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Nr. 152. Sonnabend den 24. December 1887.
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Die Expedition.
# Weihnachten
Die köstliche Zeit des Jahres ist wieder heran- gekommen, welche in der gesammten Christenheit der erhebenden Freude, dem traulich stillen Glücke des Familienlebens gewidmet ist. Wenn wir den Tag begehen „da den Frieden zu verkünden sich der Engel niederschwang," ruhen und rasten wir von allen Sorgen und Mühen des Berufslebens; <m» um vuv ^usiun «u» OMl «8»^ die gewaltige Bewegung der Geister, welche unsere lag bange Sorge auf dem deutschen Land.! schwebt. Zeit beherrscht, tritt, freilich nur auf so kurze I Kriegsdrohung und Kriegsgefahr nahte unseren
Das Fegefeuer iiiFraPPcs Wigwam.
Von Balduin Möllhausen.
(Fortsetzung.)
Vilandrie trat näher und wollte ihr die Hand reichen; doch Kitty, anstatt, wie er beinahe erwartete, ihm mit zornigen Worten zu begegnen, schlüpfte wie ein Marder an ihm vorbei. Er sowohl, wie Mark hörten noch, daß sie laut schluchzte; gleich darauf war sie in der Richtung nach der Einfriedigung hinüber in der Dunkelheit verschwunden.
„Es wird sein, wie Sie andeuteten," versetzte Mark, indem sie ihren Weg nach dem Zelt fort« setzten, und innige Theilnahme offenbarte sich in seiner Stimme, „gelangte sie durch Vergleiche zu einem traurigen Bewußtsein eigenen Unwerthes, so ist das ein Stachel, der bet ihren sonstigen wunderbaren Eigenschaften schwerlich jemals aus ihrem Gemüth weicht. Armes, bedauernswerthes Kind; mit ihrer seltenen geistigen Befähigung und den hohen körperlichen Reizen hätte sie eine Zierde der menschlichen Gesellschaft werden können."
„Mit Recht: Bedauernswerthes Kind," pflichtete Vilandrie ernst bei, „denn ist heute noch ihr eigener Wille ihr Himmelreich, was soll in Zukunft daraus entstehen, wenn die Geschmeidigkeit des Körpers und des Geistes vor der Jahre Zahl weicht?"
Unter dem Vorhang hindurch krochen sie in ihr Zelt. Ein Weilchen plauderten sie noch vor dem,
Dauer, in den leuchtenden Bannkreis der Liebe und für ein oder zwei Tage scheint selbst der rastlose Zeiger an der Uhr der Weltgeschichte seinen Gang zu verlangsamen.
In dem Jahrtausend deutschen Culturlebens, welches über die Gaue unseres Vaterlandes da- hingerauscht ist, hat sich vor Allem Eines unverändert erhalten: die Feier der drei großen christlichen Feste. Ueber allen Formen und über allem Reichthum der Culturentwicklung ist ihre Weihe unverändert geblieben, keine Pracht eines hochentwickelten Kunstfleißes vermag jene ideale Regung zu ersetzen, welche die 'innersten Saiten des deutschen Volksgemüths erklingen läßt, wenn es zu Weihnachten das noch so kleine Heim mit der grünen Tanne, zum Pfingstfest mit den lichten Zweigen der jungen Birke schmückt, zu Ostern nach den ersten Veilchen späht, welche der März gebracht hat. Aus der Geschichte unserer alten
Dome, zu Quedlinburg, Merseburg, Magdeburg, Aachen, Köln und Straßburg wissen wir, daß die alten Kaiser zur Weihnachtszeit dort Hof
begehen, und so leuchtet denn auch heute noch im ganzen Deutschland vom Palast unseres ehrwürdigen Kaisers bis zur fernsten Hütte an der samländischen Küste der lichterglänzende Weihnachtsbaum. Wir begehen zu Ostern das Fest der Hoffnung, zu Pfingsten das Fest des Glaubens, zu Weihnachten das Fest der Liebe, aber wie das Wort der Schrift sagt: „Also bleiben uns Glaube, SÖffnung, Liebe, diese drei, doch die Liebe ist das rößeste unter ihnen," so ist auch das Weihnachtsfest das größeste geworden, welches seinen erfreuenden versöhnenden Glanz weithin erstrahlen läßt. Wissen wir doch, daß auch in zahlreichen Familien unserer Mitbürger jüdischen Glaubens der Weihnachtsbaum längst eine fromme Sitte
geworden ist.
Als wir vor Jahresfrist das Fest begingen,
mattes Licht spendenden Feuer und umringt von den bereits schlafenden Söhnen Nekoma's; dann hüllten sie sich in ihre Decken. Auch in dem Zelt der Arbeiter wurde es nach Blunts Heimkehr still. Wann der Halbindianer heimkehrte, erfuhr Niemand, so geräuschlos war er auf sein Lager neben Vilandrie geschlichen.
Nekoma saß längst neben dem Kamin und der Professor und Artemisia waren bereits in tiefen Schlaf gesunken, als Kitty endlich in dem Eingang erschien. Einen scheuen Blick warf sie um sich; erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Niemand sie beobachtete, nahm sie Nekoma gegenüber auf einem Holzblock Platz. Düstere Ruhe thronte auf dem sonst so lebensfrischen Antlitz. Ihre Augen glühten in unstetem Feuer. In ungeordnetem Locken wogte das Goldhaar auf ihre Schultern nieder. Finster starrte sie in die vernachlässigte Gluth. Wie ihre alte Pflegerin, schien auch sie längst mit allen Freuden und Genüssen des Lebens abgeschlossen zu haben. Ob sie muthig gegen verstandene und unverstandene Regungen kämpste, ob sie, wie von einem dumpfen Jnstiuct beseelt, mit aller Macht sich bestrebte, den Eingebungen des Augenblicks nicht länger zügellos zu fröhnen: Ihr Gesichtskreis war ein zu beschränkter. Im unablässigen Ringen mit sich selbst, im heißen Sehnen nach Unerreichbarem, im trotzigen Verwerfen jedes ihr gebotenen sittlichen Haltes mußte sie schließlich unterliegen. Was
Grenzen, die Parteiung im Innern versagte den so dringenden Schutz. Auch in diesem Jahre ist die Weltlage eine ernste, aber der deutsche Bürger und Bauer weiß sich geborgen hinter der starken Hut, der für diesen Zweck im weitesten Umfang bereiten Volkskraft. Wenn unser Volk dennoch auch in diesem Jahre des Weihnachtsfestes nicht recht froh zu werden vermag, so schwebt der Grund davon auf Aller Lippen, nagt an Aller Herzen, denn in Trauer und Hoffnung wendet aus Palast und Hütte der Blick sich in die Ferne, zu dem von Cypreffen umschatteten Landhause in San Remo, wo am Gestade des Mittelmeeres die Wogen rauschen und inmitten des engen Kreises der Seinen, fern von Heimath und Vaterland, unser erkrankter Kronprinz weilt. Die Liebe des gesammten Volkes, die sich ihm so tausendfältig in rührendster Weise zu erkennen gegeben, hat auch die Gelegenheit des Christfestes nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Aus Schlesiens Bergen her ist die schönste Tanne als Heimaths- Liebesgruß nach San Remo gesendet worden, um -Arütär ham tMHantfrhan finnmai ham *rT<rtAw Herrn ein hellstrahlendes immergrünes Zeugniß deutscher Liebe und deutscher Treue zu sein. Und wendet der Blick unseres Volkes vom fernen
San Remo sich wieder zurück zur Heimath, so ruht er in inniger Rührung auf dem schlichten Palast unseres ein und neunzigjährigen Kaisers, voll tiefsten Dankes gegen Gott, der inmitten einer so ernsten, Prüfungsreichen Zeit die Geschicke Deutschlands so treuen Händen anvertraut und ihm diese treuen Hände, den weisen und gütigen Herrscher erhalten hat, um welchen viele Völker mit Recht uns beneiden, in dessen Verehrung sie alle ausnahmslos mit uns einig sind.
Ein Weihnachtsfest in Glaube, Hoffnung und Liebe! Möchte so groß wie die Liebe, so berech« tigt auch die Hoffnung sein, welche in diesem Jahre jeden deutschen Weihnachtsbaum um«
das Geschick im Laufe der letzten zwölf Jahre an ihr sündigte, es konnte nicht mehr ausgeglichen werden; es war zu spät. —
8.
Eine andere Woche war dahin gegangen und Artemisia wieder im Stande, wenn auch mit einiger Vorsicht, frei umherzuwandelo. Eine Woche, in welcher der Himmel einen schweren blei« farbigen Mantel anlegte und, unterstützt von einem wilden Nordweststurm, wahre Schneelasten auf das Wigwam und die endlose fahle Prairie herabschüttelte. Doch anstatt Kälte zu bringen, sprang der Wind nach Südwesten herum; die Sonne besiegte das letzte Gewölk, und die Prairie triefte und dampfte unter dem doppelten Einfluß warmer Luftströmungen und der ungehemmt über die Ebenen sich ergießenden blendenden Sonnenstrahlen. Wie durch Zauberspruch verschwand der Schnee; größer wurden die wassergesättigten fahlen Flächen, bis endlich nur noch schmale weiße Streifen, die frühere Windrichtung verrathend, die Stellen bezeichneten, auf welchen kleinere und größere Unebenheiten dem Anhäufen des Schnee's Vorschub geleistet hatten. Dann folgten wieder Tage, die man mit träge nachgeschlenderten Sommerkindern hätte vergleichen mögen und zum Aufenthalt im Freien verlockten.
I Vilandrie erklärte auf Grund langjähriger Er
fahrungen, daß in den nächsten zehn bis vierzehn