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Rr. 55.

Donnerstag den 9. Mai

1889.

Amtliches.

Hersfelv, den 4. Mai 1889.

Für den am 25. Mai 1873 dahier geborenen Gymnasiasten Friedrich Wilhelm Lorenz Knaufs ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staats- Verbände behufs Auswanderung nach Südafrika nachgesucht worden.

4191. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schletnitz.

* Die Revallllionssetcr in Frankreich.

Am 5. Mai an dem Tage, an welchem vor 100 Jahren zum ersten Mal die Generalstände in Versailles zusammentraten und welcher als der Ausgangspunkt der revolutionären Bewegung zu betrachten ist haben in Frankreich zu Ehren der großen Revolution die Festlichkeiten, welche in der am 6. Mai eröffneten Jubiläumsausstellung gipfeln, ihren Anfang genommen. In dem großen Spiegel- saale des Versailler Schlosses versammelten sich Präsident Earnot und sämmtliche Senatoren und Deputirte, sowie die Vertreter der verschiedenen Staatsbehörden, um die Bedeutung des Festes in Reden zu bekunden und dergroßen Revo­lution" einen feierlichen Tribut darzubringen.

Die Rede des Präsidenten Carnot darf für den Geist, in welchem das große Erinnerungsfest gefeiert wird, als maß­gebend angesehen werden; deshalb sei hier von ihren Haupt­gedanken Akt genommen. Er begrüßte die Vertreter der französischen Nation,die sich im Besitze ihrer selbst befinde, die die Herrin ihrer G e s ch i ck e s e i und die im Glänze ihrer Stärke und Freiheit strahle." Alles, was Frankreich gegenwärtig errungen, sei den Männern von 1789 zu danken, welche Frankreich und der ganzen Mensch­heit die größten Dienste geleistet hätten. Weiter hob er die Wohl thaten hervor, die das jetzige Frankreich der Revo­lution verdanke es sei ein demokratisches Staatswesen geworden, und die Gründung der gegenwärtigen Republik habe das vor einem Jahrhundert begonnene Werk gekrönt; Frankreich habe definitiv mit derp e r s ö n l i ch e n G e w a l t eines einzigen Mannes gebrochen," es erkenne keinen anderen Souverän mehr an als das von den Erwählten der Nation berathene Gesetz. Man müsse nunmehr das Werk derbe- wundernswerthen Vorbilder" vollenden durch Eintracht und

Der Neapolitaner aus Bremen.

Der Wahrheit nacherzählt von HanS von Brawe.

(Fortsetzung.)

Nun, mein lieber Schulmeister, Sie haben gut reden. Ihr Herz mag noch im stillen Schlummer der Unberührtheit liegen, aber einmal wird's auch bet Ihnen tagen.'

Wenn ich offen sein soll, so hat's schon getagt, aber es wurde schnell wieder Nacht. Sie ist Die Tochter einer wirklichen Gymnasial-Ober- lehrer's-Wittwe und ich elementar! Sie ist zu hoch, zu schön! Ja, schön ist Mary, und geistvoll, und von einem Liebreiz, einem Charm .

Und hat Ihnen einen Korb gegeben?'

Gott soll mich bewahren, ich habe natürlich gar nicht erst angesragt ach, die Sache ist hoffnungslos!'

Armer Schulmeister! Und nun gute Nacht! Bersuchen wir zu schlafen, einmal müssen mir doch wieder in die nassen Betten. M>r graut sretlich vor der Nacht!'

_ »Die Ihnen schöne Träume bringen möge, Herr Gra»! Vergessen Sie nicht, wovon ste träumten, es ist die erste Nacht hier, die vorige war an» gebrochen!'

Und hoffentlich die letzte, Sie wissen doch, daß ein Bote von Airolo kam und meldete, man arbeite mit allen Kräften am Wege, und morgen kämen die Schlitten, uns zu holen?'

»Schade, schade, mir gefällt'« hier/ antwortete

WiedcraussLH»»»g aller Franzosen, alsdann werde Frank­reich für immer seinen Rang in der Avantgarde der Nationen haben.

Niemand wird sich darüber verwundern können, daß diese Auffassung von bemSegen" der großen Revolution an leitender Stelle in einer Republik herrscht. Leider aber ist sie, Dank der liberalen Geschichtsschreibung, weit über die Grenzen Frankreichs hinaus verbreitet, und speciell haben deutsche Zeitungen die Revolutionsfeier als willkommene Gelegenheit benutzt, um hiervon Zeugniß abzulegen. Das ist es, was uns veranlaßt, der Verkehrtheit entgegenzutreten, welche mit der Vorstellung von dem Segen der Revolution verbunden ist.

Das Wesen der großen Revolution besteht nicht etwa in der Proclamirung der allgemeinen Menschenrechte, wie dies in den ersten fünf Wochen, der sogenanntenGlanzzeit" der Revolution geschah, sondern in der Schwächung der KöniH- lichen Gewalt und in dem Sturze der Monarchie. Die bewundernswerthen Vorbilder" von damals mochten aller­dings glauben, daß die Welt frei und glücklich werden würde, wenn der König seine Macht verloren habe oder vom Thron gestoßen sei, aber dies war ein fanatischer Irrthum jener Epoche, der mit dem Königthum die falsche Vorstellung ver­band, es unterdrücke die Unterthanen und lege ihnen Fesseln an, die nur gesprengt zu werden brauchten, um den Unter­thanen, ja der Welt Luft, Licht und Freiheit zu geben. Jene .^Glanzzeit" rief mit ganz natürlicher Nothwendigkeit die Schrecken der Revolutionszeit hervor, in der die Parteien und Häupter im Spiel der freien Kräfte sich gegenseitig zer­fleischten, weil der einzige Schirm und Schutz der verschie­denen sich einander gegenüberstehenden Gesellschaftsklassen, welche in ihm ihre Harmonie finden, zunächst geschwächt und dann vollständig beseitigt war. Denn das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären!

Es ist richtig, die staatlichen und socialen Mißstände in Frankreich waren am Schlüsse des ancien regime übergroß geworden. Das bourbonische Königthum war sich seiner Pflicht, ein unparteiischer Hüter der verschiedenen Gesell­schaftsklassen zu sein, nicht zur rechten Zeit bewußt geworden. Aber als es seine Pflichten erkannte, glaubten die Weltver­besserer es über den Haufen werfen zu können. Seitdem schwankt Frankreich hin und her zwischen Republik, König- und Kaiserthum, und auch jetzt versucht letzteres sein Haupt wieder zu erheben, und was die socialen Verhältnisse aube- trisst, so sind dieselben trotz der großen Revolution keine besseren geworden: an Stelle des Adels herrscht die Kapital­macht und in den unteren Schichten des Volks gährt eS mit

ich. Aber es war mir im Grunde doch recht, daß Erlösung nahte.

Ein wahrhatt infernalischer Lärm weckte mich am folgenden Morgen. Das war ein Lauten, ein Schreien, ein Treppauf Trevpab im Albergo, als brennte es.Die Schlitten sind da,' rief nur der deutsch redende Hausdiener zu, als ich fragend den Kopf aus der Thüre steckte. Da wollte Jeder zuerst zahlen, zuerst fahren, und endlich kam doch Alles in Ordnung.

Graf Reichenfeld hatte mich aufgefordert, wiederum mit ihm den Schlitten zu theilen, und bei herrlichem Wetter bewegte sich nun der lange Zug, schlangenarttg den Serpentinen folgend, im val tremola hinab. Das enge durchklüttete Felsen­that machte um diese Zeit, aus der es seinen schreckenvollen Namen hat, dtt Zeit der Lawinen, einen wenig freundlichen Eindruck. Hohe Felsen und gähnende Schlünde, dazwischen der schmale Gebirgsweg mit unglaublichen Steigerungen, und das Ganze in Schnee gehüllt so war's.

Eben war die Tete unseres Zuges um eine Felsenecke gebogen, als ein donnerartiges Getöse sich vernehmen ließ, immer lauter werdend bis zu gewaltigem Krachen und Rollen, und dann nach und nach verstummend. Eine ungeheure Schnee- wolke vor uns bezeichnete die Richtung, in welcher soeben die Lawine niedergegangen war. Als dann die Wolke verschwand, lag eine undurchdringliche Schneewand vor uns. Der große Schrecken hatte im ersten Augenblicke eine allgemeine stumme Be- Wanderung für das wahrhaft großartige Natur­

neuer Kraft. Der Sturz der ersten Monarchie deren es aber hierzu gar nicht bedurfte hat zwar die Anerkennung der Menschenrechte gebracht, aber die Menschen in nichts gebessert; die tugendhafte Republik, die über die Verschwendung, Laune und Willkür des ancien regime in Zorn geräth, hat erst in unseren Tagen den Wilsonismus und den Boulangismus erlebt, und eine Ironie des Schicksals muß es genannt werden, wenn am Jubiläumstage eine Attentat auf den Präsidenten der Republik versucht wurde. Wenn aber jetzt nach hundert Jahren noch an die Franzosen die dringende Mahnung ergeht, sich wieder auszusöhnen, so ist dies jedenfalls auch ^ein großes Zeichen von der Heilkraft der republikanischen Staatsform.

Sind dieWohlthaten" der großen Revolution schon für Frankreich sehr proplematisch, so sind sie es noch mehr für dieMenschheit." Die Revolution hat nicht den Beweis geliefert, daß das Aufhören der Monarchie Staat und Gesell­schaft Segen bringt, sondern gerade das Gegentheil bewiesen. Und die Ideen, die sie gebar, und die nach obligater An­schauung ganz Europa zu Gute gekommen sein sollen, sie waren soweit sie berechtigt und heilbringend waren schon längst von dem aufgeklärten Absolutismus des 18. Jahrhunderts in Preußen, speciell unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich 11. gepflegt und verbreitet worden. Fort­während wurde an der Verminderung der Privilegien wir des Frohnden- und Steuerdrucks gearbeitet, den leidenden Klassen war das preußische Königthum von jeher und so auch jetzt, nicht in Folge derErrungenschaften" der Revolution, sondern in der echt hohenzollernschen Auffassung von den Pflichten eines wahrhaft landesväterlichen Regiments ein Helfer.

Vergleichen wir heute aus Anlaß der französischen Revolutionsfeier Frankreich und Deutschland, so kann unser Urtheil nur dahin lauten: Frankreich leidet fortgesetzt, staat­lich und gesellschaftlich, an den Consequenzen der Revolution, Deutschland ist Dank dem Königlichen Regiment und nach Ueberwindung der revolutionären, aber glücklicherweise un­schädlich gemachten Zuckungen, staatlich und gesellschaftlich so geartet, daß es, wenn es den Anspruch erheben wollte, den ersten Rang in derAvantgarde der Nationen" einnehmen würde. Mag sich Frankreich freuen, mit derpersönlichen Gewalt eines einzelnen Mannes" definitiv gebrochen zu haben: Deutschland verdankt das Gedeihen und Blühen seines staat­lichen und gesellschaftlichen Lebens dem Prinzip des Königs- thums, welches sich wie ini vorigen, so auch in diesem Jahr­hundert als ein Talisman für Staat und Gesellschaft bewährt hat. Für uns kann die Revolutionsfeier nur eine willkommene i,.1,1" ..'»"ym^^ 1 ,.!" 11 . ' i., ii «a< erelgniß im Genüge gehabt. Nun aber wandelte sich die Bewunderung in eine allgemeine Erregung, in eine Furcht vor ferneren Schneestürzen, und angsterfüllt schaute alles hinaus nach den Schroffen, von denen sich in jedem Augenblicke neue Schnee« Massen loslösen konnten, um vernichtend nieder« zukürzen.Großer Gott, Tulal' hatte mein Nachbar auögeru'en, als der furchtbare Donner der Lawine erschallte. Dann war er in rasender Eile am Zuge entlang zum vordersten Schlitten geeilt, welchen der polnische Gras und seine Tochter innehatten. Nur wenige Schritte vor ihnen war das verheerende Element, Alles fortretßeod, in den grausigen Abgrund niedergebraust, das Pferd des Schlittens noch halb verschüttend.

Mein Gott, Gräfin,' hatte Graf Reichenfeld sich an die junge Dame gewandt,welch' glückliche Vorsehung hat Sie und Ihren Herrn Vater vor dem furchtbaren Schicksale bewahrt, hinabgezogen zu werden in ein kaltes Schneegrab.'

Preußische Thränen würden darüber nicht ge« flossen sein, Gott hat uns aber gnädig beschützt, und wird uns ferner schützen, uns und unser Vaterland! Einst'

Die Gräfin hatte geschwiegen und den Rittmeister mit einem eisig kalten Blicke angesehen, und dann waren wiederum die Augen feucht geworden vor Unmuth, und auch der Vater hatte kaum ein Wort der Erwiderung gefunden sür die Theil« nähme des Grafen.

Noch sehe ich die Geisterblässe auf seinem Ge­sichte, als er zum Schlitten zurückkehrte und mir,