstanden, einsam durch das Leben zu gehen.

Sie wollte sich ihr Glück erringen, erkämpfen, ohne nach der Meinung anderer zu fragen, sie wollte sich von Niemand beeinflussen lassen und allen trotzig Stand bieten.

Sie athmete tief auf, dann begann sie den Brief nochmals zu durchlesen.

Mit hastigen, unsicheren Zügen hatte Meline von Buchfeld geschrieben:

»Viola!

Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich längst nicht mehr, vielleicht ist auch mein Andenken

Wohnungsgeldzuschuß für die unteren Beamten, den Thcuerungsverhältnissen entsprechend, einer Erhöhung zu unterziehen sei." — Darauf wurde die weitere Berathung um 43/4 Uhr vertagt. Nächste Sitzung morgen Mittag 12 Uhr (Fortsetzung der heutigen Berathung und Etat der Reichsdruckerei.)

Uolitisch« Nachrichten.

In WormS, wo Se. Majestät der Kais er am Sonntag Nachmittag eintraf, überreichte bei der Ankunft eine Deputation von Arbeitern dem Kaiser eine Adresse und einen Lorbeerkranz, worauf unter Glockengeläute der Einzug in die Stadt erfolgte. Der Kaiser saß in einem offenen vierspännigen Wagen, neben ihm der Großherzog. Den ganzen Weg bis zum Festhause bildeten Vereine mit Fahnen und Emblemen aller Art Spalter. Beim Eintritt in das Vestibül des Festhauses hielt der Oberbürgermeister Kuechler eine Ansprache, auf welche der Kaiser in längerer Rede antwortete. Er freue sich, das alte Worms haben besuchen zu können, das von der Sage umwoben sei, die an das Herrlichste anknüpfe, was wir in der deutschen Literatur befitzen. Das Nibelungenlied allein schon sei die Perle aller deutschen Dichtung und seine Klänge um« weben umsomehr den 9tamen der Stadt Worms. Sage und Geschichte hätten hier gleich mächtig und groß auf die religiöse und moralische Stärkung des Volkes eingewtrkt. Er sehe in Worms mit inniger Rührung das Denkmal Luthers, von dem das Werk einer religiösen Reform ausgegangen. Das Haus, welches hier geschaffen worden, sei ein weiterer Schritt zur Besserung des Volkes und zur Hebung von Moral und Sitte. Er gratultre dem Bürger­meister auch zu diesem Werke. — Montag Mittag 121/4 Uhr reiste der Kaiser von Darmstadt nach Frankfurt a. M. ab, wo er um 1 Uhr auf dem geschmückten Hauptbahnhof eintraf. Unter dem

schon in Deinem Herzen erloschen, denn die Zeit geht rasch dahin, und ich habe mir niemals ein Anrecht auf Deine Liebe erworben.

Möglich, daß eine andere Mutter nicht so zu ihrem Kinde sprechen würde, ich kann nicht anders, denn ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich bin ein Opfer leidiger Ver­hältnisse gewesen; um meinen Vater vor dem Ruin zu schützen, ward ich die Gattin eines ungeliebten Mannes. Ich hatte einen anderen heiß und leidenschaftlich geliebt, und dieser andere trat freiwillig zurück, „um meinem Glücke nicht hindernd im Wege zu fein,* wie er mir sagte, in Wahrheit aber, weil er erfahren, daß ich ein armes Mäochen sei.

Begreifst Du das, Viola, begreifst Du daS, wenn man in dem geliebten Manne einen Gott zu sehen glaubt und einen erbärmlichen Menschen in ihm findet! Ich glaubte damals, ich müsse wahnsinnig werden, ich war noch so jung, so vertrauend, ich hatte all' die schönen Worte, mit denen er mich zu bethören gesucht, für baute Münze genommen.

Diese erste furchtbare Enttäuschung warf mich nieder und machte mich jeden klaren Denkens unfähig. Ich verlobte mich mit dem reichen Bewerber und rettete meinen Vater, mich selbst hatte ich in einen Abgrund gestürzt. Ach, das Wort »Pflicht" ist ein ödes, trauriges Wort, das mit seinem kalten Eiseshauch alle wärmeren Gefühle erstickt,