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gtrsstliier Kreisbilitt.
Mit wöchentticher Hratis-Ieilage „IssustrirLes NuterhakLungsblatt^.
Nr. 57.
Dienstag den 14. Mai
1889.
Amtliches.
Einladung.
Die Herren Lokalschulinspektoren und Herren Lehrer werden hierdurch zu der auf den 20. v. M. von 10 Uhr Morgens ab anberaumten
Lehrerversammlung
nach Weidenhain ergebenst eingeladen. Philippsthal, den 11. Mai 18b9.
Die Oberschulillspection Hersfeld II.
Zur Aufklärung
in Lachender Invalidität-- tu Altersversicherung.
Das Greizer Tageblatt ist fortgesetzt bemüht, in Artikeln, welche offenbar von dem Reichs- tagsabgeordneten Henning herrühren, die Unklarheiten, welche noch bezüglich der Alters- und Jnvalidttätsversicherung beMsn, in möglichst gemeinverständlicher Form zu beseitigen, indem es an jeden einzelnen Einwand, wie man ihn alle Tage hören kann, treffende Antworten knüpft. Wir geben hieraus, um auch unsere Leser noch immer mehr aufzuklären und sie selbst zu richtigen Antworten auf ähnliche Einwände in Stand zu setzen, heute Folgendes wieder:
Einwand. Diejenigen würden unzufrieden sei», welche „umsonst" zahlen, ohne je eine Rente zu erlangen.
Antwort. Hat der umsonst gezahlt, der gegen Feuer versichert war, ohne abzubrennen, hat oer umsonst gezahlt, der zu einer Krankenkasse zahlte, ohne krank zu werden, oocr waren nicht die die Glücklichsten, welche versichert waren, ohne Unfall oder Krankheit zu erleiden? Bei der Jnvalidt- tälS- und Altersversicherung aber kommt dazu, daß Die Ver- sicherten nur ein Drittel der aufzubringenden Mittel zahlen, daß zudem, wenn ein M a n n stirbt, ohne wegen Erwerbsunfähigkeit oder Alters Rente bezogen zu haben, feine W ittwe oder feine noch nicht 15jährigen K i ud e r
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Ais ans schlimme Ziel.
Criminal-NoveUe von K, R e i ch n e r.
I.
Ein Todtenzimwer ifi% in das wir treten.
Die Gattin des reichen Fabrikanten Dorwall hatte soeben ihre letzten Athemzüge ausgehaucht.
Jetzt war ste todt — nun war es gleich, ob reich, ob arm — ein Erdenpilger weniger in der Welt, nachdem das prunkvolle Leichen begängntß, das stolze Marmordenlmal den letzten Unterschied gezeichnet.
Und doch — Maria Dorwall wird nicht so schnell vergessen sein. Wenn auch die sich trösten sollten, die ihrem Herzen nahe gestanden nach den Banden deS Blutes, der Liebe, des Gesetzes, so wird sie doch von jenen, welche ihre Hand gelabt, ihr Mund getröstet, die ihr reiches, warmes Herz so oft gestärkt, nicht so rasch vergessen sein.
Im Sterbezimmer war es still, ganz still. Nur schwere Athemzüge, die wie Seufzer klangen, leises Schluchzen ertönte und erstarb. Vor dem Bette auf den Knien lag der Gatte, das Haupt in die Kissen gedrückt. Er hatte eine gute Frau verloren. Wenn er es nicht schon zuvor gewußt, welch' ein Herz es gewesen, das hier zu schlagen aufgehört, jetzt wußte er's, da er für ewig es verloren.
Am Fußende des Bettes stand ein junger Mann. Er faltete die Hände und blickte regungslos und ohne Thränen in das blasse Angesicht der Todten. Ss war der eine Sohn, der andere weilte fern;
die von ihm gezahlten Beiträge erben; wenn eine versicherte F r a u unter gleichen Umständen stirbt, erben ihre noch nicht 15jährigen Kinder die von ihr gezahlten Beiträge. — —
Einwand. Weibliche Arbeiter und weibliche Dienstboten, welche dein Versicherungszwang unterliegen, kämen sehr selten zu einer Rente, da die Rente erst mit dem 70. Jahre beginne und von einer 30jährigen Beitragsleiftung abhänge.
Antwort. Von der Erwerbsunfähigkeits (Jnva- liditätS-)rentc weiß der nichts, der solche Behauptungen auf- stellt. Diese tritt aber nach 5 Jahren Zahlung, in der Zeit nach Einführung des Gesetzes schon nach 1 Jahr Zahlung ein; für schon mehr als vierzigjährige unter den jetzt Lebenden aber tritt die Altersrente ohne Rücksicht auf Zeit ein, sowie sie nur das Alter für die Altersrente erreicht haben. Die Altersrente ist nur ein Anschuß für noch Erwerbsfähige. Weibliche Arbeiter überhaupt, welche sofort in Genuß dieses Alterszuschusses kommen, giebt es nach der BerufSzählung 37113, weibliche Dienstboten über 70 Jahre aber 6372, 20403 laudwirthschaitlichc Arbeiterinnen, 3409 Arbeiterinnen in Industrie, Handel und Verkehr, 6569 in wechselnden häuslichen Dienstleistungen.
Haben nicht gerade weibliche Arbeiter und weibliche Dienstboten mit den bittersten Sorgen bisher ihrem Alter entgegen sehen müssen? Wer nimmt leicht einen alten weiblichen Dienstboten? Was würde aus ihnen, wenn sie in mittleren, oft noch in jüngeren Jahren kränklich wurden, und Niemand sie annahm, wenn Die Erwerbsfähigkeit erheblich abnahm?
Diejenigen aber unter den weiblichen Arbeitern und Dienstboten, welche heirathen, erhalten, sobald sie nicht versichert bleiben, die von ihnen bezahlten Beiträge zu- rücki Ist das eine Leistung, welche bei von ihnen in 1. Lohnklasse täglich mit 1 Pfg., in zweiter mit 1* a Pfg. zu leistenden Beiträgen irgend eine BersichernugSanstalt gewähren könnte? In unserm nächsten Nachbarhause wohnt eine erst ZMHrigc Fran, welche infolge von Krankheiten um den Gebrauch eines Armes gekommen und dauernd erwerbsunfähig ist, während sie früher durch Arbeit in einer Fabrik- weberei zum Unterhalt ihrer Familie beitrug. Sie würde, । wenn sie nach dem jetzigen Gesetze in die Versicherung getreten wäre, vom 16. Jahre an im Ganzen in 2. Lohnklasse an Beiträgen M. 37,60 gezahlt haben, dagegen seit 13 Jahren schon jährlich M. 132,56 Erwerbsunfähigkeitsrente, bis zu ihrem 37. Jahre jetzt also bereits M. 1723,28 empfangen haben, bei Der Aussicht noch lange weitere Jahre im Genuß dieser Rente zu bleiben.
Im gleichen Hause wohnt ein Mann von 49 Jahren, seit
und kehrt er jemals heim, wird er keine Mutter mehr hier finden.
Zu Haupte der Verblichenen lehnen zwei weibliche Gestalten. D'e eine schluchzt und betet, die andere hält ste leicht umfaßt — ste weint und betet nicht. Sie scheint gefaßt und ist die Bleichere von beiden — vielleicht ist ihr Schmerz um so tiefer.
Im Hintergründe weilt die Dienerschaft, meist alte, treue und bewährte Leute, die eine gute Herrin verloren haben. Sie beten alle und kein Auge ist thränenleer.
Nun öffnet stch die Thür und zwei Männer treten ein. Der Arzt ist's und der Geistliche.
Zu spät! Das Ende kam zu schnell, die Tröstungen der Kirche vermögen nicht mehr der Todten dort den letzten Segen zu bringen, und keine menschliche Hilfe kann mehr retten, was jene Pforte durchschritten, aus der es keine Rückkehr giebt.
Der Geistliche spricht ein Gebet, darauf nähert er stch den einzelnen Webern der Familie, und führt alsdann auf einen Wink des Arztes, welcher inzwischen aufmerksam die Todte gemustert, die beiden Damen aus dem Z'mmer.
Ebenso verschwand auf Anordnung deS Doktors auch die Dienerschaft. D e drei Männer blieben allein: der trauernde Gatte, der älteste Sohn, der Hausarzt.
Als alle übrigen Anwesenden sich entfernt hatten, begab der Arzt stch zu dem Tischchen, das vor dem Bette stand, und auf welchem stch alle jene Kleinigkeiten befanden, die zur Krankenpflege gehören: tue ArzneiMser, die Löffel zum Etuuehven, eine
11 Jahren infolge Krankheit erwerbsunfähig. Er würde, wäre das Gesetz schon in Kraft gewesen, 22 Jahre Beiträge geleistet haben, nach 3. Lohnklasse im Ganzen 144 Mk. 76 Pf. Dagegen würde er seit 11 Jahren jährlich 187 Mk. 80 Pf. Reuten beziehen, er mürbe bereits 2065 Mk. 80 Pf. bezogen und noch für lange Jahre Aussicht auf Fortbezug haben. Der Mann hat eine tüchtige, fleißige Frau und ebensolche ebenfalls erwerbsfähige Kinder. Mit dem Renten- bezug würde der Haushalt sich in sehr angenehmen Verhältnissen befinden.
Einwand. ES sei nicht erwiesen, daß die Kosten nicht von den Erwerbszweigen selbst getragen werden könnten.
A n t w o r t. Eine Wohlthat darf nicht eine drückende Last werden, die Beiträge dürfen weder für die Arbeiter noch für die Arbeitgeber, von denen noch nicht der fünfte Theil der Großindustrie und dem Großgrundbesitz angehört, zu stark werden. Für die Betriebsunfallversicherung tragen die Arbeitgeber die Kosten allein, für die Krankenversicherung Arbeitnehmer und Arbeitgeber, es ist billig, daß bei der Jn- validitätS- und Altersversicherung das Reich als dritter Bci- tragender dazu tritt. —
E i n w st n d. Statt der Staatshülfe wird der Eintritt in bestehende oder noch zusammentretende Versicherungsanstalten empfohlen, damit falle Beamtenvermehrung, Biel- schreiberei rc. weg. Kein Arbeiter dürfe angenommen werden, ohne Vorzeigung seiner Police.
A n t w o r t. Eine Versicherungsanstalt auf Aktien will Dividende verdienen, und zwar möglichst hohe. Selbst Versicherungsanstalten auf Gegenseitigkeit müssen bez. die Reserven u. s. w. mehr fordern, als eine unwandelbare allgemeine öffentliche Gegenseitigkeitsversicherung. Die Viel- schreibcrei müßte mindestens in demselben Maße stattfinden, die VerwaltungSkosten wären höher, um so mehr als die unentgeltliche Mitwirkung von Post- und öffentlichen Verwaltungsbehörden wegfiele. Die Altersund Jnvaliditätsversichernng wird 12 Millionen Arbeiter umfassen, die große Lebensversicherungsgesellschaft in Leipzig hat 47 396 Versicherte, die größte Lebcnsversichcrungsgescllfchaft, die Gothaer, aber hat ebenfalls nur 70—80 000 Versicherte.
Aus dem Reichstage.
Berlin, 10. Mai. In der heutigen Sitzung bei Reichstages wurde bei Fortsetzung der zweiten Berathung der Gesetzentwurfs betreffend die Alters. und Znvali» ditätSversicherung der §. 101 unter Verwerfung bei An, träger Struckmann angenommen. §§ 102, 102a und 103 wurden nach den Commiffionkbefchlüffen genehmigt. § 104
Karaffe mit Wasser, einige Gläser. Eines von den Arzneifläschchen war noch halb gefüllt, und auf dieses besonders schien der Doktor feine Aufmerksamkeit zu richten. Er hielt eS prüfend an das Licht, schüttelte es, zog den Kork herauL kostete den Inhalt und stellte es dann wieder a» seinen vorigen Platz zurück. Hierauf näherte er sich dem Bette und betrachtete prüfend die starren GefichtSzüge der Todten, vorzüglich die Augen, welche eine liebende Hand ihr geschlossen, indem er die Lider aushob. Dann wandle er stch 39 dem noch immer regungslos vor dem Bette knienden Gatten der Verstorbenen, während die Blicke DeS Sohnes mit stummer Frage seinen Bewegungen gefolgt waren.
«Herr Dorwall,' sprach der Doktor halblaut, indem er leicht die Schulter des auf nichts was um ihn herum vorging Achtenden berührte, »Herr Dorwall, ich bitte — aus ein Wort!'
Der also Angeredete schrak empor, wie durch eine unsanfte Berührung aus seiner Verfunkenheit geweckt.
.Verzeihen Sie mir diese anscheinende Uuzahrt- Heit, ja Rücksichtslosigkeit!' fuhr der Arzt in entschuldigendem Tone fort. .Ich bedauere eS von ganzem Herzen, Herr Dorwall, Sie Ihrem berechtigten Schmerze, für den es keinen Trost giebt, entreißen zu müssen, denn eS gilt hier eine höhere Misston zu erfüllen, als sich nur dem Schmerze hingeben zu dürfen, so naturgemäß dieser auch ist — eS gilt
Der junge Kanu am Fußende des Bettes hatte