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Mit wöchentlicher Kratis-Aeitage „Mustrirtes Jlnterhaktungsökatt".
Nr. 106.
Donnerstag den 9. September
1886.
Amtliches.
Hersfeld, den 4. September 1886.
Der Ackermann George Wenk Au Bengendorf ist heute als Bürgermeister der dasigen Gemeinde bestätigt und verpflichtet worden.
9713. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
« Zum neuesten Preszfeldzuge.
Die demokratische, freisinnige, polnische, wel- fische und ultramontane Presse fährt fort, mit bedauernswerther Frivolität über die Haltung des officiellen Deutschlands zu den bulgarischen Wirren zu Gericht zu sitzen und bemüht sich, eine Volksstimmung zu erregen, welche zunächst gegen den Reichskanzler gerichtet ist, weiterhin aber ihre Spitze gegen die innersten Interessen des Reiches wendet. Man wird durch dieses Gebühren nothwendiger Weise zu der Annahme gezwungen, daß nicht allein blanker Unverstand, sondern auch böser Wille im Spiele ist. Das Blatt des Abg. Richter widmet tagtäglich zwei Seiten der Aufhetzung der Gemüther gegen die Leitung unserer auswärtigen Politik. Da muß man sich denn doch unwillkürlich fragen: Kennen diese Leute die internationale Lage, steht ihnen das Material zur Verfügung, um überhaupt irgendwie die Anmaßung zu rechtfertigen, mit der sie der auswärtigen Politik die Wege weisen wollen? Und was endlich haben sie aus der Vergangenheit für Beweise dafür vorzuzeigen, daß ihre erleuchtete Politik dem Vaterlande zum Vortheil gereicht hat oder gereicht haben würde? Es find zum Theil dieselben Leute, welche 1^63 gegen das preußisch-russische Abkommen im Parlament und Presse getobt haben und von denen im Jahre vor dem großen Kriege der famose Abrüstungsantrag ausgegangen ist.
(Nachdruck verboten.)
Aus den Wogen des Lebens.
Novelle von E. Schlegel.
(Fortsetzung.)
„Sehr poetisch, Alterchen!" scherzte Gustav. „Ist Dir's wie dem betrauten Blümlein, mein Liebling? doch — da die Rede zufällig von Blumen ist — habt Ihr die Malereien meiner Schwestern Doris und Mary zur Hand? ich sah sie neulich nur flüchtig, und meiner Braut macht es sicher Vergnügen, dieselben in Augenschein zu nehmen."
„Jawohl, ich werde nach vorn gehen, um die Blätter vorzulegen, folgt mir!" Die Räthin ging, die Uebrigen standen plaudernd beisammen. Fräulein Möller trug noch immer den Ausdruck der Befangenheit, nebenher auch den des Gelangweilt- seins in ihren Zügen. Die stark vorspringende untere Partie des nicht einnehmenden Gesichts verlieh dem Antlitz stets das Gepräge der Verdrießlichkeit. Die Physiognomie war nichtssagend, kalt, beinahe starr und wurde selten durch Mlenenspiel unterbrochen, welches auf innere Geistesthätigkeit schließen ließ.
Schöne, frische Farben, wie sie Blondinen eigen, besonders hervorgehoben durch tiefe Trauerklei- dung, ein hoher schlanker Wuchs halfen jedoch wesentlich über die Mängel hinweg. Für den oberflächlichen Beobachter hatte das junge Mädchen nichts absolut Abstoßendes, doch für den tiefer Blickenden ebensowenig Anziehendes.
Man besichtigte die künstlerisch ausgeführten
Die Leser jener Blätter wissen augenscheinlich nicht, um was es sich handelt. Wenn es nach den Richter und Windthorst ginge, so müßte die deutsche Regierung einen Protest an Rußland gegen die Entthronung Alexanders von Bulgarien richten, obwohl Rußland erklärt hat, daß es mit der Verschwörung nichts zu thun habe. Eine derartige Protestnote hieße auf die guten Beziehungen zu Rußland verzichten, um die Freundschaft eines Theils der Bnlgaren zu gewinnen; hieße Frankreich ermuntern, seine Annäherungsversuche an Rußland fortzusetzen; bedeutete in der weiteren Entwickelung der Dinge die Entzündung eines europäischen Krieges, der, möge er für uns günstig oder ungünstig ausfallen, dem Reiche Ströme Blutes kosten würde. Die Feinde Deutschlands in Ost und West müssen mit innerem Jubel die Haltung eines namhaften Theils der deutschen Presse verfolgen, welcher in blindem Parteifanatismus die Politik des Staatsmannes, um den jene uns alle beneiden, über den Haufen zu werfen bestrebt ist. Mit einer Gesinnungslosigkeit ohne Gleichen stellt die Freisinnige Zeitung den Kanzler mit Napoleon I. am Ende seiner Laufbahn in Parallele, der, nur mit den mechanischen Kräften der Staaten rechnend, an der Unterschätzung nationaler und sittlicher Factoren zu Grunde gegangen sei! Das wagt man dem Staun zu bieten, der sein ganzes Leben der deutschen Nation geweiht hat! Von ihm wird verlangt, daß er um der bulgarischen Nation willen das eigene Vaterland unberechenbaren Verwickelungen und den Schrecknissen des Krieges preisgebe.
Es ist hohe Zeit, daß das Volk, soweit es auf die Stimmen jener Rufer im Wortstreit hört, die mit dem Kriege spielend doch niemals für eine Stärkung unserer Wehr eintreten, endlich aus dem bulgarischen Taumel zu nüchterner Besinnung zurückkehrt.
Blätter der beiden Schwestern; man stritt und bestätigte die Vorzüge der mannigfachen Arrangements verschiedener Blumengruppen, Emmy verhielt sich ganz passiv.
„Sind die Arbeiten nicht meisterhaft?" fragte sie die Räthin; dieser Veilchenbüschel auf moosigem Grunde mit der dahinter liegenden lichten Fernsicht! Dieser Rhododendronstrauß, gepflückt und nachlässig hingeworfen, graziös, duftend, ist es nicht entzückend?"
Die Braut neigte ihr Haupt und schien im Anschauen so versunken, daß sie die Frage überhörte.
Diese Lieblichkeit menschlicher Kunst hat der prächtigen Natur wahrlich viel abgelauscht", sagte Gustav bewundernd. „Mary hat aber bei Doris riesige Fortschritte gemacht."
„Ja sehr, Bester; doch besitzt sie bei Weitem noch nicht die feste, sichere Hand ihrer Schwester. Ein Kenner findet sofort den Unterschied beider Leistungen heraus; immerhin ist es aber für Mary eine große Errungenschaft, welche ihr von den Gräfinnen Wertheim und Hohenthal viel Lob eingebracht hat. Sie erhält fortdauernd Bestellungen, und Doris versäumt nicht, die freundliche Aufnahme dieser Leistungen in den gewählten Gesellschaftskreisen ihres großen Hauses auszusprechen, da ihr als Meisterin doch ein beträchtlich Theil dieser Anerkennung gebührt. Mary kommt, wie bereits angekündigt, in nächster Zeit her, um nach kurzer Frist wieder nach England zu Hohenthals zurückzugehen. Sie ist durch den Comfort des reichen Adels so verwöhnt, daß ein bürgerliches
Politische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kais er ließ sich am Dienstag Vormittag vom Grafen Perponcher und dem Polizeipräsidenten Frhrn. v. Richthosen Vortrag halten, und nahm darauf persönlich Meldungen entgegen. Mittags arbeitete Se. Majestät mit dem Chef des Militär- Cabinets v. Albedyll und hatte eine Conferenz mit dem Chef der Admiralität Generallieutenant v.Caprivi. Die Abreife Sr. Majestät des Kaisers nach Baden-Baden erfolgt am Mittwoch Nachmittag.
Die unterm 5. d. von Sr. Majestät dem Kaiser erlassene und vom Minister von Boetticher con- trasignirte Einberufungs-Ordre für den Reichstag tautet: „Der Reichstag wird berufen, am 16. September d. I. in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen Wir den Reichskanzler mit den zu diesem Zwecke nöthigen Vorbereitungen."
Sr. Kaiserl. und Königl. Hoheit dem Kronprinzen, welcher gegenwärtig in Bayern Truppenbesichtigungen abhält, werden daselbst überall enthusiastische Huldigungen dargebracht.
Prinz Wilhelm von Preußen begibt sich am Donnerstag im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers nach Brest-Litewsk in Russisch-Polen, um den Kaiser von Rußland, der dort Manöver abhält, zu begrüßen.
Fürst Bismarck hatte seine Abreise von Berlin bereits auf Sonntag festgesetzt, jedoch ist ein Aufschub erfolgt, der auf das nicht günstige Befinden des Kanzlers zurückzuführen ist ; derselbe leidet an seinen alten nervösen Schmerzen in den Oberschenkeln und Hüften.
Dem Bundesrath ist nunmehr der am 28. v. M. unterzeichnete Vertrag, betr. die Verlängerung des deutsch-spanischen Handels- und Schifffahrtsvertrages, zugegangen.
In den zustehenden Kreisen widmet man den
Heim ihr gar nicht mehr behagt."
„Habt Ihr von Doris selbst Nachrichten?"
„Gewiß, mein Sohn, einen reizenden Brief voller Glückseligkeit über die freundschaftlichen Beziehungen zu den dortigen bedeutendsten Familien. Professor Sieden und der gefeierte Schriftsteller Berk- Holm haben sich ihren geistreichen Zirkeln ange« schloffen, worüber der Baron, ihr Gemahl, sehr stolz ist. — Das vorige Schreiben enthielt die Bildnisse ihrer Kinder."
Die Mutter entnahm einem Körbchen einige Photographien, unter deren jeder der volle adelige Namen des Darstellenden vermerkt war. Der Beschauer lächelte vielsagend, indem er dieConter- seis leichthin auf den Tisch warf.
„Liebste Mutter, verwechseln könnt ihr wenigstens Eure Enkelin nicht — dafür hat Eure Tochter — die Baronin — gesorgt; übrigens sehr schöne Kinder!"
„Nicht wahr! namentlich die Jüngste, sie ist auch vom ersten Tage „der Schwan" genannt."
Emmy verbiß ein spöttisches Zucken, zog ihre Uhr und sah länger als nöthig darauf nieder.
„Es ist wohl Zeit, Gustav, daß wir uns empfehlen."
„Wie Du wünscht, mein Herz; habe die Freundlichkeit mir zu sagen, wann Du bereit bist — ich habe mit dem Vater noch einige Worte zu reden."
Dem Mädchen wurde geklingelt, um der Braut beim Anziehen behilflich zu sein.
„Weshalb hast Du uns verlassen, Vater; fehlt Dir etwas?"