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Zelsselttl Krelsblitt.
__________Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „ITnkrirtes Anterhaltungsblatl".__________
Nr. 85. ""Donnerstag den 18. Juli 1889.
t Mißernte in ^u^lanb.
Nach den von verschiedenen Seiten vorliegenden, von amtlicher russischer Stelle aus bisher unwidersprochenen Berichten geht Rußland im Gegensatz zu der vorzüglichen Ernte des Vorjahres diesmal einer nahezu vollständigen Mißernte entgegen. Die Centralstelle für die Landwirthschaft in Rußland ist das Domänen-Ministerium und in diesem die Abtheilung für Landwirthschast und landwirthschaftliche Gewerbe, Wie nun verlautet, melden Berichte aus allen Gegenden Rußlands dieser Abtheilung übereinstimmend, daß die Wintersaaten im Frühjahr einen höchst traurigen Anblick darboten. In den südlichen Gouvernements, der eigentlichen Kornkammer Rußlands, war man schon früh im Jahr genöthigt, die Hälfte bis zwei Drittel der Felder völlig umzupflügen und mit Sommergetreide zu bestellen. Nur einzelne, an Flächenraum unbedeutende Oasen unterbrachen den traurigen, alle Provinzen südlich der Linie Kiew-Simbirsk umfassenden Anblick. In der nördlicheren Hälfte des europäischen Rußland soll der Zustand der Wintersaaten befriedigender, zum Theil sogar ausgezeichnet sein, aber die hier angebauten Getreide- massen genügen nur zur Befriedigung des eigenen Bedarfs, und wie groß der letztere ist, beweist der Umstand, daß selbst die Ernte bester Jahre nicht hinreicht, diesen Bedarf zu decken Es wird daher auch die reichlichste Ernte in Nord- Rußland nicht hinreichen, die Noth im Süden des Landes zu lindern.
Außer dem Regenmangel haben Frost und Hitze, die mit einander abwechselten, und zum Ueberfluß auch noch eine Gattung Feldmäuse (Zieselmäuse, Spermophilus fulvus), und in ihrem Gefolge kornverheerende Insekten ungeheuren Schaden angerichtet. Im Gouvernement Twer traten in der Zeit vom 17. bis 23. Mai
Waldschmetterling.
Erzählung von B. W a l d o w.
(Fortsetzung.)
„Thalberg ist dem Kinde nicht gefährlich, da kannst du unbesorgt sein, Alter," gibt mit bedeutungsvollem Lächeln die Frau Obertörsterin zurück.
„Der nicht? Nun, da hört alles auf 1 Als ob das nicht vom frühen Morgen bis zum späten Abend ein gemeinsam Jubeln und ein gegenseitiges Necken wäre, daß unsereins selbst wieder jung bei diesem Treiben wird! Ich begreife dich nicht, Alte, du hast doch sonst die Augen überall, und hier — —*
„Eben weil ich sie stets offen habe," — fällt ihm die Gattin in die Rede — „darf ich behaupten, daß Margarethe für Thalberg auch nicht eine Spur von Liebe fühlt, für diesen nicht, das glaube mir."
„Für diesen nicht. — Soll das etwa heißen, >aß sie dagegen für den andern schwärmt? Das st zum lachen, Thilde! Was stch neckt, das liebt ich, und nicht, was, von gelehrtem KrimkramS chwatzend, ruh'g und vernünftig bei einander sitzt, es vor lauter Scheu kaum wagend, lustig und fidel einander anzuschauen, wie man dies bei Margarethe und dem Doctor alle Tage wahrzunehmen die Gelegenheit hat. Haben wir etwa in dieser Weise uns unsere Liebe kund gethan, he?'
„Wir freilich nicht," entgegnet lachend die Gefragte. „Du wärst auch gerade eine Natur gewesen, die eS, ohne alle möglichen Allotrias zu treiben, Wie der Thalberg, lange ausgehalten hätte!"
Nachtfröste ein, während bei Tage eine Julihitze herrschte. Drei Wochen lang fiel dann kein Regentropfen, dagegen wehte ein grimmig kalter verheerender Nordwind. Dies währte bis Mitte Juni. Die vom Frost verschonte Wintersaat fiel dem Regenmangel zum Opfer. Aber auch die umgepflügten und mit Sommergetreide be stellten Felder hatten kein besseres Aussehen, ebenso die Waiden und die Wiesen. Das schlechte Futter erzeugte eine Viehseuche und auch unter den Menschen ist eine epidemische Krankheit aufgetreten. die nur als Hungertyphus bezeichnet werden kann. In manchen Dörfern wird das Brot aus Spreu gebacken. So wird berichtet, daß die Hungerepidemie bereits in die Stadt Kaljäsin gedrungen sei und dort reißend um sich greife, zumal weder Gurken noch Kohl noch Pilze vorhanden sind, welche dort sonst als Volksnahrung dienen Aehnliche Nachrichten werden aus dem Gouvernement Tschernigow gemeldet, wo ein Frost in der NWt zum 8. Juni auch noch alles Gemüse, Hirse, Buchweizen und einen Theil des Hafers vernichtet hat. Um Mitte Mai stieg der Preis von Roggen und Mehl um 60 Prozent. In einem Dorfe des Gouvernements Saratow forderten die Bauern vom Gemeindeältesten Korn, weil sie seit drei Tagen nichts gegessen hätten und die Kinder nahe daran seien, zu verhungern. Die öffentlichen Getreide Magazine sind jetzt schon fast leer und von den Landschastsbehörven große Summen zu Verpflegungszwecken verausgabt An Den Erzeugungsplätzen ist fast nichts mehr vorhanden, dagegen sollen in den Ausfuhrplätzen noch große Mengen Getreide lagern, welche im Hinblick auf die vorjährige theilweise Mißernte in West Europa, auf die ungünstige Ernte in den Vereinigten Staaten und auf die in Folge dessen fortgesetzte Nachfrage dort angesammelt worden sind. Im vergangenen Jahre hatte die russische Getreideausfuhr 531
„Nun, siehst du wohl! Und so geht's jedem, dem Gott Amor den Herzenshammer in unnormale Schwingungen versetzt."
„Nicht jedem, Alter, glaube mir."
„Mach' mich nicht böse, Thilde, mit deinem ewigen Opponieren! Jedoch, was streiten wir darum, die Zeit wird's lehren, wer von uns beiden recht behält . . .
Weiter kommt er nicht^in seiner Rede, denn soeben wird Margarethens Stimme, die ein frisches, fröhliches Lied in die Luft schmettert, draußen laut:
„Da haben wir's!" ruft er erfreut und jede Spur von Unmuts) schwindet aus den Wetter- braunen Zügen. „Nun kommt sie an mit Sang und Klang, 's ist doch ein practisch Mädel, daß sie stets die Kehle schmiert, wenn'S an's Marschieren geht." Und mit heiterer Miene blickt er der fröhlich Eintretenden entgegen, auf deren Wangen die frische Morgenluft liebliche Rosen hingezaubert.
„Geh' meinem alten Brummbär nicht zu nahe, Kind!" ruft, Margarethens fröhlichen Gruß erwidernd, die Matrone, indem sie sich bemüht, ernsthaft dreinzuschauen, was ihr jedoch nicht gelingen will.
„Hat der gestrenge Herr gescholten, daß ich so lange blieb?" fragt die Genannte. „O, sei nicht böse, Herzcnsonkel! Es war gar zu prächtig heute da draußen und mw so wohl zu Muth, daß es mich immer weiter trieb. Bring' dir auch einen schönen Gruß vom Walde nW Und dabei umschlingt sie unter heiterem Lachen seinen Hals und 1 schaut kindlich bittend in sein bärtiges Gesicht.
Millionen Pud erreicht, 154 Millionen Pud mehr als im Jahre 1887, die größte Getreideausfuhr, welche Rußland bisher gehabt hat. So ist denn keine andere Abhülfe denkbar, als die jetzt noch in den Ausfuhrplätzen lagernden Getreidemassen in das Innere des Reichs zurückströmen zu lassen. In einzelnen Gouvernements sind bereits Landschaftsversammlungen angekündigt, welche die Mittel berathen sollen, einer Hungersnoth vorzubeugen, denn nur wenige Gouvernements besitzen genügende Einrichtungen, wie z. B. das von Archangelsk, um aus eigenen Magazinen den Unterhalt der Bevölkerung bis zur nächsten Ernte zu sichern. Die russische Handelsbilanz dürfte demnach wohl recht ungünstige Veränderungen aufzuweisen haben.
~ Folitische Nachrichten. ~
(Deutschland.) Unser Kaiser ist am Sonntag früh in bestem Wohlsein und bei prachtvollem Wetter vor Drontheim angelangt. Um 9'/2 Uhr Vormittags hielt Se. Majestät Musterung der Schiffsmannschaft und um 10 Uhr persönlich den Gottesdienst ab. Um 7 Uhr Abends begab sich der Kaiser an Land, von der Bevölkerung sympathisch begrüßt. Se. Majestät besichtigte den Dom eingehend und nahm sodann den Thee beim Konsul Jenssen. Montag Nachmittag erfolgte die Weiterfahrt noch Bodö gegen 1 Uhr nach Erledigung der Kuriersendung. Von Bodö geht die Fahrt nach Hammerfest und dem Nordkap.
Nach den nunmehr ergangenen Anordnungen wird, sobald Se. Majestät der Kaiser Wilhelm am Nachmittage des 2. August mit dem deutschen Geschwader auf der Höhe von Portsmouth eintrifft, der Prinz von Wales Se. Majestät an Bord der Kaiserlichen Jacht „Hohenzollern" begrüßen. Die Kaiserliche Jacht und das deutsche
„Schmeichelkatze!" tönUs ihr nach, als sie im nächsten Augenblick die gleiche Prozedur auch mit der Tante unternimmt.
„Du warst mir überhaupt nicht böse, gelt? Nun, dafür sollst du auch die prächtigen Blumen haben, die ich mitgebracht. Sieh nur, wie Diamanten blitzt der Thau auf ihnen, jedoch verwildert sehen sie noch aus; will sie erst zum vernünftigen Sträußchen binden."
„In erster L'nie aber deinem Frühstück Ehre machen, denn solcher Marsch läßt hungrig werden." mahnt die Frau Oberiörsterin und füllt ihres Lieblings Taste mit jenem braunen, duftenden Getränk, das in Palast und Hütte sich so erstaun- l.cher Beliebtheit erfreut.
„Nun, und wie steht's mit dir Väterchen, trinkst jetzt wohl zur Gesellschaft noch ein Täßchen mit?"
„Versteht sich Thilde," nickt der Weidmann, indes er sinnend auf die von Margarethe mitgebrachten Blumen niederschaut und alsdann ernst- hatt folgen läßt: „N cht lange wird es dauern, dann ist's vorbei mit all' der Sommerherrlichkeit und dicht beschneit sind Weg und Steg. Es ist dann noch Diel öder, einsamer bei uns; wird dtt'S denn auch im Winter h'er gefallen, Gretchen, oder w llit du vor Beginn desselben lieber in die Residenz?"
„Ich von euch fort?" kommt's hastig über ihre L ppen und beinahe erschreckt setzt Margarethe die schon an den Mund geiührte Taste nieder. „Frei- willig geh' ich nicht, das steht ganz fest, und wenn ihr so grausam wäret, mich fortzuschicken, würde