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Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illustrirtes Ilnterfiaktungsökatt".
Nr. 124.
Donnerstag den 21. Oktober
1886.
# Die Militärfrage.
Seit einigen Wochen beschäftigt sich die deutsche Presse mit der Frage der Höhe der Friedensstärke unseres Heeres, die zuerst durch eine Nachricht von der Absicht der Regierung, von dem Reichstage nach Abtauf des sog. SepteunatS die Feststellung der Friedensstärke ohne Zeitbegreuzung zu fordern, angeregt worden war. Obwohl nun diese Nachricht von zuverlässiger Seite als eine willkürliche Erfindung bezeichnet worden ist, haben die Erörterungen über diese Angelegenheit, wie über die Möglichkeit einer Erhöhung der Friedensstärke kein Ende gefunden. Da angenommen wird, daß sich der Reichstag in der kommenden Session wegen des am 31. März 1888 bevorstehenden Ablaufs des Septennats mit militärischen Fragen beschäftigen wird, suchen die Blätter ihre Leser bei Zeiten dafür zu erwärmen und für ihren jeweiligen Standpunkt zu gewinnen.
Es ist erfreulich, daß sowohl von conservativer wie nationalliberaler Seite hierbei ganz entschieden die Nothwendigkeit eines starken-Heeres betont wird, um die Macht und Größe des Vaterlandes zu erhalten, und daß unter diesen Parteien volle Uebereinstimmung darüber besteht, daß über die Stärke des Heeres wieder für eine längere Zeit Bestimmung getroffen werden müsse.
Eine ganz andere Stellung nimmt die ultra- montane und die freisinnige Presse ein. Da wird nicht nur von Neuem das Recht der jährlichen Feststellung der Heeresstärke gefordert und die Verweigerung desselben für ein Zeichen unberechtigten Mißtrauens gegen Volk und Parlament auSgegeben, sondern der Gedanke einer möglichen Erhöhung der Heeresstärke als ein wahrer Frevel bezeichnet und auf das Leidenschaftlichste bekämpft. Man rechnet aus, in welchem Maße sich die Friedensstärke des Heeres seit 1867 erhöht hat, und wirft dabei mit fettgedruckten Zahlen um
(Nachdruck verboten.)
Auf ben Wogen des Lebens.
Novelle von E. Schlegel.
(Fortietzung.)
Olrich hatte vollauf Zeit, die zerstreuten Wechselstücke zu sich zu nehmen, denn da draußen dauerte es wider Erwarten lange, Der werthvolle Fund verschwand in der Tasche, dann ergriff der alte Herr Hut und Stock und eilte lautlos zur Corridorthüre hinaus. Auf der Treppe rannte er beinahe mit Wimmer zusammen; beide grüßten flüchtig und liefen an einander vorüber. Der Kommende klopfte; ein-, zweimal, Niemand öffnete — er drückte gegen die Thür, sie war nur angelernt und gab nach. Ohne Zögern trat er ein, setzte stch auf den ersten Stuhl, welcher soeben von Olrich verlassen, und pfiff eine moderne Gassen- melodie. Er war hier sehr bekannt, zuweilen „lästig vertraut", wie Sebulon meinte.
„Verdammt," murmelte dieser seiner Gattin zu; „wie lange wäscht Du an Deinen Fingern? so komme doch, der da drinnen .wird sie schwerlich küssen."
„Habe schon gehört, was ich vorausgesagt."
„Eile Dich, eile I" trieb Wohringer und stampfte mit dem Fuße. Ich gehe jetzt voraus!"
Sebulon kehrte zurück und blieb mit offenem Munde in der Thüröffnung stehen — starr.
„Gott der Gerechte", begann der Dasitzende in jüdischem Dialekt, um Sam, den getauften Juden,
sich, als ob es sich darum handelte, eine Anklage wegen unnütz verausgabter Gelder und muth- williger Schädigung des Volkswohls zu erheben. Man sucht darzulegen, daß Deutschland über weit mehr Soldaten als Frankreich verfüge und daß es vollständig überflüssig sei, diese Zahl noch zu erhöhen. Ferner glaubt man versichern zu können, daß eine Erhöhung der Friedensstärke den niederschmetterndsten Eindruck auf das Volk machen werde, und endlich giebt man sogar denen, welche ich diesem Sturmlauf auf das Heer nicht an- chließen, sondern eine Erhöhung der Friedenstärke als sowohl durch die Vermehrung der Bevölkerung wie durch die politische Lage begründet ansehen würden, die Bezeichnung „deutsche Chauvinisten". Der Führer der Freisinnigen, Eugen Richter, tritt dabei — nach dem Zeugniß der Nationalzeitung — in einem in der Provinzial- Presse veröffentlichten Artikel insofern für die Interessen Frankreichs ein, als er demselben das Oeugniß ausstellt, daß es keinerlei Anlaß zu einer rhohung der Friedensstärke gegeben habe; er warnt WT den Wirkungen, welche eine derartige Maßregel auf die Stimmung der Chauvinisten in Frankreich machen könne, und gibt letzteren das Stichwort an die Hand, daß die Erhöhung nicht etwa ein Gleichgewicht für Deutschland herstellen, sondern das „deutsche U e b e r g e - w i ch t" verstärken würde.
Wir können die Zahlen, mit denen hierbei operirt wird, vollständig auf sich beruhen lassen und lassen auch dahin gestellt, ob die Annahme einer beabsichtigten Erhöhung der Friedensstärke zutrifft oder nicht. Wie dem aber auch sei, so muß die Art und Weise, in welcher militärische Fragen von der Oppositionspresse behandelt werden, auf das deutsche Gefühl in höchstem Maße verletzend wirken. In keinem Lande der Welt werden Fragen, in denen es sich um die Wehrkraft handelt, mit solcher Mißgunst behandelt,
zu hänseln; „wos 'ne Visoge! sehen Sie Geister bei Sonnenschein?"
Immer noch unfähig, etwas zu erwidern, wandte der Kommissionär fast widerwillig seinen Kopf. Dann ging er zögernden Schrittes bis in die Mitte des Comptoirs und blickte ringsherum. „Was soll das heißen, fort? ha, der Schlüssel steckt, sollte? — mit einem Sprunge war er am Pulte und stürzte seine ganze Sehkraft in die finstere Oeffnung; doch Alles lag am Platze — unberührt. Wimmer, der dienstbare Geist, ließ seine lauernden Blicke unausgesetzt auf dem Auftraggeber hasten unb lächelte spöttisch vor sich hin. Jetzt erschien auch Eula mit süßlicher Miene und verneigte sich. „Liebes Väterchen", flötete sie, „ich stelle mich nunmehr zur Disposition."
„Sprichst Du im Schlafe? jetzt bist Du überflüssig, laß uns in Ruhe!" Bestürzt hob die An- geschrieene das Gesicht und konnte sich die momentane Situation nicht enträthseln. Sie hätte daraus schwören mögen, vor zehn Minuten Olrich's Stimme erkannt zu haben, und jetzt — sie wies mit den Händen nach beiden Seiten, schüttelte den Kops und verschwand wie ein mächtiges Fragezeichen.
„Was fällt Ihnen ein, sich hierher zu pflanzen?" herrschte Wohringer den Maurermeister an. „Wo kommen Sie her?"
„Samchen, Gott steh mir bei; wos hoben Sie eigentlich? wo soll ich sein Herkommen — durch de Thire do!" erwiderte er und zeigte mit dem Daumen nach rückwärts.
wie dies bei uns. geschieht. Gerade Frankreich bietet uns ein Vorbtld, wie einig die Parteien sind, wenn Fragen von militärischer Bedeutung zur Verhandlung stehen. Unsere Opposition würde wohlthun, wenn sie in dieser Beziehung sich unsere Nachbarn im Westen zum Muster nehmen wollte. In jedem Falle sollte sie doch erst einmal abwarten, ob und welche Vorschläge zur Vervoll- ommnung unserer Wehrkraft gemacht und wie ie begründet werden. Statt dessen stellt sie schon m Voraus denselben den entschiedensten Wider- pruch entgegen. Es muß dies um so mehr Wunder nehmen, als die oppositionelle Presse erst vor Kurzem auf dem Gebiete der auswärtigen Politik eine Stellung einzunehmen für gut fand, welche geeignet war, uns in die ernstesten Verwickelungen zu bringen. Dieses ganze Gebühren der Opposition, soweit es in der Presse zum Ausdruck kommt, spricht denn doch mehr wie deutlich dafür, daß ihr jede Spur von patriotischem Gefühl abhanden gekommen sein muß.
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der K ais er und König nahm am Montag Vormittag in Baden-Baden den Vortrag des Ober-Hof- und Hansmarschalls Grafen Perponcher entgegen, welcher nach kurzer Abwesenheit wieder in Baden eingetroffen war, arbeitete längere Zeit mit dem Chef des Civilcabinets Wirkl. Geh. Rath von Wilmowski und empfing den Statthalter von Elsaß-Lothringen, Se. Durchlaucht den Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst und mehrere andere angesehene Persönlichkeiten.
Die feierliche Einweihung der neuenH afen- anlagen in Wilhelmshaven wird nun bestimmt am Sonnabend den 13. November statt- finden.
Am Montag hat in Stettin der Stapellauf
„Machen Sie keine Witze, Mann, und unterlassen Sie das verwünschte jüdeln; Sie stören mich heut' — können wiederkommen!"
„tzm! bald gesagt. Erst Geld!"
„Sie beanspruchen noch Geld? für Ihren Blödsinn wohl? zahlen Sie lieber zurück, was ich gegeben! ein Exemplar grandioser Dummheit sind Sie. Fort, fort! oder ich gebrauche mein Hausrecht, verstehen Sie, Esel?"
„Wos hoben Sie gesagt!" sprach Wimmer gelassen. „Erst hoben Sie Freide gehabt am Handel, ich ließ mer betorkeln, und nu' sällt's ihm grad ein, Esel zu sogen? ich schrei mer todt, Esel! wie hoißt?"
„Tod und Hölle, gehen Sie!" schrie der Gereizte mit wutherfüllter Stimme. „Sie ausgenutztes Subjekt unterstehen sich noch, hierher zu kommen?"
„Machen Sie doch keinen Spektokel, Freindchen; warum de Feindschaft und de Hitze? weiß ich doch wahrhaftig nicht, weshalb Sie mer so grausom- lich anschreien. Hob' ich doch getreten schon die Stiege krumm, um de poor lumpige Tholer und bin gestiegen jeden Schabbes zu Samche 'rauf und habe nie nix gekriegt. Wos sein das for Geschichten, Jedermann braucht sein Geld."
Wohringer ergriff mit geröthetem Antlitz einen langen Stecken und schwang ihn über feinem Kopie. „Ich schlage Sie zu Boden, entfernen Sie sich!"
„Also das wollen Sie thun?" sagte Wimmer und richtete sich auf. „Schön! ich bin ein dummer Kerl, ein ausgenutztes Subjekt, Sie haben's ge-