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Nr. 144, Donnerstag den 6. Dezember 1888.

Aus dem Reichstag.

Berlin, 4. December, In der heutigen Sitzung des Reichstages wurde in die Berathung deS Etats der Militärverwaltung eingetreten. Eine Anfrage, ob noch in dieser Session die Vorlage eines Gesetzentwurfs, betreffend die Fürsorge für die Familien der im Frieden zur Fahne einberufenen Reservisten und Landwehrleute, zu erwarten sei, wurde regierungsseitig dahin beantwortet, daß die Vor, arbeiten für ein solches Gesetz in regem Gange seien, daß aber eine bestimmte Zusage, wann dasselbe dem Reichstage zugehen werde, nicht gemacht werden könne. Eine lange tiefgehende Debatte knüpfte sich sodann an die Ausführungen deS Abg. Rickert (bfr.) über die politische Stellungnahme der Kriegervereine bei den Wahlen. Von den Rednern der Linken und des Centrums wurde in der Debatte die Forderung betont, daß jede Politik aus diesen Vereinen absolut auszuschließen sei. Diese Forderung unterstützte ebenmäßig der socialdemokratische Abg. Bebel, indem er betonte, daß andernfalls aus Liefen Kriegervereine» eine große Gesahr für das Vaterland hervorgehen könnte. Der Herr Kriegsminister hatte erklärt, daß anonyme, von Privatpersonen ausgehende Beschwerden keinen Werth für ihn hätten, während die Redner der deutschsreisinnigen Partei und deS Centrums es als ein bisher unbestrittenes Recht eines jeden Abgeordneten bezeichneten, Beschwerden, die aus dem Lande zu ihrer Kenntniß gelangten, im Reichstage vorzubringen. Gelegentlich erklärte außerdem der Kriegsminister auf eine der Fragen aus dem Hause, daß zwar Erhebungen über die Vermehrung der Bespannung unserer Artillerie im Gange feien; aber für eine daraus etwa resultirende Mehrforderung fehle es bis jetzt an jeder Unterlage. Zum Schluß brächte dann noch Abg. Bebel die Angelegenheiten des ehemaligen Hauptmanns v. Ehrenberg in einem breit angelegten Verträge zur Sprache. Der Herr Kriegsminister betonte, daß er an dieser Sache kein In« teresse habe, und soweit dieselbe das Mililairgericht be- schäsligt habe, unterstehe der Fall der Kognitiv» des Ge- neralauditor>ats, das allein über die Verfolgung zu ent, scheiden habe. Aus Ansrage des Abg. Struckmann (nat.-lib.) erklärte der Kriegsminister, daß ein Gesetzentwurf wegen Uebernahme der Militairanwärter in den Communaldienst in Vorbereitung sei. Titel 1 wurde darauf bewilligt und dann die Berathung auf morgen l Uhr vertagt.

Das leidige Geld.

Erzählung von Hermann Frank. (Fortsetzung.)

Selbst Peter Härtung bequemte sich zu einer schlichteren Lebensweise; er rauchte weniger theure Cigarren und begnügte sich täglich mit einer einzigen Flasche Wein. Von Letzterem war über- Haupt nicht mehr viel im Keller und an neue Zufuhr umsoweniger zu denken, als die alte Rech­nung noch der Bezahlung harrte.

Allein alle Einschränkung nützte nicht mehr viel, sie kam zu spät und die Kugel war im Rollen. Schon langten die gerichtlichen Klagen an und der unheimliche Besuch des Gerichtsvollziehers stand täglich zu erwarten.

Zu solcher Zeit und bet so trüber Stimmung mußte es als bittere Ironie des Schicksals er­scheinen, daß von Tante Frieda ein Schreiben anlangte, in welchem sie ihre Verwandten von einer bedeutenden Besserung ihres Zustandes be­nachrichtigte und ihnen mittheilte, daß sie sich zur vollständigen Wiederherstellung ihrer Gesund­heit zu einer längeren Reise nach der Schweiz und später nach Italien entschlossen habe. Peter Härtung freute sich zwar über die unverhoffte günstige Wendung, aber mit traurigem Herzen. Wiederholt war ihm der Gedanke gekommen, seine mißliche Lage der tzschwester zu entdecken und sie um ihren Beistand zu ersuchen, aber er hatte ihn immer wieder verworfen. Friedas Ansichten und Prinzipien wichen zu sehr von den seint-en ab; fie

Aolitische Nachrichten.

(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser hat am Montag und Dienstag zahlreiche Personen empfangen, darunter den Landesdirektor von Westfalen, Geh. Ober-Regierungsrath v. Over- weg. Am Dienstag Vormittag arbeitete der Kaiser mit dem Chef des Militaircabinets, nahm den Vortrag des Admirals Grafen Monts ent­gegen und empfing um 1 Uhr zahlreiche Officiere zur Entgegennahme der persönlichen Meldung.

Kaiserin A u g u st a ist von Coblenz aus wieder in Berlin eingetroffen, wo sie den Winter über residiren wird.

Auf der parlamentarischen Abendgesellschaft, die am Montag beim Staatsminister und Staats- secretär des Auswärtigen, Grafen Herbert von Bismarck, stattfand, theilte der Hausminister Sr. Majestät des Kaisers zur allgemeinen Ge­nugthuung mit, daß das Befinden des Monarchen ein sehr gutes sei.

Dem deutsch-schweizerischen Handelsver­träge hat der Bundesrath seine Zustimmung ertheilt. Deutschland verpflichtet sich in dem Vertrage, gewisse Zölle, namentlich auf Käse, gewisse Garne und Gewebe, nicht zu erhöhen, und andere Zölle, besonders auf baumwollene Stickereien, Seide und Taschenuhren, zu er­mäßigen. Die Schweiz gesteht Ermäßigungen u. A. für Cement, Kaffeesurrogate, Bier, Papierwäsche, Kleider, Wäsche, Lampen und gewisse Gewebe zu.

Die Budgetcommission des R e i ch s t a g s hat die ihr überwiesenen Titel der fortlaufenden Aus­gaben des Militär Etats genehmigt. Es gehört dazu die Bewilligung der 60000 Mark für die Feldmarschälle Grafen v. Moltke und v. Blumen- thal, sowie der neuen Feldartillerie-Jnspection und der drei neuen Oberquartiermeisterstellen im Generalstabe. Ebenso hat die Commission dem Vorschläge zugestimmt, baß 2/3 der Ersparnisse

hielt auf strenge Rechtlichkeit und blickte mit Ver­achtung auf Jeden, der über seine Verhältnisse Hinausging und sich in Schulden stürzte.Lieber sich mit trockenen Brotrinden begnügen und in ärmlicher Dachkammer wohnen, als leichtsinnig in den Tag hinein leben;' so lautete ihr Grund­satz, und der Bruder mußte sich eingestehen, daß sie recht hatte.

Auf ihre Hülfe war also ebenso wenig zu bauen, wie auf ihren Tod.

Nach langer Zeit begann Peter Härtung wieder zu rechnen, aber er kam damit nicht wett; es war ein zu schwieriges Exempel und die Zahlen schwirrten vor seinen Augen, als ob sie einen Hexentanz uufführten.

Da langte an einem Sonntagmorgen ein Briet mit einem amtlichen Siegel an. Zitternd hielt der Sekretär das Schreiben in der Hand, denn es kam von seiner Behörde.

Die Gattin ahnte Unheil, und als Härtung das Siegel lösen wollte, rief sie ihm ängstlich zu: Erbrich es nicht, wenigstens nicht heute!'

Der Sekretär sah die Sprecherin betroffen an und erwiderte:Wird denn morgen etwas an­deres darin stehen?*

Ehe es die Gattin zu hindern vermochte, hatte er das Schreiben entfaltet, das aber gleich nachher seinen Händen entfiel. Er vermochte nicht zu sprechen, sein Antlitz ward bleich.

In namenloser Angst hob die Gattin das Schreiben vom Boden auf, den Inhalt über- fliegend. Aber auch sie entfärbte sich und mit

für fehlende Premierlieutenants dazu verwendet werden können, außeretatsmäßige Vicefeldwebel als Officierstellvertreter zu verpflegen.

Im englischen Unterhause wurde am Sonnabend vom Unterstaatssecretär Fergusson mitgetheilt, die englische Regierung habe Belgien aufgefordert, eine Conferenz der Mächte betreffs der Vorschläge Lavigeries zur Unterdrückung des Sclavenhandels zu berufen; zu gleichem Zweck habe sich England mit Deutschland bei Zanzibar vereint und die Handelsgesellschaften ermuthigt, den Sclavenhandel durch Verbreitung des legi­timen Handels zu beseitigen. Ein Berliner Blatt berichtet, daß der deutsche Reichskanzler an sämmtliche Garantiemächte der Congoacte das Ersuchen gerichtet habe, an der Unterdrückung des Sclavenhandels mitzuwirken.

Ueber die Beschimpfung eines in amt­licher Eigenschaft in Frankreich anwesenden Deutschen berichtet dieKöln. Ztg." Folgendes: Der preußische Schaffner H e i n e ck e, der am 2. November in Eisenbahu Leamtenuniform den Extrasalonwagen des Hofzuges zu begleiten hatte, in dem Großfürst Michael von Ruß­land von Berlin nach Nizza fuhr, war in Folge eines Unfalles, der den Salonwagen auf der Fahrt betroffen hatte, genöthigt, mit diesem Wagen zum Zwecke der Untersuchung desselben durch Ingenieure der Paris-Lyon-Mittelmeer- Bahn vom 2. bis 5. November in Bes anyon zurückzubleiben. Bet diesem unfreiwilligen Aufenthalte wurde er, bei einem Gang in die Stadt, von französischen Soldaten zweimal an­gehalten und nach dem Bahnhöfe zurückgebracht, wo er durch Militär und zuletzt noch durch einen Capitatn wie ein Verbrecher strengstens über­wacht wurde. Als am 5. November die In­genieure der gedachten Bahn noch kein bestimmtes Urtheil über die Lauffähigkeit des Wagens abge­geben hatten, wurde derselbe von Besanyon nach

dem schmerzlichen Rufe:Pensionirtl' sank sie auf den Stuhl.

II.

Am südlichen Ende der Residenz stand inmitten eines reizenden Blumengartens ein kleines Haus mit grünen Fensterläden. An den Wänden rankten sich die Blätter und Zweige von Spalierobst empor, durch welche der weiße Anstrich der Mauer leuchtete. Seitwärts der Hausthüre befand sich eine Gartenbank mit einem Tisch davor, an wel­chem bei günstiger Witterung zwei Damen zu sitzen pflegten.

Die Züge der einen, ziemlich stattlichen Frau zeigten die friedliche Ruhe des Alters, während das Antlitz der andern im Schmucke der Jugend prangte. In den großen, feuchtglänzenden Augen des kaum achtzehnjährigen Mädchens spiegelte stch ein wolkenloser Himmel wieder und das freund­liche Lächeln der frischen rothen Lippen sprach von großer Herzensgüte. Golden glänzte das kastanien­braune Haar in der Sommersonne, einen ange­nehmen Kontrast zu dem rosigen, schönen Antlitz bildend, das durch seinen sanitmüthigen Ausdruck etwas Madonnenhaftes erhielt.

Mit mütterlichem Stolze blickte Frau Rüdiger aus ihre Tochter und im Stillen dankte sie Gott, daß er ihr, nach schweren Schicksalsstürmen, dieses Kleinod gelassen. Wenn sich in ihre Freude zu­weilen wehmüthiger Schmerz mischte, so geschah es nur bet dem Gedanken an ihren verstorbenen Ehe­herrn, dem es versagt geblieben war, Magda zur blühenden Jungfrau heranwachsen zu sehen, In