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HtrssMr Krcisbliitt.
Mit wöchentlicher Kratis-ILeilage „Illustrirtes AnterhakLungsölatt".
Nr. 68
Dienstag den 12. Juni
1888,
Politische Nachrichten
(Deutschland.) Potsdam, 9. Juni. Se. Majestät der Kaiser hatte eine gute Nacht und fühlte sich heute Morgen nach einem kräftigenden Schlaf recht munter. Gegen lOVa Uhr hat sich der hohe Patient in den Park begeben und nahm dort Vormittags mehrere Vorträge entgegen.
Potsdam, 10. Juni. Der Kaiser empfing gestern vor Tisch auch noch den Chef des Civil- cabinets zum Vortrag. Nach Tisch schliefen Se. Majestät einige Zeit und hielten sich dann wieder auf der Terrasse auf. Später erschien der " !ster Freiherr von Krh>hii»r0
ra^gterchAMs-mur Seiner Excellenz Professoren von Bardeleben und
trafen die Professoren von Bardeleben und Krause im Schloß Friedrichskron ein. Gegen Abend unternahm Seine Majestät nebst den Prinzesfinnen-Töchtern Margarethe und Sophie und begleitet von Dr. Mackenzie und dem General von Winterfeldt eine Ausfahrt nach Eiche. Der Rückweg wurde über Wildpark genommen. Der Rückkunft Ihrer Majestät der Kaiserin von der Reise nach Westpreußen wurde für Mitternacht entgegengesehen.
Der K a i s e r hat das Entlassungsgesuch des Herrn von Puttkamer angenommen. Die „Nordd. Allg. Ztg." vom 9. d. Mts. bringt an der Spitze ihres politischen Theils die amtliche Mittheilung: Se. Majestät der Kaiser und König haben Allergnädigst geruht, dem bisherigen Minister des Innern, Herrn von Puttkamer die erbetene Dienstentlassung zu ertheilen. Gleichzeitig hat Se. Majestät Herrn von Puttkamer das Großkreuz desHohen- zollern-Ordens verliehen.
" Wie das „D. Tgbl." erfährt, begab sich Fürst Bismarck am Sonnabend Vormittag zu Fuß nach dem Cultusministerium und nach dem Ministerium des Innern. Der Fürst hatte eine
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Aus heiterem Himmel.
Erzählung von O s k a r H ö ck e r.
(Fortsetzung.)
Die Pferde zogen an und das Bernerwagelchen fuhr rasch dahin. Die Landstraße senkte sich immer mehr, bald war das Thal erreicht und mit ihm die Grundmühle.
Vor der Thüre des Wohnhauses saß auf einer steinernen Bank Wally, mit Bohnenschneiden beschäftigt. Doch kaum hatte sie die Insassen des heranrollenden Wagens erkannt, als sie auch schon »hre Arbeit bei Seite schob und die ankommenden Männer freundlich begrüßte. Gleichzeitig erstaunte sie aber über den seltenen Besuch, ganz besonders aber über des Lammwirths Anwesenheit, von dem sie wußte, daß er mit dem Vater nicht eben auf freundschaftlichem Fuße stand. Was konnte er hier wollen? Unwillkürlich mußte sie an Paul denken. Wenn Schaller gekommen war, mit ihrem Vater über ihre und des Geliebten Zukunft zu verhandeln, so hätte er Zeit und Gelegenheit nicht schlechter wählen können. Sie flüsterte daher dem Lammwirth zu:
„Der Vater ist heute wieder einmal bet schlechter Laune, er zankt und brummt schon den ganzen Morgen herum, denn der Rötelbauer ist drin bei ihm, von wegen der Aussteuer meiner Schwester. Es sind da noch ein paar streitige Punkte."
„Thut mir zwar leid, daß ich's so schlecht liesse,* seufzte Schaller, „allein ich muß den
halbstündige Unterredung mit Herrn von Puttkamer. Als er das Ministerhaus verließ, wurde er von den vor demselben Anwesenden stürmisch begrüßt. Ueber den Nachfolger des Herrn von Puttkamer verlautet noch nichts bestimmtes. Der Unterstaatssecretär Herrfurth wird inzwischen die Geschäfte weiter führen. Um 2'/, Uhr Nachmittags fand beim Reichskanzler ein Ministerrath statt.
Das Reiseprogramm Ihrer Majestät der Kaiserin für ihren Besuch in den östlichen Ueberschwemmungsgebieten war das solang* , uÄLÄxJ^ gegen ;
Mittag in Elbing. Rückfahrt über Schneidemuhl (Ankunft Abends 8 Uhr), Wiederankunft in , Potsdam Nachts 12 Uhr. :
Nach Ablauf der dreimonatlichen Hoftrauer um Kaiser Wilhelm ist für die Familie des ' Kaiserlichen Hauses und deren nächste Umgebung . noch eine weitere dreimonatliche Familientrauer angeordnet worden.
Der König von Schweden trifft am 12. d. Mts. । in Berlin und am 13. ds. zum Besuch Sr. । Majestät des Kaisers in Friedrichskron ein. ;
Die Verhandlungen der Commission zur Ein- , führung eines neuen Exercierreglements für die Infanterie, denen auch der Kronprinz beiwohnen wird, sollen so gefördert werden, daß die Redaction des neuen Reglements bereits im Herbste vollendet ist und dasselbe schon bei der Ausbildung der neuen Rekruten zur Anwendung gelangen kann. Die Grundlagen des neuen Reglements sind nach vom Kais er Friedrich persönlich gegebenen Direktiven aufgestellt.
Der „Rheinisch-Westf. Ztg." zufolge wurde in der am Sonnabend in Mitten stattgehabten Versammlung des Westfälischen Städtetages der Antrag auf Errichtung eines Denkmals in der, Provinz Westfalen für Kaiser Wilhelm mit großer |
Steinert sprechen." Er hatte inzwischen das Pferd ausgeschirrt und einem Knechte übergeben. Nachdem er einige Augenblicke zögernd stehen geblieben war, ging er entschlossen auf die Hausthüre zu, wandte sich dort aber nach dem Mädchen um und rief: „Ser Paul läßt übrigens grüßen." „Das hätte er auch zuerst sagen können," schmollte die zurückbleibende Wally, welche stch jetzt den beiden anderen Gästen zuwandte.
Wenn schon Wally nur selten die Erlaubniß erhielt, eine Theatervorstellung besuchen zu dürfen, so erschien ihr der Komiker doch wie ein alter, guter Bekannter, vor welchem sie keine Geheimnisse hatte. Sie plauderte mit ihm über alles mögliche, über Paul natürlich nicht, denn an seine Person schloß sich das Geheimniß ihres Herzens. Dagegen sah sie sich von Schwabel mit Paul geneckt, was ihr in Gegenwart des fremden Schauspielers doppelt unangenehm war.
„Wünschen Sie den Vater gleichfalls zu sprechen?" fragte sie den Komiker.
„Wir müssen ihm doch unsere Aufwartung machen, gab Schwabel zurück mit einem vielsagenden Blick auf Edwin. r „
„Dringen Sie nur in ihn, daß er für mich und Amrei recht fleißig Billets kaust, denn ich freue mich gar zu sehr auf das Theater."
„Das glaub' ich gern," bemerkte Schwabel trocken, „der Paul kommt ja auch —"
Wally stampfte unwillig mit dem kleinen Fuße und zankte den schlimmen Schwabel nach Gebühr aus, bis sie zuletzt über den komischen Ausdruck
Mehrheit angenommen, mit der Maßgabe, daß das Denkmal in keiner Stadt oder geschlossenen Ortschaft aufzutühren sei, sondern als Standort die Porta Westphalica in Aussicht zu nehmen wäre.
Der Bundesrath hat in seiner Sitzung vom 17. Mai d. I. beschlossen, daß der Zollsatz, bis zu welchem die im Bundesrathsbeschlusse vom
11. April 1883 gewährte Erleichterung für die Ermittelung des zollpflichtigen Gewichts von Massengütern eintreten kann, auf 5 Mark pro 100 Kg..erhöhj^HdtoE„ fand sich vor einigen Tagen ein' Leitartikel über die Gründe, aus denen Frankreich alle Ursache hat, politische Zwischensälle — von der Art des durch die Rede deS ungarischen Ministerpräsidenten Titza vom 26. v. Mts. geschaffenen — möglichst ruhig und leiden» schastslo« zu behandeln. Durch Einleitung einer diplomatischen Action, Erörterung des Falles in den Kammern, Entfesselung einer Preßpolemik u. s. f. würde nach Ansicht des Blattes, das den leicht erregbaren Geist seiner Land», leute kennt, die Schwierigkeit der Lage nur vergrößert und die Gefahr einer kriegerischen Verwickelung erheblich näher gerückt werden. Je länger aber der Ausbruch eine» Kriege« hinausgeschoben werden würde, desto günstiger, meint das Blatt würden sich die Chancen eines solchen für Frankreich gestalten, denn die Zeit selbst kämpfe für Frankreich: „Der Sieger von Sadowa würde, wenn der Krieg morgen au», bräche, die Leitung deffelben schon nicht mehr übernehmen können. Gras Moltke ist sehr alt und auch Fürst BiSmarck schon hoch in den Jahren; noch wenige Jahre, und die beiden Männer, welche Preußen groß gemacht haben, werden nicht mehr sein, und Preußen wird für BiSmarck noch weniger als für den Grafen Moltke einen Ersatz finden können. Ohne BiSmarck würde ganz Deutschland nicht im Jahre 1870 unter preußischer Führung marschirt sein, jedenfalls würden die süddeutschen Staaten gefehlt haben. Ohne Bismarck würden für die Tripel- oder Quadrupelallianz die erwarteten Erfolge ausbleiben. Er allein ist im Stande, zur richtigen Zeit und mit dem gehörigen Nachdruck diese verschiedenen Kräfte zusammen wirksam werden zu lassen. In Preußen ist man sich dessen auch wohl bewußt und sucht deshalb den Gang der Dinge möglichst zu beschleunigen. Wir sollen durchaus unsere Kaltblütigkeit . verlieren und uns in Complikationen fortreißen lassen, an | deren Ende wir unausbleiblich den Krieg finden würden." seines Gesichts lachen mußte, und dann ärgerlich davonsprang. r ,
Inzwischen hatte sich der Lammwirth in die Höhle des Löwen begeben. Steinert verweilte in seinem Comtoir, wie er ein kleines, schmales Zimmer nannte, an dessen weißgetünchter Wand ein wurmstichiges Schreibpult stand. Vor diesem saß er jetzt, in emsiges Rechnen versunken. Obwohl Schaller drei Mai an die Thüre gepocht hatte, rief der Müller doch nicht herein, und als der Lammwirth endlich grüßend in's Zimmer trat, nahm Steinert keinerlei Notiz von ihm. Er mußte sich sehr oft räuspern, ehe der gestrenge Herr ihn eines Blickes würdigte.
„Was gtebl's?" rief er, die Stirn runzelnd.
„Ich komme wegen eines Anliegens," sagte der eingeschüchterte Schaller. „Ich erlaubte mir schon gestern Ihnen meinen Besuch anzukündigen."
Steinert fand es für gut, mit dem Zeigefinger seine lange, knöcherne Nase zu irotttren, dann erhob er sich und schritt einer Tapetenthür zu, durch welche er verschwand. In dem Nebengemach saß der Rötelbauer, welcher gleichfalls eifrig rechnete. Es währte geraume Zeit, ehe Steinert zurückkehrte und dem harrenden Lammwirlh barsch zuries:
„Sind Sie noch da? Meine Zeit ist gemessen, was wollen Sie von mir?"
Durch die ungeduldige Bewegung Steinert's gerieth der Lammwtrth in noch größere Verlegenheit, und stockend bat er um Gestundung eines früher erhobenen DarlehnS,