Gelegenheit sein, zu constatireu, was dieses Jahrhundert erwiesen hat: die Republik ist keine vervollkommnete StaatS- reform, sondern eine Entartung, von der wir hoffentlich für alle Zeiten verschont bleiben werden!
Aus dem Reichstage.
Berlin, 7. Mai. Der Reichstag nahm heute seine Arbeiten wieder aus und ehrte zunächst das Andenken des verstorbenen langjährigen Mitgliedes Abg. v. Bernulh in üblicher Weise. An Stelle des »bg. Dr. Meyer fJena) wurde der Abg. Betel (nl.) zum Schristsührer gewählt und dann die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Liters- und Jnoalidilättversicherung bei § 18 fortgesetzt, die Abgg Gras zu Stolberg-Wernigerode (bf.) und Struckmann (nl.)' erklärten sich für die jüngsten LommissionS- beschlüffe zu diesem Paragraphen. Adg. Lohren sR.-P.) empfahl einen Antrag, welcher in der Hauptsache bezweckt, das von der Commission für die Berechnung der Invalidenrente angenommene Prinzip der Rentenabltusung sRentensteigerung für jede Beitragswochef auch aus die Altersrente in Anwendung zu bringen. Regierungscommiffar Geh. Rath v. Woedtke hob die Bedenken gegen diesen Antrag hervor. Abg. Gras ». Mirbach (bt.) betonte, daß feine Stellungnahme gegen das Gesetz lediglich aus sachlichen Erwägungen biruhe, und daß die von der, der Regierung nahestehenden Presse wegen dieser Haltung gegen ihn erhobenen Angriffe unbegründet seien. Au« den Ausführungen dieses Redners nahm der Staatssekretär des Innern, Staatsminister v. Boetticher sodann Veranlassung, anknüpfend an den Inhalt des § 18 den Bedenken und Befürchtungen entgegen» zutreten, welche namentlich in den Kreisen der Landwirth- schaff gegen dieses Gesetz laut geworden. Abg. Schmidt- Elberseld (bfr.) verlangte besonders eine rechnerische Grundlage dasür, wie hoch sich die Beiträge im Beharrungszustande belaufen würden. Abg. Haarmann (nl.) trat ent- schuden den früheren Ausführungen des Abg. Singer entgegen, daß das Gesetz den Arbeitern Steine statt Brot bar» reiche. Nachdem dann auch Abg. Lohren die gegen seinen Antrag erhobenen Einwendungen als unbegründet zu er» weisen gesucht, wurde die Berathung aus morgen 12 Uhr vertagt.
Nolitische Nachrichten.
(Deutschland.) DieRückkehr der Kaiserlichen Majestäten aus Holstein ist gegen Ende der Woche zu erwarten. Der Kaiser erledigt auch während seines Aufenthaltes in Kiel täglich die laufenden Regierungsgeschäfte.
Die Parade der Berliner Garnison vor dem König von Italien wird am 23. Mai auf dem Tempelhoser Felde statlfiuden, am Tage Darauf stehen die Potsdamer Truppen auf dem Bornstedter Felde in Parade. Am 29. Mai nimmt der Kaiser über die Berliner Garnison die Frühjahrsparade ab. Es ist das der Tag, an dem im vorigen Jahre der Kronprinz Wilhelm die zweite Jn- fanteriebrigade aus dem Schloßhose von Charlotten- burg im Parademarsch seinem Vater, Kaiser Friedrich, vorsührte.
Der Kronprinz feierte am 6. Mai seinen siebenten Geburtstag. Zur Feier des Tages halten viele Gebäude geflaggt. Nachmittags fand im Garten des Schlosses Bellevue für die Prinzen ein Kinderfest statt, zu welchem Kinder hochgestellter Personen mit Einladungen beehrt worden waren.
Eine Sitzung des preußischen Staats- ministeriums hat am Montag Nachmittag unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Fürsten von Bismarck stattgefunden.
Ueber das Befinden der Königin-Mutter von Bayern berichtet ein Bulletin aus Hohen- schwangau vom Montag: „Die Königin-Mutter verweilte gestern eine halbe Stunde im Garten; zeitweise tritt noch immer Erbrechen auf, der Kräftezustand ist »»gebessert."
S?CmhtprSh^^^^ 088 ^M^l “?’ Dacio grande lührt die Straße über einen Fels-1 Ruf, jetzt wie eine Zauberformel wirkend. Die theilte. Mit wahrer Empörung gedachte ich der vorsprung, welcher bet etwa 60 Fuß Höhe, über1 Stränge wurden von den Geschirren genommen,
Gräfin.
War das dieselbe kluge Frau, die wir gestern kennen lernten? So weit ging der Fanatismus dieses Mädchens? Und Graf Reichenield? Wie arm kam er mir vor, Der reiche hochstehende Manul Ich fühlte es, er liebte Tula! Und der Mann konnte lieben, mit vollem edlen tiefen Gefühle! Wie habe ich ihn damals bedauert, als ich den schweren schmerzlichen Seeleukamps beobachtete, der sich tu seinen dunklen Augen, seinen trüben Mienen so ergreisend wieberspiegelte. Damals hatte ich die Gräfin Haffen können. „Da sind doch die Mädchen in Bremen besser", mußte ich mir mit vaterländischem Selbstgefühle zugeflehen.
Etwa nach einer Stunde konnte Die Fahrt fort» gesetzt werden, und in raschem Tempo ging's nun hinab nach Airolo, vorbei an dem Mundloch des bald zu eröffnenden Gotthard-Tunnels.
In Aerolo fanden wir, außer mildem Frühlings- wetur und schmelzendem Schnee, die bereffstehenden Dtligenceo. Während Graf und Gräfin Kosczowstt tm Coupee Platz fanden, wählten Reichenfeld und ich den WittelfiB der ersten Diligence.
Der Weg von Molo nach L.asca, der ersten Eisenbahnstation südlich des Gotthard, folgt dem Laufe des reißenden, wilden T'cino. Das Fluß- thal ist stellenweise so schmal, daß Die Straße auf große Strecken in den Felsen hinein gesprengt Kerben mußte. Etwa 1 Kilometer unterhalb
In dem westfälischen Jndustriebezirk herrschte seit einiger Zeit Bewegung unter den Arbeitern. Socialdemokratische Agitatoren hatten zur Bildung von bergmännischen Fachvereinen au^gefordert. Besprechungen über höhere Löhne waren an der Tagesordnung. Partielle Strikes traten in der vergangenen Woche ein, indem einzelne Gruppen der Belegschaften sich weigerten, anzufahren. Bis zum Freitag vollzog sich Alles noch in Ordnung. Da in der Nacht zum Sonnabend brachen ernste Unruhen in Gelsenkirchen aus. DieTumul- tanten bewarfen die Polizei mit Steinen — zwei Polizisten wurden schwer verletzt. Militär mußte herbeigeholt werden. Ebenso rückte auch Militär in Wanne ein, wo auf der Königsgrube die ganze Belegschaft strikt, ebenso wie feit Sonntag auch die Arbeiter anderer Gruben in der Nähe von Gelsenkirchen. Die Wirthschaften und Branntweinläden im ganzen Kreise sind durch Verfügung des Landraths geschlossen worden. Eine Depesche vom 7. Mai früh lautet: Der Ausstand der Arbeiter auf den Zechen des Gelsenkirchener Kohlenreviers ist nunmehr ein vollständiger. Die Arbeiter verlangen 15 °/0 Lohnerhöhung. Die Stickenden verhalten sich durchaus ruhig. Gestern wurden einige wenige Verhaftungen vorgenommen. Die hierher verlegte Compagnie vom 13. Infanterie-- Regiment soll heute abrücken und durch zwei Bataillone ersetzt werden. Eine gestern stattge- fundene Versammlung der Strikenden beschloß, an den ausgestellten Forderungen festzuhalten.
Unter Befehl des Lieutenants Ramsey sind 80 Zulus, welche für die Expedition des Hauptmann Wißmann bestimmt sind, vom CapinZanzibar eingetroffen. Man erwartet den baldigen Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den Deutschen und Buschiri, Dessen Streitkraft gering und in dessen Lager Mangel an Lebensmitteln und Munition sein soll. tzooper, der letzte der von Buschiri gefangen gehaltenen Missionäre ist glücklich in Zanzibar angekommen. Fünf portugiesische Kriegsschiffe befinden sich gegenwärtig in der Tungt-Bai und glaubt man, daß die Araber den Hafen während dieses Monats angreifen werden.
Minister von Bötticher ist am Sonntag von seiner Reise zur Jnspicirung der Nordostsee-Kanal- bauten wieder nach Berlin zurückgekehrt.
Ueber Detailreisenve und Hausirer hört man immer w'eder neue Klagen, und zwar nicht bloß von Kaufleuten, sondern auch von der ländlichen Bevölkerung. Im Hildesheim'jchen wird Der Hausirhandel, namentlich von einzelnen jüdischen Geschäften, in der Weise betrieben, daß sie mehrere junge Leute in die Dörfer umhersenden, um alle möglichen Käufe und Verläufe, Tausch- und Geldgeschäfte in jeder Form zu machen. Am meisten herrscht dieses Unwesen im Kreise Göttingen, welcher seit einiger Zeit von denselben Personen heimgesucht wird, welche die benachbarten Gegenden Kurhessens gründlich durch Wucher ausgeplündert haben.
(Frankreich.) Die Frage, ob der Magaz'n- verwalter Perrin, welcher am Sonntag Mittag, in dem Augenblick als Präsident Caruot sein Heim verließ, um sich nach Versailles zu begeben, einen Revolverschuß abfeuerte, dem Staatsoverhaupt wirklich nach dem Leben getrachtet hat, oder ob es sich — wie Perrin selbst versichert — nur um einen blinden Schuß handelte, durch den der Schütze das allgemeine Interesse aus seine Person hinzu-1
den brausenden Fluß hinaus ragt. Der Weg ist hier durch eine starke Mauer von dem jähen, grausigen Abgrunde getrennt. Unten aber windet sich der Ticino durch gigantische Felsblöcke, schäumende Strudel und rauschende Kaskaden bildend. Eben fuhr unsere Diligence in raschem Tempo an dieser Stelle vorüber, als wir einen erschütternden Stoß verspürten. Der Wagen schien erst zu schwanken, hielt aber dann. Schreckerrüllt Verließen alle Insassen die Plätze, ich unter den Ersten. Der Anblick, der sich nun barbot, machte das Blut erstarren, es war entsetzlichI Die Diligence hatte einen Bauernwagen derartig angefahren, daß er, gegen die Mauer geschleudert, mit dieser hinunter gestürzt war In Den furchtbaren Ab- «rund. Pferd und Mann aber mußten den sicheren Tod in Den Fluthen finden, wenn nicht baldige Rettung kam. Es hatte sich eine unglaubl che Aufregung der Anwesenden bemächtigt. Jever erkannte die Noth, erkannte, daß nur schnelle Hülfe nutzen köncke. Kein Steig führte hinunter in die Tieie, überall 60 Fuß hohe Felswand. Ein wirres Durcheinander umgab die Unglücksstätle. Es wurde gesprochen, geschrien, lamenttrt — nur nicht gehandelt, Da erschallte eine mächtige stimme, alles übertönend: „Stricke, Holt Strlcke, rasch ein starkes, langes Tau!" Vergebens, der Ruf wurde nicht verstanden.
iiCords, uns Cords* erschallte von Neuem der'
lenken beabsichtigte, muß einstweilen noch unentschieden bleiben. Von einer ernsten Gefahr für das Leben des Herrn Carnot scheint wenigstens nicht die Rede gewesen zu sein und nach den bisherigen Ermittelungen hält man es zum mindesten für nicht ausgeschlossen, daß der angebliche Attentäter in der That nur blind geladen hatte.
(Holland.) Aus Hoskreisen verlautet, der kranke König habe die enthusiastische Ausnahme, welche Herzog Adolf bet seinem Eintreffen in Luxemburg gefunden, als eine antimonarchische Demonstration aufgefaßt, hierauf hauptsächlich sei die schnelle Aufhebung der Regentschaft zurückzu- führen. Der „Rhein. Courier" meldet sogar, daß die holländische Regierung bei den Mächten ange- fragt habe, wie diese sich zu einer Abänderung der luxemburgischen Thronfolge ver- halten würden. Frankreich und Rußland antworteten, sie würden sich der Majorität der Mächte anschließen.
(Rußland.) Londoner Nachrichten zufolge fand Kaiser Alexander in seinem Arbeitszimmer eine nihilistische Zeitung und einen Brief mit Todesdrohungen. DerPolizeichefPouttlini wurde abgesetzt.
(Amerika.) Die Zahl der Einwohner der V e r. Staaten läßt sich schwer auch nur annäherungsweise bestimmen. Der frühere Vorsteher des amerikanischen statistischen BüreauS veranschlagte sie am 1. Juni 1880 auf 52 921000, während der jetzige Leiter des Lüreaus glaubt, daß diese Zahl viel zu niedrig gegriffen sei und der nächste CensuS, welcher 1890 ausgenommen werden wird, eine Bevölkerung von 66 Millionen ergeben wird.
Aus Heffen-Raffau.
„ Hersfeld, 8. Mai. Die alljährlich statt- findende amtliche Cooterenz der Seminardirectoren und Seminarlehrer der Provinz Hessen • Nassau wird unter dem Vorsitze des Herrn Provinz'.al- Schulraths Dr. Kannegießer und in Anwesenheit der Herren Regierungs- und Schutt äthe der Regierungsbezirke Caffel und Wiesbaden am 14, k. Mts. in Fulda tagen.
Hersfeld, 8. Mai. Es steht nunmehr bestimmt fest, daß die diesjährigen Hauplübungen der 22, Division in der Nähe von Memmgen abgehalten werden.
Hersfeld, 8. März. Von der Postverwaltung ist neuerdings die Bestimmung getroffen worden, daß gewöhnliche Packetsendungen an Reisende in Ga st Höfen, welche mit der Aufschrift: „An N. R. per Adresse Gasthof X." versehen sind, an den Inhaber des Gasthofes ober Dessen Bevollmächtigten bestellt werden dürfen, auch wenn der Reisende in dem Gasthose noch nicht eingetroffen ist.
Hersfeld, 8. Mai. Die Zuckerfabriken haben in der Zeit vom 1. August 1888 bis 31. März 1889: 78 965 029 Doppelcentner Rüben verarbeitet und 8 573 628 Doppelcentner Rohzucker, 4075314 Doppelcentner raffimrteu und Confum- zucker probucirt. Ja demselben Zeitraum des Vorjahres stellten sich die betreffenden Ziffern wie folgt: 69 639606 Doppelcentner Rüoen, 8142380 Doppelcentner Rohzucker und 4014557 Doppel- centuer Consumzucker. Es hat also tn der letzten Campagne eine wesentliche Zunahme der Proouction
Vorrathsstricke aus den Wagen herber geschafft, und geschickte Hände fanden sich, sie zu einer langen Linie zu verbinden. Reichenfeld aber, er war der Rufer gewesen, trat jetzt an mich heran: „Können Sie schwimmen, Schulmeister?" „Rein!" „Nun, Dann steige ich hinab, auf die Anderen ist kein Verlaß." Schon legte Reichenfeld sich die Schlinge des Taues um die Brust, als eine neue Aufregung durch die immer anwachsende Menge ging. Deutlich konnte man erkennen, wie der Verunglückte sich an einem aus den Fluthen ragenden Felsblocke zu halten suchte. „Nun mit Gottes Hülfe," rief mir der Graf zu, „lassen Sie mich langsam hinunter auf jenen Vorsprung, das Wettere wird sich finden!" Langsam wurde das Tau nachgelassen, viele Hände waren bereit, mir zu helfen. Nun hörte das Gewicht auf, der Gra, stand unten.... Da, ein neuer markerschütternder Aufschrei der Beobachtenden. Gerade an der Stelle, wo der Unglückliche sich angeklammert hatte, versuchte auch das Pferd selten Fuß zu ae« ©innen. In seiner Todesangst des eigenen Herren nicht schonend, schlug es mit den Hufen aus denselben ein. Ein furchtbarer Schrei, und derselbe sank zurück in die Fluthen — verloren! — Da stürzt mit mächtigem Sprunge Retqenseld sich hinein in den brausenden Strudel.
(Schluß folgt.)