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Beilage zur Nr. 69 des Kreisblatts.

Hersfeld, den 12. Juni 1886.

— Berlin, 10. Juni. (Ein Doppel- Raub­mord.^ Eine gräßliche Blutthat wurde heute in früher Morgenstunde im Hause Möckernstratze 78 verübt. Der Restaurateur Robert Schiffling und dessen Ehefrau Henriette sind zwischen */23 und 3 Uhr Morgens von dem Haus­diener Gottfried Keller ermordet worden. Die That ist mit kannibalischer Grausamkeit volbracht und war zweifel­los vorher wohl geplant. Die Schifsling'schen Eheleute, welche im Souterrain des genannten Hauses seit 1. October 1883 ein lukratives Schankgeschäft betreiben, bewohnten in der über ihrem Lokale belegenen Parterrewohnung, eine sogenannte Berlinerstube, in welcher die Eheleute gemein­schaftlich mit ihrer 10 Jahre alten Tochter Anna schliefen. Gestern Abend 11 Uhr wurde schon auffällig bemerkt, daß der seit 8 Wochen bei den Schifsling'schen Eheleuten be- dienstete Hausdiener Gottsried Keller einen im Hose stehen­den Wagen an das Fenster der Schifsling'schen Schlasstube schob. Morgens kurz nach */23 Uhr bestieg der Mörder den Wagen, stieß die halb geöffneten oberen Fensterflügel vollends auf, schob die Riegel der unteren Fensterflügel zu­rück und drang, ohne Geräusch zu verursachen, mit einem am Thatorte zurückgelassenen Tranchirmesjer in die Stute ein, während die Schiffling'sche Familie noch im tiefsten Schlafe lag. Zunächst schlich er sich an das Bett des Mannes, welches zunächst der Thüre stand und durchschnitt mit krästigem Schnitt dem Schlafenden die Kehle. Darüber mag wohl Frau Schiffling erwacht sein, die robuste Frau sprang aus dem Bette und nun entspann sich ein mörde­rischer Kampf zwischen dem Mörder und der Frau. Da­von geben die Blutspuren am Körper der Frau, die Blut­lachen aus dem Fußboden des Zimmers, die im Blule am Boden deutlich eingeprägten Fußspuren des unglücklichen Opfers beredtes Zeugniß. Frau Schiffling erhielt einen von der Kehle links nach dem Halswirbel zu laufenden mit großer Macht geführten Schnitt, welcher eine etwa 6 Centi- meter lange weit klaffende Wunde zurückließ. Die Hände der Frau sind total zerschnitten, so daß die Annahme, sie habe beim Ringen mit dem Mörder in das Messer gefaßt, viel für sich hat. Die Leiche der Frau lag, blutüberströmt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt mitten in der Stube aus d.m Rücken und bot einen gräßlichen Anblick. Das 10jährige Kind der Ermordeten hatte sich während der grausigen Scene unter die Bettstelle verkrochen und kam erst zum Vorschein, als der Mörder durch die Thüre, welche er von Innen ausriegelte und hinter sich zuzog, den Schau­platz seiner That verlassen hatte. Nach vollbrachter That ging der Mörder nach seiner im Keller belegenen Wohnung, wechselte seine bluttriesfenden Kleider, welche er zurückließ, ging nach dem Geschäftslokal, nahm eine mit Zehnpfennig­stücken gefüllte Büchse, Wechselgeld enthaltend, an sich, durch­wühlte den Schränk nach Habseligkeiten, konnte die 790 Mk, in Banknoten, Gold und Silber enthaltende Kassette nicht öffnen, wie ihm auch eine beträchtliche Summe, circa 7000 Mk, in Werthpapieren entgangen war.

— (Ein liebenswürdiges Weibchen.) Elberfeld, 5. Juni. Eine seltsame Anklage be­schäftigte vorgestern die hiesige Strafkammer. Bor zehn Jahren war in Barmen der Stadtrath Raunet in seiner Wohnung ermordet und beraubt worden. Den oder die Mörder zu ermitteln, ist bisher nicht gelungen. Kürzlich lief nun bei der hiesigen Staatsanwaltschaft ein Schreiben ein, worin eine Ehefrau M. mittheilt, ihr Mann habe ihr das Geständniß gemacht, daß er in Gemein­schaft mit seinem und ihrem Schwiegersohn seiner Zeit den Stadtrath Rauner ermordet habe. Durch Die Staatsanwaltschaft selbst wurde festgestellt, daß diese Denunciation absolut unbegründet sei. Der Mann reichte nun gegen seine Frau Strafantrag wegen wissentlich falscher Denunciation ein, und es wurde festgestellt, daß die Frau, die mit ihrem Gatten in Unfrieden lebt, lediglich einen Racheact gegen denselben habe vollführen wollen. Das Ge­richt verurtheilte sie zu drei Monaten Gefängniß.

— Bremerhaven, 8. Juni. In diesen Tagen wird hier eine Commission aus Berlin ein- treffen, welche die für die neuen Linien bestimmten Dampfer des Lloyd nach Asien und Australien besichtigen wird.

— C har h olz, 5. Juni. In unserem Oertchen (Regierungsbezirk Minden) erkrankten nach einer Hochzeit 60 Personen unter deutlichen Vergiftungs- anzeichen. Ein junges Mädchen ist nach schweren Leiden gestorben. Die ärztlichen Ermittelungen haben bisher die Ursache dieser Massenerkrankung noch nicht feststellen können. Die Ende voriger Woche vorgenommene Obduction der Leiche blieb ohne bestimmtes Resultat; indeß hat man zu noch­maliger Untersuchung den Magen der Leiche nebst Inhalt nach Berlin gesandt.

— Danzig. Auf eine eigenthümliche Art kam aus der Dampferfahrt von Neufahrwasser nach hier ein Grenadier des 5. Regiments um's Leben. Derselbe hatte, wahrscheinlich etwas angetrunken, seinen Platz in der Mitte des Schiffes über dem durch Glasfenster überdeckten Maschinenraum ge- wählt. Die Maschine des Fahrzeuges stand unter­wegs plötzlich still und man fand nun in derselben den leblosen Körper des Soldaten und zwar ohne Kopf und nur mit einem Arm. Der Kopf war von der Maschine glatt abgeschlagen und in ein in der Nähe stehendes offenes Fäßchen mit Schmieröl

geschleudert, der eine Arm ebenfalls abgequetscht. Jedenfalls ist der Verunglückte rücklings durch das etwas geöffnete Fenster in die Maschine gefallen und ein Opfer feiner Fahrlässigkeit geworden.

— Aus dem Kreise Schwetz, 31. Mai. Ein eigener Brauthandel ist bei uns vorgekommen: In dem Dorfe H. verlobte sich kürzlich ein Ar­beitsmann mit einem Mädchen und bestellte mit ihrer Einwilligung auf dem Standesamts das Aufgebot. Bald darauf bemerkte er aber, daß eine Braut mit einem anderen jungen Manne pazieren ging, und machte diesem, schnell ent- chloffen, den Vorschlag: „WennDu mir hundert Mark giebst, so trete ich Dir meine Braut ab!" Der zweite Bräutigam ging sogleich auf das Ge- schüft ein und bestellte nun seinerseits auf dem Standesamts das Aufgebot; doch auch diese Ver­bindung sollte nicht zu Stande kommen. Ein junger Schmiedemeister verliebte sich in das junge Mädchen und wurde mit dem zweiten Bräutigam dahin einig, daß er gegen Erstattung der 100 Mk. und sämmtlichen anderen Auslagen die Braut nahm. Er hat das Mädchen geheirathet und lebt mit ihm in glücklicher Ehe.

— Wie aus Prag berichtet wird, hat die ge- sammte Mannschaft des ersten Bataillons des In­fanterie-Regiments König Humbert vierwöchentlichen Kasernenarrest dictirt erhalten, weil gelegentlich einer Feldübung am 2. Juni knapp neben dem Regiments-Kommandanten Obersten Holzbach drei Kugeln in den Erdboden einschlugen. Die Uebung wurde sofort abgebrochen. Sämmtliche Mann­schaftsgewehre wurden untersucht, ohne daß die Spur der betreffenden Schützen ermittelt werden konnte. „Narodni" veröffentlicht jenen Regiments­befehl, welcher den Osficieren die strengste Ueber- wachung der Mannschaft, die Officiersdiener mit inbegriffen, anordnet. Uebrigens war schon zwei Tage vorher bei einer Feldübung am Kopfe des Obersten Holzbach ein abgeschossenes Steinchen vorbeigesaust. Auch damals konnte der Attentäter nicht ermittelt werden.

— Duderstadt,8.Juni. Die hiesige Zucker­fabrik ist bei dem Unwetter hart betroffen, indem 4000 Ctr. Zucker durch das in die Fabrik ge­drungene Wasser sich aufgelöst haben.

— (Religionswechsel einer ganzen Gemeinde.) Die katholischen Insassen der Ge­meinde Acsa im Stuhlweißenburger Komitate in Ungarn lebten mit ihrem Pfarrer schon geraume Zeit in Zwist. Sie beschwerten sich beim Bischof und beim Kultusminister; da aber ihre Beschwerden fruchtlos waren, beschlossen sie Selbsthilfe und 134 katholische Familien zeigten vor kurzem ihren Ueber» tritt zur evangelisch-lutherischen Kirche an.

— Bei einer der letzten Rekruten-Vereidigungen in Dresden kam folgender komischer Fall vor. In der Eidesformel stehen bekanntlich die Worte: dem Kaiser zu Land und zu Wasser treu zu dienen. Einer der neu Einzustellenden, welcher jedenfalls der An­sicht war, das Wasser habe keine Balken, wollte auf's Wasser nicht schwören; es wurde ihm zu­geredet und er erhob wiederum die drei Finger, als aber die Worte kamen: „zu Wasser", senkte sich abermals die Hand. „Nce zu Wasser mag ich nich, e guter Landsoldate will ich sein, aber us's Wasser mag ich nicht" . . . Erst als man ihm zum so und sovielten Male erzählte, daß der Eid für deutsche Land- und Seesoldaten derselbe sei und man seinetwegen die Eidesformel nicht ändern könne, da überwand er endlich seinen Widerwillen gegen das Wasser und leistete den Schwur.

— Die Eruption des Aetna hat aufge­hört und der Lavastrom ist zum Stehen gekommen, bevor er Rikolosi erreichte.

— Ein Rechenexempel für „kleine Mädchen". Der „Liegnitzer Anzeiger" erzählt: In einer Klaffe der Mädchen-Bürgerschule in Liegnitz gab die Lehrerin ihren Schülerinnen am letzten Sonnabend folgendes Exempel „über Sonntag" auf: Von 880 788 889 soll solange die Zahl 629 abgezogen werden, bis nichts mehr übrig bleibt. Die armen Mädchen rechneten nun am Sonntag stundenlang und die neunstellige Zahl wollte nicht kleiner werden. Da sie mit der Aufgabe nicht fertig wurden, fingen sie schließlich zu weinen an, in Folge dessen die Eltern aufmerksam wurden. Einige Väter rechneten nunmehr etliche Stunden lang weiter, natürlich ebenfalls, ohne ein Resultat zu erzielen. Denn wenn man von der neunstelligen Zahl 880 788 889 die Zahl 629 abziehen will, bis erstere aufgeht, muß man 1400 300 Mal abziehen, und dann bleibt noch ein Rest von 189 übrig. Nehmen wir nun an, daß wir in einer

Minute 3 Mal abziehen, und alle Tage 12 Stunden arbeiten, dann haben wir über l3/4 Jahre an dieser Aufgabe zu rechnen, die den Kin­dern „über Sonntag" anfgegeben wurde.

— In Venedig herrscht in Folge der Cholera' eine große Panik, die sich besonders auf Kaufleute, Hoteliers rc. erstreckt. Bekanntlich kann diese Stadt ohne Touristen-Verkehr gar nicht existiren. Dieser ist aber so gut wie abgeschnitten. Besonders un­zufrieden sind die Gondolieri, welche buchstäb­lich Hungers sterben. Wie verlautet, ist neben der Cholera auch noch der Hunger-Typhus ausge­brochen.

— (Er heirathet seine Schwieger- mutier.) In Manchester sollte vor einigen Tagen Die Trauung des Malers Brown mit Miß Edith Bonard, Tochter der schönen Wittwe Bonard, statt» finden. Die siebzehnjährige Braut sah in ihrem weißen Mousselinekleidchen klein, mager und dürftig aus, während deren Mama in einer königs­blauen Sammttollette, mit Rosen und Diamanten geschmückt, einen geradezu feenhaften Eindruck machte. Alle sahen bewundernd nach der schönen Frau, auch der Bräutigam wandte keinen Blick von seiner Schwiegermutter. Als das junge Paar die Stufen des Altars Hinanstieg, wandle sich der Maler um und rief: „Mama, ich wäre selig, wenn Sie den Platz Ihrer Tochter einnehmen wollten und meine Frau würden." Ueberrascht frug Frau Bonard ihre Tochter: „Liebst Du ihnZ" — „Nein," ant» wartete das Mädchen. Entschlossen rief die Wittwe: „Dann meinetwegen." Der Priester nahm die Trauung vor und fünf Minuten später war Ma­dame Bonard die Gattin des Mannes, dessen Schwiegermutter sie hätte werden sollen. Der Maler rief unzählige Male: „Eine so schöne Frau und ein so sittsames Töchterchen, das ist zu viel der Seligkeit!"

— (H a r t e B e d t n g u n g.) Der Stahlwaaren- Fabrikant Flowers in Birmingham zahlt seine Leute besser wie jeder Andere und dennoch hat er immer vakante Stellen, denn nur die äußerste Noth zwingt Einen oder den Anderen, bei Flowers einen Posten anzunehmen. Der Grund ist ein tragi­komischer. Der Fabrikant ist ein ältlicher Herr, der vor kaum einem Jahre ein schönes junges Mädchen geheirathet. Er selbst hat den vollendetsten Kahl- kopf, den man sich vorstellen kann, und um der jugendlichen Gattin diesen Anblick als etwas Ge­wöhnliches hinzustellen, muß Jeder, der hier ein Engagement nimmt, sich die Kopfhaare völlig ab» rasiren lassen. Bemerkenswerlh ist noch, daß sich noch hie und da ein lediger Mann dieser harten Dressur unterwirft, daß aber bis nun kein einziger verheiratheter Mann anbeißen wollte, vielleicht aus Angst, der Ehefrau zu mißfallen.

— Der kälteste bekannte Punkt der Erde ist der oft sibirische Ort Werchojanstan der Jona. Neuere Beobachtungen mit zuverlässigen Instrumenten haben für den Januar 1885 eine höchste Temperatur von — 68 Grad Celsius (gleich 54*/2 Grad Neaumur unter Null, oder 90 Grab Fahrenheit unter Null) ergeben. Diese Messung wurde mit Hülse von Alkoholthermometern festgestellt, — aus die genau­ere Angaben des Luitthermometers reducirt, würde er — 76 Grad Celsius betragen. Der Januar hatte eine Mitteltemperatur von 52 Grad Celsius. Das sind die liefften Kältegrade, die bisher auf der Erde beobachtet worden sind.

— (H e u s ch r e cke n.) Von Konstantine (Algier) wird berichtet, daß die Heuschrecken ihren Marsch fortsetzen. Sie traten am 1. d. M. auf der Eisen­bahnlinie Lordj-El-Achir in so ungeheurer Menge auf, daß der Zug anhalten mußte; die Waggons wurden abgekoppelt und einer nach dem andern durch das lebendige Meer der Jnsecten geschleppt, Der Zugmeister gab telegraphischen Avis nach Bordj, von wo mehrere hundert Arbeiter zur Vernichtung der Heuschrecken zur Stelle gesandt wurden.

— (Amerikanisches Mittel gegen Anarchisten.) In eigenthümlicher Art pflegt die ordnungsliebende Bevölkerung eines nordameri- kanischen Städtchens ohne behördliche Intervention sich anarchistischer Wühler zu entledigen. Zu Lo- gansport im Staate Jndiana begiebt sich in solchen Fällen um Mitternacht die in aller Eile organifirte „Liga für Gesetz und Ordnung" in die Behausung des Anarchisten, holt denselben vom Bette und taucht ihn wiederholt in den Fluß. Nach dieser Abkühlung" wird der Anarchist ohne Aufschub aus der Stadt gejagt.

- (Amerika nisch.) Folgendes für die ameri­kanischen Verhältnisse charakteristische Geschichtche« erzählt die „Lincoln Freie Presse": „Ein Aemter«