alsdann einer Einladung des Gesandten von Eisendecker zur MatinS, auf welcher auch die zur Zeit in Baden-Baden anwesenden hohen Fürstlichkeiten mit ihrer Umgebung erschienen waren.
Von Sr. Majestät dem Kaiser ist aus Baden-Baden folgendes Telegramm in Memel eingegangen: „Der Garnison Memel und der Festversammlung meinen herzlichsten Dank, daß Memel sich des 80jährigen Jahrestages erinnert, an welchem Ich mit dem Kronprinzen und Prinz Friedrich zum ersten Male in der Front eines neu organisirten Garde-Bataillons unsern ersten Dienst thaten vor unsern Königlichen Eltern. Welch ein Zeitabschnitt der Geschichte eines Soldaten, dem die Vorsehung im Krieg und Frieden sichtlich gnädig gewesen ist! Wilhelm."
Se. Kaiserl. und Königl. Hoheit der Kronprinz ist am Freitag Mittag in Baveno eingetroffen und in der Ville Clara abgestiegen.
Die diplomatische Action in Sachen des bedauerlichen Grenzvorfalls bei Raon ist beendet, nachdem der deutsche Botschafter in Paris, Graf Münster, am Freitag die Entschädigungssumme von 50,000 Frank für die Witwe Brignon dem Minister Flourens übergeben hat.
Der gefangene König Malietoa von S a m o a wird Neu-Guinea als Verbannungsort angewiesen erhalten.
Nachdem die Liste der für den bischöflichen Stuhl zu Fulda vorgeschlagenen Candidaten von dem Kaiser an das Capitel zurückgelangt ist, ist die Bischofswahl selbst auf den 10. d. festgesetzt worden. Fürstbischof Dr. Kopp wird am 18. d. in Berlin zur Eidesleistung eintreffen und sich von hier aus nach Breslau begeben, wo er am 20. d. erwartet wird.
Der ordentliche Landtag des Königreichs Sachsen ist auf den 9. November einberufen.
Die Wahlmännerwahlen in Baden sind überwiegend zu Gunsten der Nationalliberalen ausgefallen, an welche die Clerikalen und Democraten mehrere Mandate verloren haben.
(Frankreich.) Die französischen Blätter berichten von einem Revanche-Trinkspruch, den ein Großfürst Nikolaus an Bord eines französischen Dampfers ausgebracht haben soll. Es existiren vier Großfürsten dieses Namens und man scheint absichtlich im Dunkeln zu hallen, wer von diesen der Redner gewesen ist. (Die „Agence Havas" nennt den Großsürsten Nikolaus Michailowilsch, sagt aber, derselbe habe einfach einen Toast aus Frankreich ausgebracht und den Os freieren des Schiffes für die Gastfreundschaft gedankt.) — Der Conflict des französischen Residenten auf Madagaskar mit der dortigen Regierung der Hooas ist beigelegt. Die Nachrichten über den ganzen Zwischenfall stammten aus englischer Quelle und sollen tendenziös übertrieben gewesen sein. — In Paris wurde am Donnerstag das Manifest des Grasen von Parts durch Maueranschlag verbreitet. Die Polizei riß die Plakate sofort ab und nahm mehrere der Ankleber fest. — In Paris wurde General Caffarel am Freilag Abend verhaftet, da die Verdachtsgründe, daß er mit Zusagen von Ordensauszeichnungen gehandelt hat, sich erheblich gemehrt haben. Demselben werden auch Jndis- crelionen beim MobilmachungSpIan zugeschrieben. Als Mitschuldige werden General sandlau, Sena-1
tor Dame und Lemonsin genannt. — Das „Journal des Debatts" meldet, die Regierung habe in Folge mehrerer in den Departements allzu leichtfertig und ohne Grund für den Verdacht der Spionage vorgenommenen Verhaftungen von Ausländern den Behörden anempfohlen, bei Anwendung des Spionagegesetzes künftig mit großer Umsicht zu verfahren und keine Maßregeln zu ergreifen, welche die freie Bewegung der Ausländer hinderten, ausgenommen, wenn sehr ernste Gründe für ihre Schuld vorlägen.
(Belgien.) Die belgische Regierung wird, unterstützt von Holland, ^England und Oesterreich, aus der Londoner Zuckerconferenz die bedingungslose Abschaffung der Zuckerprämien beantragen. — Der Mintsterrath beschloß, den Kammern folgende, die Landesvertheidigung bezügliche Vorlagen zu unterbreiten: Ausbau des Antwerpener Festungssystems, Neubewaffnung der Artillerie und Infanterie und Erhöhung des Kriegsstandes der Armee auf 200 000 Mann. Der gegenwärtige Kriegsstand der belgischen Armee beträgt 130000 Mann.
(L a l k an st aa t e n.) Die bulgarische Regierung richtete ein Ultimatum an den Exarchen in Constan« tinopel mit der Aufforderung, den Metropoliten Element abzusetzen, da er sonst, der Exarch selbst, abgesetzt werden müßte. — Die Beziehung zwischen dem Könige Milan von Serbien und der Königin Natalie scheinen sich etwas gebessert zu haben. Am Freitag fand eine gegenseitige Begrüßung auf dem Bahnhöfe in Baden bei Wien statt, die öffentlich und sehr herzlich war. Das Königspaar umarmte und küßte sich vor dem zahlreichen Publikum. Gleichwohl ist der Reiseplan der Königin nach Italien bisher nicht aufgegeben.
Aus Heffen-Naffau.
t Hersfeld, 10. October. (Durchschnittspreise für Getreide.) Das neueste Statistische Monatsheft bringt uns die Durchschnittspreise wichtiger Waaren im Großhandel während des August. Indem wir bemerken, daß dieselben gegenwärtig nach den einzelnen Börsennotirungen noch niedriger stehen wie im August, daß aber die September- oder Octoberpreise noch nicht amtlich im Durchschnitt berechnet sind, wollen wir einen Vergleich der Augustpreise dieses Jahres mit den Augustpreisen des Vorjahres anstellen, um zu zeigen ein wie erheblicher Rückgang seit einem Jahre und zwar für alle Getreidearten stattgefunden hat.
Weizen fiel von 156,52 auf 153,05 M.
Roggen „ „ 128,56 „ 113,25 M.
Gerste „ „ 113,90 „ 103,90 M.
Mais „ „ 102,00 „ 96,25 M.
Hafer „ „ 122,34 „ 91,70 M.
Nur die Kartoffelpreise haben sich gebessert.
Hersfeld, 10. October. Die Prooinzialsteuer- behörden sind durch Erlaß des Herrn Finanz-Mi- nisters vom 29. v. M. ermächtigt worden, den in Elutionsanstalten befindlichen Branntwein, welcher bisher in undenalurirlem Zustande zur Verwendung gelangt ist, von der Nachsteuer frei zu lassen, sofern kein Zweifel darüber besteht, daß dieser Branntwein so stark mit fremden Bestand- theilen, namentlich mit Ammoniak versetzt ist, daß eine Verwendung dieses zusammengesetzten Products zum menschlichen Genusse ausgeschlossen erscheint.
„Hersfeld, 10. October. Eine Versammlung hessischer Landwirthe, welche sich mit der Frage einer Erhöhung der Kornzölle beschäftigen soll, wird demnächst in Guntershausen stattfinden.
Hersfeld, 10. October. Für die Tilgung der Schafräude ist es, wie allgemein anerkannt wird, von Wichtigkeit, daß neben den Räudebädern die Schäfer ihre Schuldigkeit thun. Mit wenigen Ausnahmen findet man, daß, wo die Räude noch fortbesteht, die Schäfer nachlässig waren. Deshalb wird aber auch, wo sich das feststellen läßt, mit aller Strenge gegen die Schäfer verfahren. In der letzten Zeit sind wieder, wie das „F. K." meldet, zwei Schäfer bestraft worden. Der Eine wurde zu 15 M. Strafe und in die Kosten und der Andere zu 8 Tagen Gefängniß verurtheill. Die Schäfer mögen sich dieses zur Warnung dienen lassen und bedeuten, welchen Schaden sie durch ihre Nachlässigkeit ihren Dienstherrn zufügen, und die Schafhalter mögen berechnen, welchen Schaden sie sich selbst zufügen, wenn sie einen faulen Schäfer miethen.
Hersfeld, 10. October. Die Eisenbahn-Wagen haben ihre Wintertoiletle bereits angelegt. Nachdem das Einlegen von Fußdecken in den Abtheilungen der Eisenbahnwagen stattgefunden hat, ist angeordnet worden, daß mit dem Heizen der Züge begonnen werde. Vom 1. October bis 30. November d. I. und vom 1. März bis Ende April k. J. ist das Heizen „fakultativ", vom 1. Dezember d. I. bis 29. Februar k. I. „obligatorisch". Die fakultative Heizung erfolgt, wenn das Thermometer in der Mittagszeit auf 4 Grad R. sinkt, während die Nachtzüge zu heizen sind, sobald die Temperatur während der Nacht aus 0 Grad R. fällt.
Hersfeld, 10. October, Die Ziehung der zweiten Classe der preußischen Lotterie beginnt am 7. November. Die Erneuerung der Loose muß bis zum 3. k. M., Abends 6 Uhr erfolgen. Als Hauptgewinne gelangen in dieser Classe zur Aus- ipielung: je 1 Gewinn zu 45 000, 30 000 und 15 000 Mark, zwei zu 10 000, 3 zu 5000 und 4 zu 3000 Mark.
§ Hersfeld, 10. October. Heute Morgen gegen T'/i Uhr entstand in der Wohnung des Pedellen Schmelz ein Schornsteinbrand, welcher alsbald, ohne weiteren Schaden angerichtet zu haben, gelöscht wurde.
Hersfeld, 10. October. Die Zahl der preußischen Gerichtsassessoren beträgt gegenwärtig 1485, d. h. 248 mehr als im Vorjahre. Referendare sind 3385 vorhanden gegen 3724 im Vorjahre. Rechisanwälle und Notare giebt es 2848, gegen 2721 im Jahre 1886.
Cafsel, 8. October. Unserem Stadtrath ist auf seine GeburtsiagS-Gratulation folgendes Dankschreiben Ihrer Majestät der Kaiserin zugegangen: „Dem Stadtraly danke Ich herzlich für die Mir zum Geburtssest ausgesprochenen Glückwünsche mit der Versicherung Meiner steten Theilnahme für die Residenzstadt und ihre Bewohner.
Baden-Laden, den 4. October 1887.
„ gez. August«.
An den Stadtrath der Residenz Cassel."
Hanau, 5. October. In Wallroth wurde vergangene Woche ein ruchloser Baumfrevel begangen, indem einem Bauer 10 mit Früchten be-
waren als lästige Stehimwege über Bord geworfen worden. Auf den blanken Planken konnten die elf Mann der Besatzung grad neben einander liegen. Das Mannschaflslogts aber nahmen die Chinesen ein, die wir außenbords losgeschmlten Hallen und die mit stumpfen, blöden Gesichtern sich umschaulen und Rücken und Arme gelenkig rieben.
Nun konnte der Tanz losgehen und er ging los. ■ Die himmlischen Geigen und der große Trompeter Ocean führten ein Concert auf, von dem mir heut noch die Ohren brummen. Aber ’n Taifun wards nicht. Aus solchem wär' auch kein Bolzen vom Layard heil davongekommen. Immerhin schüttelt's tüchtig genug, um jeden Augenblick den Anfang vom Ende zu sehen. Die See brach wild über die Reeling und riß manchen armen Schelm mit fort, Es gab Lücken. Schon nach ’ner Stunde — wer rechnet aber nach Stunden und Minuten, wenn die Ewigkeit die Arme ausbreitet? — gab's Lücken, so daß die Menschen enger zusammenrückten und sich gegenseitig stützten. Doch so sehr der Layard ächzte und krachte, es mußte wohl etwas von unseres Capttäns Geist in das wurmstichige Holz gefahren sein. Das Schiff hielt aus.
Gegen Mitternacht ließ der Sturm nach und das Wetter klärte ab. Als wir einige Segel zu setzen versuchten, hatten die See'n einen Weg für unsere Füße gebahnt; wir konnten den Wassergang im Luv entlang gehen, ohne Menschcnglteder zu berühren.
War Miß Gilian vorher erst für einen bösen
Geist gehalten worden, so meinten die Abergläubischen nun, sie müsse ein höheres Wesen von der guten Art sein; denn wie sollte der gichtbrüchige überladene Layard ohne schütz davongekommen sein?
Uebrigens kam die Dame nicht mehr zum Vor- schein. Daß sie an Bord, merkte ich nur, wenn der Capitän mit einem Schüsselchen Speise in der Hand über uns weg in seine ehemalige Kabine tappte. Ich hatte meine Schlafstelle dicht an der Wand der Kabine gewählt, so daß ich hin und wieder ’n paar Worte von der Unterhaltung drinnen aufschnappen konnte. Das waren von der einen Seite tröstliche herzhafte Worte, von der anderen aber Laute stiller Verzweiflung.
~ „Vertrauen Sie mir, dear Miß, ich werde von Singapore aus für Ihre glückliche Ueberfahrt nach Hongkong Sorge tragen."
Darauf unterdrücktes Schluchzen einer Frauenstimme.
„Weinen Sie nicht, Miß Gilian. Es ist dies eine schlimme Zeit der Prüfung, der wieder goldene Tage folgen werden. Mr. Humphrey erwartet Sie, er wird Ihrem Leben wieder — Glanz — und — Glück — geben —"
„Kennen Sie Mr. tzumphrey? Nicht? Ich auch nicht! Ich will ihn nicht kennen. Lieber möge mich der Tod umarmen, als dieser fremde Mann." so schluchzte die weibliche Stimme.
„Warum? Miß Gilian, warum?" fragte mit merklichem Beben der Kapitän zurück.
„Sie fragen noch? Ich bin.etn Weib, habe allen Schrecken der erbarmunglosen Natur tn's Auge
geschaut und erfahren: nicht in der Natur ist Erbarmen, sondern nur im Menschen. Wie der Mensch allein das Erbarmen fühlt und übt, so ist er andererseits das grausamste, weil mit Ueberlegung quälende Geschöpf. Ich kenne auch die schrecken der menschlichen Gesellschaft, sie sind stummer als die der entfesselten brutalen Elemente. D.e Tage des gedankenlosen Kinoseins sind vorüber, fett ich unter körperlichen Schmerzen und wühlenden Gedanken verlassen tut Weltmeer schaukelte. Ich bin ein Weib geworden, ein freies Geschöpf, welches sich nicht dem ersten besten unbekannten Manne hingeben wird, weil ein rechnender Vater diese Bestimmung traf und das gegenseitige Vermögen paßt."
Nicht mehr schluchzend, sondern finster grollend stieß Miß Gilian die Worte hervor. Was Ca- pilän Ohlsen antwortete, verflog im Getöse der zur Ablösung gerufenen Wache. (F. f.)
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