Erscheint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag und Sonnabend, Abonneventipreir: vierteljährlich 1 Mark 40 Psg. excl.
Postaufschlag.
Die JusertionSgebühren betragen für den Raum einer Spaltzeile 10 Psg., im amtlichen Theile 15 Psg. Reklamen die Zeile 20 Psg. Bei größeren«ustrSgen entsprechender Rabatt.
Htlsstlher Kttisblatt.
Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illullrirles Aukerhaltungsölatt".__________
Nr. 72. Dienstag den 18. JuN 1889.
Amtliches.
Hersfeld, den 12. Juni 1889.
Der Vicebürgermeister Johannes K e h r e s zu Sorga ist heute als Stellvertreter des Standesbeamten für den Standesamtsbezirk Sorga verpflichtet worden.
5479. Der Königliche Landrath.
In Vertretung:
Braun, Kreisdeputirter.
Faktische Nachrichten.
(Deutschland.) Am Sonnabend Morgen kurz vor 10 Uhr begaben sich Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin mit den drei ältesten Königlichen Prinzen und begleitet von den Damen und Herren der Umgebung von Schloß Friedrichskron zu Wagen nach Potsdam, um aus Anlaß des Sterbetages weiland des Hochsetigen Kaisers und Königs Friedrich M in der Friedenskirche daselbst der Gedächtn^ßfeier beizuwohnen und darauf am Sarge des Hoch seligen Monarchen einige Zeit in stiller Andacht zu verweilen und mit den anderen Mitgliedern der Königlichen Familie dortselbst Kränze nieder- zulegen. Mit den Kaiserlichen Majestäten hatten auch sämmtliche zur Zeit in Berlin und Potsdam weilenden Mitglieder der Königliche Familie, sowie die landsässigen Fürstlichkeiten und die Generalität, sowie viele hohe Militärs und der gesammte ehemalige Hofstaat des Kaisers und der Kaiserin Friedrich der Gedächtnißfeier in der Friedenskirche beigewohnt. — Die Kaiserlichen Majestäten kehrten dann nach Beendigung der Feierlichkeiten nebst ihrer Umgebung von der Friedenskirche bezw. von Potsdam aus zu Wagen nach Schloß Friedrichskron zurück. Dort empfing Se. Majestät der Kaiser, sofort nach
Ais aus schlimme Ziel.
Lriminit-RoveUe von A. R » i ch n e r.
(Fortsetzung.)
Warum hätte ich sie auch lieben sollen? Wer liebte mich? — Man gab m r Wohlthätern — das Ist wahr — aber man that es am die eigene. n'cht auf meine Weise, man lehrte eS mich stets, ich habe dankbar zu sein und D enste zu leisten für jeden Bissen Brot, den ich empfing. Und ich war stolz! O, w:e ich sie haßte, diese Wohlthaten und diese Dankbarkeit, die nicht fre'wlllg aus dem Herzen, sondern nach Vorschrift lieb zu äußern hatte! — Schon meine Geburt war wie ein Fluch für mein zukünftiges Leben. Ich konnte meinen Atern nicht danken für mein Dasein. Meine Mutter war aus einem adeligen, angesehenen Hause.
»Sie verliebte sich in einen Künstler," fuhr Urtrud in ihrer Beichte fort, .und als man diese ^igung mißbilligte und hindern wollte, da bäumte sich der Trotz und die Leidenschaft hoch auf, sie opferte der Liebe alles, sie verließ das Vaterhaus, das gewohnte Wohlleben Mit dem unstäten Wanderleben eines Künstlers zu vertauschen. Was kommen mußte, kam. Sie wurden beide flinflen zu Grunde an diesem Binse» J4, ihr einziges Kmd, erbte die Staturen Die Herkunst beider hat sich nie ^n*1^1^ «ein Vater starb, war ich
^dr jung. Meine Mutter, dem Hungertode hin °dur Kraft, uns zu erhalten,
du! bet ihrer stolzen uamtUe, die sie früher schon
seiner Rückkehr, die ehemalige Leibdienerschaft I weiland des Hochseligen Kaisers und Königs Friedrich III. und arbeitete demnächst auch noch einige Zeit mit dem Chef des Civil-Cabinets Wirkl. Geheimen Rath Dr. von Lucanus. Den übrigen Theil des Tages verbrachte die Kaiserliche Familie dann in stiller Zurückgezogenheit.
Dem Vernehmen nach wird sich Se. M a j e st ä t Der Reifer am 18. d. Mts. trüb zur Theilnahme an den Festlichkeiten nach DreSden begeben, aber bereits in der Nacht zum 19. Juni von dort wieder nach Berlin bez. nach Schloß Fr edrtchskrou zurückkehren.
AuS Stuttgart wird unterm 14. d. gemeldet : Gestern fand auf Schloß Rosenstein eine Hoftafel statt, zu welcher die Mitglieder der Ständeversammlung geladen waren. Der König brächte folgenden Trinkspruch aus: Ich wünsche mit meinen Gästen diesen Tag recht herzlich zu begehen. Furchtlos und treu haben wir zusammen in diesen 25 Jahren. Freud und Leid getheilt. Gott erhalte unserer Heimäth auch ferner seinen Segen. Das edle Wort meines Ahnen Eberhard im Bart bewährt sich heute noch, daß der Landesvater sein Haupt in den Schoß jedes seiner Unterthanen legen kann. Heil und Segen der Hetmath!
Die s ä ch s i s ch e H a u p t st a d t hat zur Feier des Wcttinfestcs, zu welchem die glänzendsten Vorbereitungen getroffen worden sind, bereits reichen Schmuck angelegt. Am Sonnabend empfing König Albert eine Deputation beider Ständekammern und der sächsischen Reichstags- Abgeordneten.
Der »Reichsanzeiger" publicirt die Verleihung des Sterns und das Kreuz der Großkomthure des Hausordens von Hohenzollern an den Minister von Bötticher.
Nach Meldung der amtlichen Landeszeitung ' für Elsaß-Lothringen, stände der Besuch Sr.
zurückgewiesen, für ihr Kind. Man wieS sie höhnend fort, als eine Entartete, längst zu den Todten Geworfene. Sie starb — am Stroh. Ich glaube, sie starb auS Noth und Hunger — oder am gebrochenen Herzen. Ihr letzter Bl'ck war lest am mich geheftet. Ich habe Diesen Blick niemals vergissen. Er enthält Die stumme Anklage gegen eine Welt, die sie verstoßen, weil sie geliebt und weil sie ihrem Herzen folgte, eine Anklage gegen ein Schicksal, das D:e Guten oft zu Grunde gehen und de'Bösen triumphnen läßt. In dieser Stunde ward der Keim zur jetzigen Gertrud gelegt, und so jung ich damals war — ein schwache« und hilfloses Kind — niemals hätte ich schon da auch nur um eines Hellers Werth von denen angenommen, die meine Mutter von sich stießen und verleugneten. Lieber wäre ich verhungert als von ihrer Hand den Bissen Brot zu nehmen, den man meiner Mutter verweigert, der ihr hätte das Leben retten können!"
Gertruds Augen flammten wild aus und leuchteten fast unheimlich in dem blassen Gesicht, aus dem jeder Blutstropsen entwichen zu sein schien. Edgar saß noch immer unbewegl'ch und blickte abgewandt in die schwache Gluth des Feuers, dem er gegenüber saß.
Sie athmete tief auf und fuhr dann fort:
.ES ist wahr, man heb mich nicht verhungern — diesen »Dank" schulde ich den Menschen oder meinem Schicksal, welches mich, nachdem e» mich eine Weile von einer .mitleidigen" Hand zur anderen umhergeschleudert, endlich in den Hasen gelangen
Majestät des Kaisers in den Reichslanden gegen Ende dieses Monats hervor.
Se. Majestät der Kaiser hat auf Vorschlag des Statthalters Fürsten Hohenlohe den Polizei- Präsidenten von Frankfurt a. M., früheren Reichstags - Abgeordneten von Köller, zum UnterstaatsSecretär des Innern für Elsaß Lothringen ernannt.
Nach einer Meldung der „Rhein. Westf.-Ztg." sind am Donnerstag sämmtliche noch im Dortmunder Kohlenrevier lagernden Truppen in ihre Garnisonen zurückgekehrt.
Der Staatsminister und Staatssecretär im Auswärtigen Amte Graf Herbert Bismarck ist am Freitag Abend nach Bad Königstein im Taunus abgereist.
Eine Petersburger Mittheilung der „Berl. Pol. Nachr." verweist auf eine Kaiserliche Verordnung in der jüngsten russischen Gesetzsammlung, welche trotz ihrer Wichtigkeit von der auswärtigen, insbesondere auch von der deutschen Presse nicht beacht».» worden ist. Die Verordnung behandelt das Budget des russischen Kriegsministeriums von 1889 bis 1893, welche vom December vorigen Jahres datirt, erst im Mai dieses Jahres publicirt wurde. Die Verspätung der Publication dürfte wohl mit der Convertirung im engsten Zusammenhänge stehen. Als Grundlage der dem Kriegsminister für die nächsten vier Jahre zu bewilligenden Credite gilt der Budget Anschlag pro 1888 in Höhe von 211 Millionen Rubel; hierzu soll in jedem der nächsten vier Jahre ein Betrag nach und nach zugeschlagen werden, der in einem früher publicirten Ukas vom 13. Mai 1888 festgesetzt ist, so daß die bezüglichen Beträge nicht bekannt sind. Die im Laufe der letzten Jahre ergangenen Verordnungen erschweren sehr den Einblick in das russische Kriegsbudget. Die neueste Publikation scheint zu bezwecken, in der
"M i ^ll■—. .! ll l n,..— ...
ließ. Wenigstens nannten eS die Leute so, und sie sagten, eS sei ein sehr günstige», ein unverdient günstiges Sch cksal sogar, welches mir zu theil geworden und sie sagten auch, ich könne nun und nimmer mich dankbar genug zeigen für soviel Güte und soviel Mitleid! — Mitleid, Güte, Dankbarkeit! — W-e ich diese Worte haßte, damals schon! — Mein wildes, trotziges, unbezähmtes Kinderherz verlangte Lebe und Verständniß, kein Mlleid, keine Wohlthat, kein Almosen! Und doch mußte ich täglich, stündlich hören, daß ich eigentlich ein Leltelkmd von schlechten Eltern sei, das sein LooS zu preisen habe! Niemand verstand, welches Gefühl der Demüthigung das stolze, früh gereifte Herz zerriß.
Edgar machte eine ungeduldige Bewegung. Er wartete auf das Bekenntniß ihrer Schuld — waS kümmerte ihn eines unverstandenen Kindes Weh!
Gertrud sah eS und seufzte tief. Er, auch er verstand sie nicht — auch er nicht! — Hatte er sie je verstanden? —
Traurig fuhr Gertrud in ihrem Bekenntniß fort: .Edgar, die Hand, Die endlich meiner sich erbarmte und deren Güte Die Leute priesen, war die — deiner Mutter. Hatte ns Mitleid mit dem fremden Kind, oder war eS ihre Stellung als Heilige in der Leute Augen, die ihr Pflichten aus- erlegte, genug, sie nahm sich meiner an. Die Leute haben sie gepriesen, gepriesen biS über den Tod hinaus. Sie haben sie eine gute, fromme und wohlthätige Frau genannt, und das wird sie in ihre» Augen bleiben mD heißen ewiglich, während