Erscheint wöchentlich drei Mal am Dienstag, Donnerstag und Sonnabend Abonnementspreis: vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. excl.
Postausschlag.
Die JnsertionSgebühreN betragen für den Raum einer Spaltzeil» 10 Pfg., im amtlichen Theile 15 Pfg. Reklamen die Zeile 20 Pfg.
Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt,
tlsstl-tl Btcisblntt
Wit wöchentlicher Kratis-ZLeitage „IllustrirLes AnterhaktungsötaLL".
Nr. 29. Dienstag den 8. März 1887^
Amtliches.
Der Herr Oberpräsident hat genehmigt, daß zum Besten des Fonds für den Neubau einer katholischen Kirche zu Dillenburg bei den katholischen Einwohnern des Regierungsbezirks Lasset im Laufe dieses Jahres eine einmalige Sammlung freiwilliger Beiträge durch polizeilich zu legitimt- rende Eollectanten veranstaltet werden darf.
6afiel am 26. Februar 1887.
Der Regierungs-Präsident.
I. B.: Schwarz ende rg.
Hersfeld, den 3. März 1887.
Der Hospitals-Rendant Ferdinand Ruhn zu Niederaula ist heute als Bürgermeister der dasigen Gemeinde verpflichtet worden.
2483. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 5. März 1887.
Es soll in diesem Frühjahre wieder ein Lehr- kursus im Wiesenbau und Drainage für Bauernsöhne des hiesigen Kreises abgehalten werden.
Die Herren Oekonomen, welche auf ihren Gütern derartige Meliorationen vornehmen wollen, ersuche ich bis zum 27. d. Mts. mir mitzutheilen, ob sie bereit sind, den Kursus bei sich abzuhalten und unter welchen Bedingungen.
10066. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Gefunden: ein Gürtel. — Meldung des Eigen- thümers bei dem Ortsvorstand zu Goßmannsrode.
In Hersfeld ist Ende Februar 1887 eine silberne Cylinderuhr gestohlen, aus deren Deckel ein Pferd eingravirt ist. . ,
Unter Warnung vor Hehlerer wird ersucht: die Uhr und den verdächtigen Inhaber dem Amtsge-
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Schulmeisters Marie.
Erzählung von I. Jsenbeck. (Fortsetzung.)
„68 ist doch nicht recht, daß ich hier die neugierige Lauscherin spiele!" schalt sie sich und ging in ihre Kammer, wo sie sich jeder Versuchung zu horchen enthoben wußte. Vor dem kleinen Spiegel ordnete sie ihr Haar, band eine frische Schürze vor und erröthete wieder, als der Wunsch in ihr auf» stieg, den Fremden beim Fortgehen wohl noch einmal sehen zu können. Wie um sich selbst zu strafen, ging sie nun doch nicht hinaus, als sich auf dem Flur Thüren öffneten und schloffen und die gewöhnlichen Abschiedsworte gesprochen wurden.
Von ihrem Vater erfuhr Marie nichts über den Besucher, aber sie konnte annehmen, daß die Unterhaltung mit dem Sohne seines Jugendsreundes einen erheiternden Eindruck bet ihm hinterlassen habe; er war weniger mißmuthig denn sonst. Als sie ihn bat, mit ihr in die Kirche zu gehen, schlug er dies zwar rundweg ab; er müsse doppelt fleißig arbeiten, um das am Morgen Versäumte nachzu- holen, sagte er. Aber schon diese Entschuldigung war mehr, als er seiner Tochter seit langer Zeit geboten hatte.
Der junge Gymnasiallehrer kam nach wenigen Tagen wieder und fand Marie allein. Der Alte hatte einen jener Spaziergänge unternommen, die für seine Tochter und die Nachbarschaft ein Zeichen
richt des Ergreifungsorts abzuliefern bei Nachricht hierher zu den Akten J. II. 357/87.
Cassel, den 3. März 1887.
Der Erste Staatsanwalt.
I. A.: Chuchul.
# Der neue Reichstag.
Die beiden ersten Sitzungen des Reichstags haben den großen und erfreulichen Umschwung, welcher durch die Wahlen hervorgerufen worden ist, klar vor Aller Augen geführt. In der ersten Sitzung versuchten die beiden Führer der verflossenen Majorität Einspruch gegen die frühe Einberufung des Reichstags und gegen das sofortige Eintreten in die Geschäfte mit der Begründung zu erheben, daß, bevor das Resultat der Stichwahlen nicht amtlich festgestellt sei, ein Reichstag noch nicht existire. Aber die Herren hatten sich wohl noch nicht genügend in die neue Lage der Dinge hineinversetzt und übersehen, daß der neue Reichstag keinen fruchtbamu Boden für ihre Spitzfindigkeiten bietet: es HM ihnen ^cuu auch von den Rednern der Majorat die Berechtigung jenes Einwandes bestritten, und mit vollem Recht. Wollte man das Recht, den Reichstag einzuberufen, erst von der Feststellung des Wahlresultats abhängig machen, dann könnte man auch, wenn irgend eine Nachwahl oder New Wahl zu vollziehen ist, die Schließung des Reichstags verlangen, bis die Wahl vorüber ist. Im Interesse der Beschleunigung der Arbeiten stimmte die Majorität auch dem Vorschläge zu, in der zweiten Sitzung am Freitag die Präsidentenwahl vorzunehmen. Bei dieser offenbarte sich nun vollends, daß die Zeiten der Herrschaft der Majorität Windthorst-Richter-Grillenberger vorüber sind. Die reichstreue Majorität hat das Präsidium aus ihren Reihen besetzt, indem sie den bisherigen conservativen Präsidenten von Wedell-Piesdorf
waren, daß man wohl daran thue, ihm aus dem Wege zu gehen.
Edwin König, so stellte sich der Besucher diesmal bei Marien vor, bat, die Rückkehr des Vaters erwarten zu dürfen und bald saßen die beiden jungen Leute in anscheinend unbefangenem Ge- plauder in dem Zimmer des abwesenden Hausherrn.
Edwin erzählte dann von seiner Heimath, von seinen Eltern und Geschwistern, ohne zu bemerken, daß die von ihm entworfene Schilderung eines Familienlebens, eines von Liebe und Vertrauen erfüllten häuslichen Kreises, seiner Zuhörerin die Thränen in die Augen trieb.
„Sie haben Ihre Mutter wohl schon früh Der» loren ?" fragte er darauf.
„Ja — sehr früh," antwortete Marie mit zuckenden Lippen. Die Frage, die Edwin an sie gerichtet hatte, kam ihr hochmüthig bedauernd vor; so müsse wohl ein Sehender den Blinden fragen, wie lange es her sei, daß er keine Blume und keinen Sonnenschein mehr gesehen habe, dachte sie.
„Hat mein Vater ihnen von der Arbeit erzählt, mit der er sich seit seiner Pensionirung beschäftigt ?* wandte sich das junge Mädchen nach einer langen, drückenden Pause an ihr Gegenüber.
„Wir haben uns fast nur über diese Liebhaberei Ihres Vaters unterhalten, als ich ihm meinen Besuch machte," erwiederte Edwin lächelnd.
«Und was halten sie von dem Werk? Der Vater hat mir wenig davon erzählt, ich weiß eigentlich nicht einmal, worüber er schreibt!"
„Das weiß er auch wohl selbst nicht! Er
wiederwählte, zum zweiten Präsidenten den der nationalliberalen Partei angehörigen bairischen Abgeordneten Bulfl und zum dritten Präsidenten das Mitglied der Reichspartei Herrn von Unruhe- Bomst machte: das Centrum und der Freisinn haben ihre Vertretung im Reichstagsprastdium verloren.
Dem Centrum freilich wollte die neue Majorität einen Platz im Präsidium einräumen, aber, den veränderten Verhältnissen Rechnung tragend, nur den dritten, während es bisher den zwerten Präsidentenposten mit dem bairischen Abgeordneten Freiherrn von Frankenstein besetzt hatte. Aber die ultramontane Partei begriff nicht, Haß ie trotz ihrer numerischen Stärke in der Zu- ammensetzung des neuen Reichstags nicht mehr sie politische Rolle spielen kann wie bisher, und als Herr von Hertling von Seiten der Majorität zum dritten Präsidenten gewählt war, schlug dieser die Würde im Namen seiner Partei aus, weil dieselbe der Ansicht sei, ihr gebühre, wie bisher, derzweite Platz. So blieb der Majorität nichts übrig, als- mtdMtNHt«-to&teaJ^ einem Mitgliede der zur Majorität gehörenden Parteien zu besetzen.
Als am Schluß derselben Sitzung vom Präsidenten der Montag für die Berathung der Militärvorlage bestimmt wurde, suchte wieder Herr Windthorst mit dem Einwand der noch nicht sämmtlich vollzogenen Stichwahlen zu widersprechen; auch hier mußte er wahrnehmen, daß sich die Zeiten geändert haben: Herr Windthorst beherrscht eben nicht mehr den Reichstag, und so schwer er sich in die neue Rolle des Führers der Minorität hineinfinden mag, so wird ihm doch nichts anderes übrig bleiben, als die Dinge zu nehmen wie sie sind.
HerrWindthorst sagte einmal von dem früheren Reichstag, er gefiele ihm sehr. Das war erklär«
schreibt Anekdoten, Druckfehler, wunderbare Begebenheiten aller Art in buntem Gemisch auf, wie sie ihm bei seiner Lektüre aufstoßen. Zu Zeiten scheint er auch ganze Kapitel abzuschreiben. Alte Herren haben nun einmal wunderliche Einfälle, der eine denkt nur an seinen Hund, der andere wirft sich auf die Blumenzucht und der dritte glaubt den letzten Zweck seines Lebens zu erfüllen, wenn er hungrige Spatzen füttert oder Dompfaffen abrichtet. Ihr Vater, liebes Fräulein, hat nun eine Liebhaberei anderer Art, ihm sind seine Schreib« Übungen und seine Bücher an's Herz gewachsen und das muß ich gestehen, seine Bücher verdienen es; eine so sorgfältig ausgewählte und gewissenhaft ergänzte Bibliothek habe ich selten bet einem Kollegen gefunden!"
Aus Mariens Gesicht war alle Farbe gewichen, sie starrte theilnahmlos durch das Fenster auf das letzte verglimmende Roth der untergehenden Sonne. Plötzlich traten ihr große Tropfen in die Augen und sie fing bitterlich an zu weinen. Edwin sah sie bewegt und bestürzt an.
„Habe ich Ihnen wehe gethan mit meinem Urtheil über Ihren Vater, Fräulein?" fragte er und faßte ihre Hand, die eilig kalt, wie die einer Todten, war. Sie entzog ihm die Hand nicht und litt es ruhig, daß er dieselbe streichelte, als wenn er ein Kind beruhigen wollte, dem sein liebstes Spielzeug zerbrochen ist.
„Bitte, bitte — l" war Alles, was sie, das Gesicht in ihre andere, freie Hand gedrückt, hervor» bringen konnte.