Hinter Sr. Majestät dem Kaiser und Könige hatten die Kriegervereine in langer Linie Ausstellung genommen, welche Allerhöchstderselbe nach der Parade zu begrüßen geruhte. Trotz der colossalen Hitze machten die Truppen einen außerordentlich frischen Eindruck und Se. Majestät sprach denselben seine höchste Anerkennung aus. Den langen Rückweg vom Manöverterrain zur Bahn legte Se. Majestät in schlankem Galopp zurück, überall von brausenden Hurrahs des spalierbildenden Publikums begleitet und begrüßt. Die Abfahrt nach Züllichau zum dortigen Manöverterrain fand 1.10 Min., die Ankunft in Heimersdorf um 3 Uhr statt.
Se. Majestät der Kaiser ist am Montag Abend Wh mittelst Sonderzuges von den Manövern des Gardecorps zurückgekehrt. Se. Majestät hat sich von der Wildparkstation sofort nach dem Neuen Palais bet Potsdam begeben.
Nach der »Lübecker Zeitung" steht bei der In- spicirung des zehnten Armeecorps durch den Kaiser ein großes Küsten-Vertheidigungs- Manöver in Aussicht.
Der bayerische Militäretat pro 1889/90, welcher den Ende September zu- sammentretenden Landtag in erster Linie beschäftigen wird, beziffert sich auf 50709696 Mk. Die Heeresstärke Bayerns beträgt 2217 Officiere, 6343 Unterofficiere, 2167 Spielleute, 43847 Gefreite und Gemeine, 96 Zahlmeister, 965 Oekonomie- Handwerker, 210 Militärärzte, 99 Zahlmeisteraspiranten, 54 Thierärzte, 92 Büchsenmacher und Waffenmeister, 10 Sattler, 9226 Pferde.
Aus Gößnitz wird dem „D. Tgbl." berichtet, daß bei einer schneidig gerittenen Attaque des Leib-Garbe-Husaren-Regiments über ungünstiges Terrain Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, der Bruder unserer Kaiserin, welcher dem Regiment als Officier angehört, mit dem Pferde stürzte, wobei er sich eine glücklicherweise nur leichte Verletzung zuzog.
Aus allen Städten und Ortschaften Deutschlands liegen Meldungen über die patriotische und warmherzige Feier des S e d a n t a g e s vor.
Nach einer Berliner Correspondenz verlautet in militärischen Kreisen, daß zwei neue Armeecorps — das eine in Metz, das andere in Bromberg — errichtet werden sollen. Ferner würde das 18. Infanterie-Regiment nach Liegnitz, das 7, nach Danzig verlegt.
(Frankreich.) Boulangers Rückkehr nach Frankreich wird wiederum von mehreren Blättern als beschlossene Sache bezeichnet. Aus London meldet man der Pariser Zeitung „Siecle,* der General werde in der letzten Woche vor den Wahlen nach Paris kommen und sich dort verhaften lassen. Alle Maßregeln seien getroffen, um die Polizei zu hintergehen, damit die Verhaftung Boulangers in Paris selbst stattfinde. — Aus Frankreich liegen Aeußerungen vor, welche zeigen, daß das neue Manifest des Grafen von Paris keinen besonderen Eindruck auf die Wähler gemacht hat. Man hält dasselbe im allgemeinen für ungeschickt abgefaßt und wirft ihm besonders vor, daß es nicht offen mit dem Boulangismus gebrochen habe. Die boulangistischen Blätter sind unzufrieden, weil der Graf ihre Partei nicht erwähnt hat; sie erklären jedoch, daß sie ihn
unterstützen wollen, weil er der jetzigen Regierung den Krieg angesagt habe. Die royalistischen Blätter billigen selbstverständlich den Aufruf.
(England.) Der Massen str ik in London dauert nicht nur fort, sondern er nimmt auch immer größere Dimensionen an. Obwohl in einzelnen Fabriken die Arbeiter, welche unbedacht ihre Thätigkeit eingestellt hatten, dieselbe wieder ausgenommen haben sollen, wird die Zahl der Feiernden doch bereits auf wett über 150000 berechnet. Auch diejenigen Erwerbszweige, welche nicht unmittelbar in die Ausstands- Hewegung mit hineingezogen sind, haben unter derselben schwer zu leiden; denn der Schiffsver- 'ehr, dieser Lebensnerv des englischen und des Londoner Handels ist auf der Themse vollständig unterbunden. Bisher hatte die öffentliche Meinung in England sich vorwiegend auf die Seite der Strikenden gestellt und die Vertreter der Dockgesellschaften nachdrücklichst zum Entgegenkommen gemahnt. Die Hartnäckigkeit, mit welcher die Leiter der Ausstandsbewegung, an deren Spitze bekanntlich der Socialist Burns steht, die Wiederaufnahme der Arbeit nicht von einem billigen Vergleich, zu dem die Dockgesellschaften gern bereit sind, sondern von der vorbehaltlosen Bewilligung auch der letzten ihrer Forderungen abhängig machen, im Verein mit der drohenden Sprache, welche die von der Noth und dem Hunger bedrängten Arbeiter zu führen beginnen, scheint jedoch einen theilweisen Umschwung bereits zur Folge gehabt zu haben. Man beginnt jetzt den Arbeiterführern den Vorwurf zu machen, daß es ihnen weit mehr um die Entscheidung einer Machtfrage, um eine eklatante Vergewaltigung der Arbeitgeber, als um das Interesse der Arbeiter zu thun sei.
Aus Provinz und Nachbargediet.
H e r s s e l d, den 4. September 1889.
* Seitens d er Reichspostverwaltung wird, der »Köln. Ztg." zufolge, dauernd über die Unzahl der unbestellbaren Briefe geklagt. Die Zahl derselben belief sich im Jahre 1887 aus mehr als eine V-ertelmillion, womit ein Porto- verlust von 25000 M. verknüpft ist. Diesem Uebelstaude wurde abgeholfen werden, wenn die Absender ihre Adresse auf den Briefumschlag schrieben.
* Hersfeld, 4. September. Das „Homberger Kreisblatt' schreibt unterm 3. d. Folgendes: Der Name des berüchtigten Einbrechers Klotzbach war gestern und heute hier wieder in Aller Munde, und zwar infolge einer wunderbar ausgeschmückten Zeitungsente, die von unserem benachbarten M a r d o r f aus nach Cassel geflogen und von da aus dem Leserkreis verschiedener Zeitungen auf- getischt worden ist und nun wohl auch sobald noch nicht von der Bildfläche verschwunden sein wird. Die fragliche Zeituogsmär ist tu ihren Einzelheiten mit einer Virtuosität ausgestattet und tritt mit einer Gewißheit auf, daß solche wohl überall, außer am Thatorle selbst, unbedingten Glauben finden wird. — Hier möchte sich denn wohl die Frage aufwerfen, ob es am Platze sei, solche von A bis Z erfundene Geschichten derart zu verbreiten, das Tausende von Lesern schließlich bei allen Zeitungsnachrichten deren Glaubwürdigkeit an-
zuzweifeln geneigt sind. Oder hat Derjenige, aus dessen Veranlassung diese Räubergeschichte ihren Weg in die Zeitungen gefunden hat, etwa geglaubt, sich damit den Namen eines noch nicht dagewesenen Witzboldes erworben zu haben? Das wäre im vorliegenden Falle aber eine höchst zweifelhafte Ehre.
-r Hersfeld, 3. September. Wie wir neulich kurz mittheilten ist die Bienenpest an drei Bienenständen hiesiger Stadt aufgetreten und durch einen Sachverständigen unzweifelhaft festgestellt worden. Es steht leider sehr zu fürchten, daß noch mehr Stände inficirt sind, was bei der guten Tracht, welche die Heide bot und hierdurch den Heerd der Krankheit einengt, nicht so leicht zu ermitteln ist, zumal nur jene drei Stände scharf untersucht worden sind. Die furchtbaren Folgen zeigen sich aber sicher erst im nächsten Frühjahr, wenn nicht die sämmtlichen Bienenzüchter der Stadt die Sache in Angriff nehmen und sachgemäß vorgehen. Wie weit das Uebel kommen kann beweist ein Fall in Pommern, wo in ganzen Kreisen die Bienen aus- starben. Es wird von Interesse sein, ganz kurz etwas Näheres über diese schlimmste, höchst ansteckende Bimenkrankheit zu hören. D e Brutpest — man unterscheidet eine gutartige und eine bösartige und von letzterer ist hier die Rede — befällt die Maden und Nümphen in den Zellen. Ein M'kroskopiscber Pilz — der Bacillus Alvei — ist das thätige Agens bet der Zerstörung der Brut und Hinstechen der Biene. Die befallenen Bienen scheinen muthlos, die Waben sehen dunkelbraun, vernachlässigt, unsauber aus und es entwickelt sich ein eigenthümlicher (Leim-) Geruch. Die unbedeckelte Larve wird faltig, gelb, später graubraun und schließlich bleibt nur ein schwarzer Belag am Zellengrund übrig. Entwickelt sich die Krankheit nicht vollständig vor der Verpuppung, so wird die Zelle zwar noch be- deckelt, aber der besonders dunkle Deckel senkt sich concav, es erscheinen oft kleine Löcher in demselben und der Inhalt der Zelle bildet eine braune, zähe, stinkende Masse, dem Wagenpech vergleichbar. ; Einzelne gesunde Larven stehen immer zwischen den kranken und wenn sich hier Bienen entwickeln, so kann dieser geringe Zuwuchs nicht hindern, daß der Bien fortwährend schwächer wird, bis er endlich ausstirbt. — Das Schlimmste ist die überaus große Ansteckungsgefahr. Der Wind schon kann die Sporen von einem benachbarten Stock übertragen, denn diese Organismen sind so winzig, daß ein Cubikzoll Stoff eine vierfache Linie desselben von London nach Newyork bilden könnte? Durch Raubbienen und das Ungeschick der Imker selbst wag wohl die Verbreitung sehr befördert werden. Genügt doch schon das einfache Berühren einer kranken Beute oder gar eines Wabenstocks »m nach Stunden Zeit und Entfernung die Krankheit überzutragen, was selbst durch die Kleider, dem Honig und die Werkzeuge geschehen kann. — Man fand Bacillen im Chylusmagen der Bienen und der Königin, massenhaft in Pollenzellen, ja selbst im Bienenei. Gelehrte und Practiker wetteiferten die Ursache und das Wesen dieser Krankheit, die fast mehr in Amerika und Südeuropa als bet uns auftritt, zu ergründen und, nachdem dies in der Hauptsache gelungen. Mittel zu finden dieselbe zu heilen. Da« Hilbersche und Schrötersche Heilverfahren mittelst anttseptischer Mittel — langsame Verdunstung der Carbolsäure, Bestäuben mit
zu Paris, wo schon längst sogenannte „Bureaux d’esprit,“ oder gesellschaftliche Unterhaltungen über schöuwissenschaftliche Gegenstände üblich gewesen waren, vorzüglich seit dem amerikanischen Freiheitskriege, gewtsse Gesellschaften gebildet, in welchen man politische Ideen mit Eifer erläuterte und sich fast allgemein zu republikanischen Ansichten hinnetgte. Bald faßte das Privathaus, in welchem sie sich anfangs versammelten, die Zahl der Freunde der Revolution nicht mehr, sie wählten bald nach Aufhebung der Klöster die verlassene Stätte eines Jacobinerklosters zum Versammlungsorte.
So kam der Name »Jacobiuer" aus, obgleich sie selbst sich noch eine Zeit lang »Freunde der Coußttuttou" nannten. Ihr äußeres Abzeichen ward die laug herabhäugende, rothe Mütze.
Mit fortschreitender Revolution führte in dem Jacobinerklub eine zügellose, vor keinem Verbrechen zurückschreckende Selbstsucht den geheimen Vorsitz. So kam eS, daß auch Mitglieder der gemäßigteren Parteien gleichzeitig Mitglieder deS Jacobtner- clnbS sein konnten. Sie waren es, um ote Macht des Jacobinerclubs für ihre besonderen Zwecke auSzunutzeu. Auch der ehrgeizige, charakterlose Philipp von OrleauS ward auf solche Weise in die Reihen der Jacobtner geführt. Nachdem er daS Leben bis zur Uebersätttgung genossen, fand er in der Revolution eine neue Spannung für seine abgestumpften Nerven, und in der Beiriedtgung seiner Rache gegen das ihm verhaßte Königspaar eine willkommene Genugthuung. Sein öffentliches Mit war durchaus das Werk der Umstände, die
sich ihm gerade barboten. Am Eingang der Klosterbibliothek nahm ein junger Mann die Eintrittskarten ab, dessen feines Aeußere und elegante Manieren scharf abftachen von der bunten Menge dieser zweifelhaften Gesellschaft. Es war der junge Herzog von Chartres, Louis Philipp, der nachmalige König der Franzosen, der von seinem Vater, dem Herzog von Orleans, zu diesem Posten em- pwhlen worden war.
Die Klosterbibliothek selbst war ein weiter, hoher, majestätischer Raum, an dessen Wänden hohe Schränke mit Folianten standen. Im Hintergründe war eine erhöhte Tribüne, von Hängelampen beleuchtet, davor viele Reihen Bänke, von den Zuhörern eingenommen. Der Gang der Verhandlungen sollte dem der Nationalversammlung Hochgebildet sein, war aber längst in unberechenbarer Zügellosigkeit verwildert.
Der Gegenstand der Verhandlung war die »Asstgnation", oder das Papiergeld, welches auf Die eingezogenen Güter der Geistlichkeit und der aufgehobenen Klöster »assignirt" oder angewiesen war. Mit Recht stellte sich die .Asstgnation" als besonders geeignetes Mittel zur Ausbreitung der Revolution dar. Die Besitzer solches Papiergeldes mußten sich nothgedrungen der Revolution an- schließen um ihren Besitz zu sichern. Weil aber in der Folge immer mehr Afsignaten fabricirt wurden, zu denen man ja eben nur neues Papier brauchte, sank der Werth derselben bald sehr beträchtlich, also daß ein Paar Stiefeln ungefähr tausend Franken zu stehen kamen. Wie für die
Brodvertheuerung ward auch für diesen Umstand das Königthum verantwortlich gemacht.
Es wurden Reden gehalten, für und wider den Gegenstand. Die einen erklärten die Maßregel für unerläßlich die andern für verfehlt, immer wieder aber wandle man sich vereint gegen die »Mißregterung", die das »arme und tugendhafte" Volk in ein grenzenloses Elend gestürzt habe. Dabei hörte jeder Unterschied der Meinung, jede Verschiedenartigkeit der Ansicht auf. Nach verschiedenen anderen Rednern betrat Camille Des- moulins die Rednerbühne, um das Gehörte zu- sammenzufassen. Nicht ganz ohne Grund brüstete er sich damit, daß die neue Aera, wie man sie nannte, in erster Linie seiner Person zu danken sei. — Während die anderen Namen, deren Klang jetzt das Ohr des Pöbels berauschte, erst durch die Wellen der Fluth auf die Oberfläche gebracht worden waren, hatte er sich von Anfang an durch einen glühenden Feuereifer für das „arme und tugendhafte" Volk bekannt gemacht. Der Jacobtner- Club war so recht der Schauplatz seiner Thätigkeit gewesen. Trotzdem sein Aeutzeres abstoßend war, besonders durch einen unheimlichen Blick, verstand er es, durch Theaterkunstgriffe auf das Volk zu wirken, in welchen er Meister war.
(Fortsetzung folgt.)
— Duisburg, 31. August. Auf der Zeche Rheinpreußen entzündeten sich heute schlagende Wetter, wodurch zwei Mann getödtet und einer schwer verwundet wurde,