Beilage zur Nr. 127 des Kreisblatts.
Hersfeld, den 27. October 1888.
Wie man der »Post* aus Frankfurt meldet, hat die Kaiserin zur Arrondirung des die Villa Reiß umgebenden Parkes auch die Villa Hutten- lehner mit dem Park in Kronberg für 175000 Mark erworben.
Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine Plenarsitzung. Aus der Tagsordnung standen: Wahl mehrerer Ausschüsse, Antrag Braunschweigs, betr. die Inkraftsetzung des Gesetzes über die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwtrthschastUchcn Betrieben beschäftigten Personen für das Herzogthum Braunichweig, Berichte der Ausschüsse für Handel und Verkehr und Justizwesen über Eingaben betr. Maßregeln zur B e k ä m p f u n g d e r T r u n k s u ch t, und den Beschluß des Reichstages zu einer Petition wegen Herbeiführung gesetzlicher Mittel zur Bekämpfung der Trunksucht.
Dem HerzogAdolf vonNassau istvom Kaiser die große goldene Kette zum Schwarzen Adlerorden, den der Herzog seit seiner Thronbesteigung besitzt, verliehen worden.
Der Reichstagsabg. v.Gruben ist Mittwoch Nacht im 58. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehört dem Centrum an, vertrat den Wahlkreis Oberpfalz (Regensburg-Stadtamhof) und war bereits 1858 aus dem Staatsdienste ausgeschieden.
Nach einer Berliner Meldung finden Gegenbesuche des Kaisers von Oesterreich und des Königs von Italien in Berlin anläßlich des Geburtstages Kaiser Wilhelms, also im Januar, statt. „ , r
Bereits in der letzten Session des preußischen Abgeordnetenhauses ist von der Regierung die Erklärung abgegeben, daß sie eine weitere Aufbesse- rung der Lage sowohl der Elemenlar-Lehrer als der Geistlichen ins Auge gefaßt habe. Wie das „D. Tgbl." hört, sind die diesbezüglichen Berathungen noch rechtzeitig genug zum Abschluß gebracht worden, daß im Rahmen des preußischen Etats pro 1889/90 sowohl die völlige Aufhebung der Reliktenbeiträge der Elementarschullehrer zum Ausdruck gelangen, als auch die Erhöhung der Alterszulagen für dieselben beantragt werden wird.
Gleichzeitig wird auch der Fonds für die Ver- besferung der äußern Lage der Geistlichen aller Bekenntnisse, welcher bekanntlich von 3,255,612 Mk. im Jahre 1887/88 auf 4,000,000 Mk. im Jahre 1889/90 vermehrt wurde, eine weitere erhebliche Erhöhung erfahren.
Bet Metz find seit Kurzem neue Baracken errichtet worden, welche von fern wie riesenhafte Eisenbahnwagen aussehen, denen die Räder fehlen. Es sollen dort die Soldaten aus der derzeit nicht bewohnbaren Ludwigskaserneuntergebrachtwerden. Die Baracken waren in einzelnen Stücken aus Berlin gekommen. Die Metzer Arbeiter hatten diesen Bau nur zusammenzusügen und im Erdboden zu befestigen.
(Frankreich.) In der Revisionskommission der Deputirtenkammer sprach sich B o u l a n g e r für Auflösung der Kammer und Einberufung einer constituirenden Versammlung aus. Die unabhängige und vor dem Lande verantwortliche Executivgewalt müsse in den Händen einer Constituante liegen, welche Maßregeln treffen müsse, um »diclalorischen Mißbrauchen* vorzu- beugen. Und das sagt Boulangerl
(Holland.) Der König Wilhelm von Holland erholt sich wieder langsam von seinem Leiden. Ein am Dienstag ausgegebenes Bulletin besagt, daß er von seinem Katarrh, welcher im August austrat, völlig genesen sei, daß die Körperkräfte zunehmen, daß der hohe Patient aber noch nicht wieder an die freie Luft dürfe.
(B a l k a n st a a t e n.) Das Belgrader Amtsblatt veröffentlicht das an dem Metropoliten als Oberhirlen der autocephalen Serbenkirche gerichtete motivirte Schreiben des Königs, worin derselbe ersucht wird die Ehescheidung auSzusprechen; ferner das Actenstück, womit die am 5. October 1875 zwischen dem König Milan und der Königin RataUe mittelst erzbischöflichen Segens eingegangene Ehe gelöst und für geichieden erklärt wird. — Das Schiedsgericht, welches die schwebenden Streitfragen zwischen der Pforte und der Betriebsge- sellschast für die türkischen Lahnen entscheiden soll, hat in einundzwanzig Streitfragen sein Urtheil gefällt; aber in sechs Punkten konnte keine Einigung erzielt werden, und diese sollen einem Vertrags- mäßig zu ernennenden obersten Schiedsmanne unterbreitet werden. Ursprünglich war zu diesem Be- Hufe der Präsident der in Deutschland bestehenden
Commission zur Abfassung eines bürgerlichen Gesetzbuches, v. Pape, in Aussicht genommen. Pave ist aber gestorben, und die Gesellschaft zum Betriebe der türkischen Eisenbahnen hat nun der Pforte vorgeschlagen, zu diesem Amte entweder den Präsidenten des österreichischen Obersten Gerichtshofes, von Schmerling, oder den Präsidenten des Reichsgerichts in Leipzig, b. Simson, zu berufen.
Auszüge aus der im Verlage von Alexander Dunker in Berlin erschienenen Brochüre
l „Fürst Bismarck und seine Gegner."
Lose Blätter zur Militärvorlage.
Zwölftes Blatt.
Fortschrittliche Schmähsucht. — Hausmeierei und Deckung der Minister durch den König.
Das Heer Preußens war es vor Allem, welches den heftigen Kampf im Innern entzündete; sollte man nicht glauben, daß die innige Befriedigung über dieses Heer und seine Erfolge den Zwiespalt für immer hätte begraben müssen?
Allein was galt der Fortschrittspartei die herrlichste Be> Währung der Armee und die meisterhafte Polikik des Ministerpräsidenten!
Ihr lag zumeist daran, die Ziele des Parteiwesens weiter zu verfolgen und jeden Aufschwung, jede Wirkung des Patriotismus gest ssentlich darniederzuhalten. Sie fuhr daher fort, durch leidenschaftliche Verhandlungen den öffent- lichen Geist zu erregen, das Königliche Regiment zu lahmen und das Ansehen der Behörden zu schmälern. Die Land« lagssession 1865 bildet eine der traurigsten Erinnerungen in der Geschichte des Preußischen Verfassungslebens, und die Scenen, die sich nun abspielten, sind heute unglaublich.
Auch die Vorwürfe, deren sich mehrere Abgeordnete vor nicht allzulange! Zeit gegen den Reichskanzler bedient haben, sind keineswegs Original, sondern Abklatsch aus den Verhandlungen jener Zeit.
1. Durch die Erfolge widerlegt und auf sachlichem Gebiete geschlagen, griff Herr Virchow zu dem Mittel, den Ministerpräsibenlen bei seinem Königlichen Herrn zu verdächtigen.
Derselbe Abgeordnete, welche die Rechte des Monarchen unaufhörlich zu verlümmern bestrebt war, und sich erdreistet hatte, dem Könige sein stümperhaftes politisches Programm ausdrängen zu wollen, warf sich plötzlich als Verfechter der Prärogative der Krone aus und ging soweit, von einem Hausmeierthum des Ministeriums Bismarck dem Monarchen gegenüber zu sprechen.
Herr Virchow behauptete in der Sitzung vom 14, März 1865, daß man beim „Ministerialismus" angelangt sei, und daß Preußens Könige bald in die Lage der fränkischen Könige kommen würden, wo die Minister die Hausmeier wären, und die Willkür der Hausmeier sich immer mehr und mehr über den König erheben würde. <Sehr richtig! meldet d-r stenographische Bericht.)
Dagegen ist einzuwenden:
Der Trieb der Hohenzollern, selbst zu regieren, hat sich schon in der Zeit des Großen Kurfürsten bis auf Friedrich den Großen aus das Allerentschiedenste ausgesprochen und ist allen übrigen Monarchen Preußens zu eigen gewesen.
Friedrich Wilhelm I. schrieb bekanntlich an ein Mitglied der Ostpreußischen Stände bei Einführung der Grundsteuer:
„Was ich ruinire: das ist das nie pozvolam*^ der Junker; ich etablire die souverainite comme un rocher de bronce."
Als der hervorragend begabte, aber tief unglückliche König Friedrich Wilhelm IV, die Verßassung in der Voraussetzung bestätigte, daß ihm das Regieren mit diesem Gesetze möglich gemacht werde, fügte er hinzu: „In Preußen muß der König regieren, und ich regiere nicht, weil eS also mein Wohlgesalle ist, sondern weil es Gottes Ordnung ist."
Fast täglich während der Conflictszeit hat der Ministerpräsident dem Monarchen Bericht erstattet, und der König befahl nach Prüfung des Vortrages, was geschehen solle; und mehrmals hat König Wilhelm selbst dem Abgeordnetenhause in Erwiderung auf die Adressen erklärt, „daß die Richtung, in welcher die Regierung die Geschäfte des Landes jährt, das Ergebniß seiner reiflich erwogenen Entschließungen ist"; die Minister in Preußen sind nur die Diener des Königs und würden sein Vertrauen in dem Augenblicke verlieren, wo sie sich Rechte anmaßten, welche der Königlichen Macht irgendwie zu nahe träten. —
*) Ich bewillige nicht.
Mirs HsMrr-Waffatr.
Hersfeld, 26. October. Am Dienstag und Mittwoch war der Provinzial-Ausschuß für Heffen- Nassau zur Erledigung verschiedener, meist aus die Durchführung der Unfallversicherung für land- und sorstwirthschmtUche Arbeiter bezügliche Angelegenheiten versammelt. An Stelle des aus dem Bezirk verzogenen Oberbürgermeisters Ranch wurde zum Mitglied des Bezirksausschusses Herr Oberbürger- meister Westerburg von Hanau gewählt.
Hersfeld, 26. October. Wie die preußischen Volksschulen seiner Zeit vom Cultusministerium je ein Bild Kaiser Wilhelms I. erhalten haben, so soll ihnen von derselben Behörde demnächst auch je ein Bild Kaiser Friedrichs überwiesen werden.
Hersfeld, 26. October. Die Polizeiver
Wallung in Halle hat bei der dortigen Bäckerinnung den Erlaß einer Polizeivorschrift, durch die »das Aussuchen der Backwaaren mittels Betastens derselben unter Strafe gestellt werden sollte*, angeregt. Die Innung hat nun beschlossen, dies Anerbieten abzulehnen- zur Steuerung der häßlichen Unsitte aber in den Verkaufsläden Anschläge aus- zuhängen.
Hersfeld, 26. October. Nachdem die deutsche Land- wirthschafts-Gesellschaft mit Glück zwei allgemeine deutsche landwirthschaftliche Ausstellungen in Frankfurt a. M. und Breslau abgehalten, und damit den Samen guter und nützlicher Gedanken und greifbarer Anschauungen mit vollen Händen ausgestreut hat, ist sie soeben im Begriff, im Herzen Deutschlands, im Mittelpunkt einer hochentwickelten landwirthschaftlichen Industrie, in Magdeburg, eine Ausstellung vorzubereiien. Dieser Ausstellung kommen die Erfahrungen zugute, welche die Gesellschaft auf früheren Schauen gemacht hat. In der durch den Gesammtaus- schuß der Gesellschaft am 11. October d. J. endgiltig fest- gestellten Ausstellungsordnung sind daher manche Wünsche berücksichtigt, welche in Bezug auf eingehendere Theilung der Thiere in die einzelnen Bewerbungsklaffen u. s. w. laut geworden sind. Bis jetzt sind für Thiere allein 43 000 Mk. an Geldpreisen ausgesetzt. Von den landwirthschaftlichen Erzeugnissen wird die Moorkultur, aber nicht nur in ihren Fruchten, ausgestellt, sondern es wird auch die ganze Art und Weise der Einrichtung und be8 Betriebs dieser Cultur zur Anschauung gebracht werden; daneben sind Gegenstände der Preßsutter - Gewinnung, Handelssuttermittel und Düngekalke zur Preisbewerbung zugelaff-n. Eine besondere Aufmerksamkeit widmet die Gesellschaft der Maschinen-Abtheilung, welche in großartiger Weise beschickt zu werden verspricht.
Hersfeld, 26. October. (Strenger Winter.) Wenn die Forstmänner mit ihren Beobachtungen Recht behalten, giebt es in diesem Jahre einen frühen und strengen Winter. Es zeigt sich in diesem Jahre wieder, was sonst selten geschieht, der Tannenhäher in gröberer Menge. Derselbe bewohnt das nördliche Europa und kann so nur als Vorbote eines frühen, strengen Winters bei uns in Deutschland erscheinen; so behaupten die Forstleute!
Hersfeld, 26. October. Ernannt: der Privat- docent an der Universität Berlin und Prediger an der Waisenhauskirche zu Rummelsburg bet Berlin Lic. theol. et Dr. phil. Gustav Adolph 3öliger zum außerordentlichen Professor in der theologischen Fakultät der Universität Marburg. — Pensionirt: der Consistorialrath und Mitglied des Consistoriums, Generalsuperintendent Dr. Martin in Caffel.
Hersfeld, 26. October. Dem Vernehmen nach soll zufolge einer neueren Anweisung der Unter- richtsvermaltung bei Ausstellung der Schulzeugnisse über die Ergebnisse der Prüsungen für das Volks- schulamt darauf gehalten werden, daß jedes Zeugniß in dem Gesammturtheil wie in den einzelnen Censuren klar zum Ausdruck bringt, ob der Examinand den vorgeschriebenen Anforderungen genügt hat oder nicht. Jede Abschwächung deS Prädicats genügend ist unzulässig, und nicht wirk- lich genügende Leistungen sind einfach als nicht genügend zu bezeichnen. Dagegen dürfen Leistungen, welche sich über dieses Prädicat erheben, ohne durchweg als gut bezeichnet werden zu können, als solche gekennzeichnet werden, und zwar durch das in der Prüfungsordnung vom 15. October 1872 nicht ausgeiührle Prädicat »im ganzen gut* oder "fast gut*.
t Hersfeld, 26. October. Ein sehr bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich gestern Nachmittag in der Nähe des hiesigen Bahnhofs. Der Oekonom Conrad Heinrich Schüler von Recke- rode war damit beschäftigt, Zuckerrüben zu verladen, als plötzlich, wahrscheinlich in Folge des Pfiffs einer Lokomotive, seine Pferde scheu wurden. Bei dem Bestreben, dieselben zu zügeln, wurde er zu Boden gerissen, die Pferde gingen durch und der mit Zuckerrüben schwer beladene Wagen fuhr über die Brust des 2c. Schüler. Sehr schwer verletzt wurde er in das nahe Landkrankenhaus gebracht, wo er nach Verlauf einer halben Stunde verstarb. Der Verunglückte lebte in den besten Verhältnissen, war in zweiter Ehe verheiratet und hinterläßt eine Frau mit 4 Kindern im Alter von 1 bis 17 Jahren. Sein so jähes Hinscheiden wird allgemein bedauert. Er ist erst 45 Jahre alt geworden und war als ein braver, verständiger, fleißiger und mildthätiger Mann bekannt.
Hersfeld, 26. October. In der Nacht vom 23. auf den 24. d. M. brannte, wie das „Hünf. Krsbl.* meldet, in Mahlerts A. B. eine Scheune des Oeconomen Müller vollständig mit allen Vor-