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Htlsstl-tl Kmsblitt.
__________Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illustrirtes ZlulerSaltungsölatt".___________
Nr. 65. Sonnabend den 1. Juni 1889.
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Amtliches
Hersfeld, den 31. Mai 1889.
Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden des Kreises werden hierdurch angewiesen, alsbald einen Plakat-Fahrplan über die Züge auf den der Königlichen Eisenbahn-Direction zu Frankfurt a/M. unterstellten Eisenbahnen dahier abholen zu lassen, welcher an einer geeigneten Stelle, im Wirthshaus oder wo es sonst passend erscheint, zugänglich auszuhängen ist.
Der Königliche Landrath.
In Vertretung: Braun, Kreisdeputirter.
* Die ReilhstWstssuiii.
Die jetzt beendete Reichstagssession ist die vierte dieser Legislaturperiode. Seit der Aufrichtung des deutschen Reiches hat es keinen Reichstag gegeben, dem eine solche Zahl bedeutungsvollster Aufgaben obgelegen hätte, wie derjenige, der am 21. Februar 1887 gewählt worden und dessen Mandat am 21. Februar 1890 erlischt, ebenso auch keinen, während dessen Thätigkeit eine solche Fülle geschichtlicher Ereignisse über Deutschland hereingebrochen wäre: er hat unter der Regierung dreier Kaiser getagt.
Ais aus schlimme Ziel.
Criminsl-NoveUe von K, R e i ch n e r.
(Fortsetzung.)
Was Edgar Dorwall anbetrifft, so empfand er wohl weit weniger als sein Vater die stete Sorge und Opferfreudigkett Gertruds. Er fühlte wohl das stille Walten dieser zarten Frauenhand, allein er wurde sich nicht klar darüber, oder vielmehr er dachte gar nicht darüber nach. Ihm war Gertrud nur ein gutes Mädchen, das sehr ruhig und sehr verständig war, für das er eine Art von brüderlicher Zuneigung empfand und deren Werth er wohl zu schätzen wußte — nichts mehr, nichts weniger. Im übrigen war sein Gemüth verdüstert und erbittert. So sah er also nicht und merkte nicht, daß seine eigenen Zimmer stets mit besonderer Sorgfalt hergerichtet, seine Lieblingsspetsen stets mit besonderer Vorliebe bereitet wurden, daß auf ihm zwei schöne, nur von ihm gar nicht beachtete Frauenaugen am längsten und am häufigsten ruhten, daß sie mit Aengstlichkeit im Blick seine düstere Stirn und die böse Falte dort betrachteten und sie zu zerstreuen suchten — nein, Edgar Dorwall sah und merkte nichts von alledem! — War er denn blind? . So fragte er sich nach mals oft — zu spät.
So vergingen Tage, vergingen Wochen.
Es war der erste Schnee bereits gefallen, das Kaub längst von den Bäumen, der Spätherbst
Die Wahl vollzog sich, wie erinnerlich, unter dem Eindruck einer für Deutschland und Europa sehr ernsten Lage; daß sie so ausfiel, wie es geschah, hat nicht wenig zur Erhaltung des Friedens beigetragen. Die erste Aufgabe des neuen Reichstags war die Verstärkung des Heeres, eine patriotische That, für welche Kaiser Wilhelm l. der Volksvertretung noch sterbend Dank wußte. Der zweite bedeutsame Erfolg war die Annahme des Branntweinsteuer- und Zuckersteuerreform-Gesetzes. In der zweiten Session folgte das Gesetz über Landwehr und Landsturm und die Anleihe von 278 Millionen für militärische Zwecke, die Herstellung fünfjähriger Legislaturperioden, die zweijährige Verlängerung des Socialistengesetzes, die Erhöhung der Getreidezölle. Das Hinscheiden Kaiser Wilhelms l. setzte den Arbeiten dieser zweiten Session im Wesentlichen ein Ziel. Nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. zu einer kurzen, dritten Session zusammenberufen, versammelte der Reichstag sich zu jener denkwürdigen Eröffnungssitzung im Weißen Saale, in welcher der Kaiser, umgeben von sämmtlichen deutschen Fürsten und den regierenden Bürgermeistern der freien Städte, einer Reichsversammlung, wie sie in den glänzendsten Zeiten des alten Reiches kein deutscher Kaiser um sich gesehen, das Programm seiner Regierung entrollte. Der Reichstag beschränkte sich in dieser nur dreitägigen Session auf die Votirung einer Adresse als Antwort auf die Thronrede. Die vierte Session ist am 22. November v. I. eröffnet worden. Zu den wichtigeren Aufgaben, welche sie erledigt hat, gehört das Genossenschaftsgesetz, die Verstärkung der Feld-Artillerie, die Bewilligung erheblicher Verstärkungen für die Marine, nebst Aenderung der Organisation ihrer obersten Behörden, sodann die Bewilligung von Mitteln zur Bekämpfung des Aufstandes in Ost-Afrika. Aber die große That dieser Session, die größte seit Aufrichtung
। begann dem Winter zu weichen, und noch war ! Lilly immer fern, und immer noch war alles beim alten im Hause Dorwall. Ein trüber Novembernachmittag dämmerte dem Abend entgegen, als Edgar Dorwall verstimmt von einem Ausgang nach Hause zurückkehrte und, um sich erst noch zu sammeln, bevor er sich in die Con- tors begab, in das Rauch- und Lesezimmer trat, in welchem er um diese Zeit ungestört zu sein hoffte.
Dem war aber nicht so, denn kaum daß er es betreten hatte, gewahrte er auch schon, daß jemand dort in der beginnenden Dämmerung sich damit beschäftigte, in den Bücherschränken und Gestellen umherzusuchen — das durch die großen nach dem Garten gehenden Fenster hereinfallende Licht war immerhin noch genügend, um die schlanke, anmuthtge Gestalt Gertruds deutlich abzuzeichnen, welche sich dort so emsig umherbe- weate.
Im ersten Augenblick wollte Edgar sich sofort wieder umdrehen, um das Zimmer zu verlassen. Der dichte Teppich hatte seinen Schritt gedämpft, der Thürvorhang ihn verborgen, auch war das Zimmer von saalartiger Ausdehnung — Gertrud hatte ihn offenbar bis jetzt nicht bemerkt, und er war gar nicht in der Stimmung, sich zu beherrschen und gleichgültige Worte zu wechseln. Da aber stockte unwillkürlich doch sein Fuß — mit unbewußter Freude sah er ihr zu, bis sie noch einem Stuhl griff, vermuthlich, um in den
der Reichsverfassung und fürwahr eine würdige Krönung aller bisherigen Arbeiten, ist die Annahme des Gesetzes über die Juvaliditäts- und Altersversicherung. Die Bedeutung dieses großen Gesetzgebungswerkes ist schon erörtert worden, eS kann kaum oft genug geschehen. Seit der Bauernemancipation im Jahre 1807 ist auf dem gesammten Gebiete unser socialen Entwickelung kein Schritt gethan worden, der diesem Gesetze auch nur annähernd an Wichtigkeit gleich käme, ein Gesetz, welches gegen 12 Millionen Deutscher, fast den vierten Theil der Gesammtbevölkerung, umfaßt. Diesen wird dadurch zwar nicht das Huhn im Topfe verheißen, aber ste werden durch gesetzliche Veranstaltung vor aller Noth gesichert, welche die Folge von Arbeitsunfähigkeit ist. Dieses Gesetz in seiner großartigen Tragweite darf mit Recht als ein Markste n in unseren wirthschaftlichen Verhältnissen beze chnet werden, es ist das Vermächtniß Kaiser Wilhelms I. an das deutsche Volk.
Die Mehrheit ow Mvilzi« Stimmen, mit welcher es bewilligt worden, ist keine bedeutende. Angesichts der unabsehbaren Tragweite seiner Bestimmungen sowie der Gestaltung unserer Parteiverhältnisse muß sie aber immerhin als genügend anerkannt werden, zumal es unter denjenigen Abgeordneten, welche schließlich gegen das Gesetz gestimmt haben, wohl eine ganze Anzahl giebt, welche sich zu einem „Nein" erst entschlossen, als sie die Annahme gesichert wußten. Dies dürfte z. B. von den socialdemocratischen Abgeordneten gelten, welche das Gesetz ablehnten, weil es nicht genug gewähre, aber schwerlich vor ihre Wähler hätten treten dürfen, wenn es durch ihre Mitschuld wirklich gefallen wäre. Ebenso ist anzuerkennen, daß viele Abgeordnete für das Gesetz stimmten um seines idealen Zweckes willen, obgleich sie mit den einzelnen Bestimmungen nicht einverstanden waren. Besseres als dieses Gesetz, an welchem fünf Jahre hindurch mit
höheren Fächern ein Buch zu suchen. Da trat ' er vor, um ihr zu helfen.
Es war die erste Galanterie, welche Gertrud Rank von Edgar Dorwall zu theil wurde.
Das feine Roth, welches bei dieser uner- warteten Hilfeleistung Gertruds blaffe Züge überflog, sowie der fast kindlich schüchterne Augenaufschlag, mit welchem sie ihm dankte, erschienen ihm ebenso neu als reizend an dem ernsten Mädchen, das er sonst fast nie beachtet hatte. Es war nur eine Laune, ein augenblicklicher Einfall nur gewesen, der ihn antrieb — aber wie oft wird ein Zufall zur Entscheidung für ein Menschenleben — an einer scheinbar kleinen Regung hängt oft des Menschen ganzes Schicksal. Das Loos Edgars war in diesem Augenblick, ohne daß er es selbst ahnte, entschieden durch den einzigen Schritt, den er, anstatt hinaus, wie seine erste Absicht war, zurück inS Zimmer that.
„Was für ein Buch soll ich Ihnen reichen, Gertrud? fragte Edgar.
„Ich — ich weiß es nicht."
Er blickte sie erstaunt an, erstaunt wegen der offenbaren Verwirrung, die in ihrer Haltung, in ihrem Ton sich spiegelte und die so gar nicht jener Gertrud gleich sah, wie er sie kannte.
Da fiel zufällig sein Auge auf einige Bücher und Blätter, dir bereits herausgesucht erschienen — es waren die Fortsetzungen feiner eigenen angefangenen Lektüre.