Beilage zur Nr. 140 des Kreisblatts.
Her sfeld, den 26. November 1887.
Aus Hessen-Nassau.
Hersfeld, 25. November. Die „C. A. &■ schreibt folgendes: »Wie wir allgemein hören, werden zur Errichtung von Hypotheken, Verkäufen und Ansatzverträgen noch immer Steuerbuchsauszüge gelöst, obgleich sich das betreffende Grundvermögen im Grundbuch bereits eingetragen findet. Ist letzteres der Fall, und das dürfte wohl jetzt fast überall die Regel sein, so bedarf es der Bei- bringung von Steuerbuchsauszügen nicht, vielmehr genügt die Bezugnahme auf die im Grundbuch eingetragenen Grundstücke. Auch wird durch die nicht bedingte Herbeischaffung der Steuerbuchsauszüge nicht nur Zeit erspart, sondern es werden auch oft nicht unbedeutende Kosten vermieden. Weiß der Eigenthümer nicht genau, wo und unter welchen Nummern sich sein Grundvermögen im Grundbuch eingetragen findet, so wird er gut thun, sich bei Zeiten eine unbeglaubigte Artikelabschritt, wofür er für die Seite nur 10 Pig. Schreidge- bühren zu entrichten hat, geben zu lassen und kann er dieselbe zur Vervollständigung bei etwaigem Erwerb oder Veräußerung gebrauchen, indem ihm von jeder Veränderung unentgeltlich Nachricht gegeben werden muß. Die ländlichen Grundeigenthümer wollen sich dies besonders angelegen sein lassen.
Hersfeld, 25. November. Die Klage des Käufers eines Hauses gegen den Verkäufer auf Schadenersatz, weil das Haus zur Zeit der Uebernahme mit Schwamm behaftet gewesen sei und Verkäufer diese Thatsache, obwohl sie ihm bekannt gewesen oder hätte bekannt sein müssen, dem Käufer nicht mitgetheilt habe, unterliegt nach einem Urtheil des Reichsgerichts, 5. Civilsenats, vom 17. September 1887 nicht der kurzen Verjährungsfrist des Allgemeinen Landrechts Theil I, Titel 5 § 343 (bei städtischen Grundstücken ein Jahr nach Uebernahme). Auch braucht in einem solchen Falle der Käufer nicht zuvörderst auf Beseitigung des Schwammes seitens des Verkäufers, sondern er kann unmittelbar auf Schadenersatz klagen, selbst wenn er thatsächlich die Reparatur durch Beseitigung des Schwammes gar nicht vornehmen und das Haus in dem fehlerhaften Zustande belassen oder das Haus vollständig niederlegen und an dessen Stelle einen Neubau aufführen und dazu den Betrag der Entschädigung mit verwenden will.
Hersfeld, 25. Novbr. Von den 13 türkischen Olficieren, welche als Sec.-Lts. ä la suite unserer Armee gestellt sind, ist der Lieutenant Mustop ha Natik dem Hess. Feldartillerie-Reg. Nr. 11 zur Dienstleistung überwiesen worden, dessen Uniform derselbe tragen wird.
Hersfeld, 25, November. Besondere Marken für Soldatenbriefe einzuführen, wird, wie die »Schles. Ztg." meldet, nicht beabsichtigt. Nach wie vor Dürfen den Soldatenbriefen nur gelbe Zettel mit dem Vordruck: „Soldatenbriel, eigene Angelegenheit des Empfängers," aufgeklebt werden, um die handschriftliche Angabe jenes Vermerks zu ersetzen, so für die Adresse mehr Raum zu gewinnen und diese deutlicher hervortreten zu lassen. Die Anfertigung der Zettel bleibe auch ferner Sache der Privalindustrie.
Hersfeld, 25. November. Ernannt: Der ständige Hilfsarbeiter im Netchsjustizamt Regie- rungsrath V t e r h a u s zum Oberlandesgerichts- rath in Cassel, der RechtScandidat Dr. jur. Matthieu zum Referendar. — Pensiontrt: Der Königliche Krets-Lau-Jnspector, Baurath G r t e s e l dahter, vom 1. Januar 1888.
88 Hersfeld, 25. November. Nach amtlicher Feststellung ist durch den Verkauf des in den Stadt- und Landgemeinden des Kreises Hersfeld im Jahre 1887 geerndteten Obstes der Gesammtbe- trag von 2084 Mk. 5. Pf. erlöst worden.
Fulda, 23. November. Unsere Stadt athmet wieder auf — war doch die verflossene Woche die erste in diesem Jahre in der kein Todesfall an Diphtheritts vorgekommen ist! Es scheint demnach, als wenn diese heimtückischste aller Kinderkrankheiten nunmehr unsere Stadt nach schwerer Heimsuchung den Rücken kehren wollte. Aber welche Lücken läßt sie zurück? Während der letzten 10 Monate hat diese Krankheit 249 Kinder hinwegge- rafft. Manche hiesige Familie hat in einer Woche drei Kinder zu Grabe tragen müssen.
Mitteln, 21. November. Ein schreckliches Unglück ist in der Nähe von Eisbergen gestern Morgen passirt. Die beiden Pächter der Lohfelder Feldjagd, Friedr. Backhaus und dessen Bruders
sohn, haben mit Gewehren ihre Jagd ausgeübt. Auf einmal hört ein Mädchen einen Schuß in der Nähe. Der Vater desselben geht aus dem Hause, — da fällt ein zweiter Schuß. Als er dann näher geht, findet er den älteren Friedr. Backhaus mit einem Schuß in der Brust todt und nahe dabei soll der jüngere Backhaus auf der Seite, das Gewehr gegen seinen Unterkörper gehalten — ebenfalls todt gelegen haben. Da Beide gute Freunde waren und die Annahme eines Verbrechens daher ausgeschlossen ist, so nimmt man an, daß der jüngere unverheirathete Neffe aus Unvorsichtigkeit seinen Onkel, Vater vieler Kinder, erschossen und sich dieses Unglück so zu Herzen genommen hat, daß er sich sofort darauf auch das Leben nahm.
Vermischtes.
— Duisburg, 2l. November. Einem frechen Gaunerstreich ist ein hiesiger Holelbesitzer zum Opfer gefallen. Vom Bahnhof kam ein fremder, höchst elegant gekleideter Herr vorgefahren, trat in das Restaurant, hing seine schwere Geldtasche an die Wand, ließ sich servilen und setzte sich an den nächsten Tisch, um einen anscheinend dringenden Brief zu schreiben. Nach Beendigung desselben bat er den Wirth um Papiergeld zum Betrage von 150 Mark, denn er führe in der Geldtasche nur Gold- und Silbergeld mit. Der als sehr zuvorkommend bekannte Hotelbesitzer beeilte sich, die Banknoten herbei zu schaffen, worauf der sehr vornehme Gast noch um Siegellack und Petschaft bat. Während der Wirth auch diese Gegenstände holen ging, benutzte der Fremde die Abwesenheit, um mit den 150 Mk. Banknoten zu verschwinden. In der schweren Geldtasche, die zurückblieb, fanden sich nur in Papier eingewickelte Kieselsteine. Da auch in anderen Städten in letzter Zeit ganz ähnliche Betrügereien vorgefallen sind, so ist der Thäter wohl überall ein und dieselbe Persönlichkeit. Es mögen sich die Hotelbesitzer und Wirthe durch obige Mittheilung wiederholt gewarnt sein lassen.
— Jmmendingen (Baden), 20.November. Gestern Mittag drang ein von seiner Familie getrennt lebender streitsüchtiger Mensch, mit zwei geladenen Revolvern und einem großen Metzgermesser versehen, in die Wohnung seiner Schwiegereltern, wo sich zur Zeit auch seine Frau aufhält, verwundete hier seine Frau, deren Vater, Bruder und Schwester mittelst Revolverschüssen schwer und brächte sich alsdann zwei Nevolverschüsse sowie zwei Messerstiche bei. Nicht zufrieden mit dem angerichteten Blutbade, erhob er in seinem schwer verletzten Zustande abermals den Revolver gegen seine alte Schwiegermutter und tödtete diese durch einen Schutz in den Kopf. Endlich gelang es hinzukommenden beherzten Männern, den noch fortwährend Schüsse abieuernden Mörder, nachdem er noch ein nicht zur Familie gehöriges Kind durch einen Streisschutz leicht verletzt hatte, zu überwälttgen.
— In E i s e n a ch erstickten in einer der letzten Nächte einem Oceonomen 37 Schafe im Stalle und zwar dadurch, datz sich der Hofhund losgerissen und die Thiere so dicht zusammengedrängt hatte, datz der Erstickungstod eintrat.
— Das große Winterfest, welches der Verein Berliner Künstler nach Weihnachten ver- anstalten wollte, ist jetzt mit Rücksicht aus das ernste Leiden des Kronprinzen endgültig aufgegeben.
— Wunderliche Blüthen treibt in L o ch u m in Westfalen die geschäftliche Concurrenz. Seit einiger Zeit giebt ein Bäcker seinen Kunden bei Abnahme einer bestimmten Quantität Brod einen großen Kuchen gratis. Jetzt nun offerirt eine jüdische Manufacturwaarenhandlung als Zugabe zu ihren Anzügen und Ueberziehern einen »feinen Filzhut."
— In einem alten Hause zu Bit s h ofe n in Bayern, welches z. Z. umgebaut wird, fand sich eine alte Aufzeichnung vor, laut welcher ein früherer Besitzer die Ei? quartirungslast während der napoleonischen Kriege mit den kurzen aber inhaltsvollen Worten bezeichnete: .Einquarttrung ly Martin Hartl während des französischen Krieges seyd (seit) 5 Jahren sind 2645 Mann." Diese schrecklichen Lasten hatte ein einzelner Bürger und Bäckermeister zu tragen.
— Auf die dünne Eisdecke eines Wasserlaufes der Elster hatten sich am Sonntag trotz Warnung und Verbot eine Anzahl Kinder aus Dem nahen Ammendorf gewagt. Das schwache Eis brach und s e ch s K i n de r geriethen ins Wasser, von Denen nur eins gerettet wurde, die anderen konnten nur als Leichen herausgezogen werden. Die ganze Einwohnerschaft des kleinen Ortes hat dieser
schwere Unfall in tiefe Trauer versetzt — möchte er doch zur Warnung dienen.
— Die Diphtheritts breitet sich im Norden Berlins in bedrohlicher Weise aus. In den aus der Straßburger und Prenzlauer Straße befindlichen Gemeindeschulen mußten bereits mehrere Classen ganz geschloffen werden, da zahlreiche Schüler erkrankt sind. Die Schul- und Polizeibehörde geht überhaupt mit Eifer vor, um der schnell um sich greifenden Krankheit Schranken zu setzen, aber der Erfolg ihrer Maßregeln wird durch die gegenwärtige feucht-nebelige Witterung einigermaßen in Frage gestellt.
— Wernt gero de, 20. November. Dieser Tage wurde ein in der Nachbarschaft gefangener Maulwurf mikroskopisch untersucht, wobei sich herausstellte, daß das Thier von Trichinen geradezu wimmelte. Es ist dies wiederum eine Mahnung für Landwirthe, getödtete Maulwürfe nicht, wie dies vielfach geschieht, auf die den Schweinen zugänglichen Düngerhausen zu werfen, sondern die Thiere zu vergraben.
— Leipzig, 21. November. Großes Aussehen hat hier die Verurtheilung einer jungen Dame aus angesehener und wohlsituirier Familie Hervorgerusen, die in den besten Kreisen Leipzigs wegen ihres munteren Wesens und ihres musikalischen Talents ein gern gesehener Gast war und besonders auch den Umgang mit Künstlerinnen liebte und dieselben gern mit Blumenspenden und anderen Ausmerk- samkeiten bedachte. Wegen Diebstahls in drei Fällen, von denen einer als schwerer Diebstahl aufgesaßt werden mußte, wurde die Angeklagte, welche sich bereits seit vier Wochen in Untersuchungshaft befindet, unter Zubilligung mildern, der Umstände zu 4 Monaten und zwei Wochen Gefängniß verurtheilt, wovon 3 Wochen durch die Untersuchungshaft als verbüßt anzusehen siod. In einem Falle handelte es sich um einen Brillanten - Diebstahl bei einer bekannten Sängerin. Die Berurtheilte hatte die Schmucksachen versetzt und aus dem Erlös unter Anderm der Bestohlenen ein Bouquet gespendet.
— Flensburg, 23. November. Die Schweinepest ist in Fiby (Westsühnen) auf* getreten und breitet sich in Seeland, in der Umgegend von Gjentoste aus. Auf Amager müssen täglich Hunderte von Schweinen geschlachtet werden. Es wird befürchtet. Daß Die Pest nach dem Festland Hinübertritt.
— Kulm, 22. November. Das hiesige Ca- dettenhaus mußte wegen der zahlreichen Erkrankung an Diphtheritts geschlossen werden.
— N e i s s e, 17. November. (Mißglückte Prüfung.) In einem hiesigen gewerblichen Etablissement hatten schon seit längerer Zeit die Arbeiter sich berathen, ob es in der That nicht möglich sei, denaturirten Spiritus zu genießen. Um nun dieses Problem zu ergründen, wurde eine Quantität davon in Gemeinschaft angekauft und, vorher wie gewöhnlich mit Wasser verdünnt, in heiterer Runde verzecht. Die Folgen dieses ^Genusses" sollen aber, wie man der „Bresl. Ztg." berichtet, ganz verzweifelt unangenehme gewesen sein und die Forscher zu Dem Entschluß gebracht haben, in Zukunit nicht wieder verdünnten denaturirten Spiritus zu trinken.
— Wiederum hat die Ofenklappe Unheil angerichtet. In Landsberg hatten drei Lehrlinge Abends tüchtig eingeheizt und die Klappe zu früh geschlossen. Am Morgen fand man zwei von ihnen todt, den einen auf Den Futzboden, den anderen an der Thür liegend. Den dritten, der bewußtlos war, hofft man retten zu können.
— Plagwttz, 18. November. Die beiden Nachtwächter auf den hiesigen Bahnhöfen, sowohl der auf sächsischer, wie der aus preutztscher Seite, sind heute verhastet worden, weil sie im Verdacht stehen, Kisten erbrochen und daraus Waaren entnommen zu haben. Der Werth des gestohlenen Gutes soll ein sehr hoher sein.
— (Angenehme Ueberrasch un g.) Im Hotel Milan in Florenz diente seit vielen Jahren ein alter Portier, der im Winter einen schweren Pelz trug, auf den er große Stücke hielt. Vor einigen Tagen starb Der Greis und vermachte seinem einzigen Verwandten, einem Neffen, seinen Pelz. Der Erbe war nicht besonders erfreut über dieses Vermächtnitz und nahm ziemlich unbefriedigt das deseete Kleidungsstück in die Hand. Plötzlich spürte er ein Knistern wie von Papier im Pelze; er suchte nach und sand in Dem Pelze ein Packet, das 75 Stück Tausendfrancs-Billets enthielt. Der Pelz war plötzlich ein äußerst werlhvolles Kleidungsstück geworden.
— Lern. Der Soldat Hürst, der am 7. October bei einer Felddienstübung im Feuer mit Kugelpatronen geschossen und einen Soldaten der gegenüberstehen» I den Compagnie getödtet hat, ist vom Militärgericht