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Hersfeliler Kreisbliitt.

Mit wöchmtlicher Kratis-Aeilage ^Ällngrirtes Hlnteröaltungsklatt".

M. 126.

Dienstag den 22. Oktober

1889.

Amtliches

AuKschreibstt»

Am 14. d. Mts. dahier gestohlen:

Eine alte Spindeluhr, ein grauer Ueberzieher, eine graue Hose, vier Paar wollene Strümpfe, ein weißes und ein gestreiftes Hemd, ein schw. Ftlzhut, eine Reisetasche, drei weiße Kragen, ein Paar Armstauchen und ein Dienstbuch auf den Namen Jacob Reifschneider lautend.

Verdächtig ist ein Dienstknecht, welcher sich Leonhard Müller, auch Melchior Dickhardt von Dieburg nannte, und jetzt wahrscheinlich auf den Namen Jacob Reifschneider von Wittgenborn, Kreis Gelnhausen reist. Derselbe ist ca. 32 Jahre alt, von untersetzter Statur, hat blonden Schnurrbart, spitze Nase und scharfen Blick.

Um Fahndung, Festnahme im Betrelungsfalle und Nachricht anher wird ergebenst ersucht.

Hanau, den 16. Oktober 1889.

P. 6631.^ Der KöaigÜ Landrath.

I. Di Baabe.

* * *

Hersfeld, Den 18. Oktober 1889.

Wird den Ortspolizeiverwaltungen und der Königlichen Gendarmerie des Kreises behufs Fahndung nach dem Verdächtigen mitgetheilt.

9783. Der Königliche Landrath

Freiherr von S ch l e i n t tz.

Gefunden: eine Mütze. Meldung des Eigen- thümers bei dem Ortsvorstand zu Allmershausen.

Der Steckbrief vom 13. Juli 1883 hinter dem Schneider Friedrich Heinrich Ernst Mansius aus Schenklengsfeld ist erledigt und wird zurück» genommen.

Cassel, den 11. Oktober 1889.

Der Erste Staatsanwalt.

J. A.: B e r n d t.

Im Ieschlandc.

Erzählung von J. g s e n b e ck.

(Fortsetzung.)

Langsam, unwillig beinahe, denn er zauderte bei jedem Schritt, ging Peter Dürt wieder zu dem todten Mann zurück und ehe er selbst wußte, wozu er sich entschließen sollte, hatte er schon die starre, feuchte Hand hochgehoben. Der Ring war noch da, der Stein glänzte und flimmerte im Lichte des seinem Erbleichen nahen Mondes lebhafter, wie die flüssigem Silber gleichenden Kräuselwellen des Meeres.

Der Schweiß perlte auf Peter Dürt's Stirn, ein Gesicht war bleich wie das des Tobten vor hm. In ihm kämpften zwei Gewalten, aber chnell genug hatte der finstere Dämon den Steg errungen. Mit Anstrengung aller Kraft, denn seine Hand zitterte und bebte, zerrte Peter Dürt den Ring von dem Finger der Leiche und barg ihn in seiner Westentasche.

Eine vom Sturm verschlagene Möve strich mit mattem Flügelschlage dicht über Peter Dürt hin; »Leichendteb! Leichendieb!" klang es ihm aus ihrem heiseren Geschrei heraus. Wie von Furien gejagt, lief er davon, bis er das erste Haus des Dorfes wieder erreicht hatte und dort stehen blieb, um Athem zu schöpfen.

Und »Leichendieb!", das anklagende Wort, hatte auch eine menschliche Stimme leise ausgesprochen; der alte Jan Sven hatte den ganzen Hergang

+ Die Aufgaben des Reichstags.

Am Dienstag tritt der Reichstag zur letzten Tagung während dieser Gesetzgebungsperiode zusammen. Seine Aufgaben sind diesmal von doppelter Wichtigkeit.

Einmal handelt es sich darum, verschiedenen dringenden Bedürfnissen der Gesetzgebung Rechnung zu tragen. Hierzu gehört zunächst die Fest­stellung des Reichshaushaltsetats, der wie ver­lautet, wieder wie vor zwei Jahren, den Betrag einer Milliarde übersteigen wird. Wenn aber auch der Etat, wie üblich, zu allerhand Erörte­rungen, selbst über ferner liegende Gegenstände, Gelegenheit geben wird, so werden sich schwerlich daran große Kämpfe knüpfen, weil die gegen­wärtige Majorität eine sichere Gewähr für die sachliche Prüfung und schnelle Erledigung der aufgestellten Forderungen bietet. An Versuchen freilich wird es auf Seiten der Opposition nicht fehlen, ihr Steine in den Weg zu werfen und aus diesen oder jenen Forderungen Kapital zu schlagen: vielleicht wird dies namentlich, wenn man aus der Haltung ihrer Presse schließen darf, bei den Mehrbedürfnissen für militärische Zwecke der Fall sein, über deren Natur und Höhe vorläufig noch nichts bekannt ist. An einer zufriedenstellenden Lösung der mit dem Etat verbundenen Aufgaben ist aber jedenfalls nicht zu zweifeln.

Als weitere Aufgabe der Gesetzgebung wird dem Reichstage die Pflicht obliegen, bei Zeiten für einen Ersatz des mit dem 30. September 1890 ablaufenden Socialistermesetzes zu sorgen. Die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, der Regierung und dem Staate von Neuem Mittel zur Bekämpfung der socialdemokratischen Umsturz- bestrebungen in die Hand zu geben, ist eine so allgemeine, daß man darauf rechnen kann, daß die nationale Majorität in dieser Frage ernstlich

beobachtet. Um noch einmal nach seinem werth­vollsten Besitzthum, nach seinem Boote, zu sehen, war er auch an den Strand gegangen. Peter Dürt hatte den Fischer nicht bemerken können, da dieser durch das Boot ganz verdeckt wurde. Der einsame Nachtwandler, der barhäuptig und dem Anscheine nach in großer Aufregung daher ge- schritten kam, hatte die Aufmerksamkeit des alten Fischers sofort erregt; daß es aber Peter Dürt war, das hatte Jan Sven erst gesehen, als der Verbrecher sich mit der Leiche zu schaffen machte, die er selbst bis dahin noch garnicht entdeckt hatte.

Der Alte hatte zuerst die schändliche That durch sein Dazwischentreten stören wollen, aber er besann sich eines anderen. »Wer weiß, wie die Geschichte endet, wenn ich mit dem Dürt anbinde!" murmelte er. »Der ist fähig und redet sich so heraus, daß hinterher ich des versuchten Leichenraubes wegen angeklagt werde! — Nun hat er aber den Ring und das ist Beweis genug, wenn ich spreche. — Aber — aber — nun, wenn der Himmel will, kommt's auch ohne mich aus Licht und erst dann will ich reden. Es ist immerhin gut, wenn man an einem solchen Herrn einen Fleck hat, wo man ihn angreifen kann!"

Nach Peter Dürt's eiliger Flucht war auch Jan Sven langsam hinter ihm her in das Dorf zurückgegangen. Er überlegte immer noch, was er thun solle. Jetzt noch Leute wecken, mit ihnen die Leiche holen? Wenn dann aber der Ring vermißt würde? Der Verdacht mußte auf ihn

bemüht sein werde, mit den verbündeten Regie­rungen Hand in Hand zu gehen. Die Specu- lationen, welche in dieser Beziehung auf einen Mißerfolg rechnen, find unseres Erachtens völlig werthlos. Wie sich die gesetzgebenden Faktoren einigen werden, darüber enthalten wir uns ebenso aller Combinationen, wie über den Inhalt der zukünftigen Vorlage. Nur das Eine scheint uns gewiß, daß eine Einigung erzielt werden wird, weil sie erzielt werden muß. Ferner wird dem Reichstag ein Gesetz wegen weiterer Regelung der Verhältnisse der Reichsbank zugehen.

Wenn vielleicht hiermit auch die gesetzgeberischen Aufgaben noch nicht erschöpft sein werden, so kennzeichnen schon die erwähnten zur Genüge die Wichtigkeit der kommenden Session. Diese gewinnt aber dadurch noch an Bedeutung, daß sie die letzte vor den Neuwahlen ist. Hieraus erstehen dem Reichstage weitere Aufgaben.

Es darf schon jetzt als sicher angenommen werden, daß die vereinigte Opposition Alles darauf ablegeu wird, um dem Kartell und der Wirthschaftspolitik bei den Wahlen eine Nieder­lage zu bereiten. Alles was hierfür ausgenutzt werden kann, wird sie schon im Reichstage zu verwerthen wissen, — die Ausgaben für milk tärische Zwecke, das Socialistengesetz, die „Ver- theuerung" der Lebensmittel, das find die Trumpfe, welche sie auszuspielen gedenkt. Die nationale Majorität wird darauf bedacht sein müssen, die Angriffe bei Zeiten zu pariren und der Irreführung der Massen und der politischen Bruunenvergiftung energisch vorzubeugen. Möge sie die bevorstehende Session hierzu eifrig benutzen! Die Gegner werden es sicherlich thun, also mögen auch die nationalen Parteren sich deffen bewußt sein, daß sie die Ernte schon jetzt vor­bereiten können. Je größer die Rührigkeit ist, welche sie schon im Parlament entfalten, um so geringer wird die Mühe sein, der agitatorischen

fallen, oder er mußte doch über das sprechen, was er gesehen hatte. „Lassen wir den kalten Gast ruhig liegen, wo er liegt, bis ihn ein anderer findet, oder bis der — der — selbst ihn holen läßt!"

Jan Sven hatt« sich gescheut, Peter Dürt's Namen auch nur in Gedanken auszusprechen, als wenn schon dadurch das ihn bedrückende Geheimniß laut werden könne. Dafür sah er ihn aber nun in Person vor sich, wie er erschöpft an der Lehm­wand eines Hauses lehnte. Peter Dürt, der zuerst den alten Fischer, dessen Kommen er nicht bemerkt, wie ein Gespenst augestiert hatte, fand seine Fassung schneller wieder als Jener.

»Ihr wundert Euch wohl, daß Ihr mich bet nachtschlafender Zeit, oder vielmehr so früh am Morgen hier draußen findet?" sagte er und that sich dabei Gewalt an um das Beben seiner Zunge zu verbergen. »Aber ich konnte nicht schlafen. Der gestrige Tag hat mich doch mehr angegriffen, als ich anfangs fürchtete. Da bin ich in die frische Luft gegangen und — und — ich wollte nachsehen, ob von dem Wrack noch nichts an das Land gespühlt sei. Ja, Jan, das war meine Absicht!"

»Na, und was habt Ihr gefunden — ?"

„Ich — gefunden — wo denn — wie?" fragte Peter Dürt, die Worte einzeln, sprungweise hervorstoßend. »Ich war ja noch nicht am Wasser — ich bin ja jetzt erst gekommen — und — und — seht doch, Jan, hier in dem Hause stehen beide Fenster weit offen! - Ist das nicht gerade so,