Beilage zur Nr. 67 des Kreisblatts.
Her sfeld, den 9. Juni 1888.
Aus Hessen-Nassau.
Hersfeld, 8. Juni. In den Tagen des 28., 29. und 30. Juli 1888 wird der XIII. deutsche Feuerwehrtag in Hannover abgehalten werden und mit demselben eine Ausstellung von Gegenständen aller Art, welche auf das Feuerlösch- und Rettungswesen Bezug haben, verbunden sein. Indem alle Feuerwehrmänner Deutschlands und Oesterreich - Ungarns zur Theilnahme eingeladen werden, gibt man im Voraus dieZusicherung, daßdte herzlichste Ausnahme Seitens der Stadt Hannover ihnen gewiß ist. Anmeldungen werden bis zum 30. Juni erbeten.
Hersfeld, 8. Juni. (Jagdkalender.) Im Monat Juni dürfen nur Rehböcke geschossen werden; alles übrige Wild hat Schonzeit.
Hersfeld, 8. Juni. Nach einer oberlandes- gerichtlichen Entscheidung sind auch die den Gast- und Schankwirthen nicht gehörigen sogenannten Stammseidel als Schenkgesäße im Sinne des Reichsgesetzes über die Eichung der Trinkgefäße aufzufassen und demgemäß mit einem Füllstrich zu versehen. Ein Wirth, bei welchem derartige mit einem Füllstrtche nicht versehene Stammseidel auf« gesunden würden, ist daher in Gemäßheit jenes Gesetzes mit einer Geldstrafe bis zu 100 Mk. oder entsprechender Hast zu bestrafen. Die gleichzeitig vorgesehene Einziehung der vorschriftswidrig befundenen Gefäße ist jedoch nicht vorzunehmen, da eine solche Einziehung nur dann zulässig erscheint, wenn die vorschriftswidrigen Gegenstände dem Verurlheilten gehören.
Hersfeld, 8. Juni. Nach dem ersten amtlichen statistischen Bericht über den Witdabschuß hat unsere Provinz im Verhältniß der Flächeogröße in Preußen den höchsten Abschuß (1885—86) zu verzeichnen; an Auerwild (104), Füchsen (7657), Dachsen (482), Edel- und Steinmardern (427 resp. 422); den zweithöchsten an Rehwild (9493), Schwarzwild (656), Fischottern (238), worin ste dem Maximum fast gleichkommt; über dem Durchschnitt steht sie ferner mit Rothwild (768), wo- gegen die Hafen-, Hühner- und Wasserjagd sehr zurücksteht. Der Werth der gesummten Jagd- nutzung beziffert sich auf rund 12 Millionen Mark.
Hersfeld, 8. Juni. Die 17.Versammlung deutscher Forstmänner findet vom 9. bis 12. September zu München statt.
Hersfeld, 8. Juni. Die Ziehung der 3. Klasse zur Königl. Preußischen Klassen-Lotterie beginnt am 18. Juni und müssen die Loose bis zum 14. d. M. erneuert werden.
t Hersfeld, 8. Juni. Nachdem durch die Bekanntmachung, betreffend die ärztliche Prüfung vom 2. Juni 1883 § 18 Abs. 1, für diese Prüfung die Censuren «sehr gut (1)", „gut (2)* und „genügend (3)' an Stelle der früheren „vorzüglich gut (1)*, „sehr gut (2)* und „gut (3)* getreten sind, erfolgt einer neueren Bekanntmachung des Cultusministers zufolge auch die Zulassung zur Physikats-Prüsung zwei Jahre nach der Approbation als Arzt, wenn die ärztliche Prüfung sehr gut (1) oder gut (2) bestanden ist, in den übrigen Fällen nach drei Jahren.
Hersfeld, 8. Juni. Ernannt: der Reserendar Freiherr von Schenk zu Schweinsberg zum Gerichtsassessor, der bisherige Gerichts-Reserendar Eduard Koe tt er zum Regierungs - Referendar, der etatsmäßige Gertchtsschreiber-Gehülfe Assistent Halle in Schmalkalden zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht in Trrysa. — Pensionirt: der Gerichtsdiener Grebe in Schlächtern, der Förster Zehner in Flieden, der Förster Detst zu Friede- wald in der Oberförsterei Hersseld-Meckvach vom 1. Juli d. I. ab.
Hersfeld, 8. Juni. (Warnung vor Wucher.) Der durch feine Bestrebungen und Erfolge wohlbekannte Verein gegen den Wucher im Saargebiet hat neuerdings auf einen neuen Kniff der Wucherer aufmertfam gemacht, der namentlich gegen die ländliche Bevölkerung angewendet wird. Die Wucherer belieben nämlich, die Ratenrückzahlungen nicht zu den festgesetzten Terminen einzuziehen. Sie lassen dann zunächst nichts von sich hören. Schicken ihre Schuldner nun nach längerer Zeit, während der sie vergeblich auf die versprochene Abholung des Geldes gewartet, das letztere ein, so verlangen die Wucherer die Zahlung der weiter gelaufenen Zinsen, obwohl die Schuldner das Geld unthätig haben im Kasten liegen lassen müssen. Das ist indessen noch das kleinere Uebel. Weit schlimmer ist es, wenn durch irgend einen Umstand, eine Nothlage, eine gute Kaufgelegen. Heil, das nicht abgeholte, nun müßig daliegende Geld angegriffen und verwendet ist. Sicher fordert es dann bald der Gläubiger, mindestens hat er am nächsten Termintage zwei Ziele mit Zinsen zu beanspruchen. Diese sind dann kaum beizuschaffen. Die Verlegenheiten beginnen und da
mit ist der Zustand da, welcher Verhandlungen und Vereinbarungen mit dem Gläubiger nöthig macht. Die Grundlage für neue und nicht gerade solide Geschäfte ist gelegt. Der genannte Verein erläßt in dieser Beziehung eine Warnung und fordert die ländliche Bevölkerung auf, bei Nicht- abholung die Ratenzahlungen zu den festgesetzten Terminen durch die Post an die Gläubiger vermitteln zu lassen.
S Hersfelv, 7. Juni. Heute Vormittag fand die Beerdigung des Commandeurs unseres Füsilier-Bataillons, Herrn Major Goeppel vom Bahnhöfe ab statt. Die Leiche des an den Folgen eines Nierenleidens in Carlsbad verschiedenen Herrn Bataillons-Commandeurs war Nachts hier angelangt. Früh gegen 9 Uhr sammelten sich die Leidtragenden und ein sehr zahlreiches Leichenge- folge am Bahnhof, und Punkt 9 Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Voran die Bataillons- und die Regiments-Musik, dann die zur Abgabe der Ehrensalven bestimmten zwei Compagnieen, hierauf der Leichenwagen, dem die Geistlichkeit und der Bataillons-Adjutant, letzterer mit den Orden des Verstorbenen auf einem Sammetkissen, voranschritten. Zahllose Blumen- spenden deckten den Sarg des allbeliebten Commandeurs und zur Seite des Leichenwagens wurden kostbare Palmzweige und Kränze von Unteroffizieren des Bataillons getragen. Hinter dem Leichenwagen folgten die Hinterbliebenen, dann das hohe Offizier-Corps, der Divisions-Commandeur und der Brigade-Commandeur, der Regiments-Commandeur und die Offiziere des Bataillons; ferner die Staats- und Gemeinde-Beamten, die städtischen Behörden und zahlreiche Vertreter der Bürgerschaft; zum Schluß zwei Compagnieen des hiesigen Bataillons. Unter den Klängen eines Trauermarsches und mit gedämpftem Trommelschlag zog der Zug langsam durch die Stadt nach dem Friedhofe, woselbst, nachdem Herr Superintendent Dr. Vial eine ergreifende Grabrede gehalten, von 200 Schützen je drei Ehrensalven abgegeben wurden. Herr Major Goeppel war sowohl beim Bataillon als auch bei der Bürgerschaft durch seine Herzensgüte allgemein beliebt und bleibt ihm ein gutes Andenken gesichert.
§ Hersfeld, 8. Juni. Heute Morgen unternahmen die höheren Klassen des hiesigen Gymnasiums einen größeren Ausflug nach Cassel und Umgegend. Punkt 9 Uhr erfolgte mit Musik und fliegender Fahne der Abmarsch.
Hersfeld, 8. Juni. (Gegen den Geheimmittel- schwindel.) Das Frankfurter Landgericht hat in der Berufsinstauz die Anpreisung des „magen- stärkenden blutreinigenden Thees von Dr. L. Allemund* als straffällig erklärt und den Redacteur der „Kleinen Presse" zu 30 Mk. verurtheilt. Der Staatsanwalt sprach sein Bedauern darüber aus, daß man sich nicht entblöde, dem Publikum für solches nichtsnutzige Zeug das Geld aus der Tasche zu locken.
Cafsel, 6. Juni. Die Reservemannschaften des 83. Jns.-Regiments sind gestern zu einer 12tägigen Uebung eingezogen und werden am 17. d. M. entlassen werden.
Cassel, 6. Juni. (Strafkammer I.) Ein verwegener Ausbrecher wurde heute wegen Diebstahls, Unter« schlagung und Sachbeschädigung abgeurtheilt. Der Angeklagte ist der Schuhmacher Wetzet aus Motzlar, ein wegen Verbrechens wider das Eigenthum schon vielfach vorbestrafter Mensch. Derselbe war im August 1886 bei einem Meister in Friedlos in Arbeit. Indeß war das Arbeiten wohl nie seine Sache und er beschloß, seinem Meister durchzubrennen. Dazu bedurfte es aber Geld. Er öffnete daher ein verschlossenes Behältniß seines Meisters mittels eines Dietrichs und entnahm daraus den Betrag von ca. 54 Mk. und Stoff zu einem Paar Pantoffeln. Von der Wand nahm er eine Uhr mit Kette weg. Außerdem behielt er Mütze und Schürze, welche ihm nur geliehen waren. Er wurde dann später wieder gefaßt und einstweilen als Untersuchungsgefangener hier im Landgerichtsgefängniß inhaftirt. In der Nacht vom 5. zum 6. Nov. nun gelang es ihm, von hier zu entfliehen. Er hatte die Gitter vor dem Fenster seiner Zelle zum Theil durchgeseilt und so den Weg nach Außen gebahnt. Von seinem Bettgestell hatte er ein Bein als Handwerkszeug benutzt. Den Ueberzug seines Strohsackes hatte er in lange Streifen geschnitten, diese zusammengebunden und sich auf diese Weise in den anstoßenden Bleichgarten des Gefängnisses herabgelassen. Von hier aus halte er noch zwei Mauern zu übersteigen, was ihm auch unbemerkt gelang. Aus seiner Zelle hatte er noch ein Paar Zugstieseln, etwas Leder und Handwerkszeug, das man ihm zur Arbeit gegeben, mit fortgenommen. Letzteren Diebstahl bcstritt er nun und behauptete, ein benachbarter Untersuchungsge. fangener habe einen Dietrich besessen, womit derselbe aus der eigenen in die Zelle des Angeklagten hätte gelangen und die Sachen sortnehmen können. Dieser Cinwand wurde aber widerlegt. Die heutige Hauptverhandlung gegen Wetzel endete damit, daß er zusätzlich zu einer in
zwischen in Hagen gegen ihn erkannten Zuchthausstrafe von 5 Jahren (und 2 Wochen Haft) zu 3 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und entsprechendem Ehrverlust verurtheilt wurde.
Breitenbach bei Bebra, 5. Juni. Einen jähen und schrecklichen Tod fand vergangenen Sonnabend Nachmittag das ungefähr 2 Jahre alte Kind des hiesigen Einwohners R. dadurch, daß dasselbe, um jene Zeit auf der Landstraße spielend, von einem mit Steinen beladenen Wagen überfahren wurde. Das Kind lief in dem verhängnitzvollen Augenblick unter das Gefährte und war es dem Fuhrmann, einem alten, bewährten Kutscher von der Domaine Blankeuheim unmöglich, an der abschüssigen Stelle die Pferde zum Stehen zu bringen. Es ist dieser Fall wiederum eine rechte Warnung, solche kleine Kinder nicht unbewacht zu lassen.
Fritzlar, 4. Juni. Der Nachmittags 4 Uhr von hier abführenden Post nach Wolshagen begegnete unterwegs ein Bürger aus Naumburg und bemerkte den Postillon anscheinend schlafend auf dem Bocke. Bei näherem Besehen aber ergab sich, daß derselbe todt war; ein Herz- oder Lungen« schlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Es war der Postillon Paul von hier, welcher schon 20 Jahre als Postillon fährt und im Besitze einer Ehrenpettsche war; er hinterläßt Frau und 5 Kinder.
Diemerode bei Sontra, 1. Juni. In unserer Gegend, dem Lande des billigen Schnapses, fordert die schmähliche Branntweinpest immer neue Opfer. Nachdem in letzter Zeit, in der kurzen Spanne eines Jahres, in dem benachbarten Sontra allein zwei notorische Trunkenbolde und Schnapstrinker, im kräftigsten Mannesalter stehend, im Schnapsrausch Hand an sich gelegt haben, ist vor einigen Tagen nun auch in unserm Orte ein solcher Fall vorgekommen. Der betreffende Selbstmörder hat sich vorher noch durch einen tüchtigen Schnaps- trunk zu der ruchlosen That gestärkt und mit solcher Energie gehandelt, daß er, fast am Boden liegend, die Procedur des Aufhängens an sich vorgenommen hat.
Eschwege, 1. Juni. Aus Stadthosbach wird mitgelheilt, Daß dort in der Nacht vom Sonntag zum Montag 15 Stück Schafe im Pferche vom Blitz getödtet worden sind.
Frankfurt a. M. Beim Zahnausziehen schlug, nachdem der Arzt die Zange angesetzt hatte, ein Mann so heftig um sich, daß der Sessel, auf welchem er saß, um fiel und der Patient dadurch sich durch Aufschlägen mit dem Kopf auf den Boden eine Gehirnerschütterung zuzog. Der Patient wurde in bewußtlosem Zustand in seine Wohnung gebracht.
Vermischtes.
— Waldeck, 5. Juni. Aus der hiesigen Domäne ist der Milzbrand unter dem Rindvieh gestern plötzlich ausgebrochen und sind dem Herrn Domänenpächter Wittmer schon einige zwanzig Stück Rindvieh, welche nicht versichert waren, verloren gegangen. Auf anderen Gehöften des Städtchens ist kein Erkrankungsfall bis jetzt vorgekommen. Da das Rindvieh in Ställen, die zum Theil an ganz entgegengesetzten Orten liegen, gleichzeitig erkrankt ist, so nimmt man als Entffdhungsursache der Seuche das gemeinsam in den letzten Tagen dem Vieh gereichte neu bezogene Futter an.
— Mainz, 5. Juni. Auf dem hier ausgedeckten, kürzlich bereits erwähnten römischen Gräberfelde wurde heute wieder ein Frauensarg mit werth- vollem Inhalt gehoben. Lei dem gut erhaltenen Knochengerüste landen sich sechs Gläser der bekannten Form und zwei Thongefäße, ferner aber sehr hübsche Beschläge aus Bronze zu einem Kästchen, drei Haarnadeln und ein zierliches Kettchen mit Bronzegliedern und Perlen. Einige der letzteren sowie ein Anhänger in Hufeisenform sind wahrscheinlich aus dünn geschlagenem Gold angefertigt.
— Ju einem Regenerattvofen deS Fabriketablissements von Siemens in Dresden wurden am 1. Juni nicht weniger als 80 Centner eingelöste sächsische Staatspaptere, die ehemals einen Werth von etwa 73 Mill. Mk. gehabt hatten, verbrannt. Das Vernichtungswerk der in 35 Kisten verpackten Papiermassen nahm eine Zeit von 6 Stunden in Anspruch.
— Durch Warmlaufen eines Lagers entstand am Sonnabend im obern Stock der Baumwoll- spinnerei und Weberei in Hannover Feuer, das jedoch wegen der überwölbten Decken des untern Stockwerks auf seinen Heerd beschränkt geblieben ist. Es sind etwa 15000 Spindeln und 100 Arbeiter außer Betrieb und Thätigkeit gesetzt