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ttsftliltk Sreislillltt
Mit wöchentticher Kratis-ZLeikage „Illustrirtes Wnterhaktungsölatt".
Nr. 14L
Donnerstag den 2. December
1886.
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„JNustrirtes Unterhaltungsblatt"
für den Monat December werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Aus dem Reichstage.
Berlin, 30, November. Der Reichstag trat heute Mittag in die erste Berathung deS Etats pro 1887/88 ein. Die Debatte wurde vom Schatzseeretair Dr. Jacobi mit einem eingehenden Bortrage eingeleitet, in welchem er zunächst auf den letzt abgeschlossenen, dann auf den laufenden und schUeßlich aus den neu vorgelegten Etat begründend einging. Der Herr Schatzseeretair schloß seine Rebe mit einer allge. meinen Ausführung. Die Nothwendigkeit der Befestigung der Reichsinstitutionen erfordere weitere Mehrbedürsnisse. Diese Mehrbedürfnisse bedingten aber auch finanzielle Opfer, denn Versäumnisse in dieser Beziehung bestraften sich nicht blos in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft. Die verbündeten Regierungen hätten deshalb ihrerseits nicht darauf verzichten können, die nothwendigen Mehrbedürfnisse zur Geltung zu bringen, wenn auch die befriedigende Lösung derDeüungsfrage sich noch weiter verzögern sollte. Angesichts der von der Mehrheit des Reichstags seit langer Zeit beobachteten ablehnenden Haltung hätten die Regierungen auch davon absehen müssen, den Reichstag um neue Steuerbewilligungen anzugehen, sie wollten sich vielmehr gegenwärtig aus den Versuch beschränken, die Mehrbedürfnisse festzustellen, um aus diese Weise die Unerträglichkeit der bestehenden Zustände jm Reich und in den Bundesstaaten den Wählern zum Bewußtsein zu bringen. Es könne nicht genug betont werden, daß nicht die Regierungen, sondern das Reich und die Einzelstaaten bedürftig seien, und daß diese Bedürfnisse Befriedigung finden müßten. Abg. Rickert (deutschsrs.) betrat darauf die Rednertribüne, um mit dem Anerkenntniß zu beginnen, daß die Stellung des Herrn Schatzsecretairs allerdings eine schwierige .fei. Inzwischen fehle es leider an einer wirklichen und umsich
(Nachdruck verboten.)
Aus den Wogen des Lebens.
Novelle von E. Schlegel. (Fortsetzung und Schluß.)
AIs Adelheid von Sanden sich entfernt, ging Lisbeth dem Gatten entgegen und ihre Finger legten sich ineinander. Ein langer, beredter Blick ein lautes, bestimmtes „3a*, und Beide hatten einen Schwur vor Gott gethan.--
Seit fünf Monaten arbeitete Hubert Scherler mit unermüdlichem Fleiße im Eisenbahnbureau. Es war nur ein spärliches Einkommen, aber ein sicherer Verdienst. Elisabeth verstand auch mit dem Wenigen sich prächtig etuzurtchten, die Entbehrung war ein trefflicher Lehrmeister gewesen, und jetzt erntete sie die goldenen Früchte der schweren Zeit. Nun fühlte sie, daß auch das Unglück ein Glück verbarg, ja, daß es läutert und stärkt! jede sorgenfreie Stunde genoß sie mit tiefer Empfindung, jeder Tag dünkte ihr ein Fest, und selbst Adelheid von Sanden konnte das Glück nicht ganz begreifen, welches diese Existenz bieten sollte. „Zwischen Armuth und Unglück liegt ein tiefer Graben," dachte Lisbeth, „und das verstehen so Wenige."
An einem duftigen Frühlingstage erhielt sie von Adelheid durch ein kleines Mädchen einen Brief und einen Strauß frischer Schneeglöckchen. Beim Lesen der Zeilen jauchzte sie laut auf vor Lust und küßte den Brief, küßte den Strauß. Die Nachricht kam von Sandens und lautete:
tigen Reichs-Finanzpolitik. Jedenfalls dürfe man nicht un- bedingt nothwendige Mehrforderungen gegenwärtig nicht bewilligen. Er ging dann aus die größeren Etats der ein- zelnen Reichsverwaltungen (Marine-, Militair- und Post- Etat) ein, betonte, daß seine Parteifreunde hinter anderen Parteien an Patriotismus nicht zurückständen, daß sie aber der Finanzkraft des Volkes Rechnung zu tragen sich verpflichtet hielten. Die Mililairlast müsse in Europa ein Ende nehmen. In dem Punkte indeß sei Deutschland einig,
— und das betone er allen Verleumdungen gegenüber —, daß Deutschlands Grenzen unversehrt erhalten bleiben müssen. Schließlich beklagte er, daß das deutsche freisinnige Bürgerthum dem unleidlichsten polizeilichen Drucke unterworfen sei. Nachdem darauf zur Richtigstellung einiger Bemerkungen des Vorredners, betreffend den Post- und Telegraphenetat, der Staatssecretair des Reichs-PostamtS Dr. o. Stephan das Wort genommen, wies der preußische Finanzminister Dr. v. Scholz mit glänzender Beredsamkeit und schlagenden Gründen die Anklagen deS Abg Rickert gegen die Reichs-Finanzpolitik zurück, wobei er besonders betonte, daß es doch nicht Schuld der Reichsregierung sei, wenn das von ihr ausgestellte Finanzprogramm bei dem Widerstände des Reichstages nicht auSgefÜhrt werde. Abg. v. Benda (nationallib.) führte aus, daß dem wachsenden Deficit gegenüber etwaige Bbstreichungen der Budgetkommission nicht ausreichen könnten, daß ebenso eine fernere Erhöhung der Matrikularbeiträge (nicht thunlich er- scheine und daß deshalb nothwendig nach einer neuen Steuerquelle gesucht werden müsse. Als solche bezeichnete er besonders die Reform der Branntweinsteuer, bezüglich deren eine Einigung zu hoffen sei. Nach dieser Rede wurde die Debatte gegen Va5 Uhr vertagt, um am Mittwoch 12 Uhr fortgesetzt zu werden.__________________
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser erschien beim Empfang des Reichstagspräsidiums äußerst frisch und äußerte sich lebhaft über die dem Reichstage obliegenden Aufgaben. Namentlich sprach der Kaiser die Hoffnung aus Annahme der Militärvorlage aus. Die Vermehrung des Heerbestandes fei unbedingt nothwendig, da Deutschland in dieser Beziehung von den Nachbarmächten bereits überflügelt worden sei, der Kriegsminister werde in dieser Beziehung wohl noch besondere Einzel
„Gott grüße Euch! nach Vereinbarung haben wir beschlossen, Eure Existenz zu bessern. Die Wahl des Unternehmens überlassen wir Deinem Manne und stellen Euch zu diesem Zwecke dreitausend Thaler zur Verfügung."
Wieder und wieder las sie diese Botschaft; hatte sich die Freude auch nicht verirrt? doch das Glück blieb mit seinem Sonnenschein. An den Blüthen- strauß befestigte die Jubelnde ein zierliches Blätt- chen, worauf sie Geibel's Verse schrieb:
„Aus dem erwachenden Forst heimkehrend bringt ein holdes Kind Schneeglöckchen zum Fest, frisch an der Halde gepflückt.
O willkommen im Strauß, ihr Erstlingskinder der Sonne!
Euer gewürziger Hauch duftet wie Jugend mich an.
Und den gemessenen Ernst abstreisend der Wintergedanken, Sehnt sich nach freierem Spiel, vollerem Klänge das Herz. Liegt ihr Glöckchen denn hier bei dem letzten der Distichen!
Morgen
Spann ich zu Lenzmelodien andere Saiten mir auf.*
Jauchzend sprang Elisabeth dem heimkehrenden Gatten entgegen, reichte ihm den Strauß und wies auf den, von rohen Brettern gezimmerten Schreib- ständer. Mit strahlenden Augen überflog der erregte Mann die wenigen Worte, und seine Frau umfassend, tanzten sie wie zwei Kinder im Uebermaß ihrer Freude.
Achtzehntes Kapitel.
Zehn Jahre sind vorüber. Hubert Scherler ist ein ehrenhafter, allgemein geachteter Kaufmann und Besitzer eines blühenden Geschäftes. Die Stellung auf dem Bureau hielt er so lange, bis das Geschäft in seinem ungeahnten Aufschwünge
mittheilungen machen. Bezüglich der auswärtigen Lage drückte der Kaiser nicht bloß den Wunsch, sondern auch die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens aus.
Mit der Stellvertretung des Reichskanzlers in Finanzangelegenheiten des Reichs ist der Staats- secretär des Reichs-Schatzamts, Dr. Jacobi, beauftragt worden.
Die deutsch-ostafrikanische Gesell- schaf t hat eine Neihe von Ausrüstungsgegenständen zur Anlegung einer größeren Niederlassung an der Wubuschimündung (Port Durnford) nach Aden gesendet. Die Niederlassung soll den Namen Hohen- zollernhafen tragen, welchen von nun ab auch der Hafen an der Wubuschimündung führen wird.
Die nach dem Gesetzentwurf betr. die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres zu formirenden 6 neuen Infanterie-Regimenter (5 preußische und 1 sächsisches) dürften demnächst die Nummern 135 bis 110 erhalten. Von einer durchgehenden Numerirung aller Regimenterder deutschen Armee sind nur die bayrischen noch ausgeschlossen.
Die Abgg. Ackermann und Biehl haben ihre aus Einführung desBefähigungsnachweises für Handwerker und Erweiterung der Rechte der Innungen gerichteten Anträge, die in der vorigen Reichstagssession nicht zur zweiten Berathung gelangt sind, wieder eingebracht.
Der Gesetzentwurf betr. den S e r v i 8 t a r i f und die C l a s s e n e i n t h e i l u n g der Orte, ist im Reichstag zur Vertheilung gelangt. Derselbe entspricht der in der letzten Session vorgelegten aber unerledigt gebliebenen Vorlage.
Wie die „Post" hört, sind am Montag die Berathungen über den deutsch-schweizerischen Handelsvertrag wieder ausgenommen worden.
Der Landtag für Sachsen-Weimar beschloß unter Zustimmung der Regierung endgültig die Beseitigung der Chausseegelder vom Jahre 11888 ab.
von früh bis spät seinen thätigen Herrn beanspruchte. Nachdem seine Schulden sämmtlich abgetragen, verband er sich von Neuem mit den Gläubigern Wohringer's, um den Begründer seines Unglücks zu erjagen.
Es wurde eine namhafte Belohnung auf dessen Ergreifung ausgesetzt, und nach langem, rastlosen Suchen überlistete man den Betrüger in New-Iork. Bei seiner Abführung in's Zuchthaus bat er dringend um eine möglichst Helle Zelle, da er vor Dunkelheit ein entsetzliches Grauen empfände. Draußen aus dem Gange erinnerte einer der Führer ihn an das Elend seiner Frau, er aber erwiderte auflachend: „Das Weib hat soviel auf ihrem Gewissen, wie ich, weshalb sollte sie ungestraft einhergehen?" —
Herr von Sanden erwarb unweit B. ein herrliches Gut, auf welchem Elisabeth ein oftmaliger, gerngesehener Gast ist. Unter den rauschenden Bäumen sieht man die irische, lebensfrohe Frau fleißig arbeiten — sie ist seit Jahren eine beliebte Schriststellerin.
Adelheid und Elisabeth sind unzertrennlich, ihre Freundschaft ist fürs Leben geschlossen. —
Die alte Räthin liegt seit zwei Sommern in der kühlen Erde; doch erlebte sie noch das Glück Huberts und den Ruf Elisabeth's. „Wer hätte das gedacht!" pflegte sie oft zu sagen.
Nur die gute Asta war empört, als sie einst auch über die eigenen Handlungen las. „Ich möchte sie zermalmen, das Frauenzimmer! und so