Erscheint wöchentlich drei Mal, am Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.
AbonnementspreiS: vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. excl. Postausschlag.
Die Jnsertionsgebühren betragen sür den Raum einer Spalt-eile 10 Pfg., im amtlichen Theile 15 Psg. Reklamen die Zeile 20 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.
Htrsftlder KreiMtl.
__________Mit wöchentlicher Kratis-Meilage „Zllustrirtcs Anterhallungsötatt".__________
Nr. 69. Sonnabend den 12. Juni 1886.
s^s Zum Pfingstfeste. se^
Zum schönsten vollen Schmuck entfaltet Rings prangen Wiesen, Wald und Au'n, Ein Bild so alt, doch nie veraltet, Mit gleicher Wonne stets zu schau'n! Der Vögel Schaar im Lustgetümmel Uebt ihren Sang als Dankespflicht, Es strahlt der Sonne goldnes Licht Uns hoch herab vom blauen Himmel.
O, daß doch dieses Friedensbild Nicht auch so schwarze Schatten hätte! Dann fände Zwietracht, blind und wild, Auf dieser Erde keine Stätte!
Daß doch der Liebe Jüngerschaar Sich wieder eng zusammenschmiegte, Und alles wieder so sich fügte, Wie es dereinst zu Pfingsten war!
Einmüthig waren sie beisammen, Als einst der Pfingsten Tag erfüllt, Da senkten sich des Geistes Flammen Herab auf Gottes Ebenbild. Er redete mit Engelszungen Ob auch der Spötter Ruf erscholl, „Sie sind des süßen Weines voll." Die Liebe hat auch sie bezwungen!
Amtliches.
Hersfeld, den 10. Juni 1886.
Der am 15. Juni 1864 zu Kerspenhausen geborene Ackermann Johannes R o h r b a ch hat um Ertheilung eines Reisepasses behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht.
6669. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i n i tz.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Auf dem Kranmethof.
Eine Geschichte aus den Alpen. Von Robert Schweichel.
(Fortsetzung.)
Franzens Kuß glühte aus Cenzis Lippen, und auf der Ofenbank schnarchte ihr Mann! Wie ein eiskalter Stahl durchschnitt es ihr Herz. Ihre Augen suchten das Kruzifix über dem Eßtische, aber sie konnte nicht beten. Sie mußte zu arbeiten aufhören, denn ihre Hände zitterten.
Auch auf der Heimfahrt von ihrer Hochzeit hatte er geschlafen, dachte sie mit einem scheuen Streifblick auf ihren Mann, und sie hatte an seiner Seite unterdessen an Franz gedacht. Damals hatte ihr sprödes Herz zu träumen angefangen. Diese sündige Liebe war ihre Strafe dafür, daß sie lediglich um des Geldes willen den alten Mann geheirathet hatte. Sündig, ja, und dennoch wie süß war es bei allen Schmerzen, an Franz zu denken! Aber es durste nicht sein; sie mußte die Liebe aus ihrem Herzen reißen und wenn es darüber verbluten sollte. Sie wollte nicht die Augen schuldbewußt vor ihrem Manne niederschlagen, vor ihm, der alle Menschen für schlecht hielt.
„Grüß Gott!" sagte hier eine tiefe rauhe Stimme, und Cenzi stieß vor Schrecken einen kleinen Schrei aus.
„Was giebt's?" fragte Marlinger, indem er sich halb aufrichtete. Er konnte von seinem Platze aus die Thür nicht sehen. Cenzi anwortete nicht.
Noch von der Menschheit nicht genommen Ist Gottes Geist, der heilige Geist, Der allen uns zu Nutz und Frommen Dem Weltgeschick die Wege weist. Zwar ist das Böse nicht verschwunden, Doch triumphirt bereits das Licht, Und immer neues Leben bricht Selbst aus der Menschheit Todeswunden.
Neid, Bosheit, falscher Stolz und Haß Sind mächtig noch im Weltgetriebe;
Mit ihnen kampft ohn' Unterlaß Der Heil'ge Geist, die Nächstenliebe. Wem schließlich in dem Kampfe winkt Der Siegespreis? Wer wollte zweifeln, Daß endlich doch mit seinen Teufeln Der Bosheit Reich in Nichts versinkt?
Nichts hemmt des Zeitgeists freien Flug, Er stürzt der Neuzeit falsche Götter, Es thun im Kampf sich nicht genug Der Fromme und der eitle Spötter. Die Menschheit traut oft falschem Schein, Die Wahrheit liegt noch oft in Banden, Drum sei's vom Herzen recht verstanden: „Du heil'ger Geist, kehr bei uns ein!"
Aus dem Landtage.
Berlin, 9. Juni. Das Herrenhaus erledigte heute nach unwesentlicher Debatte den vom Abgeordnetenhausein veränderter Fassung herübergekommenen Entwurf einer Kreis- und Provinzialordnung für die Provinz Westfalen und beschloß auf den Vorschlag seiner Kommission eine Abänderung des §. 27 der Kreisordnung dahin, daß die Ernennung des AmtSmanns auf Grund der vom Kreisaus- schuffe nach Anhörung der Amtsversammlung gemachten Vorschläge durch den Oberpräsidenten erfolgen soll. Im Uebrigen trat das Haus den Beschlüssen des Abgeord
„Den Tutfelebauer giebt's," sagte dieser.
Er war es wirklich! Einen Bergstock in der Faust, Stutzen und Waidsack über den Schultern, stand der Gast an der Thürschwelle und näherte sich jetzt mit ausgestreckter Hand Cenzi, die sie aber nicht zu bemerken schien. Ihr Erschrecken hatte sich in Zorn verwandelt und Hellrigel sah ihn zu deutlich aus ihren Augen blitzen, um nicht in einige Verlegenheit zu gerathen. Inzwischen war Marlinger gähnend aus seiner Schlafecke hervorgekommen und noch gähnend reichte er dem Gaste die Hand.
„Willst auf die Jagd?" fragte er.
„Freilich, ich hab's Dir ja versprechen müssen, daß ich Dich dazu abholen wollte. Morgen vor Tag wollen wir hinauf. Am Grat gegen den Hohen Feiler hin treffen wir sicher Gemsen."
Cenzi sah ihren Mann groß an und verließ die Stube. Sie faßte es nicht, daß er Hellrigel hatte einladen können, obgleich er dessen Werbung um sie kannte. Sie war empört.
„Nu, leg' ab," sagte Marlinger und gähnte abermals und reckte die Arme.
Paul stand einen Moment unschlüssig, ob er gehen oder bleiben sollte. In dieser Weise« von Cenzi empfangen zu werden, obgleich er von ihrem Manne eingeladen war, darauf war er nicht gefaßt gewesen. Aber der Trotz gewann die Oberhand, und er machte es sich bequem.
„Der Regen hat den Schnee am Grat wieder fortgespült und wenn der Wind in der Nacht nicht wieder umsetzt, nimmt er den Gamsen nach hierzu
netenhauses überall bei. Der von dem anderen Hause auf Antrag des Abg. Dr. Kropatscheck beschlossene Gesetzentwurf, betreffend das Diensteinkommen und die Pension der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten, wurde dem Vorschläge der Kommission entsprechend de- battelos abgelehnt und der Bericht über die Verhandlungen des Landes-Eisenbahnraths durch Kenntnißnahme für erledigt erklärt. Morgen 1 Uhr: Nord-Ostseekanalvorlage. Schifssahrtskanalvorlage.
Berlin, 10. Juni. Das Herrenhaus erledigte zunächst den Gesetzentwurf betreffend den StaatSzuschuß von 50 Millionen zu dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals, durch definitive Annahme, und berieth sodann den Gesetzentwurf betreffend den Bau von Schifffahrtsstraßen, für welchen außer dem Grafen zur Lippe namentlich auch der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten Maybach nachdrücklich ein- trat. Das Resultat der längeren Diskussion war die Annahme zunächst des ersten Theiles, des § 1 (Bau bei Dortmund-EmS-Kanals) in namentlicher Abstimmung mit 57 gegen 45 Stimmen; der zweite Theil (Verbesserung der schlestschen Wasserstraßen), sowie der Rest des Gesetze» wurde dagegen fast einstimmig angenommen. Morgen: Nachtragsetat und kleinere Vorlagen.
MsiMsche Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät derKaiser wohnte am Donnerstag Vormittag der Enthüllung des Denkmals für seinen verstorbenen Bruder, den König Friedrich Wilhelm IV. vor der Nationalgallerie in Berlin bei. Nach dem Pfingstfeste wird der Monarch seine sommerliche Badereise antreten und in Wiesbaden mit dem König von Dänemark zusammentreffen.
Durch Verordnung des Reichskanzlers vom 27. Mai sind Arbeiter und Betriebsbeamte, welche von einem Gewerbetreibenden, dessen Gewerbebetrieb sich auf die Ausführung von Schreiner- (Tischler-), Einsetzer-, Schlosser-oder Anschlägerarbeiten bei Bauten erstreckt, in diesem Betriebe beschäftigt werden, mit der Wirkung vom 1. Januar 1887 an für nnfallversicherungspflichtig erklärt worden.
die Witterung, und wir können gut heran," sagte er.
„Nu, ich komm' wohl schwerlich mit, aber das thut nichts," bemerkte Marlinger.
„Von wegen Dem Honigmond? Ich hätt's mir denken können," rief Hellrigel mit starkem Lachen.
Marlinger gab darauf keine Antwort. Er rief nach seiner Frau und als diese nicht kam, stieß er die Küchenthür auf und befahl, daß man für den Gast etwas zu essen und zu trinken brächte. Dann begann er in der Stube auf und ab zu gehen. Es war ihm jetzt verdrießlich, daß er damals das Wort von der Jagd hatte fallen lassen, hatte er doch nicht geglaubt, daß Hellrigel es ernst nehmen würde. Auch auf Cenzi war er ärgerlich wegen ihres Benehmens und zwar umsomehr, als er ihr nicht Unrecht geben konnte.
Der Tutfelebauer scherzte unterdessen mit Gundl, welche den Imbiß brächte und sie ging bereitwillig darauf ein, bis ein Blick Marlingers sie verscheuchte. Wenn Hellrigel gewollt hätte, sie würde ihn gleich genommen haben.
Stephan setzte sich zu ihm an den Tisch und er schnitt sich tüchtige Stücke von der Wurst ab, die ihm vorgesetzt worden, und ab dazu große Knollen Brod, denn er hatte Hunger. Aber es wollte ihm nicht recht schmecken und der Branntwein, mit dem er seine Mahlzeit wiederholt anfeuchtete, verbesserte den Geschmack nicht. Der innere Verdruß über Cenzi's stumm abweisendes Verhalten verdarb ihm den Appetit. Die Begierde nach ihrem Anblick hatte ihn fast toll gemacht und das abscheuliche Wetter würde ihn nicht abgehalten haben, auf den