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Mit wöchentlicher Hratis-ZZeitage „Issustrirtes Anterhattungsölatt".
Nr. 120. Dienstag den 12. Oktober 1886.
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# Der Wirkungskreis der Frau.
i In den letzten Tagen hielt der deutsche Verein für das höhere Mädchenschulwesen eine Hauptversammlung in Berlin ab, in welcher die Frage nach den richtigen Grundsätzen der Erziehung und des Unterrichts unserer Töchter eingehend und nach verschiedenen Seiten hin behandelt wurde. Die Verhandlungen selbst legten Zeugniß dafür ab, daß noch nicht die Linie gefunden ist, welche bei Unterricht und Erziehung innezuhalten ist und daß, wenn sich auch im Allgemeinen eine Uebereinstimmung in den letzten Zielen geltend macht, doch die Ansichten über die praetische Durchführung derselben noch nicht geklärt sind und weit auseinandergehen.
Bis vor Kurzem war ein behördlich anerkannter oder festgestellter Lehrplan für höhere Töchterschulen noch nicht vorhanden. Auf diesem Gebiete herrschte so ziemlich vollständiges Gehenlassen, und allein „die freie Concurrenz" schuf eine gewisse Grenze in den Leistungen der Schulen oder in den Anforderungen an die Mädchen. Daß hierbei sehr viel Fehler und Versehen gemacht wurden, ist erklärlich. Man denke nur an die oft wunderlichen Aufsatzthemata, die vielfach den jungen Mädchen zur Bearbeitung gegeben werden! Anderseits wird auf vielen Schulen ein zu hoher Werth auf Erlangung wissenschaftlicher und sprachlicher Kenntnisse gelegt, der Geist des jungen Mädchens mit einer Unzahl von Dingen belastet, welche für fein späteres Leben völlig überflüssig
(Nachdruck verboten.)
Aus den Wogen des Lebens.
Novelle von E. Schlegel.
(Fortsetzung.)
Es war so eigenthümlich, daß bei diesen Menschen stets eine Grenze gezogen wurde, bis an welche Die Vorkommnisse heraustreten durften; darüber hinweg schritt Niemand und aus diesem Grunde wirkte ein Unglück stets entsremdend, wo es doch inniger verbinden sollte.
Bei nächstem Tagesanbruch fuhr Elisabeth mit dem Knaben wieder heimwärts. Dort angelangt, fand sie ihre Vermuthung, daß man den Vater inzwischen gewarnt, bestätigt.
„Ser Vater wird mit seinen weiteren Fragen nicht lange zögern, mein Kind," sagte Frau Olrich zu Lisbeth. „Es ist für Dich jetzt leichter, da ich den ersten Ausbruch des Zornes aufgefangen; berichte über Alles ausführlich, damit wir diese Scenen später nicht zu wiederholen brauchen — ein Weh tropfenweise, ist entsetzlicher, als ein Schlag auf einmal."
Die Tochter gab das schwere Versprechen, und wie lastete es auf ihrem Gewissen. War es doch so schrecklich, dem Vater sein Unglück zu offenbaren, ihm mit Worten sein Letztes zu rauben, woraus er seine Hoffnung stützte. „Aus einem Kamps in den andern," dachte Frau Elisabeth und wich fast dem alten Alaune aus. Ein Gedanke nur erhellte diesen düsteren Beruf, es war das Bewußtsein, bei dieser Gelegenheit die Ehre des Gatten wieder zu
sind. Besonders ist auch das Bestreben zu beobachten gewesen, die Bildung der jungen Mädchen derjenigen der Knaben zu nähern und den wissenschaftlichen Unterricht der KnabenanstalteN in den Mädchenschulen als Vorbild zu nehmen. Diese Beobachtung veranlaßte im vorigen Jahr den Cultusminister zu einem Erlaß an die Regierung in Aurich, worin er besonders der Methode ent- gegentrat, „welche den Schein der Wissenschaft- lichkeit annimmt oder den Wegen der gymnasialen Bildung zu folgen bestrebt ist." Insonderheit wird darin auf den Geschichtsunterricht hingewiesen und es als eine „Verirrung" bezeichnet, wenn man die Kinder, „anstatt ihnen von den ihrem Interesse zunächst liegenden Thaten ihrer Könige zu erzählen, mit den Sagen von den alten Baby- loniern, Medern und Persern unterhält."
Diese im Ganzen wenig erfreulichen Erfahrungen haben den Cultusminister zur Aufstellung eines Normal-Lehrplans für höhere Mädchenschulen Berlins bewogen, welcher aus Conferenzen mit Berliner Schuldirectoren hervorgegangen ist, aber noch nicht als abgeschlossen, sondern als der Weiterentwickelung fähig angesehen wird. Die Hauptversammlung des oben genannten Vereins hat sich auch ihrerseits mit diesem Lehrplan beschäftigt und ihren Dank dafür ausgesprochen, daß hiermit ein Anfang gemacht sei für die feste Regelung des Unterrichts in den höheren Mädchenschulen Preußens; zugleich sprach sie die Hoffnung aus, daß bei der endgiltigen Ausgestaltung dieses Planes auch die Erfahrung weiterer be- theiligter und berufener Kreise Berücksichtigung finden werde. Das ist der Persammlung auch um so mehr in Aussicht gestellt, als es sich hier um die Auffindung von Pfaden handelt, die ohne die praetische Erfahrung Sachverständiger kaum gefunden werden können. Wie er aber auch sich im Einzelnen gestalten werde, der Geist, in welchem er gehalten sein muß und sein wird, der
erheben und ein Alibi seiner Unschuld zu liefern.
Olrich mochte ebenfalls eine Anrede scheuen; es war wider sein Princip, den Kindern zu zeigen, daß er sie brauche. Von irgend Jemand abhängig, oder durch irgend etwas gebunden zu sein, war ihm beinahe unerträglich. In vielen Beziehungen war Elisabeth diesem Charakter ähnlich; auch sie litt keine Fesseln und liebte frei zu sein im Denken und Handeln. Stolz, Ehrgefühl, Heftigkeit waren ebenfalls auf sie übertragen, und beide setzten der Gewalt stets einen starren Trotz entgegen.
Erwartend, stumm gingen oftmals Vater und Tochter aneinander vorüber; Jedes wußte, daß das Schweigen einmal aushören müsse, doch Keines wollte den Anfang machen. Endlich kam eines Tages Olrich geraden Wegs auf Lisbeth zu und fragte hastig, wie sich selbst überraschend: „Du, sag' einmal, wie verhält sich denn die Geschichte Mit Wohringer, hast da der Mutter den Kopf vollgeredet; setze mir doch das dumme Zeug auseinander."
Jetzt gab es kein Ausweichen, nur im Sturm- lauf die Höhe zu erklimmen. „Ja, Vater, wohin soll ich den Anfang — meines Berichtes verlegend" sagte die Tochter, um nicht wegen des weiten Aus- holens gerügt zu werden.
Olrich setzte sich und erwiderte nach üblich langer Pause leichthin: „Meinetwegen wohin Du willst, ich habe Zeit sprich nur vernünftig, damit man sich zurechtfindet."
„Gut! damit Du Dich zurechtfindest, Vater, muß ich von der ersten Zeit meiner Ehe sprechen,
kann schon jetzt als gegeben erachtet werden. Der Cultusminister, welcher der Versammlung beiwohnte, hielt in derselben eine längere Ansprache, worin er sich über die leitenden Grundsätze in Erziehung und Unterricht der Mädchen aussprach und die ganze Wichtigkeit derselben für die Familie, das Haus und die Nation dar- legte. „Harmonische Ausbildung von Herz, Kopf, Charakter und körperliche Tüchtigkeit" sind für ihn die leitenden Gesichtspunkte der Mädchener- ziehung. „Der naturgemäße Wirkungskreis der Frau wird und muß das Haus bleiben, die Bethätigung der Frau in Kunst und Wissenschaft darf daher nicht als Hauptaufgabe betrachtet werden." In diesem Geiste soll das Mädchenschulwesen gehandhabt werden und damit wird es wieder mehr in seine natürlichen Schranken zurückgeführt. Der lebhafte Beifall, welchen die Versammlung dem Cultusminister spendete, wird gewiß in jedem Hause Wiederhall finden, wo man sich der großen Verantwortung für die Erziehung der weiblichen Jugend bewußt ist: denn der Werth einer Nation — darin gipfeln Aussprüche eines Tacitus, eines Napoleon 1. — beruht auf der Familie, dem Hause, der Frau!
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Wie aus Baden-Baden gemeldet wird, ist das Befinden Seiner Majestät des Kaisers durchaus erfreulich. Allerhöchst- derselbe erledigte auch am Freitag die laufenden Regierungsangelegenheiten in der gewohnten Weise und empfing mehrere Besuche. Ebenso erfreut Ihre Majestät die K a i s e r i n sich des erwünschtesten Wohlseins. Ueber die Rückkehr der Kaiserlichen Majestäten nach Berlin verlautet bis jetzt noch nichts Sicheres, doch dürfte dieselbe erst nach dem 20. October erfolgen.
da die Speculationen Wohringer's dort ihren Ursprung Herletten."
„Bis zu dem Jahre meiner Verheirathung kanntest Du Sebulon genau so weit, als mein Mann denselben kannte. Ergalt als Kommissionär genau so viel, als alle die Anderen, das heißt, man ging ihnen lieber aus dem Wege, als daß man sie aussuchte. Damals prolongirte er Eure Wechsel und Du warst sehr aufgebracht über die Bekanntschaft solcher Leute. Nichtsdestoweniger waren sie unentbehrlich geworden, und nach der Hochzeit kamen sie auch in unser Haus. Wohringer namentlich fehlte in keiner Woche und erschien zuweilen mit mehreren Herren; dann nahm man Scherler in die Mitte und im eifrigsten Gespräche wurde ihm dann auseinandergesetzt, daß er am klügsten verfahre, wenn die Ziegelei in Folge der mannigfach fälligen Schulden vorläufig in den Besitz Wohringer's überginge. Sobald die gedrängte Lage sich gebessert, verstehe es sich von selbst, daß der rechtmäßige Eigenthümer wieder eingesetzt würde. Durch hunderterlei kleine Winke und Rathschläge hatte sich dieser schlaue Agent dermaßen in unsere Verhältnisse eingedrängt, daß ohne ihn kein Fertigwerden mehr denkbar war. Seine und seiner Frau hinreißende Liebenswürdigkeit hemmte alle Befürchtungen, und oftmals erwiesen sich die Rathschläge als wirklich uneigennützig, wodurch unser anfänglicher Argwohn gänzlich verdrängt wurde. Von allen Seiten stürmten die Gläubiger auf uns ein und drohten fort und fort, bis der Plan zur Reise gelang und wir in