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ItrsfclÄtr Kreisbliitt.
Mit wöchentlicher Kratis-ZLeilage „Mustrirtes N«terhallu«gsökatt".__________
Nr. 96. 3 ~ Ticiiftag den 13. AuM 18897
Amtliches.
Hersfeld, den 8. August 1889.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des Kreises, welchen in diesen Tagen
a. Ausfertigungen über Klassensteuer-Ermäßigungen pro 1889/90
b. bezügliche zurückweisende Bescheide an die betreffenden Neklamanten
zugefertigt werden, haben die unter a erwähnte Ausfertigungen demnächst als Beläge der Klaffen- steuer-Abgangsliste pro I. Semester cr. beizu- fügen, den betreffenden Reklamanten aber alsbald über die erfolgte Ermäßigung Mittheilung zu machen, dagegen die sub b gedachten Bescheide den Adressaten alsbald auszuhändigen.
Bis spätestens z u m 18. d. M t s. erwarte ich Von den betreffenden Herren Ortsvorständen Bericht, daß und an welchem Tage von den Ermäßigungen den Reklamanten Kenntniß gegeben ist, resp, die zurückweisenden Bescheide an die Adressaten ausgehändigt worden sind.
7384. Der Königliche Landrath Freiherr von S ch l e i n i tz.
Unser Kaiser in England.
Eine Parade der deutschen Matrosen fand am Donnerstag Vormittag im Park von Osborne vor der Königin statt. Von den ca. 4500 Mann starken Besatzungen waren 1500 Mann gelandet. Der Kaiser commandirte die Parade selbst, welcher außer der Königin auch der Prinz von Wales und die übrigen Mitglieder der Königlichen Familie beiwohnten. Der Kaiser sprach den Mannschaften im Namen der Königin deren hohe Anerkennung für ihre vorzügliche Haltung aus und schloß die Ansprache mit einem dreimaligen Hoch auf die Königin, in
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Mit der Fluth.
Novelle von Zoe von Reuß.
(Fortsetzung)
Die Schuldenlast wurde durch die prunkliebende Königin, besonders aber durch die verschiedenen Prinzen des königlichen Hauses mit jedem Jahre größer, der Credit sank immer mehr. Vergebens kühlte der gutmüthige Kön'g selbst das einfachste Leben, um seinen durch Steuerdruck hartbedrängten Unterthanen das Leben zu erleichtern,
ES war gegen Mittag, der König befand sich in seinen nach dem Carouffelplatz belegenen, inneren Appartements. Nachdem er die gewöhnlichen Unterschritten vollzogen, griff er wieder zu der letzten Retsebeschreibung des berühmten Seefahrers Lape- prouse, die er besonders liebte. Längst arbeitete er selbst an einem Plane für eine neue Forschungsreise dieses Gelehrten, zu welcher er die Mittel aus seiner Privatschatulle großmüthig zur Verlügung zu stellen gedachte. Da öffnete sich die Thüre und ließ seinen Ltebltngsdtever Clery eiutreten.
„Sire der Drechsler!"
Ludwig legte das Buch fort und stand auf. Wie er Etienne Marchand gegenüberstand, hätte er im- Pontrend erscheinen können, wenn die etwas steife, unbewegliche Körpermasse nicht gleichzeitig eine phlegmatische Gleichgültigkeit verrathen hätte. Doch hinderte ihn dies Phlegma keineswegs an Arbeitsam- kett, nur ließ eS ihn die stillen, regelmäßigen Be- schästtgungen vollziehen.
welches die Mannschaften enthusiastisch ein- stimmten.
* * *
Die Abreise bed Kaisers hat am Donnerstag Abend stattgefunden. Um 4 Uhr Nachmittags lichtete das Geschwader die Anker und ging nach Dover, den Kaiser zu erwarten, welcher Abends gegen 8 Uhr auf seiner Bucht „Hohenzollern" die Bai von Osborne verließ. Beim Abschiede in Osbornehouse begleitete die Königin den Kaiser bis an den Wagen und küßte ihn auf beide Wangen. Die andern Mitglieder des englischen Königshauses fuhren mit nach dem Quai von Osborne, wo sie von Sr. Majestät herzlichen Abschied nahmen; der Prinz und die Prinzessin von Wales begleiteten den Kaiser bis zur Nacht „Hohenzollern". Nach einer sehr herzlichen Verabschiedung dampfte die „Hohenzollern" unter dem Donner der Geschütze nach Dover ab, um dort am Freitag früh mit dem Geschwader die Heimfahrt fortzusetzen.
" Kaiser frans Josef in Kerlin.
Kaiser Franz Josef, der erlauchte Freund und Verbündete unserer drei Kaiser kommt nach Berlin um den Besuch zu erwidern, welchen Kaiser Wilhelm II. ihm im vergangenen Jahre in Wien abgestattet hat. Ein schweres Geschick ist seit jenen Oktobertagen über das österreichische Kaiserhaus dahingezogen. Die Trauer um den einzigen Sohn ist es, welche den Besuch des verehrten verbündeten Monarchen in Berlin bis jetzt hinausschob und welche ihm auch den Wunsch nahelegte, daß von allen Empfangsfestlichkeiten sowie überhaupt von allen rauschenden Veranstaltungen Abstand genommen werden möge. Die Stadt Berlin hatte beabsichtigt, dem Kaiser einen glänzenden Empfang in ähnlicher Weise wie dem Könige von Italien zu bereiten, und
„Wie heißen Sie?" fragte er den jungen Handwerker.
„Etienne Marchand."
„Sie sind ein geschickter Arbeiter, trotz Ihrer Jugend," fuhr der König fort. „Das Schachspiel, das Sie mir bekannt gemacht hat, zeigt gleichzeitig Kühnheit und Geschmack im Entwurf, wie besondere Feinheit in der Ausführung. Wieviel Zeit gebrauchten Sie, um es zu vollenden?"
„Beinahe ein Jahr, Stre!"
„Sind Sie aus Paris?"
„Nein Sire, aber aus der Umgegend der Hauptstadt. Meine Mutter stammt aus dem Süden von Frankreich, und lebt gegenwärtig zu Schloß Merville, indem sie zum Haushalt des Herrn V comte gehört."
Etienne hatte mit aller Bescheidenheit, aber doch auch mit jener Freiheit gesprochen, die der Ausdruck des Selbstgefühls ist. Ueberhaupt mußte sein Benehmen den Vortheilhaftesten Eindruck machen. In richtigem Taktgefühl hatte er die gewöhnliche Kleidung der jungen Pariser Bürger beibehalten. Aber diese Kleidung war von Geschmack und sorgfältigster Sauberkeit, und das Jabot, über welchem sich die Weste öffnete, war nicht nur blütheuweiß, sondern spitzeubesetzt und sein gefaltet, wie es die Edelleute trugen. In den Fältchen verbarg sich die kleine Diamantnadel, die Etienne einst von der verstorbenen Bicomtesse von Merville erhalten hatte.
„Lassen Sie uns die Arbeit beginnen!" besaht der König.
Ein Diener hatte bereits eine dem Eingang
nur mit Bedauern tragen die städtischen Behörden dem Wunsche des schwergeprüften Monarchen Rechnung. Aber was an äußeren Veranstaltungen fehlt, wird die Wärme der Begrüßung seitens der Berliner Einwohnerschaft doppelt ersetzen. Seit Kaiser Franz Josef zum letzten Male — gelegentlich der Drei-Kaiser-Zusammen« kunft im Jahre 1872 — in Berlin gewesen, sind die Geschicke der beiden Reiche eng mit einander verflochten worden durch jenes Bündniß vom 7. October 1879, welches in wenigen Wochen sein erstes Jahrzehnt vollendet, in diesem Zeitraum aber vollständig eingewurzelt ist in allen deutschen Herzen und unserem Volke als ein unveräußerliches Gemeingut erscheint. Den obersten Träger dieser Anschauungen in Oesterreich-Ungarn verehren wir in dem Kaiser Franz Josef, und darum heißt ihn bei seinem Besuche in Berlin das gesammte Deutschland herzlich willkommen.
Zwischen den Aufgaben Oesterreich-Ungarns und denen des deutschen Reiches steht kein trennender Gedanke mehr. Die Interessengegensätze einer rückwärts liegenden Zeit sind überwunden, es haben sich im Gegentheil wichtige Interessengemeinschaften herausgebildet, welchen die Waffenbrüderschaft der beiderseitigen Heere zu einer unerschütterlichen Grundlage dient. Dieser Umstand hebt den Besuch des Kaisers Franz Josef weit aus dem Rahmen einer fürstlichen Höflichkeitspflicht, und macht ihn zu einer jener geschichtlichen Begebenheiten, welche gleichsam die Meilensteine der Völkerentwickelung bilden. Die Herzlichkeit und Wärme, mit welcher — wie kürzlich die österreichische Turnerschaft in München — so jetzt der Herrscher von Oesterreich-Ungarn in Berlin begrüßt wird, zeugt nicht nur von dem hohen Werthe, welchen unser gesammtes Volk dem Bundesverhältnisse beider Reiche beimißt, sondern mehr noch von
gegenüberliegende Thür geöffnet, die in das, im Style Ludwig des Vierzehnten gehaltene, Schreib- cabinet des Königs führte. Neben dem Arbeitstisch, über welchem das Bild des vierzehnten Ludwig prangte, war eine gold'ne Feder angebracht, deren Druck die Wandvertäflung theilte und eine inventiöS eingerichtete Drechslerwerkstatt hervortreten ließ. Der König trat hinüber und winkte Etienne, ihm zu folgen.
Der Raum war viereckig und besaß hellstes Licht. Sämmtliche, zum Drechslerhandwerk nothwendigen, Geräthschaften fanden sich vor, und zwar nicht nur von besonderer Schönheit, sondern auch von praetischer Brauchbarkeit. Die Drechslerbank, die in der Mitte des Gemaches stand, war selbst ein Meisterstück der Kunst, zu deren Ausübung sie dienen sollte. Auch die verschiedenartigsten Holzarten landen sich vor, neben prachtvollem Elfenbein, als Material zu den in Aussicht genommenen Arbeiten.
Der König ließ sich sofort verschiedene Handgriffe zeigen, die ihm fehlten zur Fertigkeit, und schien sich gut bedient zu finden. Er plante besonders ein elfenbeinernes Spinnrad für die Königin, bet der Herstellung der einzelnen Theile sollte ihm der Berfertiger des Schachspiels behülflich sein, die Metallardeit sollte dem geschicktesten Goldschmied anvertraut werden — so würde es vielleicht ein Kunstproduct werden, ähnlich wie das kostbare Schachspiel. Die Königin spielte in Trtanon Schülerin, der König vergnügte sich zu Parts mit der Ausübung einer bürgerlichen Thätigkeit, die einem bescheidene» Sinn entsprach, '