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Nr. 75.
Dienstag den 29. Juni
1886.
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Die Expedition.
Amtliches.
Hersfeld, den 26. Juni 1886.
Für die am 24. November 1869 geborene Anna Catharina Wenzel zu Gershausen ist um Ertheilung eines Reisepasses behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
7294. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Auf dem Kranmettzof.
Eine Geschichte aus den Alpen. Von Robert Schweichel.
(Fortsetzung)
Marlivger machte ein verwundertes Gesicht. Franz gab vor, daß er zu Hause zu schaffen hätte und deshalb so wie so nicht lange oben bleiben könnte. Er reichte Cenzi die Hand. „Behüte dich Gott," wollte er sagen, aber es blieb ihm in der Kehle stecken. Auch Cenzi vermochte nicht zu sprechen; ihn voll Liebe anzuschauen, wagte sie nicht. Sie neigte nur leise den Kopf und er ging. Ihre Thränen verschluckend, folgte sie ihrem vorausschreitenden Manne.
Paul Hellriegel beachtete dessen Warnung nicht, hatte sie vielleicht gar nicht vernommen, und jagte auf der stellenweise durch den aufgethauten und wieder gefrorenen Schnee glatten Straße abwärts, als hätte er mehr als einen Hals zu brechen. Sein Pferd war verständiger als er und wollte, sobald es zum Walde heraus war, in eine langsamere Gangart fallen, die Fersen seines Reiters zwangen es jedoch trotz Schnauben? und Kopjschüttelns, den Lauf fortzusetzen. Einmal strauchelte es. Paul riß es am Zügel gewaltsam in die Höhe. Ein Wunder war es, daß er glücklich an der Stelle vorüberkam, wo der Weg auf einer schmalen Stufe der jäh abstürzenden Felswand hinführte. Etwa eine Viertelstunde weiter abwärts machte der Weg eine Biegung und streifte dann nochmals den hier
Zugeflogen: eine Brieftaube. — Meldung des Eigenthümers bei dem Ortsvorstand zu Unterneurode.
Aus dem Landtage.
Berlin, 25. Juni. Der Reichstag hielt nach längerer
Pause wiederum eine Sitzung, die indeß nur schwach besucht war. Vor Beginn der Verhandlung gab der Präsident v. Wedell-Piesdors in einer kurzen Ansprache dem Schmerze über den Tod König Ludwigs von Bayern beredten Ausdruck, indem er die Versicherung hinzufügte, daß das Reich nie vergessen werde, welche großen Dienste der verstorbene Monarch in schwerer Zeit dem deutschen Vaterlande geleistet. Der Reichstag werde dem Könige allezeit ein schmerzliches, aber dankbares Andenken bewahren. Die Sitzung selbst nahm nur kurze Zeit in An- spruch. Nach Erledigung einer Rechnungssache wurde nach kurzer Debatte die mit Großbritannien unterm 2. Juni d. J. abgeschlossene Literarkonvention genehmigt, der Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen aber der Budgetkommission zürVor- berathung überwiesen, — Morgen: dritte Lesung der allgemeinen Rechnung pro 1882/83 und der Literarkonvention mit Großbritannien; Berathung der Darlegung der auf Grund des §. 28 des Socialistengesetzes getroffenen Maß. regeln; zweite Lesung der Branntweinsteuervorlage.
Das Abgeordnetenhaus erledigte zunächst den Gesetzentwurf, betreffend die Pensionirung der Beamten des Kunst« gewerbemuseumS, in erster und zweiter Lesung, und ebenso den Gesetzentwurf, betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln für die durch die Hochfluthen beschädigten Weichseldistrikte, in dritter Lesung durch definitive Annahme. Eine längere Debatte knüpfte sich nur an die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend Abänderungen der Kirchengemeinde- und Synodalordnung, welche zum Theil sich auch auf den bekannten Antrag oes Abg. von Hammer- stein erstreckte. Der Gesetzentwurf selbst wurde indeß unverändert genehmigt, dann vertagte sich das Haus. Nächste Sitzung morgen 11 Uhr (dritte Lesung mehrerer kleinerer Vorlagen; Interpellation von Strombeck, betres. send die Ueberschwemmungen in dem Eiselgebiet; Wahl- prüsungen; Petitionen.)
Berlin, 26. Juni. Der Reichstag hielt heute seine Schlußsitzung. In derselben gelangten zunächst in dritter Lesung eine Rechnungssache und die Literarkonvention mit Großbritannien definitiv zur Erledigung. An die Bera
minder steilen Abgrund, nachdem eine Knüttelbrücke über den Wildbach geleitet hatte, dessen Wassersturz zu phantastischen Eiszapfen erstarrt war. Eine kurze Strecke jenseits der Brücke gerieth das Pferd tn's Gleiten. Der Reiter bohrte ihm die Hacken in die Weichen, daß es von den Hinter- schenkeln, auf denen es ruhte, mit einem Satze auf und vorwärts sprang. Die stumpfen Hufeisen wollten in dem überfrorenen Boden nicht haften. Es taumelte und stürzte auf die Seite, raffte sich wieder empor, wobei Paul's rechter Fuß aus dem Steigbügel, in dem er hängen geblieben, frei wurde, fiel nochmals, wälzte sich und rutschte in dem Bestreben, wieder auf die Füße zu kommen, rückwärts über den Rand der Straße, dem es zu nahe gekommen war, hinunter. Vergebens suchte es mit den Vorderfüßen sich fest zu halten. Mit einem wilden Schrei verschwand es.
Der Tutfelebauer hatte sich rasch aufrichten wollen, um ihm zu Hilfe zu kommen, war aber ächzend wieder zurückgesunken. Der rechte Fuß versagte den Dienst, und er mußte unthätig zusehen, wie das arme Thier, welches seine großen Augen in Todesangst auf ihn gerichtet hatte, in die Tiefe stürzte. „Jesus, Maria," stammelte er entsetzt und ein paar Minuten lang lag er regungslos, den Schrei seines verunglückten Pferdes im Ohr, seinen Todesblick vor Augen. Dann betastete er sein rechtes Bein. Die Berührung der Fußknöchel preßte ihm einen Schmerzensschrei aus. Kein Zweifel, der Fuß war gebrochen. Ein furchtbarer Schreck jagte ihm durch das Gehirn. Hilf»
thung der Darlegungen über die von der preußischen Regierung auf Grund des §. 28 des Socialistengesetzes getroffenen Anordnungen (Verhängung des kleinen Belage, rungszustandes über Spremberg und Umgegend) knüpfte sich eine längere Diskussion, in welcher Staatssekretär des Innern von Boetticher das Versahren der Regierung nach jeder Richtung hin rechtfertigte, während die socialdemokratischen Redner, sowie der Bbg. Richter (deutschfreis.) dasselbe einer abfälligen Kritik unterzogen. Die Vorlage wurde darauf für erledigt erklärt und zum Schluß zur Berathung der Branntweinsteuervorlage in zweiter Lesung übergegangen. Dieselbe wurde nach längerer Debatte, in welche auch der Herr Finanzminister Dr. von Scholz wiederholt ein griff, gemäß den Beschlüssen der Kommission in allen ihren Theilen einstimmig abgelehnt. Damit waren die Arbeiten des Reichstages beendet, und der Staatssekretär von Boetticher erklärte im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers die Session für geschlossen. Mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser schloß um 3 Uhr die Sitzung.
Das Abgeordnetenhaus erledigte zunächst definitiv fast ohne Debatte die Gesetzentwürfe, betreffend die Berechnung der Dienstzeit von^eamten des Kunstgewerbemuseumsund betreffend Abänderung der Kirchengemeinde- und Synodalordnung. Dann trat es ein in die dritte Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Kantongefängnisse in der Rheinprovinz. Nachdem die §§ 1 bis 4 ohne Diskussion angenommen waren, führte §. 5 (Ueberweisung der Geldstrafen an die Staatskasse), zu welchem verschiedene Amen- dements vorlagen, zu eingehender Debatte. Die Abstimmung über den §. 5, welche eine namentliche war, ergab indeß die Beschlußunsähigkeit (es waren nur 193 Mitglieder anwesend); die Verhandlungen mußten also abgebrochen werden. Montag 11 Uhr: Kreis- und Provinzial- ordnung sür Westfalen; Wahlprüsungen; Petitionen.
Uolitische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser hörte am Freitag nach dem Diner den Bortrag des Wirkl. Geh. Legationsrathes von Bülow. — Am Sonnabend machte Se. Majestät eine Kurpromenade und nahm später die Borträge des Oberhofmarschalls Grafen Perponcher und des Generallieutenants von Albedyll entgegen.
| Der König von Dänemark und der Prinz Johann
los, aus einem Gebirgswege, der keine Hauptstraße war, mußte er unfehlbar erfrieren. Wild schrie er um Hilfe, bis er heiser war. Wer aber sollte ihn in der winterlichen Einsamkeit hören? Mit eisigen Mienen schauten die beschneiten Tannen und Felsen auf ihn und es schien ihm, als ob das Blut in seinen Adern zu erstarren begänne. Voll Verzweiflung versuchte er aus Händen und Knieen sich weiter zu schleppen; aber sein rechtes Bein war keiner Bewegung fähig und bei der ersten Anstrengung, die er machte, fiel er vor Schmerz besinnungslos mit dem Gesichte in den Schnee.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Rücken und sah ein Gesicht über sich gebeugt, das ihm das verhaßteste auf der Welt war. Um es nicht länger zu sehen, schloß er die Augen. Da fühlte er, wie dieselbe Hand, deren Härte er nur kurze Zeit vorher empfunden hatte, ihm Stirn und Schläfen mit Schnee rieb.
„Geh' zum Teixl!" knirschte er wüthend und riß die Augen auf.
Franz aber kümmerte sich nicht um seine haßerfüllten Blicke. Er beugte sich zudem Verunglückten um ihm aufzuhelfen. Der stieß ihn zurück, wandle das Gesicht und blieb auf alle seine theilnehmen- den Fragen stumm.
„Ich hole Hilfe!" rief Franz und eilte so schnell er konnte nach Mühlwald hinunter. Von dem Wirthen und dessen Knecht begleitet, kehrte er schon nach kurzer Zeit zurück. Der durch den Wald sich ziehende untere Theil der Bergstraße war bis auf eine geringe Entfernung vor der Unglücksstätte