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Mit wöchentlicher Hratis-Aeikage „Illustrirtes Anterhaltungsklatt".
Nr. 35. Dienstag den 22. März 1887.
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ssae Zum 90. Geburtstage Kaiser Wilhelms, sr^
Du Festestag, so bist du denn gekommen, Von allen deutschen Herzen heiß ersehnt, In denen heute nur ein Wunsch entglommen Und sich darinnen freudenmächtig dehnt: Heil Dir, Kaiser, stets aufs Neue! Kaiser Wilhelm, Heldengreis! Neunzig Jahr' in deutscher Treue Künden Deinen Ruhm und Preis.
Alldeutschland lag in tiefer Schmach und Schande, Der finstere Korse saß auf seinem Thron Dem Jammerschrei der unterdrückten Lande Begegnet nur des wälschen Siegers Hohn — Als Dein Vater rief zum Kampfe, Hat sich Deutschland aufgerafft; Königssohn, im Pulverdampfe, Stähltest Du die junge Kraft.
Es rächten unsre wackere deutschen Brüder, Mit ihrem warmen Herzblut Deutschlands Schmach; Nach blutgem Ringen sank der Franzmann nieder, Sein unbesiegbar Schwert in Stücke brach.
Frieden! jauchzten alle Zungen, Auf stand die erlöste Welt. Mit dem Lorbeer ward umschlungen Deine Stirn Du junger Held!
Doch die Erinnerung aus den Jugendjahren Blieb lebhaft stets in der Soldatenbrust: Deutschland sei wehrhaft, sonst muß es erfahren, Daß nie sich sättigt wälsche Beutelust.
Darum galt es ihm zu schaffen — Uns zum Frieden, sich zur Ehr' Unser Volk als „Volk in Waffen" Als des Rheinstroms treue Wehr.
Das Ziel des Strebens mußte sich erweisen, Als Deutschland seine Einigung begann In harten Zeiten und „mit Blut und Eisen" Darob der Franzmann neuen Zwist ersann.
Wacker griffen da zum Schwerte Deutschlands Söhne, muthentfacht, Und Dein Heldensinn bewährte Sich in mancher blutgen Schlacht.
Und siegreich flog der deutsche Aar gen Westen, Wie stolz die deutschen Siegesfahnen wehn! Bald sah man auf den wälschen Trümmerresten Das junge deutsche Kaiserreich entstehn.
Kaiser Wilhelm! hört man rufen, In millionenfachem Schall Pflanzt sich von des Thrones Stufen Brausend fort der Widerhall.
Deutschland geeinigt; in der Fürsten Mitte Thront Kaiser Wilhelm als ein Friedenshort Geliebt von allen, in Palast und Hütte, Verehrt von allem Volk in Süd und Nord.
Der Väter Wünsche sind erfüllet: Deutschland steht groß und mächtig da, Du trägst Dein Antlitz stolz enthüllet Im Lorbeerschmuck, Germania.
Es hat der Kaiser allzeit unverdrossen Den Blick auf Deutschlands Wohlergehn gelenkt Und neunzig Jahre sind mit heut verflossen Seitdem Louise uns Ihn hat geschenkt.
Welch' ein Leben und Erringen! Schönstes Loos ward Ihm zu Theil!
Hell soll unser Ruf erklingen: Unserm Kaiser Glück und Heil!
Unbefugter Nachdruck verboten.
Schulmeisters Marie.
Erzählung von I. Jsenbeck.
(Fortsetzung.)
An einem Abend saß Marie auch wieder auf dem Steinsockel des Kreuzes, träumend und sinnend. Auf den Thälern lag schon das Dunkel der Nacht, aber die Berge glühten und strahlten noch im Glanz der untergehenden Sonne. Die feierliche Stille wurde noch erhebender durch die leisen Klänge einer Abendglocke, die aus einem im Thale liegenden Dörfchen herauftönten. Marie glaubte, dem Gottesdienst in einem Riesendom beizuwohnen, die himmelanstrebenden Berge neigten ihre Häupter vor dem Kreuz, die wallenden Nebel stiegen wie Weihrauchwolken aus den Thälern auf, als wenn sie die Gebete von Tausenden hochtragen sollten zum Throne Gottes. Auch Marie betete. Worte fand sie nicht. Wie allen Irdischen enthoben, hielt ihre Seele Zwiesprache mit dem Höchsten, erfüllt von dem durchschauernden Ahnen der Ewigkeit. Da fuhr ein Windstoß durch die felsige Einöde. Die Betende hörte wohl das Rauschen, aber es war ihr, als ob nun die brausenden Accorde einer Weltenorgel einsetzten. Und wieder zog ein Vorbote des beginnenden Sturmes durch
die Luft, pfeifend, klingend fast, an den Felsen : rüttelnd, die Bäume im Thal zausend und brechend. Auch an dem hochaufragenden Kreuz erprobte er seine ganze Kraft, es konnte ihm nicht Stand halten, ein Krachen, dem ein leiser schrei folgte, ließ sich hören, die Betende lag, von den Trümmern des Kruzifixes bedeckt, blutend und leblos da.
In der Nähe des Kreuzes hatte ein Mann Rast gemacht, dem Anschein nach ein Städter, der zu Fuß und allein die wegen ihrer landschaftlichen Reize berühmte Berggegend durchwanderte. Die Anzeichen des aufziehenden Unwetters trieben ihn aus seiner beschaulichen Ruhe auf, in der er, aus dem Rasen eines sanften Abhangs liegend, wohl schon Stunden verbracht hatte. Prüfend sah er auf die von Osten her heranjagenden dunklen Wolkenmassen, deren scharf gezackte Ränder von der untergehenden Sonne grell beleuchtet waren.
„Jetzt heißt es eilen," sagte er ausstehend, „wenn man noch trocken unter Dach und Fach kommen will!"
Ein dumpfes, rollendes Donnern ließ sich hören, die ersten schweren Tropfen fielen klatschend auf den steinigen Boden.
„Ich muß zufrieden sein, wenn ich nur Weg und Steg finde," fuhr der Mann fort. „Ein Fehltritt kann hier das Leben kosten. — Das
Leben! — Als wenn an der ganzen jämmerlichen Existenz etwas läge! Was macht mir denn dies Weitervegetiren noch wünschenswerths — Nichts! Mir leuchtet nicht Glück noch Stern, auch die Hoffnung habe ich begraben!"
In seinem Selbstgespräch war der Lebensüber- drüssige weiter fortgeschritten, plan- und ziellos, ohne zu wissen wohin. Die Möglichkeit, sich zu ortent>ren oder auch nur klar darüber zu werden, von welcher Richtung her er gekommen, wurde durch die schnell wachsende Dunkelheit zu nichte gemacht. Der schmale Fußpfad war kaum noch erkennbar, mit seinem Stocke tastend, den vorgebeugten Kopf gegen den rasenden Sturm stemmend, folgte ihm der nun Verirrte so gut es ging.
Um eine Felsecke führte jetzt der Pfad herum und dann allmählich in die Höhe. Schon wollte der Fußgänger umkehren; er mußte ja zu Thal steigen, wenn er ein Dorf, ein Obdach erreichen wollte. Da hörte er, als die heulende Windsbraut wie neue Kraft sammelnd inne hielt, ein leises Wimmern. War das der Nachklang eines verhallenden Echos, eine Antwort der leblosen Natur auf das tobende Wüthen der Elementes Oder sollten die alten Kräuterweiber und Gemsjäger doch recht haben, daß die Berggeister und seligen Fräulein im Sturm und Wetter stöhnend und seufzend