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Kersseliikl Krtisblitt.
Mit wöchmtticher Kratis-Aertaae ^Muttrirtes AuterkaktunasktE.
Nr. 120. Dienstag den 8. Oktober 1889.
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Hersfelder Kreisvlatt mit -er wöchentlichen Gratis Beilage ^Jllustrirtes Unterhaltungsblatt" pro IV. Quartal 1889 werden noch fortwährend von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtliches.
Verordnung, betreffend die Einberufung des Reichstags. Vom 30. September 1889.
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc.
verordnen auf Grund des Artikels 12 der Verfassung, im Namen des Reichs, was folgt:
Der Reichstag wird berufen, am 22. October dieses Jahres in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen Wir den Reichskanzler mit den zu diesem Zweck nöthigen Vorbereitungen.
Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift undbeigedrucktemKaiserlichenJnsiegel.
Gegeben Neues Palais, den 30. September 1889.
(L. 8.) Wilhelm.
Fürst von Bismarck
Hersfeld, den 3. October 1889.
Am 26. September ist das zweite Privat- Personenfuhrwerk Hechtheim- Mainz, welches bei dem Postamt in Mainz um 3.40 Nm. eintreffen sollte, erst gegen 5 Uhr Nm. in der Straße »am Graben" in Mainz haltend ohne Führer und mit gesprengter Bocklade aufgefunden worden. An dem Inhalte des in letzterer enthalten gewesenen Geldfahrpostbeutels, welcher sich Geöffnet auf dem Bocksitz unter einer Pferdedecke
I vorfand, fehlte eine baare Ablieferung der Postagentur in Hechtheim im Betrage von 1100 M Die genannte Summe war in einer runden Blechdose von 20 cm Höhe und 10 cm Durchmesser verpackt und setzte sich zusammen aus: 1. 2 Reichsbanknoten zu 100 M. = 200 M 2. Goldmünzen . . . . — 200 M.
3. eine Rolle Silbergeld . . = 100 M.
4. 2 Rollen 5 Mark-Stücken zu 150 M. = 300 M. 5. 3 Rollen Einthalerstücken zu 100 M. = 300 M. wovon die zu 4 und 5 bezeichneten Rollen den Vermerk „Gemeinde Hechtheim" trugen.
Der gewaltsamen Eröffnung des Werthgelasses und Beraubung des Geldfahrpostbeutels dringend verdächtig ist der Führer des Privatpersonenfuhr- Werks Joh. Beck aus Nürnberg. Derselbe ist flüchtig und führt einen Militairpaß, auf den Namen Carl Wilhelm Heinrich Becker aus Jdstein geb. 15. 12. 58, lautend mit sich. Das Königliche Landratbsamt wird hiervon mit dem Er- suchen ergebenst in Kenntniß gesetzt, gefälligst auf Beck, dessen Personalbeschreibung hierunter folgt, fahnden, ihn im Betretungsfalle verhaften und der Kaiserlichen Ober-Postdirection in Caffel schleunigst Mittheilung machen zu wollen.
Personalbeschreibung des Beck: Alter: 18—19 Jahre. Geburtsort: Nürnberg s Figur: schlank, Größe: ca. 155 cm, Nase: stark, Bart: 0, Haar: blond, in der Mitte gescheitelt, (an der Stirn sog. Simpelhaare) Zähne: gut, Gesichtsfarbe : blaß. Besondere Kennzeichen: etwas schwerhörig, spricht bayrische Mundart. Bekleidet war Beck bet der Abfahrt von Hechtheim am 26. mit Zugstiefeln, grauer Hose mit braunen Flicken, brauner Jacke und rundem steifen Filzhut von schwarzer Farbe oder schwarzer Mütze.
Kaiserliches Postamt.
V i g e l i u s.
An das Königl. Landrathsamt hier. * * *
Hersfeid, den 4. October 1889
Wrd den Ortspolizewerwaltungen und der
Königlichen Gendarmerie des Kreises behufs Fahndung nach dem ec. Beck, sowie Festnahme desselben im Betretungsfalle, mitgetheilt.
9164. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
«Die tot bet rujWu Kauern.
Das große russische Reich besitzt unermeßliche Schwarzerdeflächen, unübersehbare Wälder, Schätze unter der Erde in Masse; es gehört mit zu den von der Natur am reichsten gesegneten Ländern. Trotzdem ist die wirthschaftliche Lage der Bevölkerung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer unbefriedigender geworden und Berichte, die in den russischen Blättern enthalten sind oder auf eigenem Studium von Ausländern beruhen, enthüllen oft Bilder trostlosen Massenelends. Acht Zehntel der Bewohner des Rresenreichs nährt sich von der Landwirthschaft und diese leidet trotz des Bodenreichthums am meisten.
„Grashdantn", ei« gm russisches Blatt, schätzt das Bettlerheer, welches das Land durchzieht, auf 500 000 Köpfe. Wenn das Frühjahr heran- kömmt, so sagt H. Roskoschny in dem kürzlich bei Reißner in Leipzig erschienenen, lesenswerthen Buche: „Das arme Rußland", so verwandelt sich ganz Rußland in ein riesiges Nomadengebiet, in welchem Hunderttausende hin- und herztehen, die Einen einzeln, Andere schaarenweise, die Einen mit dem Bettelsack über der Achsel oder dem Pilgerstab in der Hand, die Anderen mit Pferden und mit Wagen, die mit allerlei Hausrath und Säcken beladen sind, zwischen denen Frauen und Kinder lagern, gerade wie bei einer auf dem Marsch befindlichen Zigeunerschaar. Die vom Norden Kommenden treffen unterwegs mit den Anderen zusammen, die von Süden nach Norden ziehen, und ebenso bewegen sich von Westen und Osten zwei Ströme gegen einander. Das ist das große russische Betllerheer, das zu
(Uubtiugter Siacho>uck verbot n.)
Im Iischlande.
Erzählung von J. Jsenbeck.
(Fortsetzung.)
Die Wände derselben bestehen zwar nur aus Fachwerk, aber die Balken sind hell gestrichen, die Fensterrahmen mit den blitzenden Scheiben und die Thüren sind hellgrün bemalt und die rothen Ziegel der Dächer zeigen keine Lücke. Vor den Häusern liegt gewöhnlich ein kleiner Blumengarten, der größte Stolz des Besitzers. Die Dörfer sind fast nur von Schiffern bewohnt, die im Sommer als Matrosen, zum Theil sogar als Capitäne das weite Meer befahren, reich beladene Getreideschiffe nach England führen, von Schweden Holz und Eisen holen und den Winter in der Heimath bet Weib und Kind in den kleinen schmucken Häusern zubrlngen. Manch einer macht auch wohl größere Reisen nach Amerika und Indien, bleibt Jahre lang fort von dem einsamen öden Fischlande, aber er vergißt es nicht. Unter den Palmen des Südens denkt er sehnsuchtsvoll an die niedrigen vom Sturme zerzausten Kiefern, die in der heimathlichen Scholle wachsen. Er kehrt zurück zu dem Knaben, den er als Säugling verlassen, oder zu der Braut, die inzwischen alt und verwelkt, geworden, aber ihm Treue und Liebe bewahrt hat.
L» Strom der sechs Dörfer des Hischlandes
seiner „Möve" Die Meere durchsayren; das in Holz geschnitzte, bis auf die kleinsten Einzelheiten i getreue Modell des Schiffes hing von der Decke ■ des Wohnzimmers herab. Noch jetzt stand Claasen durch seine alten Freunde und Nachbarn, die sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hatten, in Verkehr mit all' den Orten und fernen Ländern, die er früher besuchte und jeder Gast, der bei ihm einkehrte, fand den besten Kaffee und Thee, den feinsten indischen Zucker, echte Cigarren und ein Gläschen Rum, wie es nirgend anderswo zu finden war. Darauf war Claasen nicht wenig stolz, aber noch stolzer war er auf seine Anne Lowise, seinen größten Schatz, die er nach seinem geliebten Schiff gewöhnlich die Möve nannte. Und damit halte der alte Capitän recht! ein schöneres, blühenderes und dabei fleißigeres Mädchen gab es nicht, soweit Fischlands Dunen reichten. Anne Lowise hatte auch ein Gemüth lieb und sanft und edel wie echtes, lauteres Gold. Wo es ein Leid und Elend im Dorfe gab, da half und tröstete sie und ihr Vater gab ihr gern von seinen blanken Thalern oder von seinen Herzstärkungen, wenn sie den armen Schifferweibern oder deren kranken Kindern beispringen wollte, deren Ernährer und Versorger auf den trügerischen Wogen umherzogen und vielleicht nie wiederkehrten. Was Wunder, wenn alle jungen Männer auf Fischland die Anne Lowise Claasen für einen wahren Engel erklärten, der schön und gut sej
ftano ein »aus, das sich vesonoeks durch Sauber - keit und Behäbigkeit auszeichnete Der Garten vor demselben wies sogar einige Obstbäume auf, | die messingnen Beschläge der Thür glätten w e j Gold und die Scheiben der Fenster strahlten bei der untergehenden Sonne wie das Feuer eines Leuchtthurms weit über das Meer hinaus Das Innere dieses Hauses war noch ansprechender. Die sauber geweißte Diele war mit blaut poürten eichenen Schränken besetzt und mit bauten holländischen Klinkern belegt. Das Wohnzimmer wie eine Schiffskajüte, nur in vergrößertem Maßstabe eingerichtet, hatte Wände von lackirtem Holz, einen kleinen Kamin von polirtem Stahl auf dessen Sims getrocknete Seesterne, seltene Muscheln und künstlich geschnitzte Kokosnüsse lagen. Zwei Schränke zeigten hinter ihren Glaswänden buntes chinesisches Porzellan, krystallene, in Silber gefaßte Schalen, Becher von edlem Metall oder aus Elfenbein und kostbaren Hölzern geschnitzt. Alles hatte der Eigenthümer des Hauses, der Capitain Claasen, von seinen Reisen heimgebracht als Geschenke für seine Braut und spätere Frau, die nun schon seit zehn Jahren auf dem kleinen sturmumtosten Kirchhofe schlummerte, oder für seine einzige Tochter Anne Lowise, mit der er nun wirthschaftete und die ihm seine alten, der Ruhe geweihten Tage versüßte und verschönte.
Der Kapitän Wasen hatte lan^ Hahn mit