Erschient wöchentlich drei Mal am Dienstag, Donnerstag und Sonnabend
Abonnementspreis:
vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. excl.
Postausschlag.
Die Jnsertionsgebühre« betragen für den Raum einer Spaltzeile 10 Psg., im amtlichen Theile 16 Psg. Reklamen die Zeile 20 Psg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.
Hersstidtr Krcisbliltt.
Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illustrirtes Ilnterlialtungsklatt".
Nr. 143. Sonnabend den 3. December 1887.
Erstes Blatt.
Aöonnements-tzinladung.
Bestellungen auf das
Hersfelder Krrisvlatt
mit der wöchentlichen Gratis - Beilage „Mirstrirtes Unterhaltungsblatt" für den Monat Dezember werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Aus dem Reichstag.
Berlin, 30. November. Der Reichs tag beendigte heute die erste Berathung des Etats in einer kaum zweistündigen Sitzung. Es sprachen für die Reichspartei der Nbg. Graf von Behr-Vehrenhoff, welcher dringendste Sparsamkeit empfahl und die Ausgaben bezeichnete, welche er für nicht unbedingt nothwendig erachtet; aber jede Streichung tm Militäretat ablehnt. Abg. Bebel (Soz.-Dom.) bekämpfte das ganze System des Etats, wie es dem gegenwärtigen Staat zur Grundlage und nur dem Militarismus diene. Er bezeichnete die deutsche Friedensliebe als eine Heuchelei. (Wird vom Präsidenten zur Ordnung gerufen.j Die steigenden Rüstungen würden nicht den Krieg abwehren, sondern ihn im Gegentheil herbeiführen. Die Herren arbeiteten durch ihre Gesetze selbst am eifrigsten an der Erschütterung der bestehenden Staats- und GesellschaftSzustände. Abg. Dr. Windthorst (Centrum) betonte gestrigen Ausführungen gegenüber den föderativen Character der Reichsversasfung ; für das Militär will er alles wirklich Nothwendige, aber nur das bewilligen. Thatsache sei es, daß sich im Lande eine Mißstimmung über die alljährlich zunehmenden Mili- lärlasten äußere. Das Socialistengesetz müsse, weil schädlich, ausgehoben werden. Der Etat biete keineswegs ein erfreuliches Bild. Sparsamkeit sei dringend geboten. — Darauf wurde beschlossen, einen bestimmten Theil des Etats der Budgetkommission, den anderen über ohne com» missarische Berathung im Plenum zu erledigen. Schließ
Das Fegefeuer in Frappes Wigwam.
Von B a l d u i n M ö l l h a u s e u. (Fo.tsetzung.)
„Wer hätte geglaudr," fuhr der Professor fort, „daß wir hier in der leblosen Einöde ein derartiges Unterkommen finden Z Dem Bill Blunt mit seinen Erfahrungen, mag er immerhin ein wüster Geselle sein, sind wir zum größten Dank verpflichtet, daß er uns gerade hierher führte, anstatt den Weg auf Fort Kearney weiter zu verfolgen. Nein, es gereut mich sicher nicht, ihn aus einer verzweifelten Lage gerettet zu haben. Unter solchen Umständen soll es uns nicht schwer werden, Deine vollständige Heilung abzuwarten. Mag eS jetzt schneien und frieren nach Herzenslust, unsere gute Laune wird dadurch nicht beeinträchtigt werden", und abermals schüttelte er zuerst Marks Hand, dann die des alten Jägers.
Ueber Artemtsia's holdes Antlitz hatte sich tiefe Gluth ausgebreitet. Als sei es unbewußt geschehen, ordnete sie den Saum ihres Kleides über den verletzten Fuß hin, dessen rosige Zehen aus dem unförmlichen Verbände keck hervorlugten.
Es verwirrte sie sichtlich, in Mark nur einen rauhen Wildschützen erkannt und ihn demgemäß angeredet zu haben, und jetzt zu erjahren, daß die Wildnisse nicht seine Heimath. Sie rief sich offenbar die bisherige Art ihres Verkehrs mit ihm tu's Gedächtniß zurück, um zu prüfen, in wie weit sie Dieses -oder Jenes zu bereuen habe. Mark dagegen, der mit inniger Theilnahme auf sie niedersah, mochte
lich wurden noch einige Rechnungssachen debattelos erledigt. Morgen 11 Uhr: Erste Lesung der Getreidezoll- vorlage.
Berlin, 1 December. Der Reichstag begann heute bie erste Berathung der Getreidezollvorlage, die von dem preußischen landwirthschaftlichen Minister Dr. Lucius mit einem längeren Vortrage einge- leitet wurde, in welchem er hervorhob, daß die bisherigen landwirthschaftlichen Zölle zwar keineswegs, wie man in landwirthschaftlichen Kreisen vielfach annehme, wirkungslos geblieben, daß die Preissteigerung gegenüber Londoner Notirungen aber den Zollbeträgen keineswegs entspreche, vielmehr noch nicht ein Drittel der Zollbeträge erreiche. Andererseits seien aber auch günstige financielle Ergebnisse für das Reich durch die Zölle erreicht sowie die Getreide- speculation auf ein geringes Maß beschränkt. Dagegen sei im Detailverkehr eine Preissteigerung nicht nur nicht eingetreten, sondern die Preise seien bei den meisten Lebensbedürfnissen um 25 Procent geringer als vor 10 Jahren.
Diese Preisdifferenz mache sich auch bereits in dem Rückgänge der Pachtpreise der Domänen, der Steigerung der ländlichen Hypothekenschulden und der Zunahme der Sub- Hastation der ländlichen Grundstücke geltend. Das seien Thatsachen, welche die Vorlage durchaus rechtfertigten, und hoffe er, daß auch der Reichstag geneigt sein werde, dem wichtigsten Stand des Landes, dem Kern des Nähr- und Wehrstandes, durch Annahme der Vorlage über die gegenwärtige Situation hinwegzuhelfen. (Beisall.) — Abg. Dr. Reichensperger sEentr.) erklärte sich gegen die Vorlage, in der er im Wesentlichen eine einseitige Jnteressenpolitik des Nordostens erblickte. Den Nutzen aus der Preissteigerung des Getreides könnten nur Diejenigen haben, welche mehr an Getreide producirtcn als consumirten. Abg. v. Hell- d^rff (deutsch-cons.) trat entschieden für die Vorlage ein, indem er der Auffassung entgegentrat, daß es sich bei dieser Frage um eine einseitige Interessenvertretung handle; die Nothlage der Landwirthschaft berühre ebenso den großen und kleinen Grundbesitz wie zahlreiche industrielle Kreise, deren Erzeugnisse die ländliche Bevölkerung consumire. — Abg. Geibel (nat.dib.) erklärte Namens des größeren Theiles seiner politischen Freunde sich nicht nur gegen die Vorlage, sondern auch gegen jede weitere Erhöhung der Agrarzölle, von der sie keinen dauernden Nutzen für die noth leidende Landwirthschaft erhofften, während die Ver- theuerung des Brodes weite Kreise der Bevölkerung schädigen würde. — Abg. Gehlert (Reichsp.) legte dar, daß ein Gegensatz zwischen Industrie und Landwirthschast nicht
ihre Gedanken errathen, denn er lächelte vor sich hin. Er gewahrte daher nicht, daß Kitty's Augen, die sie zu ihm erhoben hatte, wie in namenlosem Erstaunen sich vergrößerten, daß sie ihre Hand leise aus der Artemina's zurückzog und, trotz ihrer erprobten Selbstbeherrschung zu Zeiten widriger Ueberraschungen, einen Ausdruck ängstlicher Spannung nicht zu verheimlichen vermochte.
„So habe ich um Verzeihung zu bitten", versetzte Artemisia, nach kurzem Sinnen das von ihrem Vater eröffnete Gespräch mit einem Anfluge von Verlegenheit weiter spinnend, „denn ich fürchte fast, bei meinem ersten Erscheinen vor der Thür dieser Hütte Ihnen zu viel zugemuthet, meine Zu- muthungen dagegen in etwas ungehörige Formen gekleidet zu haben."
„In die denkbar freundlichsten", betheuerte Mark heiter, „und ich preise mich glücklich, daß es mir vergönnt gewesen, ungeschminkte Beweise eines offenen Vertrauens zu empfangen, wie mir solche bet einer Begegnung im Osten wahrscheinlich versagt geblieben wären. Und was in den heimathlichen Kreisen vielleicht — nun — ich will sagen: Bedenken wachruft, das wird hier durch die Einsamkeit der Wildniß geheiligt. Die Etiquette und die tadellos verfeinerte Sitte äußerer Formen müssen nothgedrungen vernachlässigt werden, wo die Menschen zu gegenseitigem Beistande näher zusammenrücken, oder man wird in die traurige Lage oerjetzt, ohnmächtig gegen Widerwärtigkeiten aller Art anzukämpfen."
„Ein wahres Wort," bestätigte Lilandrie man»
existire und daß, wenn nachgewiesen fei, daß die Preise der landwirthschaftlichen Produkte im Verhältniß zu den Herstellungskosten viel zu niedrig seien, Wege gesunden werden müßten, diese Mißstände zu beseitigen. Seine politischen Freunde seien fast einstimmig mit dem Prinzip der Vorlage einverstanden, nur bezüglich der Ziffern beständen einige abweichende Meinungen. Sie beantragen deshalb die Einsetzung einer besonderen Commission von 28 Mitgliedern, Abg. Lorenzen (deutschsreis.) erklärt« sich speciell vom landwirthschaftlichen Standpunkte seiner schleswig- holsteinischen Heimath aus gegen die Vorlage, die schwere sociale Gefahren in sich berge und zu einem wirthschaft- lichen Kriege führen müsse. — Die Berathung wurde um 4*/a Uhr auf Morgen 11 Uhr vertagt.
Politische Machrichte«.
(D e u t s ch l a n d.) Im Laufe des Donnerstag Vormittags hörte Se. Majestät der Kaiser zunächst deu Vortrag des Ober-Hof- und Haus- marschalls Grafen Perponcher, hatte eine Conferenz mit dem Kriegsminister General-Lieutenant Bronsart von Schellendorff und arbeitete Mittags längere Zeit mit dem Chef des Militär-Cabinets General der Kavallerie und General-Adjutant von Albedyll. Nachmittags 1 Uhr empfing Se. Majestät der Kaiser den Besuch Sr. K. H. des Prinzen Ludwig von Bayern, hatte darauf später auch noch eine Besprechung mit dem Geheimen Hofrath Borck und unternahm hierauf eine Spazierfahrt.
Ueber das Befinden Sr. K. und K. H. des Kronprinzen laufen nach wie vor die er» freulichsten Nachrichten ein. Das Aussehen des hohen Patienten soll ein so vorzügliches sein, daß Niemand dem hohen Herrn seine Krankheit ansieht. Se. K. und K. Hoheit soll selbst am 27. November geäußert haben: „Seit meinem Hiersein habe ich mich noch nie so fri[dj und wohl gefühlt, als nach den jetzigen Spazierfahrten."
Aus S a n R e m o wird unterm 1. December
1er, „wer in Lederrock und Mokassins umherläuft. kann nicht erwarten, wie ein pomadeduftender Stutzer im Broadway zu New-Z)ork behandelt zu werden. Sacrä Dieu, meine schöne junge Dame, ich lernte noch Keinen kennen, dem ein zutraulich Wort nicht größere Freude bereitet hätte, als süß» liche Komplimente, wie mir solche noch dunkel aus meinen jungen Jahren erinnerlich*
„Zu bedauern ist nur, daß ich plötzlich eine Schranke vor mir errichtet sehe, welche zu übersteigen mir.hinfort verwehrt sein soll," fügte Mark hinzu, und um den bisher herrschenden heiteren Ton nicht verdrängen zu lassen, verneigte er sich höflich vor Artemisia.
„Nein, so war es nicht gemeint", versetzte diese, und abermals erröthete sie, während auj's Neue erwachender Muthwille aus ihren freundlichen großen Augen lugte, und freimüthig reichte sie Mark und demnächst Vtlandrie die Hand, „ich pflichte meinem Vater in allen Dingen bet; gleich ihm bereue ich nicht, unserer ersten Bekanntschaft einen vertraulichen Character verliehen zu haben. Außerdem aber hoffe ich zuversichtlich, daß wenn wir von hier scheiden, wir als Freunde anS» einandergehen, die dem Geschick ob seiner wunderlichen Fügungen nicht zürnen."
„Die es, auf der einen Seite wenigstens, segnen," warf Mark schnell und überzeugend ein, „und in erhöhtem Grade preise ich seine Fügungen, wenn es mir gestattet ist, in Ihrer Begleitung an den Missouri zu ziehen, wohin ich schon früher zu reisen beabsichtigte."