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Kerssclilcr Kreistlett.
Wit wöchentlicher Kratis-ZLeikage „Illustrirtes Zlnterhaltungsvkatt".
Nr. 96. Dienstag den 16. August 1887.
# Landwirthschaft und Handel.
Das Beispiel der Handelsleute in Bromberg, welche neulich eine Petition zu Gunsten der Erhöhung der Getreidezölle an den Reichskanzler gerichtet haben, hat Nachahmung gefunden. Vor einigen Tagen ist auch von Handelsleuten in Posen eine Petition an den Reichskanzler in gleichem Sinne beschlossen worden. Diese Vorgänge verdienen die Aufmerksamkeit aller ernsten Politiker. Mit einigen Schlagwörtern oder höhnischen Redensarten, wie dies in freisinnigen Blättern geschieht, läßt sich die Sache nicht abthun. Man wird vielmehr untersuchen müssen, ob die Handelsleute gerade in den gegenwärtigen Verhältnissen Veranlassung für ihr Vorgehen haben, und worin die Ursache der bisher völlig neuen Erscheinung liegt, daß gerade Handelsleute im Osten, wo man bisher der Zollpolitik so wenig günstig gegenüberstand, entgegen allen bisherigen im Handelsstande vertretenen Grundsätzen für eine Erhöhung der Getreidezölle eintreten.
Wie man sich erinnert, begründeten die Brom- berger Petenten ihren Antrag damit, daß von einer Börsenpartei augenblicklich große Quantitäten ausländischen Getreides herangezogen würden: hierdurch — so meinen sie — werde ein Preisdruck entstehen, welcher den deutschen Landwirth zwingen dürfte, sein Product abermals unter den Productionskosten loszuschlagen. Sehen wir uns einmal die Getreidepreise an der Berliner Börse an. Im Juni waren die Durchschnittspreise für Weizen 185,15, für Roggen 125,30 und für Hafer 95,10 Mk. für die Tonne. Am 9. August sehen wir verzeichnet Weizen (Lieferungsqualität) 150, Roggen 113,0 Mk., Hafer 91 Mk. Der Preisrückgang ist geradezu ein außerordentlicher. Aber — so werden unsere Gegner sagen — das ist stets sonach einer guten Ernte; reiche Anfuhr neuen Getreides bewirkt
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Das Geständnis.
Criminal-Novelle vonGustavHöcker. (Fortsetzung.)
Frau Dombrowsky stammte aus einer alt- adeligen Familie. Der Zweig, dem sie angehörte, war verarmt, und so hatte sie sich zu einer Ehe mit einem Bürgerlichen entschlossen.
Man würde ihr jedoch unrecht thun, wenn man glauben wollte, daß bei ihrer Verhetrathung mit Dombrowsky nur äußere Rücksichten im Spiele gewesen wären. Sie war aus wahrer Herzens- Neigung seine Gattin geworden und das zu einer Zeit, wo Dombrowsky noch hart ringen und kämpfen mußte. Jetzt aber, wo sie sich im Glänze deS Reichthums sonnen durfte, wünschte sie, die Tochter wenigstens dem Adelstände zurückgegeben zu sehen, und zur Erfüllung dieses ehrgeizigen Strebens bot Mariannens Verbindung mit dem Rittmeister, der einen hochadeligen Namen trug, eine sehr erwünschte Gelegenheit. Daher hatte Frau Dombrowsky die Aufmerksamkeiten, welche ihrer Tochter von dem Officier erwiesen wurden, ermuthtgt, und sie hatte sogar davon Kenntniß, daß der Rittmeister nur noch seine Ernennung zum Escadrons-Ches abwarten wolle, um mit seinem Antrag hervorzutreten.
Man kann sich nun ihr Staunen denken, als sie ihren stolzen Traum durch einen einfachen Com- mts von äußerst bescheidener Herkunft bedroht sah. Hielt sie sich auch für versichert, durch ihre
ein Herabgehen des Preises. Wie verhielt es sich denn aber mit den Getreidepreisen des Vorjahres, wo gleichfalls eine gute Ernte erzielt wurde? Vor der Ernte — im Juni 1886 — kostete der Weizen im Durchschnitt 145,20, der Roggen 130,80, der Hafer 126,40 Mk.; am 9. August desselben Jahres verzeichnete der Börsenbericht folgende Preise: Weizen 154, Roggen 127,5, Hafer 117,5 Mk. Wie man sieht, fielen die Preise nach der Ernte im vorigen Jahre nur um ein Geringes, bei Roggen um 3,3 Mk., bei Hafer um 8,90 Mk., bei Weizen stieg er sogar um 8,80. In diesem Jahre aber stürzte der Weizen seit Juni um 35,15 Mk., der Roggen um 12,30 Mk., der Hafer allerdings nur um 4,10 Mk. Und wenn man die Augustpreise dieses Jahres mit den Augustpreisen des vorigen Jahres vergleicht, so steht Weizen jetzt um 4Mk., Roggen um 14,5 M., Hafer um 26,5 M. niedriger!
Dieser so bedeutend niedrige Preisstand kann allein in der guten Ernte dieses Jahres nicht seinen Grund finden. Er erklärt sich einmal aus den von den Bromberger Petenten erwähnten Baissespeculationen, sodann aber wie uns dünkt daraus, daß unsere Landwirthe, weil sie zur Fortführung ihrer Wirthschaft, zur Bezahlung der Arbeitslöhne u. s. w. Geld brauchen, mit dem Ausdreschen des Korns nicht länger warten können und dasselbe zu welchem Preise auch immer loszuschlagen gezwungen sind. Diese Preise, die so niedrig stehen, wiesest zehn Jahren nicht, sind nicht nur verderbenbringend für den Landwirth, sondern beweisen, daß der Landwirth ich in einer großen Nothlage befindet, aus der hn selbst ein guter Ernteertrag nicht mehr zu befreien vermag.
Die Bromberger und Posener Handelsleute sehen in der Entwerthung der landwirthschaft- lichen Producte nicht nur eine Schädigung für । den Landwirth, sondern ebenso auch für Handel1
bestimmte Weigerung und durch ihren mütterlichen Einfluß auf die Tochter zuletzt den Sieg davonzutragen, so wußte sie doch, daß ihr dieser nicht leicht werden würde, denn ihr Gemahl besaß einen sehr starken Willen und es war das erste Mal, daß sie sich in der Lage befand, demselben mit aller Entschiedenheit entgegentreten zu müssen.
Da gab es nun aufregende Familienscenen. Täglich flössen Mariannens Thränen; Dombrowsky hatte seine sonst so unverwüstlich gute Laune bald vollständig eingebüßt, und seine Frau zeigte sich in ihrer finsteren Stimmung völlig unnahbar, so daß eine unheilbare Entfremdung zwischen den beiden Gatten einzutreten drohte.
So standen die Dinge, als Eugen an einem Spätnachmittage in seiner Wohnung die Vorbereitungen zu einer Reise nach dem Seehafen traf, um dem Capitän eines nach Amerika abgehenden Schiffes, welches Herrn Dombrowsky gehörte, Gelder und Jnstructtonen zu überbringen.
Da klopfte es an die Thür. Der eintretende Besucher war ein Mann von zweifelhaftem Aller mit vernachlässigtem Bart- und Haupthaar. Seine Kleidung machte den Eindruck, als sei sie in einem Trödlerladen gekauft.
„Eugen Prachwitz," tönte es von den Lippen des Besuchers, welcher den jungen Mann eine Weile unverwandt angeblickt hatte, „wo ist Ihre Mutter?*
„Meine Mutter?" entgegnete Eugen, erstaunt über die seltsame Art, in welcher sich der Fremde
und Gewerbe. Gerade der gegenwärtige Preissturz scheint ihnen endlich für diese Wahrheit die Augen geöffnet zu haben. Handel und Gewerbe sind auf das Engste mit der Landwirthschaft verbunden, und es ist nur zu erklärlich, daß die Handelsleute gerade im Osten, wo die Concurrenz mit dem ausländischen Getreide sich gewissermaßen ihnen vor der Nase abspielt, für ihren eigenen Geldbeutel zu zittern anfangen, wenn sie sehen, wie der heimische Landwirth nicht mehr zu feinem Gelde kommt. Wir sind überzeugt, daß diese Erkenntniß noch in weitere Kreise dringen und die Nothwendigkeit einer baldigen und gründlichen Hilfe für die Landwirthschaft von allen Seiten anerkannt werden wird. Die Landwirthschaft kann bei den oben angegebenen Preisen nicht bestehen; die gute Ernte allein kann ihr nichts helfen, wenn sie die Producte zu Schleuderpreisen absetzen muß; sie muß eines kräftigeren Schutzes wie bisher theilhaftig werden, und dieser Schutz muß vor allem und zunächst in einer Erhöhung des Zolles für Getreide gesucht werden.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser ist Freitag früh 93/4 Uhr auf seiner von Salzburg aus ohne Unterbrechung über Passau, Hof und Leipzig fortgesetzten Rückreise nach Potsdam in bestem Wohlsein auf Bahnhof Drewitz eingetroffen, woselbst Se. Majestät von dem Prinzen und der Prinzessin Wilhelm, dem Prinzen Leopold und dem Herzog Günther zu Schleswig- Holstein empfangen wurde. Nach herzlicher Begrüßung wandte der Kaiser sich dem zum Empfang erschienenen Flügeladjutanten sowie dem Landrath des Teltower Kreises, sodann dem am Bahnhöfe aufgestellten Drewitzer Kriegervereine zu, während die gleichfalls anwesenden Schulen den Monarchen mit „Heil Dir im Siegerkranz",
bei ihm einführte, „meine Mutter ist todt. Aber wer sind —"
Und Eugen unterbrach sich, denn der Fremde hatte sich abgewandt und indem er das Gesicht mit den Händen bedeckte, schien er mit einer inneren Bewegung zu kämpfen.
„Und Ihr Vater?" begann er nach einer Weile wieder.
„Er starb, als ich kaum vier Jahre alt war,* entgegnete Eugen.
„Hat Ihre Mutter nichts von ihm erzählt?"
„Nein, sie sprach nie über ihn."
„Und Sie selbst, haben Sie gar keine Erinnerung mehr an Ihren Vater?"
„Ich verlor ihn zu früh, als daß ich mich seiner noch erinnern könnte.
„Ist Ihnen auch sonst keine Erinnerung an die Kindheit verblieben?" forschte der Fremde weiter.
„Schwebt Ihnen nicht der Wirthshausgarten hinter dem Hause vor, in welchem Abends zuweilen das Trompetercorps der blauen Gardereiter spielte, und aus dem bunte Lampions in das Zimmer hinaufschimmerten, in welchem Ihr Bettchen stand? Taucht in Ihrer Erinnerung nicht zuweilen ein kleiner schwarzer Vogel auf, welcher am Fußboden herumhüpfte und Worte stammelte? Es war Polly, Ihr geleriger Staar. Gedenken Sie nicht mehr der schönen, mit Schimmeln bespannten Jagddroschke, die einst der Weihnachtsmann Ihnen brächte?"
Eugen hörte staunend zu, als der Fremde diese und noch viele andere vergilbte Blätter der Er«