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Hersselder Kreisbliltt.
Mit wöchentlicher Hratis-Aeilage „Illukrirtes Nuterhaltungsölatt".
Nr. 61. Donnerstag den 23. Mai" 1889.
Amtliches.
Hersfeld, den 21. Mai 1889.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche noch mit Erledigung meiner Verfügung vom 5. April d. Js. Nr. 1509 im Kreisblatt Nr. 43, die Beschaffung der Formulare zu den Landsturmrollen betreffend, im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 1. I u n i d. I s. erinnert.
1509. Der Königliche Landrath.
In Vertretung: Braun, Kreisdeputirter.
Hersfeld, den 16. Mai 1889.
Der Landwirth Caspar Schäfer zu Untergeis beabsichtigt auf seinem in der Gemarkung Obergeis gelegenen Grundstücke, Kartenblatt 7 Parzelle Nr. 55 einen Ziegelofen zu errichten.
Es wird dieses in Gemäsheit des §. 17 der Gewerbe-Ordnuirg vom 1. Juli 1883 mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Einwendungen dagegen binnen 14 Tagen schriftlich in zwei Exemplaren oder zu Protokoll dahier angebracht werden können. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen nicht mehr geltend gemacht werden. Die rechtzeitig etwa erhobenen ' Einwendungen werden am Tage nach Ablauf der 14tägigen Widerspruchsfrist, Vormittags 10 Uhr, vor dem Unterzeichneten mündlich erörtert werden und zwar auch im Falle des Ausbleibens der Interessenten.
Die Zeichnungen können im Büreau des hiesigen Landrathsamtes während der Dienststunden eingesehen werden.
A. 553. Der Königliche Landrath.
In Vertretung:
Braun, Kreisdeputirter.
ZLis aus schlimme Ziel.
Criminal-Novelle von Ä. Reichner.
(Fortsetzung.)
Das Mondlicht, das noch immer ab und zu zwischen Wolken hervordrang, zeigte ihr dieselbe dunkle Gestalt, welche vorhin am Baume dem Fenster gegenüber lehnte. Sie stand noch immer dort und eilte jetzt der sich Nähernden entgegen, ihr beide Hände entgegenstreckend.
Doch hastig wies Gertrud sie von sich.
»Welche Unvorsichtigkeit! Komm' wenigstens erst in den Schatten der Bäume!- flüsterte sie. »Dort laß uns reben.*
Und die beiden Gestalten, die des Mannes wie des Mädchens, verschwanden im Dunkel der tiefen Lindenallee.
Was sie dort gesprochen? —
O, das wurde erst viel, viel später offenbar, als der Zukunftsschleier sich gelüstet hatte, der jetzt so unheilschwer das Haus Dorwall in seinen grauen Nebeldunst gehüllt I
IV.
Wenn Trauer über ein Haus und eine Familie hereingebrochen, so lagert es ohnehin wie ein düsterer Bann, der jedes freie Auiathmen verwehrt, auf dem Gemüth des einzelnen. Leiser wird unwillkürlich der Schritt, gedämpfter die Sprache — die Stille, die der große Meister Tod verhängt, scheint auch die Lebenden berührt zu haben — fast jautlos schleiche» ste »»her, so lange die Fuß.
| Der Empfang des Königs Umberto in Berlin.
Die Ankunft dc« KönigS von Italien war von dem herrlichsten Wetter begünstigt, welches den reichen Festschmuck, den die Reichshauptstadt angelegt, in den lebhaftesten Farben schimmern lieh. Um 10 Uhr versammelte sich die gestemmte Generalität von Berlin in der Empfangshalle des Anhalter Bahnhofs. Eine Viertelstunde später traf Se. Majestät in der Uniform der Garde du Corps ein, draußen auf dem aSkanischen Platz von brausenden Hochs der zahllosen Menschenmenge in der Straße, an den Fenstern und auf den Dächern begrüßt. Ebenso erschallten begeisternde Rufe, als der Kronprinz und Prinz Eitel Fritz, Beide in leichten einfachen Sommerkleidern mit Strohhüten, Heranfuhren, und als der Wagen des Fürsten Bismarck, den Graf Herbert BiSmarck begleitete, erschien. In der Empfangshalle gesellten sich zu der Generalität noch die italienische Botschaft mit Ausnahme des Botschafters, der feinem König entgegenge- fahren war, aber mit Einschluß der Gräfin Launay, welche als einzige Dame bei dem Empfange zugegen war.
Der Kaiser war alsbald nach seiner Anknnst zu der am äußersten Ende der Halle aufgestellten Ehrencompagnie (Gardefüsiliere) geschritten, um hier noch Befehle zu ertheilen. Um 10 Uhr 32 Minuten fuhr «er von zwei Socomotwen geführte Zug langsam in die Halle ein, begrüßt von den Klängen des italienischen KönigSmarsches. Die Begrüßung der Majestäten war äußerst herzlich, König Uniberto trug Husarenuniform, der starke Schnnrrbart ist etwas ergraut, die Gestalt zeigt ein wenig Fülle. Die kleinen Prinzen bewegten I sich munter neben ihrem Kaiserlichen Vater, der feinem hohen Gaste nach der Besichtigung der Ehrencompagnie eine Reihe Persönlichkeiten, insbesondere die erschienenen nicht- preußischen Prinzen von Meiningen, Oldenburg, Mecklenburg, Reuß rc., vorstellte. Mit lebhaften Bewegungen, blitzenden Auges schüttelte der König den meisten die Hand. Den Kronprinzen von Italien geleiteten Prinz Heinrich und der Prinz-Regent Albrecht von Braunschweig. Ministerpräsident CriSpi erschien in der glänzenden Schaar zwischen dem Fürsten BiSmarck und den» Grafen Bismarck, nachdem er auch den Feldmarschall Graf Moltke begrüßt hatte. Zunächst dem Baldachin neben der Ausgangsthür hatten der Polizeipräsident und der Oberbürgermeister von Berlin Aufstellung genommen. Auch sie wurden von dem Kaiser dem Könige vorgestellt, der an Herrn v. Frockenbeck huldvolle Dankesworte für die Begrüßung der Reichshauptstadt richtete. Die Fahrt nach dem
M"i ■.......... 1 - - — I I . .. 1 topfen des ernsten Schnitters, der soeben eingekehrt, noch frisch sind.
Wie aber, wenn zu dem düstern Trauerflor, mit dem der Tod das Haus bekleidet, noch eine andere Trauer sich gesellt, die bitterer zu tragen als die andere, vom Herzen und der Sitte vorge- schriebene — der Schmerz um noch ein anderes Gut, das man zugleich verloren! Das HauS Dorwall trauerte um seine Ehre, die zugleich mit dem Verlust der Hausfrau hingesunken. Herr Dorwall glich in seinem mit nervöser Erregung wechselnden Schmerz einem Menschen, der plötzlich allen Halt verloren hat. Was bis dahin, noch verdeckt und durch die kluge Gattin noch mehr verhüllt, geschlummert hatte: seine Schwäche — sie trat jetzt grell und unverhüllt ans Licht. Den Verlust der Gattin hätte er, wenn auch schwer, ertragen; die Gefahr, die seiner Ehre drohte, hatte sein Innerstes erschüttert und haltlos gemacht. Man hatte einen schweren Stand mit ihm, als die Verhöre der einzelnen Angehörigen des HauseS beginnen mußten. Halb ungenaue, halb ungeduldige Auskunft nur kam tn nervöser Haft von seinen Lippen, und wäre es nicht gar zu unwahrscheinlich und undenkbar gewesen, weil kein Motiv zur That ersichtlich war, so würde Herr Dorwall durch sein auffallendes Benehmen sicherlich den ernstesten Verdacht auf sich gelenkt haben. Wußte die Welt doch nicht einmal im vollsten Umfange, in welchem Grade Maria Dorwall die Seele des ganzen Hauses und der Hebel zu ihres Gatten havdltlvgert und Energie gewesen war!
I Schlosse erfolgte im Schritt auf der mit KieS und Reisig be- | streuten Straße, die Königgrätzerstraße entlang durch das Brandenburger Thor, die Linden entlang nach dem Schloß. Dem vierspännigen Gefährt, in welchem der Kaiser und sein hoher Gast Platz genommen, vorauf ritt in zwei Gliedern ein Zug Gardekürassiere mit Lanzen. Im zweiten Wagen folgten der Kronprinz von Italien, Prinz Heinrich und die beiden ältesten Söhne unseres Kaiserpaares, dann hinter einem zweiten Zug Kürassiere die Wagen der übrigen Prinzen, des Fürsten Bismarck, der nunmehr neben CriSpi saß, MoltkcS, des Gefolges rc.
Am ASkanischen Platz, gegenüber dem Anhalter Bahnhof, begann die von Seiten des Berliner Architccten-Bereins mit großem Kunstsinn und unter Aufbietung aller Kräfte hcr- gestellte Feststraße. Ein reich derorirteS Triumphthor bildete den Eingang in dieselbe, der reiche Schmuck der Häuser setzte sie fort bis zum Potsdamer Platz, wo eine prächtig modellirte Kolossalfigur der Berolina aus einer Gruppe blühender Frühjahrsgewächse heraus dem Königlichen Gaste eine Rose entgegenstreckte. Der geschichtlichen Entwickelung Berlins und der Rüstung, welche die Zeitverhältnisse uns anferlegen, entsprechend, ist der Oberkörper der Berolina mit einem Panzerhemd bekleidet. Eine Gruppe von Flaggenmasten mit Wappenschildern, den schwarzen Berliner Bär auf silbernem Grunde zeigend, rahmt den Platz ein, sich zum Brandenburger Thor hin.fortsetzend. ,A.r .Platz.?xp^ dem Thore ist besonders wirkungsvoll geschmückt. »Die großen Kandelaber sind vergoldet und durch Herstellung von Wänden aus weißem Tuch und braunem Stoff in kleine Obelisken verwandelt worden. Das ganze Halbrund ist von durch Guirlanden verbundenen Fahnenmasten eingerahmt, welche die NamenSzüge U und W, den preußischen und den Reichsadler und da« Wappen des Hauses Savoyen zeigen. Großartig ist der Blick durch das Brandenburger Thor: der Mittelweg der Linden, im schönsten Baumschmuck prangend, ist an jeder einzelnen der zehn Straßenüberführungen decorativ ausgestattet. Die Kreuzketten der elektrischen Lampen sind durch goldenes Netzwerk verbunden, in welches mächtige Kränze mit Blumen in den italienischen Farben eingestochten sind. Laubgewinde und flatternde Wimpel vervollständigen den Schmuck, der Ueber- gang an der Friedrichstraße ist zu einem stattlichen Triumphthor auSgebildet. Dem prächtigen Schmuck der Feststraße entspricht die reiche und geschmackvolle Ausstattung der Häuserfronten durch Draperien und Teppiche. Auf dem Platz vor der Universität ist ein tempelartiger Bau errichtet, hier haben die Deputationen der Berliner Künstlerschaft, sowie die Chöre der Königlichen Hochschule für Musik und des Stern'schen
Wie leicht für eine kluge Frau, den also plötzlich jedes HaltS Beraubten in ihr Netz zu ziehen, ihn zu leiten und zu beeinflussen, ohne daß er selbst» empfänglich wie er gerade dafür war, eS merkte!
Hatte sich vielleicht schon eine solche Frau gefunden?
Vor der Hand war es Gertrud Rank, die mit seltsamem Diensteifer und Pflichtgefühl die häuslichen Angelegenheiten leitete. Sie war eS, die des weitverzweigten Haushaltes sich geräuschlos annahm, welche die zerstörte Behaglichkeit aufs neue soweit als thunlich Herzuftellen suchte. Sie sprach mit jedem, wie eS sympathisch an sein Ohr drang, und verringerte auf ungesuchte, anspruchslose Weise — so, als verstände es sich von selbst — die Sorgenlast und Trauer eines jeden, indem sie seiner Art sich anpaßte und jedem abnahm, woran zu denken ihm jetzt läftig war. Sogar Herr Dorwall vermochte sich trotz feiner nervösen Apathie ihrem Einfluß nicht zu entziehen.
»Das Mädchen ist ein Schatz bemerkte er be- wundernd und sah sie an, als ob er sie zum ersten Male sähe.
War Gertrud hübsch? — O nein! Und darum ging auch gar mancher an ihr vorüber, Jahr und Tag, ohne sie für etwas anderes als ein gescheites, verständiges, doch nicht sonderlich von der Natur mit Vorzügen bedachtes Mädchen zu betrachten, aber wer sie nur erst einmal recht sich angesehen, der fand auch anderes und mehr als er vermuthet.
Ihre Gestalt war schlank, faß zu schlank, doch
elastisch, biegsam, impouireud, das Haar voll unh