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Htrssel-er Kreisblatt.

__________Mit wöchentlicher chratis-Aeilage ^Illustrirtes Ilnterhaktuugsblatt".

Nr. 108. Dienstag den 10. September 188S.

Amtlicher.

Hersfeld, den 9. September 1889.

Karoline Dorothea Schornstein, geboren am 25. Dezember 1867 zu Kirchheim, hat um Ertheilung eines Reisepasses behufs Äuswande- rung nach Amerika nachgesucht.

8450. Der Königliche Landrath

Freiherr von S ch l e i n i tz.

Dresdener Kaisertage.

Dresden, 6. September. Die Parade des XII. (Königlich sächsischen) Armeecorps vor Sr. Majestät dem Kaiser nahm bet prächtigem Wetter den glänzendsten Verlauf. Ihre Maje­stäten der Kaiser und der König von Sachsen trafen kurz nach 10 Uhr mit den übrigen Fürst­lichkeiten und einer aus zahlreichen Generalen und den fremdherrlichen Officieren bestehenden glänzenden Suite auf dem Paradefelde ein und ritten, nachdem Prinz Georg als commandirender General des XII. Armeecorps Rapport erstattet hatte, zunächst die Front des in 2 Treffen auf­gestellten Armeecorps ab. Der König und der Prinz Georg zu Sachsen ritten zur Rechten des Kaisers. Ihre Majestäten die Kaiserin und die Königin von Sachsen folgten in einem 4spännigen Wagen, ebenso die Prinzessin Mathilde mit einer Hofdame. Das Abreiten resp. Abfahren der Front dauerte etwa 3/4 Stunden. Hierauf nahmen Ihre Majestäten der Kaiser und der König unweit der auf dem Paradefelde errich­teten Zuschauertribüne Aufstellung und ließen, während Ihre Majestäten die Kaiserin und die Königin zu Wagen daneben hielten, die Truppen im Parademarsch an sich vorüberziehen. Se. Majestät der Kaiser führte sein sächsisches Grena­dier-Regiment Nr. 101, dessen Uniform Aller-

höchstderselbe auch angelegt hatte, dem Könige! von Sachsen persönlich vor. Der König von Sachsen führte das Leibregiment, das Garde­reiterregiment und das Artillerieregiment Nr. 12 vor Sr. Majestät dem Kaiser vorüber. Die Prinzen Friedrich August, Johann Georg. Max und Albert von Sachsen standen in der Front bei den Regimentern, denen sie zugehören. Die ganze Umgebung des Paradefeldes und die dahin führenden Straßen waren mit dichten Menschen­massen besetzt, welche Ihre Majestäten mit stürmischen und jubelnden Zurufen begrüßten.

Dresden, 7. September. Se. Majestät der Kaiser und der König von Sachsen haben sich heute früh 7 Uhr, bei regnerischem Wetter, nach Ostrau begeben, um den südlich von Oschatz statt- findenden Corps - Manövern gegen marktrten Feind beizuwohnen. Heute Nachmittag fand im hiesigen Residenzschlosse ein großes Diner statt, zu welchem 250 Einladungen ergangen waren.

Ostrau, 7. September, 12 Uhr 25 Min. Nachmittags. Das heutige Lorpsmanöver gegen den marktrten Feind nahm einen glänzenden Verlauf. Das Gefecht selbst wurde durch einen langen Artilleriekampf eingeleitet. General- Feldmarschall Prinz Georg von Sachsen entwickelte die gesammte Corps- Artillerie gegen die Front des Gegners und griff mit der rechten Seitencolonne unter Führung des General Lieutenants von Holleben genannt von Normann den linken Flügel des Ost-Corps an, welcher trotz der glänzenden Cavallerie- Attaaue, der Königlich sächsischen Kavallerie- Division nördlich Hohenwussen zuerst geworfen wurde. Im Centrum setzte das Ostcorps dem Gegner erfolgreichen Widerstand entgegen, und kam es hier gegen 12 Uhr Mittags zu einem kurzen, von beiden Seiten mit größter Energie geführten Endgefecht. Se. Majestät der Kaiser trennte sich wiederholt auf dem Gefechtsfelde von

Sr. Majestät dem Könige Albert von Sachsen, den Vormarsch der einzelnen Colounen beobachtend und die Stellungen des marktrten Feindes ab­rettend. Nach dem Manöver geruhte Se. Majestät der Kaiser dem Generalfeldmarschall Prinzen Georg in warmen Worten seine volle Anerkennung über das heutige Corps -Exerciren und die Leistungen des Königlich sächsischen Armeecorps auszusprechen.

Dresden, 7. September. Ihre Majestät die Kaiserin hat heute Dresden verlassen, um nach Potsdam zurückzukehren.

Dresden,?. September, Abends. Bei dem heutigen Paradediner trank König Albert auf das Wohl des Kaisers, indem er betonte, wie er in schweren und in guten Tagen getreu zu dem Großvater, dem Kaiser Wilhelm I. gestanden, so werde er auch freudig dem Kaiser Wilhelm IL folgen, wenn es die Gefahr des Vaterlandes fordere. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm dankte herzlichst und wies auf die nahen Be- tehungen hiß, w^te er schon durch Seinen Hoch- eligen Vater zu König Albert getreten sei. Er rinke auf das Wohl des Königs und des säch- ischen Heeres. Abends besuchte Se. Majestät der Kaiser mit dem sächsischen Königspaar und den in Dresden anwesenden Fürstlichkeiten das Hoftheater, wo zwei Lustspiele gegeben wurden. Nach dem ersten traten die Allerhöchsten Herr­schaften auf den Balkon hinaus und folgten dem von sämmtlichen Musikcorps des sächsischen Armeecorps, 900 Mann, unter Leitung des Musikdirector Walther-Leipzia auf dem mit bengalischem und mit Magnesium-Licht herrlich erleuchteten Theaterplatze ausgeführten Zapfen­streich. Den Eindruck, den die aus acht Musik­stücken bestehende Aufführung machte, war ein überaus großartiger. Die auf dem Platze und den angrenzenden Straßen dicht gedrängt stehende Menschenmenge begrüßte die Majestäten wieder-

Mit der Fluth.

Novelle von Zoe von Reuß.

(Fortsetzung.)

»Bürger Latayette hat die Stelle uicdergelegt als Commandant der Nattonalgarde!' berichtete ein Bürger aus PariS.

»Pah was tbuts?" machte ein anderer.

»Er ist ein Freund des Tyrannen !* sagte ein dritter.

»Hat er nicht der Bäckermeisterin die Hand geküßt vor den Augen deS armen und tugend­haften Volkes? Es war damals zu Versailles, als wir den Weibern dorthin folgten,' meinte der erste wieder.

»Selbst als Weiber verkleidet!' höhnte ein dritter.

«Auf den Balkon trat er mit dem Tyrannen und der Oesterreicherin heraus dort geschah eSl'

»Der König muß sich die Minister aus den Jacobinern wählen Matre Pethton würde die Rechte des Volkes niemals verkaufen!' sagte Etienne Marchand, der gleichfalls aus PariS gekommen waI' de" andern auf die Postkutsche

nach Merville wartete. Die Stimme und die Er­wähnung des Namens »Pethton' trafen das Ohr des jungen Baron Cavt'gnac, der allein an einem Tische saß, die beiden letzten Nummern der gazette de France und des pöre Duchösne vor sich. Die beiden Blätter üanoen sich m ihren politischen Anschauungen schnurstrakS gegenüber, aber gerade dieser Umstand machte ste gut geeigneten Lektüre lös den Barov. Er blickte auf und erkannte

Etienne sofort als den jungen Volksredner aus dem Jacobinerclub, dessen Versammlung er neulich im Gefolge des HerzogS von OrleanS beigewohnt hatte. Im Uebrigen war die Bekanntschaft viel älteren Datums. Der Milchbruder seiner Cousine, der Vicomlesse von Merville, war ihm immer verhaßt gewesen, und die Versuche, die der Bicomte einst gemacht hatte, denselben zum Gelehrten zu erziehen, waren von der Baronin und ihrem Sohne gebührend belächelt worden, ebenso wie die schwärmerische Verehrung, die Etienne für die Milchschwester empfand. In den einfachen, natür­licheren Verhältnissen ländlichen Zusammenlebens war sie allenthalben zu Tage getreten. Ja Baron Cavignac hatte sogar erleben müssen, daß die B-comtesse dem Milchbruder vor dem Vetter den Vorzug gab beim Reisspiel, Blumenpflücken oder Wettruderu. Das alles hatte Etienne längst zu einem Gegenstände des Haffes oder kleinlicher Eifersucht für den Baron gemacht. Noch gestern hatte er seinen Verwandten in Schloß Merville trtumphtrend berichtet, daß der nach Rousseau'schen Theorieen erzogene Milchbruder seiner schönen Cousine ein Jacobiner geworden sei eine Nachricht, die der Bicomte mit der Ruhe eines Philosophen, aber doch nicht ohne mißbilligen­des Kopfschütteln angehört hatte.

Die heutige, zufällige Begegnung war ihm hoch willkommen. Sein Gönner, der Herzog von OrleanS hatte sich wiederholt günstig über den jungen BolkSredner ausgesprochen, eS war kein Zweifel, daß er thu und durch denselben den

Maire von Paris gern gewinnen würde. Falls es Baron Cavignac gelingen sollte solches zu ver­mitteln, würbe damit eine neue Gelegenheit ge­funden werden, den Herzog seiner eigenen Person zu verpflichten. Der Augenblick mußte benutzt werden.

»Sie sind der talentvolle, junge Bürger, der neulich im Jacobinerclub die Rede des Matre Pethton dem Bolke so meisterhaft vorzutrageu wußte?' sagte er, zu dem überraschten Etienne herantretend. »Das beste der Rede ist freilich von Ihnen selbst die gelehrten, aber trocknen Doktrinen des zum Matre von PariS erhobenen Abgeordneten von ChartreS würden niemals solchen Beifall erlangt haben! Ja, dieser junge Bürger hat etwas von einem DemostheneS!' wandte er sich an die anderen, die den tzinzutretenden nicht ohne Mißtrauen betrachteten, baS seinen Grund vorzüglich in der sauberen Reitkleidung deS Barons zu haben schien.

Etienne lächelte geschmeichelt, eS war ihm augen­scheinlich hochwillkommen, durch die Ansprache deS BarouS plötzlich zu einem Gegenstände des Jutereffes zu werden. Doch war es ihm nicht vergönnt den Augenblick auszukosten, da das Posthorn soeben vom Hofe erklang und die meisten der Reisenden entführte. Nur die Postkutsche nach Merville ließ noch aus sich warten.

»Mein Oheim, der Bicomte von Merville, hat sich keineswegs betrogen in seiner Meuschcn- kenntniß,' fuhr Baron Cavignac fort, als er allein mit seinem Gegenüber war, indem er auf der Bank Platz nah» und bei des ausvartende«