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gcrsfelötr Kreisdliitt.

Wit wöchentlicher Kratis-AeilageMustrirtes Anterhaltungsklatt".

Nr. 132.

Donnerstag den 11. November

1888.

Amtliches.

Hersfeld, den 9. November 1886.

Die Herren Ortsvorstände des Kreises erhalten hiermit die Weisung, den mittelst Verfügung vom 2. November d. I. Sir. 11487, im Kreisblatt Nr. 129, veröffentlichten, genehmigten ersten Nachtrag zu dem Statut der Ortskrankenkasse für die ländlichen Gemeinden des Kreises, alsbald auf ortsübliche Weise zur Kenntniß der Kassenmit- glieder zu bringen mit dem Bemerken, daß die Erhöhung der Kassenbeiträge vom 8. October d. I. ab erfolgt.

11814. Der Königliche Landraty

Freiherr von S chleinitz.

Oeffentttche Aufforderung.

Der Rekrut Wilhelm Schmidt, geboren am 6. December 1864 zu Halberstadt, Kreis Halber- ftadt, zuletzt in Hersfeld aufenthaltlich, von Pro- feff4,Mx ..>^^ welche in.ULM -ruf M-u angesetzten Termin behufs Einstellung bei seinem Truppentheil nicht erschienen ist, wird hierdurch aufgefordert, sich sofort auf dem Büreau des unterzeichneten Eommandos zwecks Einstellung in den Militairdienst zu melden, widrigenfalls das Desertionsverfahren eingeleitet werden wird. Hersfeld, den 6. November 1886.

Königliches Bezirks-Commando.

« Das Berbrecherthum.

Die Ursachen, welche auf das Verbrecherthum bezw. seine Zunahme einwirken, sind sehr mannig­fach und schwer zu ergründen. Man hatbeovach- 1et, daß meistens in Theuerungsjahren die Zahl namentlich der Diebstähte wächft, während sie bei fallenden Lebensmittetpreisen abnimmt. Aber die Einwirkung der Lebensmittelpreise wird sehr

häufig wieder durch andere Einflüsse bedeutend überwogen, so namentlich wie in der Abhand­lung des Geheimen Oberregierungsraths Jlling über die Zahlen der Kriminalität in Preußen ausgeführt wird durch die bei einem Auf­schwünge des Verkehrs eintretende Erhöhung der Tagelöhne, die in Folge des gesteigerten Ueber- muths mitunter zu einer Vermehrung der Delicte gegen Personen führt, während die Delicte gegen das Eigenthum abnehmen. So kommt es, daß die Preise der Lebensmittel zuweilen geradezu in umgekehrtem Verhältniß zu der Zahl der Delicte stehen. Beispielsweise sanken die Roggenpreise vom Jahre 1873 bis 1882 um 25,5 Procent, während die Zahl der Untersuchungen wegen Diebstahls in demselben Zeitraum um 24 Pro­cent stieg. Dagegen hat sich nach der neuesten Statistik über die im Jahre 1885 wegen Ver­brechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze Verurtheilten die Zahl der wegen einfachen Dieb­stahls Verurtheilten von 79116 im Jahre 1882 ähnlichen Rückgang weisen die anderen Arten von Diebstählen auf. Dieser Rückgang scheint in der That in einem gewissen Zusammenhänge mit dem Sinken der Lebensmittelpreise zu stehen: der Roggenpreis hat sich von 1881 bis 1885 von 195,2 auf 140,6 Mk. vermindert. Aber ebenso scheint auch der Uebermuth und die Rohheit der Gesinnung, welche sich namentlich in Vergehen und Verbrechen gegen Personen bekundet, zuge­nommen zu haben. Die Zahl der wegen einfacher Körperverletzung Verurtheilten nahm vom Jahre 1882, wo sie 16 527 betrug, bis auf 18 620. im Jahre 1885 zu, die Zahl der wegen gefährlicher Körperverletzung Verurtheilten steigerte sich sogar in demselben Zeitraum von 38 291 auf 51449, die Zahl der schweren Körperverletzungen von 573 auf 663.

Die Lebensmittelpreise aber können für diesen

Aufschwung des Verbrechens wahrlich nicht ver­antwortlich gemacht werden. Daran sind vor Allem die immer weitere Ausdehnung des Fabrik­betriebs mit den Schädigungen, welche dem Fa­milienleben hieraus erwachsen, der zunehmende Branntweingenuß, die Vergnügungssucht, die Ab­nahme von Religion und Moral Schuld. Einen sehr wesentlichen Antheil aber dürfte auch die milde Praxis in der Strafrechtspflege haben, wie sie in den letzten Jahren hat beobachtet werden können. Die Gerichte haben wie jetzt statistisch nachgewiesen in den meisten Fällen das gesetzlich niedrigste Strafmaß angewandt und sind nur in Ausnahmefällen darüber hinausgegangen. Bei­nahe die Hälfte aller einfachen Körperverletzungen wurden im Jahre 1884 mit Geldstrafe und 46,36 Procent mit Gefängniß bis zu drei Monaten be­straft: im Ganzen wurden also 96,14 Procent mit Geldstrafe und der niedrigsten Freiheits­strafe belegt. Nicht besser ist es bei den gefähr­lichen Körperverletzungen, bekanntlich denjenigen

mit Gefängniß unter drei Monaten, 19,21 Procent mit Geldstrafe und 18,22 Procent mit Gefäng­niß bis zu einem Jahre geahndet. Die höheren Strafsätze weisen nur ganz kleine Procentsätze auf; auf Gefängniß von einem bis zwei Jahren entfallen 2,64 Procent, auf zwei Jahre und da­rüber 0,96. Um den Umfang, in welchem hier von der Geldstrafe Gebrauch gemacht wird, richtig zu würdigen, muß man bedenken, daß das Gesetz dieselbe nur ausnahmsweise zuläßt, während es als Normalstrafe die Gefängnißstrafe betrachtet, die gewöhnlich nicht unter zwei Monate herunter­gehen soll. Und trotzdem ist nahezu der fünfte Theil aller Verurtheilten ausschließlich mit Geld bestraft, und trotzdem ist kaum gegen drei Procent eine Freiheitsstrafe ausgesprochen worden, welche die Grenze eines Jahres überschreitet!

(Nachdruck verboten.)

Aus dcu Wogen des Lebens.

Novelle von E. Schlegel.

(Fortsetzung.)

»Du Kohlraupe! was ist Dir denn m's Gehirn Wiegen? willst wohl gar den Feinen spielen? sagte der Schiffer zu Rotte. Weißt Du, solche Kerls brüte ich alle Tage sechs aus."

Drinnen ertönten wuchtige Schritte des Gebieters und wie Spreu stieben die Hadernden aus einander. Ueber den Flur ging hastig Eulalia, aus dem Walde kommend und öffnete schnell die Zimmerthür.

»Soeben bemerkte ich erst, Sam," begann sie erregt;daß Du heimgekehrt; was bringst Du für Nachrichten

»Immer noch unbestimmt. Vorläufig ist noch einmal Zeugenvernehmung, welche hoffentlich für mich ebenso günstig verläuft, wie die vorigen. Die ganze Geschichte ist ja lächerlich, alle berufen, sie sich auf Scherler und Scherler ach Eula, die Leute haben sich fürchterlich blamirt!" rief der Erzähler mit lautem Lachen und schlug mit flacher Hand kräftig aus seine Kniee.

»Kann Dir denn aber von den übrigen Zeugen Niemand gesährlich werden?"

»Nein; sie wissen wohl etwas, aber nicht genug, und das ist köstlich ein Hauptspaß! wie mancher Widersacher wird gründlich kurirt werden. Eigent­lich müßte ich den Anklägern dankbar sein, denn sie haben auf ihre Kosten die Besen geliefert, welche

mir alle Schlacken für später auf einmal aus dem Wege fegen."

Ach Sam, mir macht es doch recht böse Stunden!" meinte die Frau kleinlaut und schmiegte sich ängstlich an des Mannes L>eite.Hast Du nicht erfahren, was Oppen über Dich ausgesagt? ich habe solch' banges Gefühl was man so Ahnung nennt."

Laß Dich begraben mit Deinen Ahnungen! Ihr Weiber mit Euren Gefühlen seit wann plagt Dich denn diese Tugend? habe doch sonst nichts davon gemerkt. Du sprichst von Oppen, ja siehst Du, wenn ich diesem Lump einmal was an's Zeug flicken könnte dieser tzallunke steckt seine verdammte Spürnase auch in den Brei und kümmert sich um ungelegte Eier aber nur Geduld, sie fallen alle und dann nehme ich mir die ganze Sippschaft der Reihe nach vor, und das verfluchte Weib mit ihrem Käsegesicht macht den Anfang. So lange ich auf der Welt bin, soll es diesem Ge­sindes nicht glücken, sich ein Stück Brot zu er­werben, und den alten Narren, den Olrtch mache ich verrückt durch meine Drohung."

»Sam, schreie doch nicht so."

Rotte trat ein und brächte den Wein. Der Herr winkte hinaus und der Dienende verschwand.

Die Beiden tranken und besprachen ihre Ver­hältnisse. Eula hatte riesige Sorge über die Zu­kunft, doch ahnte sie nicht die ganze Schwere. Wohringer vermochte sich vor seinen Schulden 1 nicht mehr aufzubäumen und hatte schon vor ge­

raumer Zeit im Geheimen Alles seiner Frau ver­schrieben.

Verschiedene Kläger waren nur bis zur Forderung des Manifestationseides geschritten Sebulon hatte denselben geleistet und die Gläubiger zur unsagbarsten Wuth getrieben. Jetzt brach der Sturm von allen Seiten los und die verschiedensten Anklagen häuften die Akten von Woche zu Woche.

Um sich aus diesem Dilemma zu retten, beschloß der Wucherer, ein neues Spiel vor den Augen seiner Feinde auszuführen und ließ sich in diesem Moment eine Special- und Generalvollmacht über das Grundstück von seiner Gattin ausstellen. Eulalia überreichte das Papier und wartete auf seine Erwiderung.

Gut, mein Schatz. Die gerichtliche Scheidung unserer Ehe ist, wie Du weißt, im Gange. In ungefähr acht Wochen dürste sie beendet sein und wir haben keine Hunde mehr auf unseren Fersen."

Was soll eigentlich werden? ich verstehe noch nicht recht."

Nichts verständlicher, als das. Nach der Scheidung verkaufe ich auf Grund der Vollmacht das Grundstück. Du, als Besitzerin, empfängst das Geld, und die Gläubiger sind geprellt. So einfach, wie zweimal zwei vier. Zwischen uns bleibt Alles beim Alten, wir haben dann Geld und die Welt steht uns offen. Nu, wie haißt, was kann da sein?"

Prächtiger Kopf!" jauchzte Eula und druckte ihre Hand gegen die heiße Stirn des Mannes: und ich brauche nicht zu bangen?"