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Htksftliier Kreislililtt.
Mit wöchmtlicher Kratts-Aeilage „Illukrirtes Nuterhattungsölatt"
M. 138. Dienstag den 19. November' 1889.
Amtliches.
Caffel, den 15. November 1889.
Der dem diesseitigen Bezirksverbande auf Grund des Preuß. Gesetzes vom ^ ^" ^^ 23. Juni 1884 zur Zwangserziehung überwiesene und von mir bei dem Bauunternehmer Johannes Wick zu Klein- schmalkalden in Lehre untergebrachte Georg Scheueraus Asterooe, geboren aml9.Febr. 1873 ist am 10. d. M. aus seiner Lehrstelle durchgebrannt.
Königliches Landrathsamt ersuche ich ganz ergebenst, nach dem Zögling umgehend Nach- orschungen gefälligst anstellen, im Betretungsfalle hn festnehmen und durch eine geeignete Civil- > e r s o n, welcher ich neben den baaren Auslagen für Eisenbahnfahrt ein Tagegeld von 3 Mk. und bei nöthig werdender Uebernachtung von 4 Mk. gewähren werde, seinem oben genannten Lehrmeister wieder zuführen lassen zu wollen.
Ävn dem Geschehenen bezw. ^em Ergebniß der Nachforschungen bitte ich mich hiernächst gefälligst zu benachrichtigen.
Jr. II Nr. 5058. Der Landes-Director:
J. A.: Schröder.
An Königliches Landrathsamt zu Hersfeld.
* * *
Hersfeld, den 16. November 1889.
Wird den Herren Ortspolizeiverwaltern und der Königlichen Gendarmerie des Kreises zur Kenntnißnahme und Fahndung nach dem Ent- laufenen mitgetheilt.
Im Betretungsfalle ist derselbe festzunehmen, seinem Lehrherrn zuführen zu lassen und mir Anzeige zu erstatten.
Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinttz.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Pflidjt und Liebe.
Roman von E. Wild.
(Fortsetzung.)
Nur mit Zagen brächte die Zofe das Verlangte, und die Baronin richtete sich auf, um, die sie befallende Schwäche muthig überwindend, im Bette zu schreiben.
Von flüchtiger, wenn auch zitternder Hand geführt, glitt die Feder über das Papier.
L Während des Schreibens rötheten sich die Wangen der Baronin, und die feingeschwungene Oberlippe bäumte sich trotzig auf. In den schönen großen Augen strahlte ein kalter Glanz und was es auch für Empfindungen sein mochten, welche die Brust der Kranken durchbebten, weiche, milde Gefühle waren es gewiß nicht.
Endlich war sie fertig.
Tief aufathmend warf sie die Feder fort, und ohne das Geschriebene zu überlesen, kouverttrte und siegelte sie die Blätter. Dann barg sie den Brief sorgsam unter ihrem spitzenbesetzten Kopfkissen, während ein Ausdruck von Befriedigung ihre Züge überflog.
, „Jetzt kann ich ruhig schlafen," flüsterte sie, kraftlos zusammensinkend; sie hatte ihre Kräfte o s zum Aeußersten angespannt, und ein tiefer, ohnmachtähnlicher Schlaf umhüllte nun ihre Sinne.
Zwei Tage später wurde der Freiherr von Linden bei der kranken Dame angemeldet und sofort empfangen.
Aus dem Reichstage.
Berlin, 15. November. In der heutigen (16.) Plenarsitzung der Reichstages wurde in der zweiten Berathung des Specialctats des Reichsamt« des Innern fortgesahren. Abg. Schmidt- Elberfeld (deutschfreis.) wünscht, daß die Zahl der Fabrikinspectoren vergrößert und deren Bezirke verkleinert würden, damit sie erfolgreicher wirken könnten. — Sächsischer Bundesbevollmächtigter Graf v. Hohenthal und Bergen zeigt an der Hand von Berichten der Fabrikinspectoren die Unentbehrlichkeit der Kinderarbeit in Sachsen. — Abg. Frohme (Soc.-Dem.) erneuert seine Beschwerde über die Fabrikinspectoren und will die Koalitionsfreiheit der Arbeiter gewahrt wissen. — Staatssecretär des Innern, Staatsminister Dr. v. Boetticher weist auf seine gestrigen Erklärungen betreffend Errichtung gewerblicher Schiedsgerichte hin, betont, daß die Frage der Kinderarbeit nicht bloß von der ethischen, sondern auch von der wirthschaftlichen Seite aus gewürdigt werden müsse und bemerkte, daß Niemand den Arbeitern die Freiheit zu streiken nehmen wolle, daß aber diese nur dann streiken sollten, wenn es nothwendig und vernünftig sei. — Abg. Kropatscheck (deutschcons.) wünscht ebenfalls keine Beschränkung der Koalitionsfreiheit, warnt aber die Arbeiter vor Contractbruch. — Abg. Dr. .Windthorst (Emir.) verlangt eine baldige Veröffentlichung der Enquete über die Ar- veilerauSstände oieseS-Sommers, weil andernfalls die Autorität der fürstlichen Macht leiden könnte. Seine Partei werde gegen den Antrag Baumbach nur deshalb stimmen, weil sie mehr verlange als dieser Antrag enthalte. — Nachdem dann noch der Abg. Schmidt-Elberfeld (deutschfreis.) zu dieser Materie gesprochen, wurde die Debatte über den Antrag Baumbach geschlossen. (Die Abstimmung über denselben wird bei der dritten Lesung stattfinden.) Abg. Struckmann snat.-lib.) sprach dann den Wunsch aus, daß auch sür die Handlungslchrlinge der FortbildnugSunterricht obligatorisch werde und fordert ferner Maßregeln gegen die Trunksucht. — Staatssecretär des Innern, Staatsminister Dr.v. Boetticher erwiderte, daß über die letztere Angelegenheit bereits conimissarische Berathungen stattgefunden hätten und ein Abschluß der Arbeiten demnächst zu erwarten sein. Auch der Erfüllung des ersten Wunsches des Redners werde nichts im Wege stehen. — Abg. Hegel (deutschcons.) sprach seine volle Befriedigung über den ersten Theil der Erklärung des Herrn StaatSsecretärs aus. — Abg. Kulemann (nat.-lib.) hob die segensreichen Wirkungen der EinigungSäinter in England und Amerika hervor. — Abg. Meyer-Halle (deutschfreis.) kam auf die von den städtischen Behörden Berlin« beabsichtigte
Ein hochgewachsener, schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren trat in das luxuriös ausgestattete Schlafgemach der Baronin.
Meline von Buchfeld hatte sich während dieser zwei Tage entsetzlich verändert; die schönen, braunen, einst so strahlenden Augen waren tief in die Höhlen zurückgetreten, aus dem feinen Gesicht schien jeder Blutstropfen verschwunden zu sein, und um den kleinen Mund hatte der nahende Tod mit scharfem Griffel eine tiefe Falte gegraben.
Der Freiherr hatte die Baronin seit fünf Jahren nicht gesehen; damals war sie eine reizende, sinn- berückende Erscheinung gewesen, eine stattbekannte Schönheit, der die ganze Männerwelt huldigend zu Füßen gelegen.
Was war aus dieser glänzenden Schönheit geworden! Kaum mehr ein Schatten von dem, was sie einst gewesen, lag sie jetzt bleich und abgezehrt in den Kissen; nur das schöne, hellbraune Haar umgab in unverminderter Fülle den kleinen, fein mooellirten Kopf.
Der Freiherr war erschüttert am Eingänge stehen geblieben, das Wort erstarb auf seinen Lippen angesichts der Zerstörung, die aus diesem einst so frischen, blühenden Wesen ein blasses, hinfälliges Weib gemacht hatte.
„Willkommen, Gerhard, treten Sie näher!" rief ihm die Baronin mit etwas unsicherer Stimme entgegen; „es ist gut, daß Sie gekommen sind, vielleicht morgen schon wäre es zu spät gewesen."
Der Freiherr trat an das Lager der Kranken und ergriff ihre kleine, fieberglühende Hand.
Errichtung einer Schiedsgerichts und die Nichtbestatigung des betr. Statuts zurück. — Staatssecretär des Innern Staats- ministerDr. vvnBoetticher erklärt, daß dies eine preußische Angelegenheit sei, daß sich aber auch da« preußische Ministerium mit derselben noch gar nicht befaßt habe. — Demnächst veranlaßte die Frage der Arbeiterwohnungen eine Debatte, an welcher sich die Abgg. Kalle (nat.-lib.), Schrader (deutschfreis.) und Dr. v. Frege (deutsche.) betheiligen. Nachdem darauf Titel 1 bewilligt, knüpfte sich noch eine kürzere Debatte an den Titel „200 000 Mk. zur Förderung der Hochseefischerei; nachdem ^derselbe bewilligt, wurden die Verhandlungen vertagt. — Schluß der Sitzung 4°/« Uhr. —Nächste Sitzung Montag Nachmittag« 1 Uhr. (Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats.)
politische Nachrichten.
Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin sind am Freitag früh wohlbehalten in Berlin eingetroffen.
Am Sonnabend Mittag begab sich S e. Majestät der Kaiser vom Neuen PalaiS aus zu Wagen nach Potsdam, und wohnte daselbst zunächst in oer dortigen Garuijontirwe und später in der katholischen Kirche der feierlichen Eidesleistung der Rekruten der Potsdamer Garnison bei, zu welcher auch Ihre Majestät die Kaiserin und II. KK. HH. der Prinz und die Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen daselbst erschienen waren. Nach beendeter Feier kehrten Se. Majestät der Kaiser und auch Ihre Majestät die Kaiserin von Potsdam aus zu Wagen nach dem Neuen Palais zurück und empfingen dort bald darauf den Besuch Ihrer Königlichen Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen.
Dem Vernehmen nach wird S e. M a j e st ä t der Kaiser am Montag Vormittag vom Neuen Palais bei Potsdam nach Berlin kommen, um auch hier der Truppenvereidigung der neu- eingestellten Rekruten des Garde-Corps beizu- wohnen.
„So schlimm wird es nicht sein, Meline," sprach er mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme. „Sie sehen mich bereit, alle Ihre Wünsche zu erfüllen."
„Weil es meine letzten sind," lächelte sie bitter, „keinen Widerspruch, Cousin Gerhard, ich weiß das nur zu wohl, sonst hätte ich Ihnen diese Reise nicht zugemuthet. Nicht wahr, Sie finden mich sehr verändert?"
„Ja," versetzte er offen, „aber die Ursache dieser Veränderung ist nicht die Krankheit allein."
Sie unterbrach ihn ungeduldig.
„Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen; das aufregende Leben seit dem Tode meines Gatten, der Tanz, das Spiel, dieses beständige Nomadenleben, das alles haben mir andere auch gesagt. Allein ich konnte nicht anders. Ich war nicht zu einem ruhigen Leben geboren, ich bedurfte der Aufregung, der Zerstreuung, ich wollte mich selbst vergeffen, ich suchte das Glück; o, wie ich es suchte! Wie oft glaubte ich es in der Hand zu haben, und da war es plötzlich in Nebel zerronnen, mein ganzes Leben war nur ein Suchen und ein niemals Finden!"
Sie sprach die letzten Worte mit einem herzzerreißenden Ausdruck.
Gerhard beugte sich erschüttert über sie.
„Meline, das wahre, das echte Glück darf man nicht in der Außenwelt suchen, das Glück liegt einzig und allein in unserer eigenen Brust. Gebest Sie diese aufreibende Lebensweise auf und kehren Sie in Ihre Heimath zurück. Gie haben eine