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Herssel-er Kreisblitt.
Mit wöchentlicher Kratis-Aeikage „Illugrirtes Anterhaltungsölatt".
Nr. 34. Dienstag den 19. März 1889.
Amtliches.
Hersfeld, den 15. März 1889.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des Kreises, welche mit Erledigung meiner Verfügung vom 15. April 1886 Nr. 4578 (Kreisblatt Nr. 46) die Körung der Zuchtbullen betreffend, im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 25. d. Mts. erinnert.
2656. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
# Die deutsche Auswanderung im Jahre 1888.
.Der dem Reichstage zugegangene diesjährige Bericht des ReichScomnnssarS sür das AuSwanderungswesen läßt erkennen, daß die Auswanderung auS Deutschland sich auch während des vergangenen Jahres in starken Ziffern vollzogen hat, gegen das Vorjahr jedoch nur eine unbedeutende Vermehrung aufweist und im Verhältniß zur Gesammtauswanderung aus Europa zurückgeht. Die Gefetze dieser wellensörinigen, bald steigenden, bald fallenden Bewegung sind noch nicht gefunden. Neben einer Reihe anderer Ursachen wird ein Hauptgrund wohl in dem germanischen Wandertrieb zu suchen sein, der ehedem die Semnonen und Longobarden aus dem deutschen Norden in die Ebenen Ober-Italiens führte, wo die letzten Spuren ihrer Anwesenheit noch keineswegs verwischt sind; der in Siebenbürgen, im südlichen Rußland, in Syrien, kurzum überall auf Gottes Erdboden Deutsche seßhaft machte und der sie nun auch seit dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts in ununterbrochenen Zügen gen Westen nach Amerika führt. Jahrzehnte hindurch galt Amerika, speziell Nordamerika, als das Eldorado, in welchem der europamüde Einwanderer mit Leichtigkeit Alles das zu finden vermöchte, was die Heimath ihm angeblich versagte: politische und Bewegungsfreiheit jeder Art, Militärfreiheit, leichten und gewinnbringenden Arbeitsverdienst. Die Millionen von Deutschen, welche nach Amerika gezogen, lassen sich vielleicht nach diesen Gesichtspunkten eintheilen, für den Einen war dieser, für den Andern jener Gesichtspunkt der treibende. Aber allmählich haben die Verhältnisse hüben wie drüben sich geändert. Die Zahl Derer, welche ihrem alten Vaterlande aus politischen Gründen den Rücken wenden, ist eine verschwindend geringe geworden und beschränkt sich fast ausschließlich auf den äußersten Flügel der Socialdemokratie. Die Bewegungsfreiheit des Individuums steht in Deutschland der Amerika's kaum nach und was den leichten und gewinnbringenden Arbeitsverdienst anbelangt, so beweist der schnelle Wachsthum unseres nationalen Wohlstandes, die ersichtliche Verbesserung in der Lebenshaltung auch der arbeitenden Klassen, daß das alte Sprichwort: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich" auch in Deutschland wieder seine volle Bedeutung beansprucht. Die Last und Ehre der allgemeinen Wehrpflicht trug ehedem in ganz Europa Preußen allein. Jetzt ist sie Gemeingut nicht nur ganz Deutschland«, sondern fast aller europäischen Staaten geworden und jeder einsichtige Mensch ist darüber im Klaren, daß, wenn in Deutschland nicht fünfhunderttausend kräftige Männer unter den Waffen ständen, sondern das Angebot auf dem Arbeitsmarkte.vermehrte», die Gestaltung de§ letzteren an sich eine wesentlich ungünstigere, dazu aber auch der gesammte Aufschwung unseres industriellen, unsere« wirthschaftlichen Lebens ein erheblich geringfügigerer sein würde, weil der starke und zuverlässige Schutz gegen Störungen von Innen und Außen fehlte. Mag daher die Abneigung gegen die Ableistung der Militärpflicht alljährlich noch für Viele daS bestimmende Moment zur Auswanderung sein, die Nation im Ganzen betrachtet die allgemeine Wehrpflicht längst mit Stolz als eine ihrer werthvollsten Institutionen, und in allen Lebensverhältnissen, nicht nur bei der weiblichen Jugend, erfreut der Mann, „der gedient hat", sich eines Vorzugs vor dem nicht gedienten.
Die Hauptmasse der Auswanderer wird somit als durch den geschichtlichen germanischen Wandertrieb geleitet zu betrachten sein; zu dieser Hauptmasse gesellt sich sodann eine bald größere bald kleinere Zisser von Solchen, welche durch persönliche oder allgemeine Verhältnisse bestimmt werden, ihr Glück in der Ferne zu suchen — und selten zu finden. Ob- wohl nun in dem Auswanderer der deutschen Heimath nicht nur eine Arbeitskraft, sondern nicht selten auch eine, wenn auch nur kleine Capitalkraft verloren geht, derselbe also einen PruHth«i.l unserer nationalen Wohlstände« darstellt, so ist
doch die Heimath nach Möglichkeit bemüht, das Loos der Aus» Wanderer zu verbessern und bis zur Ankunft im fernen fremden Hafen die schützende und sorgende Hand über sie zu halten. Das Reich hat einen besonderen Commissar zur Üeberwachung des gesammten Auswandererwesens bestellt, in Hamburg, Bremen und Stettin, den drei Haupthäsen für die Auswanderung, sind besondere staatliche Ueberwachungsorgane thätig, in Hamburg deren drei. Der Hamburgische Staat hat überdem sein Gesetz über das AuswanderungSwesen im Jahre 1887 revidirt und sein Augenmerk dabei ganz besonders den Auswanderer-Logirhäusern und den Auswanderer-Schiffen zugewendet. Ueber die Ergebnisse dieser Revision äußert der Bericht des Commissars sich mit großer Befriedigung. Ebenso haben die Behörden den trügerischen Agitationen für Auswanderung nach Argentinien und Brasilien besondere Auf- inerksamkeit gewidmet, so daß dieselben irgend erhebliche Ergebnisse nicht aufzuweisen hatten, desgleichen den Verlockungen des New-Porker Jntelligence-Ofsice, welches Einwanderer mittelst in englischer Sprache verfaßter Contracte nach Northampton zu locken sucht, wo sie einer vollständigen Sklaverei verfallen. Der Reichscommissar theilt den Wortlaut eines solchen Contracts mit und bemerkt dazu:
„Sobald der Contract vollzogen ist, werden die Leute nach Northampton geschasst, wo die die Arbeitskräfte suchenden Farmer sich da« betreffende Material aussuchen; auf Grund des Contractes sind die Leuten nun verpflichtet, bei schlechter Behandlung und Verpflegung für einen Lohn zwischen 50 bis 100 Dollar« jährlich schwere Arbeit zu leisten, während inländische Arbeiter nicht unter einem Lohn von 250 Dollars für das Jahr zu haben sind. So gerathen die Arbeiter bald in das größte Elend, da ihnen unter nichtigen Gründen oft Lohn und Effekten einbehalten werden."
Auch anderwciten Klagen über das unredliche Treiben der Auswanderungsagenten, namentlich an der russischen und österreichischen Grenze, haben das Einschreiten der Behörde zur Folge gehabt, ebenso ist in Folge von Beschwerden, daß Auswanderer, denen wegen Mittellosigkeit die Landung in den Vereinigten Staaten verweigert werden würde, durch gewissenlose Agenten auf dem Wege über Kanada befördert werden, die Maßnahme getroffen worden, daß jeder mit Beförderungsvertrag für Kanada versehene Auswanderer bei der Ein- schifsung befragt wird, ob er diesen Weg aus eigener Initiative gewählt habe oder dazu beredet worden sei, sowie ob ihm, salls er von Kanada nach den Vereinigten Staaten weiter zu reisen beabsichtige, die weite Entfernung und der Kostenpunkt bekannt sei. Des Weiteren haben die Klagen über Verkuppelung junger Mädchen nach Uruguay und Argentinien zu einer verschärften Polizeiaufsicht und in einem Falle auch zur Bestrafung der Schuldigen geführt. Im Ganzen hat die Auswanderung über Hamburg und Stettin etwas zugenommen, über Bremen abgenommen. Es wurden im Jahre 1888 aus obigen drei Häfen befördert:
187 057 Personen, wovon 80 671 Deutsche (gegen
172 452 - - 79 473 - im Jahre 1887, 166 474 - = 66 647 - - 1886, 155147 - - 88 900 - - 1885.) Hieraus ergiebt sich, daß die Auswanderung im Ganzen zu- genommen, der deutsche Antheil daran aber eingenommen hat.
Auf den preußischen Staat entfallen von den 80671 (42 846 männlichen, 37 825 weiblichen) Auswanderern: 55 326 (29135 männliche und 26191 weibliche). Zu den 80 671 deutschen Auswanderern über die drei deutschen Häfen gesellten sich aus allen übrigen Ländern noch 106386. Von dieser Gesammlsumme von 187 057 wendeten sich 179142 nach Nordamerika (Deutsche 76 757), 2043 nach Brasilien (Deutsche 1045), 2522 nach Argentinien (Deutsche 1391), 490 nach Afrika (Deutsche 159), 426 nach Asien (Deutsche 201), 816 nach Australien (Deutsche 283).
Im Ganzen haben nach den Aufzeichnungen der Reichsstatistik in den Jahren von 1871 bis 1888: 1169 29? Auswanderer das Reichsgebiet verlassen (darunter 44 pCt. weiblich, 23 pCt. Kinder unter 10 Jahren), von denen 1618816 nach Nord-Amerika, 4780 nach Kanada, 33 443 nach Brasilien, 15 599 nach andern Theilen von Amerika, 4047 nach Afrika, 1086 nach Asien und 16811 nach Australien ausgewandert sind. Bemerkt sei, daß die officieUe Einwanderung-statistik der Vereinigten Staaten die Zahl der eingewanderten Deutschen in den Jahren 1871/88 auf 1884 750 angiebt; es mögen hier die Besuchs- und Geschäftsreisenden eingerechnet sein, sodann der kleine Theil der deutschen Auswanderung, der sich aus nicht deutschen Häfen vollzieht, also Deutsche, die nicht aus deutschen Ländern kommen; die ganze Ziffer repräsentirt 283 pEt. der Gefammt-Einwanderung.
Was die Rückwanderung anbelangt, so sind von außer- curopüiKben Häfen nach Bremen, Hamburg und Stettin im 3^' 1888 (mittelst toMnbtm^tfj^ 40 343 Piffonn
gelangt, dazu noch 205 aus Lissabon und 614 aus England, zusammen 41162; darunter 59 völlig mittellose Personen, von denen 5 auf Deutschland entfallen. Die 614 aus England gekommenen gehörten nach Rußland, Oesterreich und Rumänien und wurden sämmtlich in ihre Heimath geschafft.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser erledigte am Freitag Vormittag von halb 9 Uhr ab Regierungsangelegenheiten und unternahm darauf gemeinsam mit Ihrer Majestät der Kaiserin eine Spazierfahrt nach dem Thiergarten. Von derselben zurückgekehrt, hatte Se. Majestät der Kaiser eine Conferenz mit dem Chef des Generalstabes der Armee, Grafen von Waldersee, und dem General-Lieutenant und General-Adjutanten von Wittlch, arbeitete demnächst mit dem Chef des Militär-Cabinets, General-Lieutenant und General - Adjutant von Hahnke und nahm alsdann mehrere militärische Meldungen und den Vortrag des Ober-Hof- und Hausmarschalls von Liebenau entgegen. — Nachmittags um 3 Uhr begaben sich Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin nach dem Museum für Völkerkunde, wo Allerhöchstdieselben längere Zeit verweilten.
Dem „W. Fr.-Bl." wird gemeldet, daß der Gegenbesuch Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph in Berlin jedenfalls im Laufe des Sommers stattfinden werde; der Kaiser werde voraussichtlich in der ersten Augustwoche, nach Ablauf des Trauerhalbjahres, in Berlin eintreffen.
Der westfälische Provinziallandtag hat der „Rhein.-Westf. Ztg " zufolge als Zuschuß zum Kaiser Wilhelm-Denkmal 50000 Mark bewilligt und die „Porta Westfalica" als Platz für das Denkmal bestimmt.
Die Cabinets - Ordre wegen Tragens des neuen Degens für die Infanterie ist am Donnerstag ergangen. Derselbe hat einen vergoldeten Korb mit einem preußischen Adler, steckt in einer Stahlscheide und wird an zwei Riemen getragen, ohne zu schleppen. Er wurde durch eine Commission aus dem 1. Garde- Regiment z. F. begutachtet.
Die „B. B.-Ztg." hört angeblich aus bester Quelle, daß das kürzlich nach Port Said beorderte deutsche Schulgeschwader bereits wieder von dort abberufen ist. Dasselbe wird nach verschiedenen Kreuzungen im Mittelmeer voraussichtlich Anfangs April wieder in Kiel eintreffen.
In Sachen des Terminhandels in Kaffee nahm der am 3. und 4. d. M. in Leipzig zusammengetretene Centralvorstand kaufmännischer Verbände und Vereine Deutschlands einstimmig eine Resolution an, welche sich mit aller Entschiedenheit gegen die börsenspielartigen Auswüchse des Kaffee-Terminyandels zu Hamburg erklärt, und ermächtigte den Vorsitzenden, alle Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet erscheinen, die Aufhebung desselben, beziehungsweise die Umwandlung in einen wirklichen Lieferungshandel anzustreben.
Die zweite Lesung des Alters- und Jnva- liden-Versicherungsgesetzes für Arbeiter ist am Freitag in der Reichstagscom- Mission zum Abschluß gebracht worden.
Ein Gesetzentwurf über die Ausrüstung der deutschen Kauffahrteischiffe mit Booten st dem Bundesrathe zugegangen. In dem Entwurf sind, da durch die seeamtlichen Unter- Übungen als Ursache der Perunalückung des