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Beilage zur Nr. 45 des Kreisblatts.

Hers selb, den 16. April 1887.

Zur Verhütung von Unfällen sind bereits mehrfache Maßnahmen seitens desReichs- Versicherungsamtes getroffen worden, so ist auch kürzlich seitens desselben an die Berufsgenossen­schaften ein Rundschreiben ergangen, aus welchem ersichtlich ist, daß 17 Berufsgenossenschaften meist technisch gebildete Beauftragte angestellt haben, welche größtentheils die Befolgung der zur Ver­hütung von Unfällen erlassenen Vorschriften über­wachen, also nach Art der Fabrikinspectoren wirken sollen, die sie freilich nicht ganz ersetzen können. Die Mehrzahl der Berufsgenossenschaf­ten hat aber derartige Beamten noch nicht, wes­halb ihnen die Aufstellung solcher nahe gelegt wird.

(Frankreich.) Die Regierung hat ein Schiff in die Gewässer von Hayti gesendet, weil die eng­lische Regierung die Hasen der Insel mit Bom­bardement bedroht hat, falls die Republik Hayti nicht einige Landansprüche englischer Unterthanen auf den Tortugas-Jnseln befriedigt.

(Spanien.) Die Madrider Polizei hat in einem Hause, das einer bekannten zur Zeit in Frankreich weilenden Persönlichkeit gehören soll, ein Waffendepot entdeckt und sechsundvierzig Re- mingtongewehre nebst viel Munition beschlagnahmt. Desgleichen wurden in einem Specereiladen 200 Gewehre und eine Anzahl Büchsen mit Dynamit gesunden. Infolge beider Entdeckungen sind zahl­reiche Verhüttungen vorgenommen worden. — Die Karlisten, von denen man längere Zeit wenig ge­hört hat, scheinen sich neuerdings wieder mehr zu rühren. Von der Gendarmerie der Grenzprovinz Gerona wurden kürzlich drei mit Patronen be- ladene Wagen in dem Augenblick in Beschlag ge­nommen, wo dieselben die französische Grenze über­schritten. Die Führer der Wagen sowie diejenigen, für welche die Patronen bestimmt waren, wurden festgenommen. Unter den letzteren befinden sich zwei als Karlisten bekannte Bürgermeister.

(Rußland.) Berichten aus Petersburg zu­folge erfreuen sich die bulgarischen Flüchtlinge dort einer geradezu enthusiatischen Aufnahme. Nach einer Wiener Meldung sind die Führer ,der Revoluttonspartei Gruew und Benderew sogar vom Zaren empfangen worden. Solche Nachrichten treffen ein, während gleichzeitig aus Rent berichtet wird, daß der bekannte Aufwiegler Nabokow fort- fahre, dort Landen für neue Putsche zu sammeln — Wann wird man endlich, so fragt die „Kreuz-Ztg." mit Recht, in Rußland zur Erkenntniß gelangen, daß man durch die Liebäugelet mit den Re­volutionären und der indirecten Unterstützung der- selben in den eigenen Wunden wühle?

(Amerika.) Die Gemeinderathswahlen in Chicago, dem Heerde des Anarchismus, haben mit einem glänzenden Siege der Ordnungsparteien ge­endet. Der Republikaner Roche, für den auch ein großer Theil der democratischen Partei eintrat, wurde mit 51089 Stimmen zum Bürgermeister gewählt, sein Gegner, der Candidat der vereinig­ten Socialisten und Anarchisten, erhielt nur 22848 Stimmen. Bis auf einen Sitz im Gemeinderath sind die Arbeiter jetzt aus allen städtischen Aemtern verdrängt. Roche erklärte, seine Leitung werde zu verhindern missen, daß die Stadt von der rothen Fahne tyrannistrt werde.

Aus Hessen-Nassau.

* Hersfeld, 15. April. Der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke hat den Antrag gestellt, wenn möglich auf den Verkauf billigen Caffee's und die [Unterlassung des Aus- schanks von geringwerthigem Branntwein durch die Bahnhofsrestaurateure hinwirken zu wollen. Ein­zelne Eisenbahndirectionen sind in dieser Beziehung selbstständig vorgegangen und haben auf ihren Bahnhöfen, dem Zweck jenes Antrags entsprechend, Tarife eingeführt, nach welchen für die Reisenden 3. und 4. Classe eine große Tasse Caffee für 5, mit Milch und Zucker 15Pfennige, und -/^ Liter­glas guten reinen Branntweins 5 bis höchstens 10 Pfennige kosten. Weder zu niedrigerem Preise noch in größeren Gläsern darf der Branntwein verab­reicht werden. Diese Einrichtung hat sich in den Directionsbezirken von Elberfeld und Hannover als zweckmäßig und wohlthätig bewährt, der Ver­brauch von Caffee hat sich bei dem reisenden Pu­blikum vermehrt. Nunmehr hat der Minister für öffentliche Arbeiten die übrigen Directionen veran­laßt, dieser Angelegenheit auch ihrerseits Aufmerk­samkeit zuzuwenden und die Bestrebungen des BereinS gegen den Mißbrauch geistiger Getränke,

soweit nach Lage der Verhältnisse angängig, zu fördern.

* Hersfeld, 15. April. Die mißbräuchliche Benutzung von Eisenbahnbilleten (Rundreise-, Wochen-, Retour- und Abonnementsbilleten), welche mit dem Vermerk „unübertragbar" versehen sind, ist von dem Reichsgericht als Betrugsfall anerkannt. In Folge dessen soll im Interesse des reisenden Publikums auf die Unübertragbarkeit der Retour-, Rundreise-, Abonnementsbillete aller Art durch Aushang in den Bahnhofsvorhallen — thunlichst in der Nähe der Personenschalter — noch besonders hingewiesen und hierbei die von dem höchsten Gerichtshof anerkannte Strafbarkeit der mißbräuchlichen Benutzung ausdrücklich betont werden.

.Hersfeld, 15. April. Die Frühjahrs-Schon- zeit für Fische hat mit dem 10. April begonnen und dauert bis zum 9. Juni er. Während dieser Zeit ist in allen nicht geschlossenen Gewässern jede Art der Fischerei verboten, soweit nicht der Betrieb derselben von dem Regierungspräsidenten ge­stattet etrb.

Hersfeld, 15. April. Aviskarten mit der Be­zeichnung Postkarten, frankirt mit 3 Pf.-Marke, dürfen nicht mehr zur Verwendung kommen, die­selben können aber im offenen Couvert als Druck­sache, mit 3 Pf.-Marke frankirt, zur Versendung gebracht werden.

Hersfeld, 15. April. Der deutsche W e r k - Meisterverband, welcher während des Oster­festes in Bochum versammelt war, hat dort, der „Nat.-Ztg." zufolge, beschlossen, sich dem deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke als Gesammtheit anzuschließen. In 230 Ortsvereinen umfaßt er jetzt mehr als 10 000 Mitglieder, obgleich eben erst drei Jahre alt. Er hat für seine Mitglieder eine Sterbekasse und eine Unterstützungskasse geschaffen, strebt ähnliches für Wittwen und Waisen derselben an und hofft auch die rechtliche Stellung der Werkmeister angemessen heben zu können. v

Hersfeld, 15. April.' Falsche Fünf- m a r k s ch e i n e, die indessen nicht so leicht mit den echten zu verwechseln, sind in neuerer Zeit wieder in Verkehr gekommen. Die Falsifikate sind von gewöhnlichem Schreibpapier, was schon beim ersten Griff kenntlich. Anstatt der Rippen in dem Papier sind Striche mit Tusche eingezeichnet; ferner sind sie kleiner als die echten und ohne Wasserzeichen.

Hersfeld, 15. April. Die Einnahme an Wechsel stempelst euer im Oberpostdirections- bezirk Cassel betrug im verflossenen Monat März 4673 Mark 50 Ps.

* Der Spectalcommissar Regierungsassessor Spangenberg zu Rodenberg ist Allerhöchsten Orts zum Regierungsrath ernannt.

Buchenarr, 12. April. Gestern verletzte sich hierselbst bet dem sogen. „Hochzeitsschießen" ein dem Arbeiterstande angehöriger Bursche mittelst eines Revolvers dermaßen eine Hand, daß Läh­mung für immer zu befürchten ist. Möchten diese so oft vorkommenden Unglückssälle durch Feuer­waffen endlich zur Lehre dienen, und bei Gebrauch derselben größere Vorsicht obwalten zu lassen.

Cassel, 12, April. Einen gefährlichen Kunden hatte gestern Abend der Specereiwaaren-Händler Dorst, im „Oesterretchischen Hof" vor dem Holländischen Thor wohnend, zu bedienen. Es trat ein Mann herein und forderte eine Waare. Während Dorst damit beschäftigt war, das Ge­wünschte abzuwiegen, zog der Käufer einen Revolver und gab daraus zwei Schüsse auf ihn ab. Der erste Schuß ging fehl, und als sich D. beim zweiten ducken wollte, streifte ihn derselbe leicht an der Wange. Auf lauten Hilfruf entfloh der Attentäter und soll bis jetzt noch nicht ergriffen worden sein. Die Persönlichkeit ist indeß als die eines Stein­hauers Namens Rudolph festgestellt.

Hebel, 11. April. In verfloffener Woche er­krankte dem Oeconomen Schmidt in Gombeth ein Rind. Der bei ihm in Diensten stehende Schäfer rteth, das Thier zu schlachten und das Feisch zu verwenden. Der Eigenthümer willigte ein und der Schäfer schlachtete das Thier. Ehe indeß von dem Fleisch etwas genossen wurde, ließ Schmidt dasselbe von dem Thierarzt Eichler in Borken untersuchen; derselbe erklärte das Fleisch für unge­nießbar. Beim Ausschlachten hatte sich der Schäfer Kaiser in die Hand geschnitten. Bald daraus ent­zündete sich die Wunde und der Arm schwoll an. Der herbeigerufene Arzt vermochte bei schon weit

um sich gegriffener Blutvergiftung — als solche constatirte er sie — nicht mehr zu helfen, und der Schäfer erlag seinem Leiden. Der Bedauerns­werthe hinterläßt Frau und 4 Kinder. Möge der oben berichtete Unglücksfall zur größten Vorsicht mahnen. (C, A. Z.)

Nentershausen, 13. April. Der Lehrer in Jba sah sich veranlaßt, zwei seiner Schüler, die vergangene Ostern confirmirt werden sollten, körperlich zu züchtigen. Die beiden Schüler fühlten sich hierdurch sehr beleidigt und schwuren ihrem Lehrer bittere Rache. Während seiner Abwesen­heit drangen sie in seine Wohnung, stahlen ihm eine Anzahl Eier, 38 Mark und zwei Hühner. Die Mutter des einen Langfingers schlachtete die Hühner, um sie in Gemeinschaft mit den beiden sauberen Bürschchen zu verzehren. Letzteres ist ihr vereitelt worden und muß sie sich nun im hie­sigen Gefängniß zu trösten suchen. Die beiden jugendlichen Diebe wurden wegen des schlechten Streiches nicht zu Ostern confirmirt und müssen die Schule ein Jahr länger besuchen. (C. Tgbl.)

Höringhausen, 11. April. Im ganzen deutschen Reiche giebt ses bekanntlich nur 16 Per­sonen, die über 100 Jahre alt sind. Einer von diesen 16 lebt in unserer Mitte, er heißt Auscher Katzenstein und hat bereits das 102. Lebensjahr überschritten. Er ist Wittwer, war früher Handels­mann und lebt jetzt noch von der Unterstützung seiner Kinder. Geradezu wunderbar ist bet dem Greise seine geistige und körperliche Frische. Er ist bei vollem, klaren Verstände, ist ein tüchtiger Fußgänger und zeigt sich stets munter und ver­gnügt. Oft kann man ihn mit kräftiger voller Stimme singen hören. Er ist ferner — das klingt unglaublich, ist aber buchstäblich wahr — einer der flottesten und flinkesten Tänzer und läßt sich ungern eine Gelegenheit entgehen, wo er seine Tanzkunst zeigen kann.

Eschwege, 10. April. In letzter Schöffenge- richtssitzung wurden drei Metzger, Vater und Söhne zu 6 Wochen bezw. je 10 Tagen Haft verurtheilt. Grund: Widersetzlichkeit, verübt im städtischen Schlachthause gegen einen Polizeibeamten im Dienst.

Brückenau, 10. April. Generalpostmeister Dr. Stephan wird in einigen Tagen zurAuer- Hahnjagd hierselbst erwartet.

(Unbefugter Nachdruck verboten.» Aus dem alten deutschen Ordenslande von Fedor von Köppen.

(Fortsetzung.)

Ein reiches, wechselvolles Leben entfaltete sich in den prächtigen Räumen des Ordenshauses zu Marienburg. In dem „großen Remter", d. i. dem gewölbten Saale der mittleren Burg, versammelte der Hochmeister, so oft es ihm nöthig dünkte, die hohen Gebtetiger*) des Ordens, um mit ihnen Rath zu pflegen über Krieg und Frieden mit den Nachbarländern — Littauen, Polen und Pommern —, so« wie über die Beziehungen des Ordens zum Kaiser und Papste; hier empfing er Botschasten von fremden Fürsten und hier bewirthete er edle Kriegsgäste, die aus den Län­dern des Westens und Südens eintrafen, um am Kampfe wider die Heiden theilzunehmen und den ehrenreichen Ritter­schlag zu verdienen. Ein anderer Saal, der sogenannte »Konventsremter" in der Hochburg, vereinigte die Ordens­brüder zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten oder geselligen Zusammenkünften. Hier pflegten sie ernste und heitere Gespräche, erzählten sich von ihren Kämpfen und Abenteuern und ergötzten sich am Brettspiel. Wenn aber die Glocke rief, dann schlugen sie sich die weltlichen Gedanken aus dem Sinne und begaben sich zu Gebet und Andacht nach dem Gotteshause. Denn die Lebensweise der Ordensbrüder war vom Aufgange bis zum Niedergänge der Sonne nach strengen Vorschriften geregelt, der größte Theil der Zeit mit Andachten und Waffenübungen ausgesüllt, wie eS der ernste Beruf des Ritters, Gott zu dienen und die Ungläu­bigen zu bekämpfen, mit sich brächte. Jeder, der in den Orden eintrat — sei es als Ritter oder als Priester­bruder —, hatte ja zuvor das dreifache Gelübde abgelegt, einen reinen und unsträflichen Wandel zu führen, dem Hoch­meister und den Gesetzen des Ordens in allen Stücken Ge­horsam zu leisten und allem irdischen Eigenthum zu ent­sagen. Hab und Gut gehörten nicht dem Einzelnen, sondern der Genossenschaft an. Die kleinen Fenster, welche von der Hochburg nach der Nogatseite und nach dem Burghof

*) Zu den Gebietigern des Ordens gehörte zunächst der G r o ß k o m t h u r d. i. der Oberste des Ordenshauses zu Marienburg, welcher zugleich Stellvertreter des Hochmeisters war; ferner die beiden Landmeister in Deutsch­land (auch Deutschmeister genannt) und in Livland, welche den zahlreichen Besitzungen des Ordens in diesen Landern Vorständen; ferner die hohen Beamten des Ordens, nämlich der Ordensmarschall oder Oberfeldherr, der O b er st - S p i t t l e r, welcher die r berste Aufsicht über alle Spitäler führte, der O b erst-T r a p p i e r, welcher die Kleidung und Ausrüstung unter sich hatte, und der Oberst« T r e ß l e r oder 'Ordens-Schatzmeister; endlich auch die K o m t h u r e der übrigen Ordensburgen,