Beilage zur Nr. 98 des Kreisblatts.
Hersfeld, den 21. August 1886.
Hersfeld, 20. August. Haftet eine Hypothek auf mehreren Grundstücken, von denen eines zur Subhastation gelangt ist und einen Kaufpreis ergeben hat, der zur Befriedigung der Hypothek genügt, so ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, V. Civilsenats, vom 12. Mai 1886, der Hypotheken- gläubiger nicht verpflichtet, sich aus den Kaufgeldern des subhastirten Grundstücks bezahlt zu machen, vielmehr kann er unter Verzichtleistung auf seine Befriedigung aus den Kaufgeldern (die demzufolge zur Bezahlung nacheingetragener Schulden verwendet werden) sich an die übrigen ihm verpfändeten Grundstücke wegen seiner Forderung halten.
Hersfeld, 20. August. Seit einiger Zeit ist in den Restaurationslocalen 3. und 4. Classe der Eisenbahnstationen die Vorkehrung getroffen, daß den dort Aufenthalt nehmenden Personen eine kleine Tasse heißen Kaffees ohne Milch und Zucker zum Preise von 5 Pfg. verabfolgt werden kann. Bekanntlich kostet das kleinste erhältliche Quantum Fusel auch 5 Pfg., und es lag in der Neuerung die Absicht zu Grunde, den Branntweingenuß durch den wohlthätigeren und gleich billigen Kaffee zu ersetzen. Die Maßregel dürfte voraussichtlich in Winlermonatcn besondere Bedeutung für die ärmeren Reisenden gewinnen.
Raboldshausen, 17. August. Ein 9 Jahre altes Mädchen, welches gestern aus einem sehr tiefen Brunnen einen Eimer voll Wasser schöpfen wollte, bekam das Uebergewicht und stürzte in den Brunnen. Die Ehefrau des Maurers Heer, welche dieses von ihrer 30 Schritte entfernten Wohnung mit ansah, sprang sofort hinzu, als gerade das Kind noch einmal ewportauchte, erfaßte es und hat dasselbe somit vom Tode des Ertrinkens gerettet.
Caffel, 18. August. Gestern Morgen gleich nach 5 Uhr sand man den 16 Jahre alten Sohn eines hiesigen Fuhrwerksbesitzers, in der unteren Königsstratze, in seiner Schlaskammer am Bett- Pfosten erhängt. Ursache des Selbstmordes ist Geistesstörung.
Cassel, 17. August. Wie gesährlich es unter Umständen sein kann, große Hunde beim Baden mitzunehmen, zeigt ein hier in der Fulda am Sonntag Morgen vorgekommener Fall, wo ein Herr mit seinem großen Hunde neben sich in der Fulda schwamm, als der Hund sich dicht an seinen Herrn drängte und anfing, sich an ihn anzuklammern, so daß der Herr in große Gefahr gerieth. Der Geistesgegenwart des Bademeisters auf demCollet'- schen Floß, welcher die Gefahr bemerkte, war es zu danken, daß alsbald Hülfe zur Stelle war.
Wolfhagen, 17. August. Der Landwirth Zöltzer von der benachbarten Colonie Philippinen- bürg wurde dieser Tage von einem Bullen, den er in den Stall führen wollte, derartig verletzt, daß der herbeigeeilte Arzt den Bruch einiger Rippen eonstatirte.
Beiseförth, 16. August. Ein hiesiger Fischer that dieser Tage einen seltenen Fang. Er fing nämlich einen 17pfündigen Lachs, ein Zeichen dafür, daß sich die Lächse jetzt auch von Grifte aus, nicht nur in der Edder, sondern auch in der Fulda stromauswärts begeben. Die ältesten Fischer hier wissen sich eines solchen Fanges nicht zu erinnern. Uebrigens ist die Fischerei dieses Jahr hier so schlecht, wie seit langen Jahren nicht. Auch in der Werra und ihren Nebenflüssen soll die Fischerei dieses Jahr sehr resultatloS sein. Am lohnendsten war hier bisher der Aalsang, in den letzten Wochen läßt aber auch dieses bedeutend nach.
Frankfurt, 16. August. Heute Morgen kam hier eine Gesellschaft Engländer durch, welche, geführt von einem kundigen Führer, eine Reise weiter über Wien und Constantinopel nach Kleinasien, Palästina und Aegypten unternommen hat. Die 28 Herren haben 70 Diener bei sich.
Frankfurt a. M., Bei der soeben in Berlin tagenden Delegirten - Versammlung des deutschen Radsahrbundes wurde Frankfurt a. M. als Ort für die Sitzungen des Bundestages im nächsten Hahr bestimmt. — Dann werden auch mehrere Tage lang auf der Rennbahn des Frankfurter Bicycle-Clubs am Forsthaus große nationale und internationale Wettfahrten abgehalten werden.
Frankfurt a. M-, 18. August. Die Wander- versammlung des Verbandes der deutschen Archi- lecten- und Jngenieurvereine wurde heute feierlich geschlossen. Nachmittags fand ein von etwa 500 Thetlnchmern besuchtes Festmahl im Palmengarlen statt, bei welchem Oberingenieur Meyer aus den Kaiser als den erhabenen Baumeister des deutschen Reiches toastete. Oberbürgermeister
Miguel feierte in seiner Rede die Bedeutung der Baukunst und modernen Technik. Mit einer Fahrt nach Heidelberg werden morgen die Festlichkeiten beendet.
Oberukircheu, 14. August. Vor einigen Tagen ist bei dem hiesigen Gendarm Robbel in Abwesenheit der Hausbewohner eingebrochen worden. Dem Diebe sollen ungefähr 120 Mark baares Geld, einige Werthpapiere und noch sonstige Sachen in die Hände gefallen sein.
V e r m i f ch t e s.
— B erka, 17. August. Unser kleiner Badeort wird durch eine schreckliche Vergiftungs-Affaire in große Erregung versetzt: Unter den Symptomen der Vergiftung erfolgte plötzlich der Tod eines jungen, blühenden Mädchens, der Tochter einer achtbaren Familie aus Rudolstadt. Der Verdacht der beklagenswerthen Eltern lenkte sich sofort auf den Bräutigam ihres Kindes, einen Handlungsreisenden F. L-chulz aus Köthen; die seitens der Staatsanwaltschaft in Weimar eingeleitete Untersuchung führte alsbald zur Verhaftung des Verbrechers, der nach Mittheilung der genannten Behörde seine ruchlose That bereits eingestanden hat.
— Marburg, 19. August. In der Stadt Brilon ist gestern ein großes Feuer ausgebrochen; gegen zwanzig Häuser sind niedergebrannt.
— Vom Taunus, 16. August. Ein in den 70er Jahren stehender Mann in dem Dorfe Westec- feld bei Ufingen hat sich aus religiösem Wahn verhungern lassen, indem er 54 Tage außer Wasser nichts zu sich nahm. „Der heilige Geist ernährt mich", war die Antwort auf jede Einrede.
— Aus Westfalen, 14. August. Durch Unvorsichtigkeit ging in diesen Tagen in einem in der Nähe des Städtchens Bünde telegenen Dorfe ein Menschenleben elendiglich zu Grunde. Ein Bergmann, welcher in einer Schlägerei am Beine verletzt war, hatte zu seiner Wiederherstellung vom Arzte neben einer Medizin eine Cardollöfung zur Reinhaltung der Wunde erhalten. Durch ein Versehen seiner Frau wurde ihm nun anstatt der Medizin ein Löffel dieser Lösung verabreicht, die innerhalb zehn Minuten seinen Tod herbeiführte.
— Carlsruhe, 17. August. Heute Nachmittag stürzte in der Uhlandstraße ein der Vollendung naher vierstöckiger Neubau ein, während die Arbeiter darin beschäftigt waren. Bis jetzt sind 8 Todte hervorgezogen, mehrere Arbeiter liegen noch unter den Trümmern. Die sofort begonnenen Rettungsarbeilen werden energisch fortgesetzt. — Carlsruhe, 18. August. Die Zahl der bei dem gestrigen Hauseinsturz in der Uhlandstraße Getödleten beträgt einschließlich der im Spital ihren Verletzungen erlegenen im Ganzen zwölf. Der Großherzog kehrte von Mainau zurück und besuchte die Verwundeten im Krankenhause. — Ueber den Unglücksfall wird noch berichtet: Es war ein theils aus Mauersteinen, theils aus Backsteinen errichtetes schmales und sehr hohes Gebäude auf den neu erschlossenen Baugründen der Weltstadt gegen Mühlburg hin. Heute Nachmittag sollte der Dachstuhl aufgeschlagen werden und so kam es, daß sowohl Zimmerleute als Maurer bei der furchtbaren Catastrophe betheiligt sind. Es sollen 27 Mann in dem Neubau beschäftigt gewesen sein. Als die Arbeiter um 1 Uhr zur Arbeit gingen, bemerkten sie einen Riß in der Mauer und eine Minute später — kaum hatte man die ersten Warnungsrufe ertönen lassen, stürzte das ganze Haus in sich zusammen, nur noch einzelne Gerüststangen ragten in die Lust. Eine Staubwolke umgab die Unglücksstätte, in der circa 20 Personen ihr Grab gefunden hatten. Von allen Seiten kam Hilfe herbei und sofort wurde mit den RettungSarbeiten begonnen. — Der Bauunternehmer Kirchenbauer ist gestern Nacht verhaftet worden. Die Fachtechniker tadeln nach einer Meldung der „5. Z." an dem eingestürzten Haus das schlechte Speifematerial, das gehlen der Binder, die verkehrte Ausriegelung, die oberflächliche Bauart. Das vierstöckige Haus wurde in fünf Wochen errichtet, so daß es nicht gehörig austrocknen konnte. Die Entrüstung des Publikums ist groß.
— Metz, 17. August. Die Gedenktage der großen Schlachten in der Umgegend von Metz gehen auch in diesem Jahre nicht vorüber, ohne die Gräber der Gefallenen — die amtliche Gräberliste weist nicht weniger als 1800 Massen- und Einzelgräber auf — geschmückt vorzufinden. Dieser patriotischen Pflicht hat sich der Kriegerverein in
Verbindung mit dem hiesigen Turnverein in anet* kennenswerther Weise unterzogen. Die beiden Vereine brachen in aller Frühe, mit Kränzen aller Art beladen, in einzelnen Gruppen nach den verschiedenen Schlachtfeldern auf. Die Kränze, sowie auch Geldmittel waren in diesem Jahre aus allen Theilen Deutschlands so reichlich eingetroffen, daß nicht blos sämmtliche Gräber bei Metz, sondern auch die übrigen in Lothringen zerstreuten Krieger- grabstätten geschmückt werden konnten. Der Besuch auf den Schlachtfeldern war ein ziemlich lebhafter, besonders bei Gravelotte und St. Privat, den interessantesten Punkten der Schlachtfelder. Auch aus den französischen Grenzorten waren zahlreiche Besucher herübergekommen, um sich den Schauplatz der großen Augustschlachten anzusehen. Außer den Gräbern und den Ruinen einiger nicht wieder ausgebauten Häuser ist übrigens nichts mehr vorhanden, was an die Kämpfe vor 16 Jahren erinnert. — Die Vorbereitungen zum Empfange des Kaisers sind in vollem Gange. Seitens der Rillt- tär- und Civilbehörden, der städtischen Verwaltung, der Vereine und Privatpersonen zeigt sich ein erfreulicher Wetteifer, den dritten Besuch des Reichs» Oberhauptes in unserer Stadt zu einem möglichst glanzvollen zu gestalten.
— B r e s l a u, 18. August. Um Mitternacht brach in der dem Fiscus gehörigen, auf der Hinter- bleiche belegenen Clarenmühle Feuer aus, welches sich in kurzer Zeit über das ganze Grundstück verbreitete. Clarenmühle II. ist bis aus die Umfassungsmauern niedergebrannt, Clarenmühle I dagegen vollständig erhalten. Mehrere tausend Centner Mehl, Getreide und Malz sind verbrannt. Verlust von Menschenleben ist nicht zu beklagen. Erst gegen 3 Uhr Morgens gelang es der Feuerwehr, welche mit allen Mannschaften und Fahrzeugen am Platze war, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken.
— (Ein theuerer Hut.) Ein Hamburger Blatt erzählt: Zwei Freunde, ein Ingenieur und ein Mehlhändler, verließen eines Abends im vorigen Winter ein Vergnügungslocal in etwas angeheitertem Zustande, Ersterer machte sich den schlechten Witz, dem Begleiter den Hut wegzunehmen und diesen an einen Laternenpfahl zu hängen, worauf er dem Mehlhändler bedeutete, baß er seinen Hut dort holen könne. Der Eigenthümer ließ ihn jedoch da hängen und am anderen Tage war die fast noch neue Kopfbedeckung natürlich verschwunden. Die Freundschaft wandelte sich jetzt in Feindschaft um, und da der Ingenieur den Hut nicht bezahlen wollte, klagte der Mehlhändler die Sache ein. Der Proceß durchlief drei Instanzen, endlich ist enbgiltig entschieden worden, daß der Ingenieur den Hut mit 9 M. 50 Pf. zu zahlen hat. Die Kosten, die der Verurthellte außerdem bezahlen muß, betragen 191 M. 20 Pf.
— R u d o l f st a d t, 15. August. Auf den Professor Flach (Verfasser des Werkes: „Der deutsche Professor der Gegenwart") hier ist ein Attentat verübt worden. Derselbe wurde Sonnabend Nachts gegen 12 Uhr, als er auf dem Heimweg nach seiner isolirt gelegenen Villa begriffen war, überfallen und erhielt fünf Stichwunden. Der sehr kräftige Mann wurde nach seiner Wohnung geschafft und vom Stabsarzt Dr. Dettmer verbunden.
— M ü n ch e n, 17. August. Heute Morgen sind auf der Linie München-Augsburg vor Bahnhof Pasing drei Frauen, die auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, als sie dem von Augsburg kommenden Schnellzuge ausweichen wollten Mv auf das zweite Geleise sprangen, von der Maschine des von München nach Augsburg verkehrenden Schnellzuges, der hier 7 Uhr 15 Minuten abgeht, überfahren und gelobtet worden. Eine der Unglücklichen war Mutter von fünf Kindern.
— Siegburg, 15. August. Der Sohn einer hiesigen Familie, welcher das Gymnasium besucht, kehrte nach Schluß der Schule nicht nach Hause zurück. Heutewurde der junge Mensch in einem Felde an der Sieg als Leiche gesunden, er hatte sich aus Furcht, den Eltern das schlecht ausge- fallene Zeugniß zu zeigen, erschossen.
— Aus Kreisen, welche mit den Verhältnissen am Münchener Hofe vertraut sind, verlautet, daß sich bei dem König Otto in den letzten Wochen Erscheinungen bemerkbar machen, welche einen reißend schnellen Fortschritt der Gehirnerweichung befürchten lassen.
— Die Magyaren rüsten sich, am 2. September das 200-jährige Gedächtniß der Rückeroberung